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Ubuntu-Standardedition und Derivate

21.08.2017 | 14:31 Uhr |

Ubuntu ist eine absolute Marke unter den vielen, oft kurzlebigen oder wankelmütigen Desktopdistributionen. Auf solider Debian-Basis und deb-Paketformat hat Canonical einen Quasistandard für den Linux-Desktop geschaffen.

Ubuntu hat mehr als 40 Varianten und Ableger. Alleine schon die nachfolgend aufgezählten offiziellen Ubuntu-Varianten decken praktisch jede(n) Einsatzzweck, Zielgruppe und Hardware ab.

Viele weitere Linux-Projekte sind auf den grundsoliden Ubuntu-Zug aufgesprungen, um Ubuntu mit anderer Oberfläche oder anderer inhaltlicher Ausrichtung zu spezialisieren:

Die prominentesten sind Linux Mint , Peppermint-OS (siehe Kasten in diesem Artikel), Bodhi Linux, Elementary OS, Zorin-OS (siehe Kasten in diesem Artikel).

Weitere Ubuntu-Derivate definieren sich nur durch eine Zweck- oder Zielgruppenspezifische Softwareausstattung. So sind zum Beispiel ein Edubuntu, Ubuntu Studio, Mythbuntu, Kodibuntu oder eine Ubuntu Muslim Edition keine eigenen Systeme im technischen Sinn, sondern liefern nur einige oder viele Softwarepakete mit, die Sie auch – und letztlich gezielter – in einem Standard-Ubuntu nachinstallieren können.

Download: Ubuntu

Der Fahrplan der Ubuntu-Versionen

Ubuntu-Versionen erscheinen im Halbjahreszyklus jeweils im April und Oktober. Die Versionsangabe setzt sich aus der Jahreszahl und der Monatsziffer („04“ für April oder „10“ für Oktober) zusammen. In geradzahligen Jahren erscheint im April die wichtige LTS-Version (Long Term Support). Das aktuellste Ubuntu ist daher im Moment Version 17.04 vom April dieses Jahres. Die aktuelle LTS-Version ist 16.04 vom April 2016.

LTS-Versionen enthalten zwar nach etlicher Zeit nicht mehr die allerneuesten Funktionen und den jüngsten Kernel (Treiber!), werden aber in Unternehmen wie bei vielen Privatanwendern bevorzugt, weil sie fünf Jahre durch Updates versorgt werden. Um bei LTS-Versionen auf jüngste Hardwareentwicklungen zu reagieren, gibt es Point Releases mit Kernel-Updates. Das aktuelle LTS 16.04 hat Anfang 2017 das zweite Point Release erhalten und heißt daher exakt Ubuntu 16.04.2.

Zwischenversionen erhalten nur neun Monate Support. Wenn Sie sich heute für ein Ubuntu 17.04 entscheiden, läuft dessen Support bereits im Januar 2017 aus, für 16.04 LTS läuft er noch bis April 2021. Allerdings ist die Entscheidung für eine Nicht-LTS-Version keine kurzlebige Sackgasse, denn Ubuntu erlaubt das Upgrade auf die nächsthöhere Version. Das Upgrade wird über die „Aktualisierungsverwaltung“ angeboten.

Lesetipp: Diese Ubuntu-Linux-Varianten gibt es: Server, Desktop, IoT

Standard-Ubuntu mit Unity-Desktop

Canonicals Eigenentwicklung Unity stammt vom Gnome-3-Desktop ab und hatte das ehrgeizige Ziel, als Oberfläche für alle Geräte zu taugen – vom Smartphone bis zum PC-Monitor. Im März 2017 gab Canonical seine Konvergenzvision auf: Der bisherige Standarddesktop Unity wird daher nicht weiterentwickelt. Ubuntu wird ab 2018 bei der Standardausgabe wieder zum Gnome-Desktop zurückkehren.

Das Aus für den Unity-Desktop bedeutet dies jedoch nicht. Der verbleibt in den Ubuntu-Standardpaketquellen und kann daher weiter als Alternative genutzt werden. Voraussichtlich wird er als Fork von anderer Seite weiterentwickelt, denn Unity ist platzsparend, dezent und simpel.

Die Systembenutzung über eine Systemleiste oben und eine Starterleiste links überzeugt nicht nur ästhetisch, sondern leuchtet auch sofort ein – obwohl sie mit klassischen Regeln bricht. Die reduzierte Unity-Oberfläche ist ideal für Linux-Anfänger wie für wie pragmatische Poweruser, die wenig System und viel Software sehen wollen. Lediglich typische Desktopbastler, die auf individuelle Anpassung besonderen Wert legen, sind mit KDE (Kubuntu) und Mate (Ubuntu Mate) besser bedient.

