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Ubuntu Touch auf dem Tablet nutzen

05.12.2016 | 08:32 Uhr |

„Konvergenz“ klingt nicht sexy, doch ist das Konzept durchaus charmant, in einem Gerät Desktop und Tablet zu vereinen. Vom Hersteller Bq gibt es das erste Ubuntu-Tablet, das dieses Konzept mit Ubuntu Touch 15.04 umsetzt.

Ein halbes Jahrzehnt feilt Canonical schon an der Idee, mit Ubuntu den PC-Desktop wie auch Tablets und Smartphones zu bedienen. Das gleiche Betriebssystem soll auf einem Gerät ganz nach Bedarf mal eine Oberfläche für Touchbedienung zeigen und sich nahtlos in einen beinahe klassischen Desktop mit Programmfenstern verwandeln. Ubuntu Touch mit der grafischen Oberfläche Unity 8 ist das Betriebssystem aus dem Hause Canonical für diese Geräteklasse, die gegen die Android-und Apple-Geräte zumindest eine Nische erobern sollen. Seit Februar 2015 gibt es Smartphones mit Ubuntu Touch vom chinesischen Hersteller Meizu und vom spanischen Hersteller Bq.

Von Bq stammt nun auch das im Frühsommer vorgestellte Tablet Aquaris M10 „Ubuntu Edition“, das in zwei Ausführungen mit unterschiedlichen Auflösungen über den Webshop von Bq erhältlich ist. Die Tablets mit Ubuntu Touch 15.04 zeigen die angekündigte Konvergenz in Aktion, und zwar nicht nur mit ein paar auserwählten Apps, sondern mit den regulären Linux-Programmen Libre Office, Firefox, Gimp und Gedit. Das ist beeindruckend, doch merkt man im Langzeittest noch deutlich, dass Ubuntu für Mobilgeräte in einem frühen Stadium der Entwicklung ist.

Scopes: Ubuntu Touch zapft mit seinen Scopes Onlinedienste und soziale Netzwerke an.
Vergrößern Scopes: Ubuntu Touch zapft mit seinen Scopes Onlinedienste und soziale Netzwerke an.

Ubuntu Touch: Scopes statt Apps

Seit der Vorstellung des aktuellen Tablets hat Ubuntu Touch 15.04 im Juni bereits das elfte Update bekommen, das eine Menge kleinerer Bugs behob und Leistung sowie Reaktionszeit deutlich verbesserte. Ubuntu Touch arbeitet mit dem neuen Displayserver Mir, der Canonicals eigener Nachfolger für das alternde X-Window-System ist. Darauf läuft als Desktop Unity 8, das wie eine schlichtere Ausgabe des regulären Ubuntu-Desktops wirkt. Das Gerät begrüßt Anwender im Tabletmodus und präsentiert nach einer sympathischen animierten Vorstellung des Bedienkonzepts die typischen Elemente von Ubuntu Touch: Eine Ansicht die sich „Scopes“ nennt, zeigt nicht wie bei anderen Mobilsystemen die Symbole der installierten Apps, sondern strukturiere Informationen verschiedener Webdienste nach Themenschwerpunkt. Eine Wischbewegung wechselt zwischen den Themen, die auf ihren Übersichtsseiten aktuelle Infos wie Nachrichten und Wetterbericht abrufen, sich aber zu Facebook, Flickr, Instagram und Twitter verbinden können. Die Auswahl der „Scopes“ bleibt den Anwendern überlassen und im Ubuntu Store gibt es auch noch einige mehr dieser Scopes. Die Auswahl der Webdienste ist derzeit aber noch beschränkt und für deutsche Nutzer zum Teil irrelevant.

Schreibtischmodus: Hier laufen vorinstallierte Anwendungen wie Libre Office.
Vergrößern Schreibtischmodus: Hier laufen vorinstallierte Anwendungen wie Libre Office.

