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Netflix‘ The Witcher Making-of: Die Geheimnisse hinter den Kulissen

18.01.2020 | 13:02 Uhr |

Showrunner und Hollywood-Autorin Lauren Schmidt Hissrich (The West Wing, Daredevil) verrät, welche kreativen Freiheiten sie sich für die Serie nimmt, wie die recht ambitionierte Struktur funktioniert, und dass The-Witcher 3-Fan Henry Cavill wie ein Löwe kämpfte, um die Rolle des Hexers Geralt zu ergattern.

Es gibt aktuell zwei Mega-Hype-Serien: The Mandalorian und The Witcher. Gefühlt die ganze Welt redet davon, jeder zweite Facebook-Post lobt diese Shows, wenn er oder sie nicht gerade über Star Wars: The Rise of Skywalker redet. Doch wie entstand die wohl größte Serie, die je zu einem Spiel produziert wurde? 

Zeit, Antworten zu suchen in einem Gespräch mit Lauren Schmidt Hissrich – Hollywood-Autorin, Showrunner, die Frau hinter Mega-Erfolgen wie The West Wing und Daredevil. Was hat sie inspiriert, wo nimmt sie sich kreative Freiheiten, welche Figuren werden in das Universum integriert, die in Büchern und Filmen keine Rolle spielen und welche Funktion füllen sie aus?

Der Geralt aus den Spielen, die Geschichte aus den Büchern

Showrunner Hissrich nutzt als Quellmaterial für die Story in erster Linie die Bücher, stilistisch und tonal ist das aber schon sehr nah dran an The Witcher 3.
Vergrößern Showrunner Hissrich nutzt als Quellmaterial für die Story in erster Linie die Bücher, stilistisch und tonal ist das aber schon sehr nah dran an The Witcher 3.
© Netflix

Netflix‘ The Witcher prescht mit hohem Tempo voran. Wohl weil es vorerst nur acht Episoden gibt (keine Sorge, Netflix hat bereits mehrere Staffeln ob des Mega-Erfolgs nachgebucht), packt Hissrich den Plot von drei, vier Game-of-Thrones-Folgen in eine einzige. 

Ihr Ziel: Die Origin-Story von Ciri zu erzählen. Denn Ciri ist eigentlich Cirilla Fiona Elen Riannon, Prinzessin von Cintra: 

„Ich habe mich stark von den Kurzgeschichten The Last Wish und Sword of Destiny inspirieren lassen. Sapkowski hat eine spannende Art, innerhalb kurzer Zeit das Fundament für eine komplexe Welt zu legen. Es erlaubt mir, schnell den Grundton zu setzen – die Politik, das Machtgefüge, die Konstellation unterschiedlicher sozialer Gruppen und auch die Geografie der Welt bildlich zu erklären.“

Hissrich weiß ganz offensichtlich, wie schwierig es heutzutage geworden ist, die verwöhnte Netflix-Zielgruppe dazu zu bewegen, auch wirklich die komplette Staffel zu schauen. Wo sich früher Game of Thrones eine komplette Staffel Zeit ließ, um nur seine Charaktere vorzustellen und die eigentliche Haupt-Geschichte (rund um Drachen-Königin Daenerys Targaryen) nur anteaste, haben sich unsere Sehgewohnheiten verändert. Die meisten Menschen entscheiden heute nach der ersten Episode, ob sie einer Serie mehr Zeit widmen möchten, schließlich hat Netflix noch zig andere Serien. Und den brillanten De-Niro-Streifen The Irishman will man ja auch noch gucken. Eine Reinterpretation von Good Fellas, welche ebenfalls von Martin Scorsese stammt.

Netflix The Witcher: Das nächste Game of Thrones?

