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Nur 300 Millionen US-Dollar: Hat Square Enix Tomb Raider verschenkt?

15.05.2022 | 09:09 Uhr |

Es wird immer absurder: Warum haut Square Enix für nur 300 Millionen US-Dollar mit Lara Croft und Tomb Raider ihre zweitgrößte Marke raus? Embracer macht das Schnäppchen des Jahrzehnts und sichert sich das nächste Tomb Raider auf Basis von Unreal Engine 5, das nächste Deus Ex und Thief. Square Enix hat keine Lust mehr auf US-Studios, dafür aber Embracer. Und die lieben den Singleplayer.

Es war ein Montag, Brille putzen, nochmal in die Pressemitteilung schauen, wir bleiben verdutzt: 300 Millionen US-Dollar. Okay, wow, die Embracer Group hat gerade das Schnäppchen des Jahrzehnts geschossen. Denn für nur 300M haut Square Enix eine der größten und die vielleicht ikonischste Gaming-Marke der Welt raus – Tomb Raider . Wie jetzt, Lara Croft ist so billig zu haben? Als die Branche diese Nachricht gelesen hat, dürften sich einige CEOs ziemlich geärgert haben, denn so viel dürfte wohl jeder Großen in der Kriegskasse haben. Gerade in einer Zeit, in der selbst ein Bungie 3,6 Milliarden wert sein soll. Oder ein Saber Interactive 500M (World War Z, Evil Dead: The Game). Ach so ja, es wird noch wilder: 300M für Tomb Raider und sein Studio Crystal Dynamics wäre schon sehr günstig, aber Square Enix war so nett und hat auch noch einen ganzen Strauß an mittelgroßen Marken draufgelegt, die aber nach wie vor viel Potential haben: Deus Ex etwa und sein Studio Eidos Montreal. Thief und Legacy of Kain .

Der Grund für die Scheidung: Tomb Raider ist eine klassische Singleplayer-Marke, Camilla Luddington als Lara würde nur bedingt im Multiplayer funktionieren. Square Enix will aber seine großen Spiele alle auf Games-as-a-Service ausrichten.
Vergrößern Der Grund für die Scheidung: Tomb Raider ist eine klassische Singleplayer-Marke, Camilla Luddington als Lara würde nur bedingt im Multiplayer funktionieren. Square Enix will aber seine großen Spiele alle auf Games-as-a-Service ausrichten.
© Square Enix

In der Branche hat der Verkauf zu diesem absurd geringen Preis alle verwundert. Denn ja, Crystal Dynamics ist ein teures Studio, weil ihr Headquarter in der Bay Area bei San Francisco liegt, also dem teuersten Wohnort der USA. 300 Mitarbeiter, die im Schnitt sicherlich ihre 150.000 US-Dollar im Jahr verdienen werden, kosten natürlich Geld. Aber gerade Lara Croft läuft auch zuverlässig: Rise of the Tomb Raider hat etwa elf Millionen Spiele verkauft. Bei einem Preis von 70 US-Dollar, sind das 770 Millionen US-Dollar Umsatz. Das ist zwar nicht im „Lasst-es-Geld regnen“-Territorium eines God of War, welches 20 Millionen Einheiten absetzte, aber Microsoft hat ja auch nochmal 100 Millionen draufgelegt für die Zeitexklusivität auf Xbox – da sind wir dann schon bei 870 Millionen. Die Entwicklung soll 100M gekostet haben, 50M Marketing-Budget; da kam Square Enix mit einem hübschen Gewinn raus. Shadow of the Tomb Raider hat 9 Millionen Einheiten verkauft, also schon etwas weniger.

Laras neuer Partner, die Embracer Group wächst so schnell wie niemand sonst in der Branche: 124 Studios, 10.000 Entwickler, 230 Spiele in der Entwicklung, 30 mit Triple-A-Budget. Embracer ist jetzt schon größer als Ubisoft.
Vergrößern Laras neuer Partner, die Embracer Group wächst so schnell wie niemand sonst in der Branche: 124 Studios, 10.000 Entwickler, 230 Spiele in der Entwicklung, 30 mit Triple-A-Budget. Embracer ist jetzt schon größer als Ubisoft.
© Embracer Group und Square Enix