Auch interessant: Die richtige Linux-Distribution für Einsteiger

Unity-Systemeinstellungen (im Hintergrund) und eine Übersicht der Standard-Hotkeys (Vordergrund).
Vergrößern Unity-Systemeinstellungen (im Hintergrund) und eine Übersicht der Standard-Hotkeys (Vordergrund).

Unity mit Systemwerkzeugen konfigurieren

Was Ubuntus Unity-Desktop standardmäßig für die Konfiguration zu bieten hat, rufen Sie über das Zahnradsymbol in der Starterleiste auf. In den „Systemeinstellungen“ legen Sie wichtigsten Einstellungen für Desktop, Maus und Tastatur fest.

Unter „Persönlich -> Darstellung“ können Sie das Hintergrundbild, das Desktopthema und die Größe der Symbole in der Starterleiste einstellen. Auf der Registerkarte „Verhalten“ lässt sich über die Option „In der Titelleiste des Fensters“ die Menüposition von der Menüleiste am oberen Bildschirmrand in das Anwendungsfenster verlagern.

Unter „Helligkeit und Sperren“ konfigurieren Sie das Verhalten der automatischen Bildschirmsperre. Hinter „Bildschirm abschalten, wenn inaktiv für:“ stellen Sie bei Bedarf eine längere Zeitspanne ein oder Sie deaktivieren die Sperre, indem Sie den Schalter auf „Aus“ setzen.

Unter „Alle Einstellungen“ gelangen Sie auch zur Konfiguration von „Maus und Touchpad“ und „Tastatur“. Bei „Tastatur“ sehen Sie auf der Registerkarte „Tastaturkürzel“ alle verfügbaren Tastenkombinationen. Um eine zu ändern oder neu zuzuweisen, klicken Sie den gewünschten Eintrag an und drücken eine Tastenkombination. Eine schnelle Übersicht aller Hotkeys erhalten Sie übrigens auch, indem Sie die Windows-Taste – im Ubuntu-Jargon „Super“-Taste – länger gedrückt halten.

Auf Notebooks oder Netbooks mit kleineren Displays sind mehrere Arbeitsflächen eine unverzichtbare Hilfe. Der Weg führt hier nach „Systemeinstellungen -> Darstellung“. Unter „Verhalten“ schalten Sie die Option „Arbeitsflächen aktivieren“ ein. Danach erscheint in der Starterleiste ein Symbol für den Desktopwechsel. Wichtiger sind aber die vordefinierten Tastenkombinationen für den Wechsel der Arbeitsflächen. Die Voreinstellungen hierfür finden Sie unter „Systemeinstellungen -> Tastatur -> Tastaturkürzel -> Navigation“. Typische Desktop-Hotkeys zum Wechseln sind die Kombinationen mit Strg-Alt und den vier Cursortasten.

Lesetipp: Die optimale Ubuntu-Installation

Konfigurationshilfen für Unity

Unity spart ähnlich wie Gnome 3 mit Angeboten, die Oberfläche über interne Parameter (die in der dconf-Konfiguration hinterlegt sind) konfigurierbar zu machen. Es ist wie bei Gnome 3 die Aufgabe von Zusatztools, diese Parameter, die ansonsten nur direkt über dconf/dconf-editor und gsettings zugänglich sind, bequem offenzulegen. Die wichtigsten Tools dazu hat Ubuntu in seinen Standard-Paketquellen.

Unity Tweak Tool: Das Tool ist unentbehrlich bei der optischen Einstellung der Oberfläche und kann etwa auch System-Tastenkombinationen anpassen und diverse Animationen abändern. In den Unterbau Unitys geht das Tool nicht, dafür ist es aber einfach installiert und intuitiv zu bedienen. Das Software-Center bietet das Programm unter dem Namen „Unity Tweak Tool“ an, der Terminalbefehl lautet

sudo apt install unity-tweak-tool

CCSM: Der Name steht für „Compiz Configuration Settings Manager“ und eröffnet Detaileinstellung zum Fenstermanager „Compiz“, der für Unity arbeitet. CCSM ist für fortgeschrittene und experimentierfreudige Anwender gedacht, denn die Einstellungen erlauben tiefgreifende optische und funktionale Änderungen des Fenster- und Desktopverhaltens. Dennoch ist CCSM über die Standard-Paketquellen verfügbar und über seinen Paketnamen „compizconfig-settings-manager“ einfach zu installieren.

