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Special: Kann Bioware Anthem noch retten?

01.03.2020 | 08:03 Uhr |

Bioware hat mit Anthem viele Anfängerfehler gemacht – der Creative Director verspricht, das Blatt zu wenden. Kann das gelingen?

Bioware galt mal das eines der besten Studios der Welt. Werke wie Star Wars: Knights of the Old Republic und Mass Effect haben die Kanadier zu den Königen des Rollenspiels gemacht. Und dann geschah Anthem : Ein Spiel mit allem Potential dieser Welt, zerstört von diesem furchtbaren Games-as-a-Service-Gedanken, der sich in die Spielewelt gefressen hat wie ein Virus. 

Games-as-a-Service heißt in vielen Fällen, ein Spiel wird unfertig zum Vollpreis in den Laden geworfen, wenn man Lust hat, wird es irgendwann fertig gestellt. Es gibt einige rühmliche Ausnahmen, etwa Ubisofts Rainbow Six Siege , in das massiv Ressourcen geflossen sind, um es zu jenem eSports-Koloss und Multiplayer-Hit zu formen, der er heute ist. Und Star Wars: Battlefront 3 - EA hat schon einmal bewiesen, dass sich Spiele retten lassen. Auch Bioware muss jetzt Features liefern, die sogar in Marketing-Trailern gezeigt wurden - wie etwa die Shaper-Stürme — die bis heute kaum eine Rolle spielen.

Dieser Shaper-Stürme sollten laut Lore ursprünglich von einer höheren Macht kommen – einer Alienrasse, die all diese Maschinenwesen auf dem Planeten steuert und von den Menschen hier als Götter verehrt werden. Doch statt ein Story-getriebenes Meisterwerk abzuliefern, welches das Epos eines Mass Effect mit der Koop-Komponente eines Gears of War 4 verheiratet, ist Anthem bis heute ein Schatten seiner selbst. Es hat diese wunderschöne Welt, rein technisch und grafisch ist es ein Meisterwerk. Es ist fast ein bisschen wie Crysis meets James Camerons Avatar – mit Jahrtausende alten Bäumen, mit wunderschön funkelnden Seen, in die wir abtauchen, die wir erkunden können. Es hat diese bärenstarke Grafikengine, diese Laser-scharfen Texturen und es ist im Grunde das beste Iron-Man -Spiel, was wir, Stand heute, erhalten haben. Ja, The Avengers ist in Entwicklung, aber noch nicht auf dem Markt. Warum hat man das nicht genutzt? Warum hat niemand bei Bioware erkannt, was eigentlich das stärkste Feature von Anthem ist?

Als Ranger-Klasse sind wir schnell und agil wie Robert Downey Jr. alias Iron Man. Das Fliegen und Herumjetten ist eine der Stärken des Titels, weil Bioware seine neue Welt stark in die Vertikale wachsen lässt. In unseren Mech-Suits sind wir verdammt flott, sausen durch die Luft an Baumspitzen vorbei und sehen gigantische Arbeitsroboter unter uns, die im Dschungel eigentlich ihren Job verrichten sollen, aber durch einen Virus außer Kontrolle geraten sind. Es gibt kaum lineare Levelführung, jederzeit können wir in die Tiefe stoßen – raus aus luftiger Höhe, rein in einen See. Wir schießen vorbei an Fischen, tauchen bis zum Grund, finden einen Schatz. Das lässt sich taktisch nutzen: Sind die feindlichen Robo-Soldaten zahlenmäßig weit überlegen, ist es taktisch klug, noch unter Wasser Ziele für unsere hitzesuchenden Mini-Raketen am Rücken festzulegen. Wir zischen raus aus dem kühlen Nass, erste Salve abfeuern, Hälfte der Feinde erledigen und umgehend in Deckung huschen. All das fühlte sich in den ersten Präsentationen nach einem spielbaren Marvel-Film an. Das muss Bioware einfach nur erkennen und jetzt für Anthem 2.0 umsetzen. 

Es ist unerklärlich, warum uns Anthem so oft an den Boden fesselt und durch das Überhitzen der Jetpacks auch noch in der Luft bremst. Wir dürfen schlicht nicht so lange fliegen, wie wir wollen.
Vergrößern Es ist unerklärlich, warum uns Anthem so oft an den Boden fesselt und durch das Überhitzen der Jetpacks auch noch in der Luft bremst. Wir dürfen schlicht nicht so lange fliegen, wie wir wollen.