Analysten sprechen hier dann von einem Negativ-Trend, aber 630M sind bei 100M Entwicklungsbudget und 35M im Marketing (bestätigt vom Studiochef) durchaus ein guter Schnitt. Da hat Square Enix immer noch ein sattes 4x seines Investments rausgeholt, bezeichnete es aber trotzdem als enttäuschend, weil die Japaner natürlich alles mit Final Fantasy vergleichen. Fans müssen sich übrigens keine Sorgen machen: Das nächste Tomb Raider wurde gerade enthüllt und basiert auf Unreal Engine 5. Erstes Gameplay gibt es sicherlich zur Gamescom in Köln. Und bei Embracer ist Lara in sehr guten Händen. Embracer ist gerade im maximalen Wachstumsmodus, bereits jetzt mehr wert als Ubisoft bei einer Marktkapitalisierung von 7 Milliarden US-Dollar und kaufen gefühlt jedes Quartal mindestens ein Studio dazu – zuletzt etwa Gearbox für 1,5 Milliarden, die Macher von Borderlands. Embracer genießt bei Entwicklern auch einen sehr guten Ruf, weil sie letztlich nur als Geldgeber und Publisher fungieren, den Teams aber sehr viel kreative Freiheit geben. Und sie stopfen keine Mikrotransaktionen in ihre Spiele.

Randy Pitchford, CEO von Gearbox Software, z. B. erzählte gerade erst auf der Konferenz GamesBeat Summit, dass er vor allem deshalb verkauft hat, weil das Embracer-Management ihn gefragt hat, was sie gerne entwickeln würden: „Ich habe mich in den letzten Jahren mit vielen Executives getroffen, die gutes Geld gezahlt hätten, aber die wollten einfach nur ihr eigenes Borderlands, also more of the same. Embracer hingegen hat gefragt: ‚Was würdet ihr denn gerne entwickeln? Zeigt doch mal eure Ideen.‘“

Sony PlayStation verdient sein Geld nahezu ausschließlich mit Singleplayer-Games und ist sehr gut darin: Uncharted, God of War, Spider-Man haben alle über eine Milliarde Umsatz gemacht

Der Fluch von Marvel’s Avengers: Warum Square Enix unbedingt Crystal Dynamics loswerden wollte

Marvel’s Avengers war eigentlich ein gutes Spiel, mit super starker Marvel-Atmosphäre, spannendem Plot und einer tollen Kampagne. Der Mikotransaktions-verseuchte Multiplayer sorgte jedoch für den ein oder anderen Shitstorm.
Vergrößern Marvel’s Avengers war eigentlich ein gutes Spiel, mit super starker Marvel-Atmosphäre, spannendem Plot und einer tollen Kampagne. Der Mikotransaktions-verseuchte Multiplayer sorgte jedoch für den ein oder anderen Shitstorm.
© Square Enix

Loswerden wollte Square Enix das Studio wohl vor allem, weil Marvel’s Avengers weit unter den Erwartungen zurückgeblieben ist und man dringend seine Personalkosten runterschrauben will. Es hatte ein riesiges Entwicklung-Budget von 190M, im Marketing hat man sicherlich auch gut 50M investiert. Das Spiel hat aber bis heute keine schwarzen Zahlen produziert und muss noch immer abgeschrieben werden. Nun war Marvel’s Avengers ein tolles Singleplayer-Spiel mit sehr starker Marvel-Atmosphäre und einer interessanten Story rund um gefallene Helden, die im Stil von The Avengers: Endgame wieder zusammengetrommelt werden müssen, um nochmal in die Schlacht gegen AIM zu ziehen. War aber leider auch im Multiplayer nur so durchseucht von Mikrotransaktionen und spielte sich sehr repetitiv. Starker Singleplayer, schlechter Multiplayer.

Smart gespielt: Weil die Branche dem Irrtum unterliegt, Singleplayer verdiene kein Geld mehr, kauft gerade Embracer die größten Spiele und Studios auf: Gearbox Software, Crystal Dynamics, Square Enix Montreal, 4A Games etc.
Vergrößern Smart gespielt: Weil die Branche dem Irrtum unterliegt, Singleplayer verdiene kein Geld mehr, kauft gerade Embracer die größten Spiele und Studios auf: Gearbox Software, Crystal Dynamics, Square Enix Montreal, 4A Games etc.
© Square Enix

