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Facebook: Wie alles begann

07.04.2011 | 10:15 Uhr |

Die Facebook-Internetseite sieht heute kaum anders aus als im Gründungsjahr 2004. Schon beim Start zeigte sich Mark Zuckerberg mit Foto.
Vergrößern Die Facebook-Internetseite sieht heute kaum anders aus als im Gründungsjahr 2004. Schon beim Start zeigte sich Mark Zuckerberg mit Foto.
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Das erfolgreiche Uni-Netzwerk
Im Februar 2004 startete Facebook mit einer internen Internetseite an der Harvard-Universität. Das Logo in blau, weil Zuckerberg eine Rotgrün-Sehschwäche hat. Links oben am Kopf der Seite prangte ein Foto des Gründers. Schon damals war fast alles vorhanden, was das soziale Netzwerk heute ausmacht: ein Profil mit Foto, Vorlieben, E-Mail-Adresse, Telefonnummer und politscher Präferenz.

Ein Raketenstart: Acht Monate später machen bei Facebook schon eine Million Nutzer mit. Und der Siegeszug ging immer weiter: von 12 Millionen Nutzern im Jahr 2006 über 100 Millionen 2008 auf 300 Millionen im Februar 2009. Zuletzt meldete Facebook im Juli 2010 monatliche Zuwächse von 4,5 Prozent. Das Netzwerk soll heute über 600 Millionen Nutzer haben. Diese weltweite Welle trägt Facebook. Im Gegensatz zu vielen anderen sozialen Netzwerken ist das Zuckerberg-Netz durch die steigende Zahl von Nutzern wirklich international. Jeder kann sich registrieren und hat so eine Möglichkeit, mit nahen und vor allem entfernten Freunden in anderen Ländern in Kontakt zu bleiben.

Dollars, viele Dollars – nur durch Nutzerdaten
Aus dieser Popularität macht Mark Zuckerberg Dollars, viele Dollars. Joachim Wahlbrink, Landesbeauftragter für Datenschutz in Niedersachsen: „Unternehmen wie Facebook leben von den Daten, die wir ihnen kostenlos zur Verfügung stellen. Diese werden auch für Dienste ausgenutzt, die öffentlich kaum bekannt sind. Unternehmen werden zum Beispiel Profile potenzieller Bewerber angeboten.“ Wer an einem Online-Spiel bei Facebook teilnimmt, muss damit rechnen, dass aus bestimmten Spielzügen Charaktereigenschaften abgeleitet werden. Die werbetreibende Industrie ist scharf auf solche Daten. Laut einem Bericht des Wall Street Journal gehören zu diesen Online-Spielen, die Nutzerdaten weiterverwenden, unter anderem die beliebten „Mafia Wars“ und „Farmville“. Schon bei der Anmeldung gibt der Nutzer die Genehmigung zur werblichen Verwendung der Daten. Inzwischen wurde das auch Facebook zu heiß: Anderen Online-Spielanbietern wurde inzwischen gerichtlich die Weitergabe der gesammelten Daten untersagt…

Der Facebook-Datensammelwut tut das allerdings keinen Abbruch: Eine der beliebtesten Aktivitäten bei Facebook ist das Hochladen von privaten Fotos. Inzwischen kann das soziale Netzwerk eine Gesichtserkennungs-Software einsetzen, die helfen soll, die abgebildeten Personen ganz sicher zu identifizieren. Facebook macht sogar Namensvorschläge, wer auf dem Foto zu sehen ist. Aus den täglich 100 Millionen Personen, die laut Facebook schon jetzt auf diese Weise identifiziert werden, wird die Gesichtserkennung des sozialen Netzwerks perfektioniert.

Datenschützer mutmaßen hier die nächste Stufe des gläsernen Verbrauchers: Künftig sollen Kunden in stationären Geschäften per Kamera identifiziert werden. Über die gespeicherten Vorlieben könne man den Konsumenten so entsprechende Angebote zeigen. Düstere Orwell-Fiktion? Von wegen: Schon heute macht sich öffentlich, wer Facebooks „Places“-Dienst nutzt und seinen Standort per Handy preisgibt.

Carola Elbrecht vom Verbraucherzentrale Bundesverband warnt vor Verstößen gegen deutsche Datenschutzgesetze.
Vergrößern Carola Elbrecht vom Verbraucherzentrale Bundesverband warnt vor Verstößen gegen deutsche Datenschutzgesetze.
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Carola Elbrecht, Referentin Verbraucherrechte in der Digitalen Welt vom Verbraucherzentrale Bundesverband, warnt vor einem sorglosen Umgang mit Informationen mit persönlichen Bezug: „Viele Facebook-Nutzer aus Deutschland gehen offenbar davon aus, dass das hohe hiesige Datenschutzniveau automatisch auch von Facebook beachtet wird. Doch Vorfälle wie der Adressbuch-Import, bei denen Facebook die Daten von Dritten speichert, die offenbar nichts mit dem Netzwerk zu tun haben, macht völlig Unbeteiligte zu Datenspielbällen. Das sind Verstöße gegen deutsche Datenschutzgesetze. Auch E-Mail-Dienste wie GMX und Web.de sind mit Facebook so verknüpft, dass der Versender einer Nachricht eine Information erhält, wenn der Adressat ein Profil bei Facebook hat.“