Einer der größten Fehler im Gamedesign von Anthem ist, dass Bioware uns viel zu häufig im Flug gängelt, etwa, weil die Jetdüsen überhitzen. Das ist völliger Nonsense, der unseren Erkundungstrieb stört. Via Patch ließe sich das leicht ändern – nicht reden, einfach machen, testen, Fan-Feedback einholen. Wie großartig wäre es, wenn wir diese Komponente sehr viel stärker im Gameplay nutzen könnten, gerade auch aus taktischer Sicht. Statt langweilig wie in einem Destiny am Boden zu grinden, wäre es doch viel spannender, sich in die Tiefen des Sees zurückzuziehen, rauszuschnellen, ein paar Salven abzufeuern, Mini-Raketenschwärme gen Ziel zu senden. Bioware könnte gar dafür einige Kartenabschnitte redesignen, wo wir dann durch Tunnel tauchen, um dem Feind in den Rücken zu fallen. Warum finden so viele Operationen in Arealen statt, die das Fliegen einschränken? Viel öfter sollten wir auch gegen fliegende Gegner kämpfen – gebt uns mehr Boss-Fights, die in Richtung des Endkampfs von Iron Man 2 gehen. Überhaupt: Was zur Hölle hat sich Bioware dabei gedacht, uns den gleichen Bosskampf mehrmals zu servieren? Wie faul kann ein Entwicklerstudio sein?

Special:  Horizon Zero Dawn bald auch auf dem PC

Bioware muss die wahre Anthem-Story endlich erz ä hlen 

Bioware hat mit Frostbite eine Engine, die wundervolle Charaktere zeichnen kann. Warum bleibt dann die Geschichte immer so im Hintergrund? Hier bitte Gas geben.
Vergrößern Bioware hat mit Frostbite eine Engine, die wundervolle Charaktere zeichnen kann. Warum bleibt dann die Geschichte immer so im Hintergrund? Hier bitte Gas geben.

Anthem erzählt keine Geschichte. Es dümpelt vor sich hin, dem einst so brillanten Autorenteam rund um Mass Effect gelingt es nicht, eine simple Sci-Fi-Story zu schreiben, obwohl diese Welt nicht sonderlich komplex ist. Wo ein Mass Effect Alienrassen mit Menschen und viele Planeten in einem Epos zusammenführen musste, ist Anthem nur ein Planet. Bioware machte hier einen großen Anfängerfehler und arbeitet stark mit einer Hintergrundstory, die aber im eigentlichen Spiel kaum widerhallt. Die Idee: Die Menschen glauben, dass Götter, Shaper, genannt, Maschinen-wesen auf den Planeten gebracht haben, die diese jetzt bedrohen. Daraus hätte man so viel machen können: Ein fähiges Autoren-Team hätte hier eine Art Horizon: Zero Dawn meets Mass Effect geschrieben. Stattdessen wirkt Anthem über sehr weite Strecken, als hätte Bioware seine brillanten Mass-Effect-Autoren durch blutige Anfänger ausgetauscht. Bioware hatte generell lange genug Urlaub, es gilt jetzt wirklich abzuliefern: Wenn man das Vertrauen der Fans zurückgewinnen und auch seine Position als Teil der Rollenspiel-Elite zurück erkämpfen möchte, dann muss Bioware mit mehr Ambitionen an Anthem rangehen.

Nochmal: Wir reden hier von einer wunderschönen Welt, die förmlich Atmosphäre blutet. Aber sie ist leer. Die Quests in Fort Tarsis sind größtenteils recht austauschbar - sie sollen Atmosphäre aufbauen und es ist auch völlig okay, wenn uns Einwohner von ihren kleinen Sorgen und Problemen erzählen, etwa wenn es um die Eröffnung eines Ladens in der Basis geht. Aber ein Spiel braucht immer eine große Geschichte, die seine Welt voranbringt. Davon ist aktuell wenig bis nichts in Anthem zu spüren – es ist eine Hülle, die mit Leben gefüllt werden muss. Dieses Leben, diese Enzyklopädie der Welt existiert irgendwo in den Gemäuern von Bioware. Denn die Autoren sprachen auf Panels, etwa auf der PAX, öfter über Story-Ideen, die es aber nie ins Spiel geschafft haben. Auch gibt es den Cortex, der viel von den Dominion erzählt: einem faschistischen Regime, welches die Shaper-Technologie nutzen möchte, um die Welt zu beherrschen. Warum macht man sich die Mühe, all diese Ideen auszuarbeiten, aber lässt sie nicht in Zwischensequenzen auftauchen?

Bioware macht den gleichen Anf ä ngerfehler wie Bungie mit Destiny, wo sich auch die komplette Geschichte nur nachlesen l ä sst. Wir wollen nicht Cortex-Eintr ä ge lesen, wir wollen erleben. Wir wollen sp ü ren, wie sich die Story auf seine Welt und Figuren auswirkt!

Anthem braucht mehr von allem: Von Marvel lernen, heißt Siegen lernen

Wir brauchen viel mehr Javelins mit unterschiedlichen Waffenplattformen. Bioware muss einfach nur Iron Man 1 bis 3 schauen, um zu wissen was möglich ist.
Vergrößern Wir brauchen viel mehr Javelins mit unterschiedlichen Waffenplattformen. Bioware muss einfach nur Iron Man 1 bis 3 schauen, um zu wissen was möglich ist.