„Zoom Desktop“: Vergrößerung auf Tastendruck, „Negative“ kehrt die Farben im aktiven Fenster um.
Vergrößern „Zoom Desktop“: Vergrößerung auf Tastendruck, „Negative“ kehrt die Farben im aktiven Fenster um.

Unsettings: Das Programm Unsettings zeigt über seine grafischen Menüs jene Einstellungen, die ansonsten nur über wenig dokumentierte Parameter im dconf-editor zugänglich sind. Unsettings ändert dabei nur Benutzereinstellungen und vermeidet alle systemweiten Änderungen, die root-Privilegien erfordern und das System instabil machen könnten.

Die Installation klappt mit den folgenden Befehlen

sudo apt-add-repository ppa:diesch/testing
sudo apt-get update
sudo apt-get install unsettings

über die externe PPA-Quelle des Entwicklers.

Ubuntu 16.04.2 LTS / 17.04

Systembasis:

Debian/Ubuntu

Einsatzzweck:

Desktop für PCs und Notebooks

Zielgruppe:

alle, auch Einsteiger und Umsteiger

Hardwareansprüche:

mit Standarddesktop Unity oder Gnome relativ hoch

Projektseite:

www.ubuntu.com

Merkmale:

Systembasis für circa 40 Distributionen, die Standardedition mit modernem Unity (demnächst Gnome 3) ist bewusst simplifizierend und reduziert.

Interessante Ubuntu-Ableger

Von den zahlreichen Ubuntu-Derivaten verdienen Zorin-OS und Peppermint-OS besonderes Augenmerk – eines aufgrund seiner Popularität, das zweite wegen seiner Spezialisierung:

Zorin-OS 12 ( https://zorinos.com ) ist ein reines Desktopsystem, das sich – laut Downloadstatistik und Distrowatch-Zahlen offensichtlich erfolgreich – der Aufgabe verschrieben hat, Umsteigern ein Windows-ähnliches Benutzererlebnis anzubieten. Die Hardwarevoraussetzungen entsprechen denen eines Standard-Ubuntu (zwei GB RAM, Dualcore-CPU, Intel/AMD/Nvidia-GPU). Der „Zorin Desktop 2“ mit einer sorgfältigen bis detailverliebten Kombination von Komponenten basiert auf Gnome 3. Zorin bringt ferner drei eigene Werkzeuge mit, die Sie im Menü unter „Systemwerkzeuge“ sowie „Internet“ finden: Der „Zorin Web Browser Manager“ unter „Internet“ installiert mit einem Klick den gewünschten Browser nach. Der „Zorin Look Changer“ wechselt in der laufenden Sitzung zwischen den drei verschiedenen Themes „Windows 7“, „Windows XP“ und „Gnome 2“. Der „Zorin Theme Changer“ bietet die Farbschemata „Light“ (hell), „Blue“ und „Dark“.

Trotz allem bleibt die unverkennbare Basis ein Ubuntu mit bewährtem Installer, Ubuntu Software Center und typischer Gnome-Software wie der Systemüberwachung (gnome-system-monitor) oder dem Terminal (gnome-terminal). Auch das „Kontrollzentrum“ entspricht fast vollständig den Systemeinstellungen von Ubuntu. Lediglich das Tool Gufw zur „Firewall-Konfiguration“ ist hier zusätzlich an Bord.

Zorin-OS 12
Vergrößern Zorin-OS 12

Peppermint-OS 7 ( https://peppermintos.com ) hat mit seinem XFCE-Desktop keine Ambitionen auf Schönheitspreise, sondern stellt auf Basis von Ubuntu webbasierte Anwendungen in den Mittelpunkt. Statt lokaler Programme wie Office-Software, Grafikbearbeitung und Terminverwaltung bindet Peppermint populäre Clouddienste ein. Statt der gewohnten Textverarbeitung Libre Office öffnet sich hier also ein Browserfenster mit Google Drive. Damit die eingebundenen Webdienste auf dem Desktop wie reale Anwendungen wirken, macht Peppermint eifrig vom Browser Firefox Gebrauch, der bei diesen Verknüpfungen ohne Fensterleisten und ohne typische Browserelemente angezeigt wird. Auf diese Weise sind Google Drive, Google Calendar, Google Mail, Pixlr sowie ein Dropbox-Client vorinstalliert. Als Mediaplayer dient ein lokal installierter VLC. Da es sich trotz der Spezialisierung um ein normales Ubuntu handelt, kann das System mit den gewünschten Softwarepaketen aus den Ubuntu-Quellen erweitert werden.

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