Hätte man sich vorher denken können, schließlich ist Crystal Dynamics eines der besten Singleplayer-Studios der Welt, mit Games-as-a-Service im Fortnite-Stil hatten sie keinerlei Erfahrung. Marvel’s Avengers war ursprünglich als Gelddruckmaschine geplant, in dem man permanent neue Skins, also Rüstungen für Iron Man, Thor, Captain America und Hulk respektive Agenten-Outfits für Black Widow verkaufen wollte. Zudem sollten im Rainbow-Six-Siege-Stil immer wieder neue Operator reinverkauft werden – sehr aufwändig inszeniert mit ihren eigenen Kampagnen. Black Panther: War for Wakanda war etwa super liebevoll gemacht, aber man muss keinen MBA haben, um zu verstehen, dass die Rechnung hier nicht aufgegangen ist: Games-as-a-Service-Spiele brauchen eine sehr große Fanbase und müssen diese über einen langen Zeitraum halten, sonst rentieren sie sich nicht.

Westliche Studios hatten es schon seit einigen Jahren schwer mit Square Enix, weil deren Verkaufszahlen sich mit Final Fantasy, dem MMO FF14 und Mobile-Ports alter Final-Fantasy-Spiele vergleichen lassen mussten.
Vergrößern Westliche Studios hatten es schon seit einigen Jahren schwer mit Square Enix, weil deren Verkaufszahlen sich mit Final Fantasy, dem MMO FF14 und Mobile-Ports alter Final-Fantasy-Spiele vergleichen lassen mussten.

Ein Problem, das gerade auch EA mit Battlefield 2042 hat, welches mitunter nur noch 10.000 Spieler auf Steam täglich aufweist. Das dürfte wohl der Grund sein, warum Square Enix CEO Yosuke Matsuda das Studio von Lara Croft so schnell wie möglich abschießen wollte. Denn ganz ehrlich: Geh’ zu Microsoft, Phil Spencer gibt dir auch eine Milliarde für Love-Brands wie Tomb Raider, Thief und Deus Ex. Vielleicht nicht dieses Jahr, weil Microsoft etwas aufpassen muss, dass sie nicht zu viel zu schnell kaufen, sonst werden die US-Kartellbehörden nervös. Aber 2023 hätte man sicherlich den Deal abschließen können. Die glücklichen neuen Besitzer heißen Embracer Group, doch wer sind die eigentlich und was macht sie so besonders?

Die Embracer Group ist ein No-Bullshit-Publisher, der den Singleplayer liebt

Ein sinnvolles Team: Das Management der Embracer Group äußerte viele Ideen, was sie mit Crystal Dynamics und anderen Studios vorhaben. Embracer mag den Singleplayer, fast all ihre Marken sind Story-basiert.
Vergrößern Ein sinnvolles Team: Das Management der Embracer Group äußerte viele Ideen, was sie mit Crystal Dynamics und anderen Studios vorhaben. Embracer mag den Singleplayer, fast all ihre Marken sind Story-basiert.
© Embracer Group

Die Embracer Group ist zwar ein Gigant, aber einer, den wir durchaus als sympathisch beschreiben würden, weil sie Spiele von Gamern für Gamer machen und vor allem den Singleplayer zu lieben scheinen: Biomutant war super liebevoll und hatte ein extravagantes Design; Expeditions: Rome ist ein großartiges Spiel für alle Fans des Imperium Romanum, der römischen Legion und der Antike. Man scheut auch vor schwierigen Themen nicht zurück: Through the Darkest of Times z. B. ist eines dieser Werke, die mitreißen und nachdenklich machen, die düster und melancholisch in ihrer Atmosphäre sind. Aber eben auch wichtig, weil sie uns als Widerstandsgruppe im Dritten Reich spielen lassen. Destroy all Humans auf der anderen Seite ist einfach ein spaßiger Titel, in dem wir die Welt zerstören – andere Publisher hätten hier ohne Ende Mikrotransaktionen reingebastelt und dafür gesorgt, dass wir irgendwelche Booster kaufen müssen, um im Level weiterzukommen oder uns zu ewigem Grind verdammt.