Sie hält die Datensammelwut des Freunde-Netzwerks für mehr als problematisch: „Das Gefährliche an Datenkraken wie Facebook ist, dass der Einzelne keine Kontrolle darüber hat, wer welche Daten über ihn sammelt und welche Rückschlüsse daraus gezogen werden. Vordergründig geht es nur darum, dass die Konsuminteressen des Einzelnen noch genauer erfasst werden können. Es geht um neue Kaufanreize.“ Der Bundesverband der Verbraucherzentralen wirft Firmen wie Facebook vor, dass nicht deutlich genug darüber informiert wird, was mit den Daten geschieht, welche Profile daraus erstellt werden und wer diese wie auswertet und nutzt.

Facebook angriffslustig: Der Krieg mit Google
Das rasante Wachstum von Facebook führt zur Schlacht um die wertvollen von Nutzern hinterlassenen Daten. Google war bisher führend in diesem Bereich. Doch jetzt setzt sich die Mundpropaganda per Facebook immer mehr durch. Ein wertvolles Marketing-Instrument: Die von den Nutzern des sozialen Netzwerks gelieferten privaten Vorlieben sind aufgrund der freigiebigen Aussagen noch genauer und präziser als die Suchprofile bei Google. Google-Chef Eric Schmidt bekannte auf der Zeitgeist-Konferenz seines Konzerns: „Das Beste wäre, wenn Facebook den Zugang zu seinen Daten öffnen würde. Wenn das nicht passiert, gibt es andere Wege, um an diese Informationen heranzukommen.“

Näheres führte er nicht aus. Klar ist nur eins: Zwischen Google und Facebook hat der Krieg um den Werbemarkt der Zukunft begonnen. Dabei geht es um Milliardenumsätze, die mit auf den Verbraucher zugeschnittener Werbung gemacht wird. Was den Google-Chef auch provoziert: Mit dem „Like“-Knopf („Gefällt mir“) bekommt Facebook immer mehr Daten über die Nutzer von Internetseiten, also weit über das eigene Portal hinaus. Das war bisher eigentlich Googles Kerngeschäft. Facebook nutzt geschickt einen Schneeballeffekt. Wird ein Mitglied des Netzwerks per Klickauf die „Gefällt mir“-Schaltfläche „Fan“ einer Internetseite, erscheint dies auch auf der so genannten Pinnwand. Dort erfahren alle Freunde dieses Nutzers von seiner neuen Leidenschaft. Das sorgt für neue Fans.

Ein Rechenbeispiel: Wer es schafft, 1000 Fans für seine Seite zu gewinnen, dessen Seite wird bei 130 Freunden pro Fan (die Facebook-Durchschnittszahl) 130 000 Mal vorgeschlagen. Wenn die Hälfte dieser Mitglieder den Freundschaftsvorschlag annimmt, laufen alle zukünftigen Nachrichten und Neuigkeiten bei 65 000 Facebook-Nutzern auf. Sicherlich nur ein Idealbeispiel, aber diese Verbreitungsmöglichkeit lässt sich kein Internetunternehmen entgehen…

Kein Wunder also, dass der „Gefällt mir“-Knopf auf diversen Internetseiten rund um den Globus zu finden ist. Mit diesem eingebunden Code kann Facebook auch die Besucherströme dieser Seiten verfolgen. Und damit hat das Unternehmen – ähnlich wie das inzwischen umstrittene Google Analytics – Herkunft, Zugriffe und Klicks in der Hand. Für Schleswig-Holsteins Datenschützer Dr. Thilo Weichert ist das schlichtweg „rechtswidrig.“ Inzwischen kann man Facebook-Freundesgruppen und damit den Zugang zu deren Nachrichten kaufen. Ein Online-Marketing-Insider: „Inzwischen treten immer mehr Anbieter auf, die Schein-Identitäten bei Facebook aufbauen, darüber ,Freunde‘ sammeln und das alles komplett verkaufen.“ Wie viele der 600 Millionen Facebook-Mitglieder „Karteileichen“ sind, ist übrigens nicht bekannt.

Die künstlichen Avatare samt erschlichenem Freundeskreis sind nicht nur für Seitenbetreiber interessant, die ihre Facebook-Fanseite künstlich aufwerten wollen. Auch Datensammler, die mehr über die privaten Vorlieben der Internetnutzer ausforschen wollen, verwenden sie. In den USA gibt es zum Beispiel schon erste Fälle, in denen Inkasso-Büros über das soziale Netzwerk versuchen, Schuldner aufzuspüren und zu bedrängen.

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