2554046

#WoBleibtMeinePS5: Wie Scalper und ihre Bots tausende Playstation 5 abgriffen

16.12.2020 | 15:33 Uhr |

Die PS5 kostete, Stand November, 1000 Euro im Schnitt auf Ebay und Scalper bereichern sich an der Gaming-Gemeinde. Gruppierungen ist es gelungen, bis zu 3000 Konsolen abzugreifen, indem sie Botprogramme nutzen, die alle Sicherheitsmechanismen von Amazon & Co. umgehen. PC WELT hat recherchiert, wie Scalper und ihre Bots tausende Playstation 5 abgriffen.

Brutal kraftvoll, Gaming in 4K mit 60 FPS, Spidey als Raytracing-Showcase, ein wunderschönes Demon’s Souls Remake und eine innovative Konsole: Die Playstation 5 ist ein wirklich tolles System, was wir trotz des eher kleinen Launch-Line-Ups problemlos empfehlen würden. Wo ist dann das Problem? 2020 wird in die Geschichte eingehen als das Jahr der ekligen Scalper. Egal ob Geforce RTX 3080 und 3090, PS5 oder Xbox Series X – gut organisierte Gruppen nutzen Bots, um im großen Stil tausende Hardware-Produkte zu kaufen. Und sind immer schneller als alle anderen, weil ein Bot alle Bestellprozesse schneller abwickeln kann als ein Mensch. Vom ersten Klick bis zum Eingang der finalen Bestellung dauerte es an jenem Tag, als die PS5 zum ersten Mal zum Vorbestellen angeboten wurde und alle Server in die Knie gingen 29 Sekunden. 

Hier scheint es einen regelrechten Contest zu geben, Scalper vergleichen etwa auf Twitter ihre Checkout-Zeiten und optimieren ihre Bots. „In 10-15 Sekunden kann ich dir eine PS5 kaufen, sobald wieder verfügbar - gar kein Ding. Überweis mir einfach 1000 Euro via Paypal“ bietet einer via Discord an. 

Wir lehnen ab und starten die Recherche: Wie funktionieren diese Bots? Und warum sind selbst Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen wie Amazon mit ihren hochgerüsteten Cybersecurity-Abteilungen nicht in der Lage dem Scalping, also dem professionell organisiertem Kauf von Hardware in riesigen Stückzahlen mittels Botting, ein Ende zu setzen.

PS5 wird nicht geliefert: Diese Rechte haben Vorbesteller laut Rechtsanwalt Christian Solmecke:

Auf Ebay sind die Preise für eine PS5 Stand 2. Dezember 2020 auf bis zu 1.300 Euro hochgeschossen. Schuld sind Scalper, die den Lieferengpass brutal ausnutzen.
Vergrößern Auf Ebay sind die Preise für eine PS5 Stand 2. Dezember 2020 auf bis zu 1.300 Euro hochgeschossen. Schuld sind Scalper, die den Lieferengpass brutal ausnutzen.

Die Playstation 5 kostet 1000 Euro auf Ebay Stand November

Im Schnitt geht die digitale Variante der PS5, also ohne Blu-ray-Laufwerk für 800 Euro auf Ebay weg, sprich den doppelten Preis. Die Premium-PS5 mit Laufwerk für 1000. Reseller verstehen die Aufregung darüber nicht: „Sony bietet die Konsole viel zu günstig an, Angebot und Nachfrage regeln der Preis. Und die PS5 ist nun mal mindestens 1000 Euro wert. Persönlich hatte ich eher auf 2K gehofft, man möchte ja Geschäft machen“, lesen wir in einschlägigen Foren. Die Community ist es gewohnt den fünf- bis zehnfachen Preis zu erhalten, etwa wenn man limitierte Sneaker oder Basketball-Schuhe verkauft. Was den Gaming-Markt für sie so spannend macht: Es gibt deutlich größere Stückzahlen als von Nike & Co.