Bioware muss im Grunde nur Iron Man 1 bis 3 sowie The-Avengers-Filme schauen und wird verstehen, was sie mit Anthem machen müssen: Dieses Spiel braucht mehr von allem: Mehr Javelin-Anzüge, viel mehr Design-Variation (es gibt gefühlt hundert Anzüge für Iron-Man, Spider-Man & Co.), mehr Waffensysteme. Tony Starks Mark-Varianten haben Laser-Cutter – den Uni Beam, bei denen er sich im Kreis dreht und jede Menge Flächenschaden macht – zu sehen in Iron Man 2. Er hat Repulsor-Waffen, schultermontierte Scharfschützengewehre, einen Infrarot-Scan, um durch Wände zu sehen. Sein Gegenspieler Ivan Wanko hat eine Energiepeitsche – wie brillant ließe die sich in das Anthem-Universum integrieren. Wenn man als Bioware schon einen ambitionslosen Loot-Shooter raushaut, dann wenigstens richtig. So wie das Ubisoft mit The Division 2 gemacht hat, wo wir gefühlt alle drei Meter eine neue Waffe erhalten. Wo wir ohne Ende upgraden und anpassen können. Wo wir immer wieder neues Hightech-Equipment freischalten. Gerade erst hat man für den Technician den Artificer freigeschaltet, der elektrisch geladene Drohnen aussendet – eine Art Hightech-Bienen-Nest für den Angriff. Loot-Shooter sind nicht per se schlecht und haben eine riesige Fan-Gemeinde, aber dann müssen sie eben auch das liefern, was der Name verspricht - Tonnen an Loot.

Das Potenzial ist da, Bioware muss es nur nutzen. Warum dürfen wir nicht viel mehr tauchen, durch Kanäle zischen und so dem Feind in den Rücken fallen?
Vergrößern Das Potenzial ist da, Bioware muss es nur nutzen. Warum dürfen wir nicht viel mehr tauchen, durch Kanäle zischen und so dem Feind in den Rücken fallen?

Liebes Bioware-Team, wenn Ihr uns schon als die einstigen Storytelling-Götter mit einem Games-as-a-Service-Spiel enttäuscht, dann macht es wenigstens richtig und führt ohne Ende neue Inhalte ein: Wir brauchen viel mehr Anzüge, viel mehr Waffenplattformen, viel mehr Gadgets und oh mein Gott – viel mehr Gegner-Vielfalt. Viel mehr Fraktionen: Wo sind die Dominion? Warum kämpfen wir nicht in ihrer Welt, die in den Codex-Einträgen so spannend klingt? Die Dominion kontrollieren die Shaper-Technologie, mit der sie die ganze Welt manipulieren können – das Wetter, seine Flora und Fauna. Baut das ein.

Lasst uns nach Stralheim reisen und reist uns mit der Story vom Hocker, die ursprünglich mal geplant war – The Anthem of Creation sollte groß werden, ein Epos sollte hier entstehen. Und ja, natürlich muss Bioware auch den üblichen Kram entwickeln, den man üblicherweise in einen Loot-Shooter reinwirft: epische Items, Upgrade-Mechaniken, Runen. Den Standard, der Anthem zum Launch hätte haben müssen. Hallo Games hat No Man’s Sky mit nur 20 Mann komplett umgebaut. Bioware sollte das mit mehreren Studios auch leisten können.

Auf der Website steht , BIOWARE - Rich Stories, Unforgettable Characters and Vast Worlds to discover “ – all das, jetzt bitte liefern. Bioware kann Anthem retten, muss aber seine Faulheit und Bequemlichkeit ablegen, die Ä rmel hochkrempeln und richtig Gas geben. Wir wollen Euch wieder lieben und verehren Bioware, das ist ganz ehrlich gemeint.

Preview: Marvel’s Iron Man VR - einmal Tony Stark sein

GeForce Now ist nach einer langen Beta-Phase jetzt offiziell gestartet. Das Besondere: Den Cloud-Game-Streamingdienst von Nvidia gibt es auch in einer kostenlosen Variante. GeForce Now berechnet die Spiele-Grafik komplett in der Cloud, also in Hochleistungs-Rechenzentren von NVIDIA, und überträgt den Bildschirminhalt auf nahezu jedes beliebige Gerät, auch auf Smartphones oder altersschwache PCs. Neben der Gratis-Variante von GeForce Now gibt es auch eine Founders Edition für 5,49 Euro im Monat. Welche Vorteile sie bietet und warum Geforce Now jetzt schon besser als Google Stadia ist, zeigen wir Euch in diesem Video.

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www.pcwelt.de/2484553

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