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Onlinehilfen im Abgas-Chaos aus WLTP und Euro 6c/6d-Temp

06.03.2019 | 09:08 Uhr | Peter Stelzel-Morawietz

In Deutschland brachen die Zulassungszahlen neuer Autos im September 2018 verglichen mit dem Vorjahr um rund ein Drittel ein, in Gesamteuropa betrug der Rückgang immerhin fast ein Viertel. Der Grund für den Rückgang bei den Verkaufszahlen war jedoch nicht etwa ein abrupt verändertes Verbraucherverhalten, sondern der neue WLTP-Testzyklus und seine Begleitumstände.

Die Abkürzung WLTP steht für „Worldwide Harmonised Light-Duty Vehicles Test Procedure”. Dieser Standard beinhaltet ein neues Messverfahren für den Verbrauch von Kraftstoff, das seit Anfang September 2018 für alle neu zugelassenen Fahrzeuge gilt – und zwar für jede Modell- und Ausstattungsvariante, Motor- und Getriebekombination einzeln. Wo zuvor nur eine sogenannte Typprüfung mit einem repräsentativen Fahrzeug notwendig war, sind nun Hunderte Prüfstandmessungen und Zulassungen vonnöten. Da sich jedoch nicht alle Kfz-Hersteller genügend auf den neuen Messzyklus vorbereitet hatten, durften die produzierten Fahrzeuge nicht zugelassen werden. Volkswagen etwa mietete zum Abstellen neuer Autos Tausende Parkplätze auf dem brachliegenden Berliner Flughafen BER.

Nun könnten alle, die sich für neue Pkws interessieren, ja einfach warten, bis alle respektive die individuell gewünschte Autovariante gemessen und damit zulassungsfähig sind. Das kann noch dauern, gleichzeitig rückt aber die nächste Verschärfung der Abgasnorm näher. Denn ab September dieses Jahres müssen neuzugelassene Autos nicht nur wie aktuell die EU-Abgasnorm 6c, sondern im Vorgriff auf die spätere Norm 6d bereits deren temporäre Fassung „6d-Temp“ erfüllen. Diese sieht für Benzin- und Dieselmotoren insbesondere vor, dass die Emissionswerte nicht mehr wie bisher nur auf dem Rollenprüfstand, sondern auch im realen Straßenverkehr eingehalten werden müssen. Man spricht aus diesem Grund von „Real Driving Emissions“ oder kurz RDE. Anfangs dürfen die tatsächlichen NOx-Werte die eigentlich zulässigen Werte noch um den „Konformitätsfaktor“ 2,1 überschreiten, doch dieser wird bereits wenige Monate später mit Beginn des Jahres 2020 auf den Faktor 1,5 reduziert.

Damit Sie also nicht jetzt einen Neuwagen kaufen, der schon in Kürze „veraltet“ ist und dem dann in einigen Jahren erneut mögliche Fahrverbote drohen, sind ausreichende Informationen extrem wichtig. Dabei hilft der ADAC mit seiner ständig aktualisierten Positivliste von Autos mit Benzin- und Ottomotoren, die die künftig geltenden Normen Euro 6d-Temp beziehungsweise Euro 6d bereits erfüllen. Aufgeführt sind hierin nur die Kfz, die man auch tatsächlich bestellen kann. Außerdem veröffentlicht die englische The Real Urban Emissions Initiative im realen Verkehr gemessene Abgasdaten von mehreren tausend Fahrzeug-, Modell- sowie Motorvarianten. Ein Ampelsystem mit den Farben Rot, Gelb und Grün visualisiert dabei den reellen NOx-Ausstoß.

Wenn Sie sich über die verschiedenen Abgasnormen wie auch die Termine ihres jeweiligen Inkrafttretens informieren möchten, werfen Sie bitte einen Blick auf die Wikipedia-Tabellen unter https://de.wikipedia.org/wiki/Abgasnorm: Das Onlinelexikon bietet getrennte Übersichten jeweils für Pkw mit Benzin- und mit Dieselmotor.

Noch etwas komplizierter wird das Abgasthema durch Ausnahme- und Sonderregelungen: So dürfen Automodelle, die bald vom Markt genommen werden, bis Ende August dieses Jahres als Neuwagen auch nach der alten Abgasnorm Euro 6b zugelassen werden („end of series“). Solche „Lagerfahrzeuge“ solle man allerdings nur mit gehörigen Preisabschlägen kaufen. Daneben ist oft davon die Rede, dass inzwischen auch für alle (!) neuen Fahrzeuge mit Benzinmotor niedrigere Grenzwerte für die emittierten Feinstaubpartikel gälten und diese Fahrzeuge deshalb wie Diesel Partikelfilter benötigen würden. Das stimmt jedoch nicht, denn die Verschärfung gilt lediglich für Motoren mit Direkteinspritzung (die zwar den Großteil darstellen), nicht aber für solche mit Saugrohreinspritzung. Hier hilft nun ein genauer Blick in die Herstellerinformationen. VW beispielsweise grenzt die Direkteinspritzer mit der Bezeichnung „TSI“ von den „MPI“ genannten einfacheren Aggregaten ab.

Zum Schluss noch ein Tipp: Seit Herbst des vergangenen Jahres wirkt sich das neue und realitätsnähere WLTP-Prüfverfahren auch auf die Kfz-Steuer für neue erstzugelassene Pkw aus. Die Kfz-Steuer können Sie online beim Bundesfinanzministerium berechnen.

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