Von einem limitierten Nike-Sneaker kann ich vielleicht 50 klar machen, die gehen dann für den fünffachen Preis raus. Ist okay, die 15K nimmt man gerne mit. Aber ein wirkliches Geschenk ist der Gaming-Markt - mit dem richtigen Bot lassen sich auch mal 500 RTX-Grafikkarten klar machen - da ist dann auch ein neuer Tesla drin.“

Bleibt die große Frage: Wie funktionieren diese Bots? Wie gelingt es den Scalpern die Cybersecurity-Abteilungen von Amazon, Otto, Saturn, Media-Markt & Co. In Deutschland oder BestBuy in den USA zu überlisten? Verwendet werden dafür u.a. virtuelle Kreditkarten. Diese hängen zwar an der eigentlichen Kreditkarte, nutzen aber eine neue Kreditkarten-Nr. Die Sicherheitssysteme können dann nicht erkennen, dass die Karte auf ein und dieselbe Person zurückführt. Zudem nutzt die Community Paketboxen, etwa von DHL, die sich für relativ wenig Geld mieten lassen - die Sicherheitssysteme gleichen nämlich ab, wie viele Produkte an die gleiche Adresse gehen. Sind das zu viele einer limitierten Kategorie, gibt das System Alarm und Mitarbeiter checken manuell die Orders. Ist die Kreditkarten-Nr anders und auch die Adresse, fällt es Händlern schwer die Mehrfachbestellung selbst in dieser Größe nachzuvollziehen. 

Ein weiteres Problem: Früher musste man für diese ausgeklügelten Bots ins Darknet, was viele abschreckte. Mittlerweile lassen sich diese eCommerce-Bots ganz normal von Software-Unternehmen erwerben. Oder sogar auf GitHub finden, einer Community für Coder. Das genaue Prinzip dahinter erklären wir lieber nicht, aber letztlich geht es darum, via Bot herauszufinden, wann etwa Amazon seine Orders für die PS5 online gehen lässt, wo dann die Bot-Armee zuschlägt. Ihr Ziel ist es, die Server zu crashen – viele Interessenten sahen wie selbst eCommerce-Giganten in die Knie gezwungen wurden und nur noch Fehlermeldungen ausspuckten oder Probleme beim Checkout hatten. 

Die PS5 im Test:  Eine Liebeserklärung an Next-Gen

Überraschend ist vor allem die riesige Menge an PS5, die von individuellen Resellern ergattert wurden.
Vergrößern Überraschend ist vor allem die riesige Menge an PS5, die von individuellen Resellern ergattert wurden.

Bots brauchen nur zehn Sekunden, um eine PS5 zu kaufen 

Im Grunde überlasten die Bots das System, was nur für eine gewisse Zahl von Zugriffen pro Sekunde ausgelegt ist – die Scalper beginnen Ihren Einkauf und schließen diesen möglichst schnell über Fast-Checkout-Verfahren ab, während sie dabei viele normale Kunden ausschließen. Schließlich basieren die meisten eCommerce-Systeme auf einer virtuellen Schlange: Wer zuerst klickt, darf zuerst kaufen. Die erste Botwelle kauft, die zweite blockt den Server, indem sie so viele Kaufanfragen wie möglich schicken. Einige davon gehen natürlich auch wieder durch. Die PS5 war in der ersten Welle auf Amazon nach weniger als 30 Minuten ausverkauft, nicht viel Zeit für die internen Security-Teams um zu reagieren. Zumal aufgrund eines Fehlers die Konsolen um 1 Uhr nachts freigeschaltet wurden - relativ wahrscheinlich war da die Zentrale nur mit der Nachtschicht besetzt. Zudem muss man sagen, dass Amazon und andere Händler bereits reagiert haben - tausende Mehrfachbestellungen wurden im Nachhinein storniert. Wir haben etwa testweise zwei Xbox Series X bei Otto bestellt, davon wurde eine geliefert, die andere storniert. Auch Amazon lieferte jeweils nur eine Xbox Series X respektive Playstation 5 pro Haushalt aus, weil sie schlicht nicht genug haben, um die Nachfrage zu stillen.

Die Bots scheinen sehr effizient zu sein, eine britische Gruppe gibt gerade auf Social Media damit an, 3000 PS5s abgegriffen zu haben. Die werden dann überall in Europa für im Schnitt 1000 bis 1.300 Euro verkauft. Die Zahlen sind alarmierend, es scheint als hätten Scalper aktuell mehr PS5 auf Lager als so mancher Händler. Es ist ein Kräftemessen, bei denen sich selbst eCommerce-Giganten schwer tun gegen die Scalper, die ob ihrer erheblichen Gewinne natürlich in ihre eigenen Programmier-Teams investieren. Zudem bewegen sie sich meist im rechtlichen Graubereich, die Möglichkeiten für das FBI in den USA oder das BKA in Deutschland aktiv zu werden, sind eingeschränkt. 