Anwendungen: Ein Hauch Desktop

Neben Scopes gibt es auch noch Apps sowie eine Handvoll traditioneller Linux-Anwendungen, die in ihrem eigenen Programmfenster laufen. Einige Dutzend Apps hat der Ubuntu Store derzeit zu bieten. Firefox 44, Libre Office 4.4, Gimp 2.8, Gedit 3.10, Xchat und ein Terminal sind bereits vorinstalliert. Bei diesen Programmen erweist sich die Desktopfähigkeit des Tablets, welche die eigentliche Besonderheit von Ubuntu Touch ist: Über das obere Infomenü gibt es unter „System“ einen Schalter für den Schreibtischmodus, in den das Tablet auch selbständig schaltet, sobald eine USB-oder Bluetooth-Maus angeschlossen wird. Laufende Scopes und Apps wandern in eigene verschiebbare Fenster auf einer Arbeitsfläche. Dieser Desktop ist benutzbar und intuitiv.

Ein vollwertiges Ubuntu wird aus Ubuntu Touch so aber noch nicht, denn es fehlen schlicht die Anwendungen. Ferner ist die Mittelklasse-Hardware des Bq Aquaris M10 für Android ausreichend, unter Ubuntu Touch gibt es im Desktopmodus hingegen Verzögerungen bei der Größenänderung von Programmfenstern. Die kurze Akkulaufzeit erlaubt dem Tablet nur einige Stunden außer Reichweite einer Steckdose oder eines USB-Ports.

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Erweitern mit eigenen App-Containern

Ubuntu Touch arbeitet nicht mit DEB-Paketen und der Paketverwaltung Apt, sondern mit Clickpaketen, die ein Vorläufer der Snappakete sind. Anwender müssen sich daher vorerst mit der Handvoll Linux-Programme begnügen, die vorinstalliert sind. Wer basteln will, kann aber von einem Ubuntu-PC per USB im Entwicklermodus auf das Tablet zugreifen und über den Containermanager in Ubuntu Touch einen beschreibbaren Container für eigene Anwendungen erstellen. In diesen Container lassen sich dann weitere DEB-Pakete aus dem Ubuntu-Touch-Repository installieren und über die seit Juni verfügbare App Libertine starten. Der Weg ist unter https://wiki.ubuntu.com/Touch/Libertine dokumentiert und im Test konnten wir so immerhin Inkscape und das Terminal Lxterminal nachrüsten.

Mit Bluetooth-Tastatur und Maus verwandelt sich das Ubuntu-Tablet (beinahe) in einen Desktop.
Vergrößern Mit Bluetooth-Tastatur und Maus verwandelt sich das Ubuntu-Tablet (beinahe) in einen Desktop.

Fazit: Zu wenig Linux

Einer kleineren Firma wie Canonical muss klar sein, dass die Konkurrenz bei Tablets und Smartphones uneinholbar ist. Dazu fehlen Entwickler und Budget. Ubuntu-Touch-Geräte könnten sich aber eine Nische erobern, sofern sie sich auf die Tugenden von Linux-Distributionen besinnen. Eine Reihe bewährter Linux-Anwendungen, ein mächtiger Dateimanager, einige Netzwerktools und Programme für den Remotezugriff machen aus dem Ubuntu-Tablet ein passables Zweitgerät für Linux-Fans und professionelle Anwender.

All das gibt es rund um Linux bereits und müsste nur sorgfältig für Ubuntu Touch paketiert werden. Stattdessen will Canonical das Rad neu erfinden und ignoriert naheliegende Chancen für Ubuntu-Mobilgeräte.

Für Ubuntu Touch ist Linux momentan ein Mittel zum Zweck. Aber die damit verbundenen Stärken eines großen Angebots bewährter Open-Source-Software weiß es auf dem Tablet derzeit noch nicht zu nutzen.

Bq Aquaris M10 HD
Display: 10,1 Zoll (1280 x 800 Pixel)
RAM: 2 GB RAM, Speicher: 16 GB
CPU: Mediatek Quad Core 1,3 GHz
Gewicht: 470 Gramm
Infos: www.bq.com/de/tablets
Preis: 229,90 Euro (279,90 für die FHD-Variante mit 1920 x 1200 Pixeln)

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