Die Embracer Group muss sich erst noch beweisen: Bislang hat man vor allem viele mittelgroße Projekte im AA-Bereich gelauncht, wie ein Biomutant. Aber noch kein 100-Millionen-Dollar-Spiel wie das nächste Tomb Raider zum Erfolg geführt.
Vergrößern Die Embracer Group muss sich erst noch beweisen: Bislang hat man vor allem viele mittelgroße Projekte im AA-Bereich gelauncht, wie ein Biomutant. Aber noch kein 100-Millionen-Dollar-Spiel wie das nächste Tomb Raider zum Erfolg geführt.

Denn so entwickelt man mittlerweile Spiele. Es hat seinen Grund, warum sich Assassin’s Creed Valhalla zieht wie ein Kaugummi. Mehr Spielzeit bedeutet mehr Möglichkeiten, Mikrotransaktionen zu verkaufen. Wir würden die Embracer Group so ein bisschen als No-Bullshit-Publisher bezeichnen. Der einfach gute Spiele anbieten will und dabei auch keine Angst hat, Experimente einzugehen, was in der heutigen Business-Welt ein Novum ist. Während sich ein EA auf sechs, sieben Mega-Marken fokussiert (FIFA, Madden, Star Wars, Need for Speed, Battlefield) und nur hier und da mal einem Indie-Spiel die große Bühne bietet wie It Takes Two, entwickelt die Embracer Group unglaublich viele Games mit fast schon absurd vielen Studios, denn man kauft einfach jeden, der Lust drauf hat: 119 Studios besitzt man bereits, 850 Spielemarken – 230 Games sind in der Pipeline für die nächsten Jahre, 30 davon mit Triple-A-Budgets laut dem letzten Investor Call.

Natürlich müssen wir erstmal schauen, wie viele davon gut werden, aber prinzipiell wird sich Crystal Dynamics sicherlich wohler bei Embracer fühlen als sie das bei Square Enix getan haben. Denn der CEO von Square Enix ist ein riesiger Fan von Games-as-a-Service, er will alle Spiele in diese Richtung ausbauen, da passte das Team von Lara Croft nur bedingt rein. Embracer wird sie mit Sicherheit ein richtig gutes Tomb Raider entwickeln lassen – ohne Free2Play-Quatsch, ohne Nonsense. Einfach ein gutes Spiel. Und so ähnlich dürfte es auch mit Eidos Montreal laufen: Wir alle lieben Deus Ex – gebt uns ein tolles Spiel, wir werden es kaufen. Square Enix konnte mit diesen Singleplayer-fokussierten Marken zuletzt wenig anfangen, sie wollen vielmehr in die Fortnite-Richtung, ihr eigenes Marken-Metaverse bauen und dorthin, wo richtig Geld verdient wird: Play2Earn. Dort spielt man nicht nur aus Spaß, sondern als Investment.

Play2Earn-Spiele, bei denen man nicht nur aus Spaß, sondern aus Investment-Interesse spielt, verdienen bereits Milliarden – Axie Infinity hat etwa bereits 1,3 Milliarden US-Dollar verdient und das teuerste Item wurde für 300 ETH, umgerechnet etwa eine Million US-Dollar verkauft. In diesem Segment will Square Enix Vollgas geben.
Vergrößern Play2Earn-Spiele, bei denen man nicht nur aus Spaß, sondern aus Investment-Interesse spielt, verdienen bereits Milliarden – Axie Infinity hat etwa bereits 1,3 Milliarden US-Dollar verdient und das teuerste Item wurde für 300 ETH, umgerechnet etwa eine Million US-Dollar verkauft. In diesem Segment will Square Enix Vollgas geben.
© Sky Mavis

Mit Blockchain und Play2Earn-Spielen werden bereits jetzt Milliarden umgesetzt, an den Kuchen von Axie Infinity, God’s Unchained & Co. will gerade jeder ran. Square Enix hat im Grunde seine Premium-Marken geopfert, um das Kapital in diesen Sektor zu investieren, aber nicht jedes Studio fühlt sich auch wohl in diesen Gefilden. Deus Ex ist auch so eine Marke, die lebt von ihrer Atmosphäre, von gutem Storytelling. Entferne die Marke zu sehr von ihrem Kern und sie stirbt. Insofern sind wir ziemlich guter Dinge, was Embracer angeht – die lassen ihre Studios das ausleben, was sie können: gute Spiele entwickeln.

Siehe auch:

Sony kauft Bungie - Könnten Sie sich auch Square Enix oder EA leisten?

Microsoft kauft Bethesda: Die Goldene Ära der Xbox Series X?

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