Wie der Rechtsanwalt Christian Solmecke von der Kanzlei Wilde Berger Solmecke in seinem Video erklärt, verstößt zwar der Einsatz von Bots gegen die AGB der Anbieter, also beispielsweise Amazon. Ob das aber rechtswidrig ist, müssten erst Gerichte klären.

Aufgekauft wird von diesen Gruppen übrigens alles, wonach gerade größere Nachfrage besteht – einer der Gründe, warum Webcams in der Covid-Zeit ständig ausverkauft und auf Ebay für hohe Preis rausgegangen sind. „Webcams bringen nicht viel, vielleicht das doppelte vom Preis. Aber wenn du richtig viel einkaufst, kann man das mitnehmen“, lesen wir in Foren. Zahlreiche Gruppierungen wie CrepChiefNotify bieten das mittlerweile als Service an: Man bezahlt eine Monatsgebühr, dafür kaufen die Experten der Organisation für die Community die gewünschte Zahl an Produkten - egal ob Schuhe, Konsolen, Grafikkarten oder Swimming Pools, die in der Corona-Lockdown-Zeit im Sommer enorm beliebt waren. 

Wie die Kollegen von PCMag herausgefunden haben, wurden virtuelle Kreditkarten verwendet, die bei jeder Bestellung die Kartennummer ändern. So gelang es einem Scalper, allein beim ersten Anlauf 10 PS5s zu kaufen.
Vergrößern Wie die Kollegen von PCMag herausgefunden haben, wurden virtuelle Kreditkarten verwendet, die bei jeder Bestellung die Kartennummer ändern. So gelang es einem Scalper, allein beim ersten Anlauf 10 PS5s zu kaufen.

Das ist letztlich das größte Probleme aktuell für Sony, Microsoft, Nvidia und AMD: Die relativ kleine Menge an Produkten, die in den Markt geliefert werden, werden direkt von Scalper aufgekauft, um einen künstlichen Engpass zu schaffen und so ihre überhöhten Preise durchzusetzen. Wir haben Twitter-Accounts gesehen, die zeigen, wie sie innerhalb des ersten PS5-Monats 50.000 Euro Profit gemacht haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Leute ihren Erfolg wiederholen wollen, ist relativ hoch. Einige Scalper haben aktuell mehr Inventar im Lager als die großen Shops.

Siehe auch:   Darum sind neue Grafikkarten aktuell kaum erhältlich

Die Gier kennt keine Grenzen mehr
 
Jetzt kurz nach Launch brechen auf Ebay alle Dämme und die Gier kennt keine Grenzen. Nicht nur werden PS5s zum dreifachen Preis verkauft, man nutzt auch die Verzweiflung zahlreicher Eltern aus, die wohl Sohnemann oder Tochter eine PS5 zu Weihnachten schenken möchten, denn auf Ebay ist Stand 23. November 2020 der Karton der PS5 700 Euro wert. Das ist irre und wir verstehen nicht ganz, warum Ebay als Konzern diese Irreführung mitträgt und nicht einschreitet. Ja, es steht in der Beschreibung, dass nur auf einen Karton geboten wird – also in der Headline, viele scheinen aber einfach zu bieten, ohne genau zu schauen. Man kann jetzt sagen: Ist ja ihre Schuld, hätten sie mal richtig gelesen. Wir würden uns jedoch eine pro-aktivere Haltung seitens der Händler wünschen.

Besonders absurd: Hier handelt es sich nicht um eine PS5, sondern nur den Karton. Trotzdem haben 38 Menschen geboten auf völlig groteske 1.200 Euro. Für einen Papp-Karton.
Vergrößern Besonders absurd: Hier handelt es sich nicht um eine PS5, sondern nur den Karton. Trotzdem haben 38 Menschen geboten auf völlig groteske 1.200 Euro. Für einen Papp-Karton.

Tipp: Sollten Sie Ebay Kleinanzeigen nutzen, informieren Sie sich über die neue Option Ebay Käuferschutz , der greift wenn Artikel nicht geliefert werden.