Die erste Episode legt den Grundstein für die komplette Staffel

Netflix hat ursprünglich nur eine Staffel gebucht, weshalb Hissrichs Autoren-Team brutal aufs Tempo drückt. In der ersten Episode passiert mehr als in der kompletten ersten Staffel von Game of Thrones.
Vergrößern Netflix hat ursprünglich nur eine Staffel gebucht, weshalb Hissrichs Autoren-Team brutal aufs Tempo drückt. In der ersten Episode passiert mehr als in der kompletten ersten Staffel von Game of Thrones.
© Netflix

Es gab selten eine Serie, die ein derartiges Tempo vorlegt wie The Witcher. Bereits in den ersten 45 Minuten passiert mehr als in der kompletten ersten Staffel von Game of Thrones: Große Schlachten, Belagerungen, Königreiche fallen und Geralt tötet eine eigentlich sehr sympathische Figur, um die nicht nur wir als Zuschauer trauern. Sondern auch eher, wie Showrunner Hissirich betont:  „Er ist eine Kampfmaschine, das Morden ist sein Geschäft. Doch Geralt hat auch eine emotionale Ader, ist sehr intelligent und er beginnt zu hinterfragen, was er da eigentlich tut. Was ist der Inhalt seines Lebens?“

Es gibt eine Schlüsselszene, die fundamental für seine Charakterentwicklung ist: „Ich musste sicherstellen, dass die Geschichte ihn verändern würde, dass alles, was ihm in dieser Episode widerfuhr, die evolutionäre Reise seines Charakters während der gesamten Season verändern würde" , erklärt Hissrich. Wir wollen auf Spoiler verzichten, doch ja – dieser Mord veranlasst Geralt, seine ganze Ausbildung zu hinterfragen. Wer die Spiele und Bücher kennt, der weiß, welch brutale Folter Hexer über sich ergehen lassen müssen, um ihre Zellen, ihr Gewebe und Muskeln mutieren zu lassen. „Er stellt sich die Sinnfrage: Was habe ich all die Jahre getan? Was ist meine Aufgabe in dieser Welt, und gibt es noch etwas anderes als den Tod für mich?“ Er trifft dann auf andere Figuren, die ihm verdeutlichen, dass er für einen größeren Zweck geschaffen wurde. Und ein größeres Schicksal hat, welches eng mit dieser mittelalterlichen Welt verknüpft ist. 

So haben wir Ciri noch nie erlebt: Als Prinzessin eines mächtigen Königreichs. Die erste Staffel erzählt in erster Linie die Origin-Story Ciris und Yennefers.
Vergrößern So haben wir Ciri noch nie erlebt: Als Prinzessin eines mächtigen Königreichs. Die erste Staffel erzählt in erster Linie die Origin-Story Ciris und Yennefers.
© Netflix

Ciri und Yennefer als Ankerpunkt für die Story

Während einige enttäuscht sein mögen, dass die Netflix-Originalserie nicht der Trilogie von CD Projekt Red folgt, sondern quasi die Origin-Story zur wohl besten Rollenspiel-Reihe dieser Dekade bildet, hat Hissrich gute Gründe für diese überraschende Entscheidung. Schließlich wurde Autor Sapkowski berühmt durch die Spiele, nicht anders herum. Auch dürften sehr viel mehr Menschen die Games erlebt, als die Bücher gelesen haben, die wir übrigens hier klar empfehlen möchten. Sapkowski wird nicht umsonst oft als der polnische Tolkien bezeichnet – auch er lässt diese brutale Welt mit Worten förmlich vor unseren Augen erscheinen, auch wenn er sich deutlich weniger in Details verliert als J.R.R. Tolkien, der selbst einem Zwergengelage gerne mal ein halbes Kapitel schenkt.

Für Hissrich ist es zentral, die Origin-Story Ciris und Yennefers zu erzählen, die in den Spielen angedeutet, jedoch nie dargestellt wurde.

