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Pop-OS: Aufstrebender Desktop für Linux?

11.02.2021 | 13:02 Uhr | Hermann Apfelböck

Die Ubuntu-basierte Desktopdistribution Pop-OS macht seit Monaten mit einem Topranking auf sich aufmerksam.

Je nachdem, welchen Bewertungszeitraum man einstellt, wird man Pop-OS in den Top Ten bis hin zu Platz zwei der Distrowatch-Tabelle antreffen. Ubuntu-Derivate gibt es genug – was zeichnet diesen Neuling aus? Dieser Beitrag nennt die interessantesten Merkmale, die Ihnen die Entscheidung erleichtern sollen, ob die Distribution für Sie in Betracht kommt.

Soviel als Vorab-Fazit: Installer, Systemaktualisierung und Desktop sind frappierend schlicht, einfach, benutzerfreundlich. Gemischte Paketquellen, gemischte Sprache und eigenwilliges (aber optionales) Fenstermanagement sind eventuelle Minuspunkte.

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Pop-OS und der Hersteller System76

Pop-OS ist ein Desktopsystem, das sich auf den Einsatz auf PCs und Notebooks fokussiert. Die Distribution dient dem US-amerikanischen Hardwarevertrieb System76 als Standardsystem für seine Rechner (2,2 GB). Pop-OS läuft auf jeder Hardware, für die sich ein Standard-Ubuntu eignet.

Ein besonderer Service von Pop-OS ist die native Treiberausstattung plus Desktopintegration für Nvidia-Grafikchips. Die Nvidia-Unterstützung übernimmt aber nicht der Installer, vielmehr muss der Benutzer vorab über seine Hardware Bescheid wissen: Es gibt beim Download zwei Livesysteme zur Auswahl – ein Standardsystem und eines mit der Kennzeichnung „NVIDIA“. Auf Notebooks mit Intel-Nvidia-Hybridgrafik erscheinen dann später im Gnome-Systemmenü zwei zusätzliche Optionen, um vom Nvidia-Chip zur stromsparenden Intel-GPU zu wechseln – oder umgekehrt. Dazu ist allerdings ein Systemneustart erforderlich.

Weitere Spezialitäten hat sich System76 für die Energieverwaltung auf Notebooks einfallen lassen: Mit dem Tool system76-power kann man sich zwischen drei Energieschemata entscheiden. Via gleichnamiger Gnome-Erweiterung ist das Tool auch im Batterie-Indikator der Systemleiste zu erreichen. System76 ist zwar nur ein kleiner Mittelständler, dennoch darf man hier – tendenziell mehr als bei mancher Communitydistribution – mit Professionalität und Nachhaltigkeit rechnen.

Einen mit Ubuntu LTS vergleichbaren „Long Term Support“ gibt es bei Pop-OS nicht, jedoch wird das aktuelle 20.04 bis Erscheinen der Version 22.04 mit Updates versorgt. Für fällige Upgrades ist das Gnome-Control-Center um den Punkt „OS Upgrade“ erweitert, der auf einfachste Weise den Download und dann die Installation der neuen Version auslöst. Achtung: Pop-OS macht seit Ubuntu 17.10 wertungsfrei jede Ubuntu-Zwischenversion mit. Wer auf eine LTS-Version Wert legt, sollte Zwischenversionen (aktuell 20.10) überspringen.

Der Installer ist gelungener Eigenbau

Eingebaute Reparaturinstallation: Wenn das System bereits vorliegt, zeigt der Pop-OS-Installer zusätzlich die Option „Refresh Install“.
Vergrößern Eingebaute Reparaturinstallation: Wenn das System bereits vorliegt, zeigt der Pop-OS-Installer zusätzlich die Option „Refresh Install“.

Das auf USB-Stick kopierte Livesystem startet standardmäßig zum Gnome-Desktop. Der Installer („Install Pop!_OS“) findet sich in den Gnome-Favoriten. Es handelt sich um einen hausgemachten Installer, der nach Auswahl „Deutsch“ gemischtsprachig bleibt und etwas funktionsärmer als Ubuntus Ubiquity ausfällt. Die völlig unkomplizierte Option „Clean Install“ befördert das Ubuntu-Derivat als alleiniges System auf die Festplatte. Dabei erscheint die für Notebooks wichtige Option der Partitionsverschlüsselung zu einem späteren Zeitpunkt automatisch.

Bei komplexeren Partitionsverhältnissen hilft die Option „Custom (Advanced)“, die ein hübsches grafisches Schema der Datenträger anbietet und nach Rechtsklick auf eine Partition über Dateisystem und Einhängepunkt entscheiden lässt. Größenänderungen von Partitionen sind nicht vorgesehen, für solche Fälle kann über „Modify Partitions“ das externe Gparted gestartet werden. Beachten Sie, dass die Partitionsverschlüsselung nur beim einfachen „Clean Install“ angeboten wird.