Ein Pappkarton, der zugegebenermaßen hübsch designt ist, aber letztlich auch nur ein Karton ist, für 700 Euro ist aber schlicht grotesk. Der PS5-Karton enthält übrigens keinerlei Spiele-Codes – das wirklich großartige Astro’s Playroom ist auf jeder PS5, egal ob Digital Edition oder klassisch mit Laufwerk vorinstalliert. Es gibt dafür keinen Code! Bitte prüfen Sie jedes Angebot ausführlich und schreiben im Zweifel eine Nachricht an den Käufer. Nutzen Sie zudem die Option des Käuferschutzes und Paypal als Zahldienst, dann lässt sich das Geld bei Problemen zurückbuchen. Es gibt übrigens einen Paragraphen, der die Bepreisung regelt:  § 138 Sittenwidriges Rechtsgeschäft; Wucher laut BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) ‘’
 
(1) Ein Rechtsgeschäft, das gegen die guten Sitten verstößt, ist nichtig. (2) Nichtig ist insbesondere ein Rechtsgeschäft, durch das jemand unter Ausbeutung der Zwangslage, der Unerfahrenheit, des Mangels an Urteilsvermögen oder der erheblichen Willensschwäche eines anderen sich oder einem Dritten für eine Leistung Vermögensvorteile versprechen oder gewähren lässt, die in einem auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen.

Wir würden in der aktuellen Lage zudem davon abraten, bei unbekannten Shops zu kaufen – es wirkt mitunter dubios, dass kleine Shops, von denen wir noch nie gehört haben, noch hunderte Konsolen im Angebot haben, während alle Großen ausverkauft sind. Dort tut man dann gerne so, als wäre der normale Preis 999 Euro. 500 Euro mehr als im UVP. Skeptisch sollte man auch sein, wenn Shops die PS5 deutlich günstiger anbieten – es gibt schlicht keinen Grund, ein Gut stark zu rabattieren, was ohnehin so stark nachgefragt wird. Hier könnte es sich um einen Betrug handeln. Zahlreiche Käufer fanden etwa Einweg-Grills oder andere Waren in ihren PS5-Kartons.
 
#WoBleibtMeinePS5: Es wird Zeit, den Scalpern den Kampf anzusagen

Laut Bloomberg wird die PS5-Produktion massiv hochgefahren, Sony will bis Ende des Jahres 10 Millionen Playstation 5s ausgeliefert haben.
Vergrößern Laut Bloomberg wird die PS5-Produktion massiv hochgefahren, Sony will bis Ende des Jahres 10 Millionen Playstation 5s ausgeliefert haben.

Eine Branche, die so reich ist wie die Gamesindustrie und ihre Partner, sollten mehr zum Schutz ihrer Kunden unternehmen. Wie kann es sein, dass Kunden, die bereits bezahlt haben, ihre PS5 nicht erhalten. Auf der anderen Seite können Scalper-Gruppen, wie im Beispiel genannt mit 13 Personen, 3.500 Konsolen bestellen. Das sind 269 PS5s pro Person. Es wird Zeit für die Branche, den Kampf gegen die Scalper aufzunehmen, denn andere machen das längst. Um überteuerte Tickets für zum Beispiel Bundesliga und Champions League zu verhindern, werden diese mittlerweile mit einem Namen versehen. Gleiches gilt mitunter für Konzerttickets besonders beliebter Künstler. Besonders ärgerlich ist das Ganze für Sony Playstation, denn diese bekommen den ganzen Unmut auf Twitter und anderen Social-Media-Plattformen ab, können aber nur bedingt aktiv werden. Sony kontrolliert nicht die Cybersecurity von Amazon, Otto, Saturn, Media Markt und wie sie alle heißen.

Wenn sich hier Scalper bereichern können, indem ihre Bots die internen Sicherheitsvorkehrungen überspringen, dann müssen diese Konzerne sich fragen, wie hier gegenzusteuern ist. Natürlich leben wir auch in Zeiten von Covid, was wir nicht vergessen dürfen: In China, wo etwa TMC Ryzen 2 und die Vega-GPU-Chips fertigt, gab es mehrere Monate einen harten Lockdown, alle Fabriken standen still. Sonys Lieferanten können schlicht nicht so schnell produzieren, wie die Nachfrage steigt, wobei aber mittlerweile die Produktion auf Hochtouren läuft. Laut Nikkei und Bloomberg Japan wird Sony dieses Jahr zehn Millionen PS5s ausliefern. Das wiederum sind gute Nachrichten, es dürften sich gerade hunderttausende Konsolen auf dem Schiffsweg befinden. Sony fliegt diese sogar via Luftfracht ein, was signifikant teurer ist, nur um die explodierende Nachfrage zu stillen. So sollte der PlayStation-Konzern in der Lage sein die Scalper zu schlagen - im Optimalfall bleiben sie auf ihren Konsolen sitzen und überdenken ihr Geschäftsmodell, auch wenn das ob der Gewinnspannen eher unwahrscheinlich ist.

PC-WELT Marktplatz

2554046