Man versteht die Ciri der Spiele besser, wenn man erlebt, wie privilegiert sie aufwuchs, dann jedoch alles verlor, was ihr lieb und teuer war. Auch Yennefer hat eine enorm spannende Hintergrundgeschichte. Sie bilden mit Geralt letztlich eine, sagen wir, unkonventionelle Familie zusammen. Die kaputt ist, aber aufeinander angewiesen ist, was für eine interessante Charakterreise des gesamten Trios sorgt.“

Hissrich gab auch Ciri und Yennefer mehr Hintergrundgeschichte, um sicherzustellen, dass die Zuschauer tief mit ihnen verbunden sind. "Als Schriftsteller war ich wirklich daran interessiert, Yennefer und Ciri zu erkunden, bevor sie Geralt kennenlernten – wie ihr Weg aussah, wie sie zu den Menschen wurden, denen wir in dem Buch begegnen, ihre Stärken, ihre Verletzlichkeiten, ihre Geheimnisse" , sagt Hissrich. "Im Falle Ciris, wovor sie davonläuft und wohin sie rennt. Und bezüglich Yennefer: Welche Leere sie zu füllen sucht, wenn sie eine so unglaublich mächtige Zauberin ist.“  Hissrich enthüllte ein bisschen mehr über Yennefers erweiterte Rolle: „Man bekommt kleine Einblicke in ihre Vergangenheit und die Behinderung, mit der sie zu kämpfen hatte als Kind. Wir zeigen, wie sie diese Frustration nutzt, um zu einer extrem starken Zauberin zu reifen. Und ja – wir wollen das Medium der Serie dafür nutzen, das Publikum all das wirklich erleben lassen zu können, statt nur davon in den Spielen zu hören.“

Showrunner Hissrich hat vorher Teile von The West Wing geschrieben sowie Daredevil. Hier ist sie auf der Premieren-Party zusammen mit Freya Allan (Ciri) und Anya Chalotra (Yennefer).
Vergrößern Showrunner Hissrich hat vorher Teile von The West Wing geschrieben sowie Daredevil. Hier ist sie auf der Premieren-Party zusammen mit Freya Allan (Ciri) und Anya Chalotra (Yennefer).
© Netflix

Wir nehmen uns einige künstlerische Freiheiten, weichen aber nicht vom Quellmaterial ab“

Das heißt jedoch nicht, dass die Serie vom Quellmaterial abweicht. Hissrich versichert uns, dass die Show dem Geist der Romane treu bleibt. "Wir ehren die Makro-Reisen, die all diese Charaktere in den Büchern machen, aber gelegentlich bauen wir kleine Nebenaufgaben ein“ , sagt Hissrich. "Wir versuchen, einige Teile der Bücher zu beleuchten, die in den Spielen wenig Platz hatten.“ Nichts werde jedoch geändert, einfach nur um anders zu sein: „Es gibt ein paar Figuren, die wichtig sind für die Serie. Zum Beispiel hat Ciri eine Freundin namens Dara, die nicht in den Büchern und Spielen war. Während der gesamten ersten Staffel ist Ciri auf der Flucht. Das ist spannend, aber es wird sehr viel besser, wenn es eine Figur gibt, mit der sie sich darüber austauschen kann. Wir mussten einen neuen Charakter schaffen, mit dem sie reisen und von dem sie lernen kann. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil Ciri königlichen Blutes ist. Sie war schon immer abenteuerlustig, verkleidete sich als Junge, mischte sich unter das Volk – aber sie hatte letztlich doch immer ihre Leibgarde bei sich, wenn es eng wurde. Nach gewissen Geschehnissen muss sie lernen, selbst für sich zu sorgen.“

The Witcher 3: Neuer Rekord dank Netflix-Serien-Start

Henry Cavill brachte viele Eigenschaften mit, die wichtig sind für die Rolle: Er kann reiten, weiß mit dem Schwert umzugehen, hat die richtige Physique und liebt die The-Witcher-Spiele sowie Bücher.
Vergrößern Henry Cavill brachte viele Eigenschaften mit, die wichtig sind für die Rolle: Er kann reiten, weiß mit dem Schwert umzugehen, hat die richtige Physique und liebt die The-Witcher-Spiele sowie Bücher.
© Netflix