Interessantes Extra: Wenn der Installer des Livesystems ein bereits vorhandenes Pop-OS vorfindet, zeigt er neben „Clean“ und „Custom“ noch die dritte Option „Refresh Install“. Das bedeutet ein Zurücksetzen des Systems auf den Auslieferungszustand - unter Beibehaltung aller Benutzerdateien. Solche Reparaturinstallation ist auch bei anderen Distributionen mit einer Neuinstallation ohne Formatierung der Systempartition zu erreichen, erfordert aber vom Nutzer mehr Systemkenntnis als hier der einfache Mausklick auf „Refresh“.

Einrichtung, Desktop und Software

Spezialisiert für Notebooks: Neben diesen Energieschemata bietet Pop-OS Unterstützung für Hybridgrafik und für Partitionsverschlüsselung.
Vergrößern Spezialisiert für Notebooks: Neben diesen Energieschemata bietet Pop-OS Unterstützung für Hybridgrafik und für Partitionsverschlüsselung.

Das System startet zunächst ohne Gnome in einen Willkommen-Dialog mit finalen Einrichtungsschritten zu Tastatur, Zeitzone, WLAN-Anmeldung, Onlinekonten. Insbesondere ist erst jetzt die Einrichtung des Erstbenutzers fällig. Nach Erledigung erfolgt eine automatische Abmeldung und Neuanmeldung und danach steht der Desktop zur Verfügung.

Der Gnome-Desktop samt typischen Komponenten ist weitgehend original übernommen und geringfügig schlanker als unter Ubuntu. Gut ein GB RAM sollte man aber für System plus Desktop einrechnen. Alle Gnome-Bestandteile wie das Gnome-Control-Center („Einstellungen“) sind nach entsprechender Installation deutschsprachig, jedoch bleiben distributionseigene Komponenten englischsprachig. Auf die Upgrade-Option („Upgrade OS“) in den „Einstellungen“ haben wir bereits hingewiesen, ebenso auf die Energieschemata, die hier als „Battery Life“, „Balanced“ und „High Performance“ erscheinen.

Auch das Kontextmenü am Desktop präsentiert sich englischsprachig, ebenso die Gnome-Erweiterung „Tile Windows“ – eine Eigenentwicklung, die System76 als ein Highlight der Distribution versteht. Hinzu kommen Eigenentwicklungen wie der grafische Paketmanager Pop-Shop, das Tool Popsicle zum Schreiben von Abbildern auf USB, Pop-Shell-Shortcuts (Anzeige spezieller Tastenkombinationen) oder der „Customize“-Dialog in der „Keyboard“-Rubrik der „Einstellungen“, die allesamt englisch sind. Das führt in der Summe zu einem gemischtsprachigen System, was manche Nutzer durchaus stören kann.

Die Gnome-Erweiterung „Tile Windows“ erscheint standardmäßig in der Systemleiste. Ihre volle Funktionalität erhält sie erst, wenn der oberste Schalter aktiviert wird. Das vom Fenstermanager i3 inspirierte Fenstermanagement will vor allem auf großen Bildschirmen Ordnung schaffen. Wichtigste Hotkeys sind Super-Y und Super-O, um alle aktiven Fenster passend auf den Monitor zu verteilen. Für Programmierer und Admins mit Editoren und Terminals ist solche Fensterverwaltung attraktiv, für Privat- und Büroanwender eher nicht. Dass Pop-OS dennoch auf den Einsatz der Erweiterung setzt, zeigt es durch den Verzicht auf die Fenstercontrols zum Minimieren und Maximieren. Die muss der Nutzer bei Bedarf über das ohnehin meist unentbehrliche Gnome-Tweaks („Optimierungen“) aktivieren.

Zusätzlich zum gewohnten Ministarter (Alt-F2) hat Pop-OS noch seinen eigenen Starter (Super-/), der auf eingetippte Teilstrings (etwa „office“) bereits mit passenden und klickbaren Ergebnissen antwortet und außerdem auch rechnen kann. Die Optik ist aufgeräumt, schlicht und kontrastiv. Der Wechsel des voreingestellten dunklen Themas zum hellen Thema ist über das Gnome-Control-Center („Darstellung“) möglich, für detailliertere Einstellungen ist aber die Nachinstallation von Gnome-Tweaks erforderlich.

Software und Paketquellen: Pop-OS nutzt via Apt und Pop-Shop die Ubuntu-Quellen und zusätzlich zwei eigene Paketquellen (siehe „Zahnrad“-Symbol im Pop-Shop). Hier besteht das Risiko wie bei allen ähnlichen Ubuntu-Derivaten, dass im Einzelfall Paketkonflikte auftreten können. Wer dem aus dem Weg gehen will, findet im Pop-Shop auch distributionsunabhängige Flatpak-Software. Snaps sind im Unterschied zur Ubuntu-Basis nicht Standard.

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