Warum Henry Cavill für sie der perfekte Hexer ist

Showrunner genießen bei Netflix große Privilegien, entscheiden über Budgets, treffen die Entscheidungen im Casting-Prozess. Und den hat sich Hissrich nicht gerade einfach gestaltet – 207 Männer sprachen für die Rolle des Geralt vor, wie man hört darunter viele große Prominente. Warum wollte die Hollywood-Autorin unbedingt Henry Cavill, der vorher als Superman mit perfekter Gelfrisur quasi das genaue Gegenteil des wilden Geralts verköperte: „Henry ist ein riesiger Fan der Spiele, er hat, glaube ich, 200 oder 300 Stunden damit verbracht. Sein Agent hat jeden Tag angerufen, er wollte die Rolle unbedingt. Wenn jemand so hart dafür kämpft, eine Figur zu spielen, dann schau dir das an – das war immer meine Philosophie. Ich wollte so viele Bewerber wie möglich kennenlernen, weil es eine ikonische Rolle ist. Aber Henrys Stimme ging mir nicht aus dem Kopf beim Schreiben des Drehbuchs. Ich rief ihn an, fragte, ob er Zeit für einen Termin in New York habe – und er war fantastisch. Henry kombiniert dieses stoische Wesen von Geralt mit seiner animalischen Seite und die enorme Präsenz und Eleganz im Schwertkampf mit seinem Comedy-Talent. Es ist immer schwierig, Gags in einem Format zu platzieren, welches keine Komödie ist – gerade für diesen mitunter düsteren oder sarkastischen Humor hat er das perfekte Timing. Geralt ist zwar ein harter Typ, aber er ist auch sehr komisch, regelrecht witzig. Er nimmt viele ernste Situationen mit Humor, weil das Duell, der Kampf um Leben und Tod für ihn Alltagsgeschäft ist. Und er weiß, wie viel er dafür geopfert hat, um eins zu werden mit seinem Schwert.“

Yennefer hat den spannendsten Story-Arc in Staffel 1: Wir erleben, wie sie ihre Behinderung überwindet und zu einer wunderschönen, verführerischen, mächtigen Zauberin reift.
Vergrößern Yennefer hat den spannendsten Story-Arc in Staffel 1: Wir erleben, wie sie ihre Behinderung überwindet und zu einer wunderschönen, verführerischen, mächtigen Zauberin reift.
© Netflix

Shades of Grey trifft Game of Thrones: Sex, Blut und Morde

Was also dürfen Sie erwarten von The Witcher? „Blut, Sex und Erwachsenenthemen wie „Nicht zur Welt gehören“ und „Was passiert, wenn Sie an den Rand gedrängt werden?“ Ich finde es faszinierend, dass diese Themenkomplexe zwar im Fantasy-Mittelalter spielen, jedoch viel realen Bezug zu allen Epochen der Menschheit und insbesondere der unsrigen haben.“ Hissrich schreckt auch nicht davor zurück, Kontroversen anzutreten: „Wir wollen nicht, dass immer alle zustimmen" , sagt Hissrich. „Wenn wir die ganze Geschichte von The Witcher durchgehen, sollten wir feststellen, dass es keine einfachen Entscheidungen gibt. Es gibt keine Entscheidung, die definitiv gut oder eine Entscheidung, die definitiv schlecht ist. Gleiches gilt für alle Charaktere. Yennefer mag eine streitbare Figur sein, genau das macht sie spannend. Solange ein Zuschauer die Motivation hinter den Aktionen eines Charakters verstehen kann, habe ich das Gefühl, dass wir gewonnen haben. Es spielt keine Rolle, ob Sie ihnen zustimmen oder nicht. Sie müssen nur verstehen, warum sie das tun, was sie tun."

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