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Mit Fotos Geschichten aus der Ferne erzählen

30.10.2014 | 10:11 Uhr |

Es ist nicht ganz einfach, anderen Menschen zu erklären, was uns an einem Land oder während einer Reise fasziniert. Sehenswürdigkeiten ja, aber vor allem Emotionen. Verpacken Sie die doch einfach in eine Foto-Geschichte

Perspektivisch schlecht geschossene Sehenswürdigkeiten, das x-ste Foto der Liebsten: So lassen sich mindestens 90 Prozent der Urlaubsfotos zusammenfassen, die Sommer für Sommer fotografiert werden. Wer da schon ein wenig mehr vom Fotografieren versteht, der sorgt dafür, dass Personen zumindest nicht zentral auf dem Foto zu sehen sind, sondern nach dem Goldenen Schnitt positioniert sind. Und dennoch: Solche Fotos sind bestenfalls eine ästhetische Dokumentation der besuchten Orte. Es fehlt oft die Geschichte, die Emotion, die Seele. Viele Menschen versuchen, dies dann durch Texte zu erklären, sei es in Fotoportalen oder aber, wenn sie anderen die Fotos zeigen. Das funktioniert nur bedingt; besser ist es, das Bild selbst erzählt. Der Schwerpunkt der Reisefotografie liegt auf einen geliebten Ort“, sagt Foto- und Reisejournalist Jan Balster, „mit einem solchen Fleck Erde verbindet der Fotograf immer Erinnerungen, die Emotionen auslösen“. Und weil gute Reisefotografen eben diese Emotionen zulassen, statt nur durch die Kamera distanziert zu beobachten, schaffen sie den Grundstein für das perfekte, sprechende Foto.

Sonne, Basar, Gerüche, Menschen, Sprachen, Sand – all dies kann auf einer Reise Gefühle auslösen. Und die sollen nun aufs Foto. Da stellt sich die Frage: Reicht es, wenn man diese Gefühle hat, obwohl man nie zuvor an dem Ort des Geschehens war? Oder ist es wichtig, den Ort der Reise schon zu kennen, um professionelle Fotos schießen zu können? „Es ist ganz wichtig, den Ort im Vorfeld zu kennen“, sagt Jan Balster, „ vorher habe ich viele Stimmungen im Kopf, die überwiegend durch fremde Bilder entstehen“. Und dennoch sei er auch dafür offen, unvoreingenommen auf eine Fotoreise zu gehen. Letzteres bevorzugt auch die Heike Kaufhold vom Reiseblog Köln Format : „Ich liebe es, gerade solche Orte aufsuchen, von denen viele sagen ’Hier gefällt es mir nicht’ oder ’der Ort war hässlich’“, sagt sie, „das macht mich neugierig“. Um einen Ort so ablichten zu können, wie man ihn selbst erlebt hat, gehört ihrer Meinung nach viel Zeit und vor allem die nötige Ruhe dazu. Ruhe, sich noch einmal in den Ort hinein zu vernetzen, Wege abzulaufen, Platz im Lieblingscafé oder -restaurant zu nehmen und passierende Menschen zu beobachten. Dies gelänge aber nicht nach odem Motto „Ich muss noch schnell ein daar Bilder schießen“. Klar, dass eine Zentner-schwere Fotoausrüstung einen davon abhält, tolle Foto-Möglichkeiten zu finden. „Je leichter das Equipment, desto entspannter die Aufnahmen“, sagt Kaufhold.

„Dies ist für mich ein schön kraftvoller, ruhiger, doch lebendiger Ort, welcher den gesamten Charakter des durchschnittlichen Menschen zeigt.“ - Foto- und Reisejournalist Jan Balster.
Vergrößern „Dies ist für mich ein schön kraftvoller, ruhiger, doch lebendiger Ort, welcher den gesamten Charakter des durchschnittlichen Menschen zeigt.“ - Foto- und Reisejournalist Jan Balster.
© Jan Balster

Weniger ist mehr

Es stellt sich also schon im Vorfeld die Frage, was man auf eine Fotoreise mitnehmen soll. Immerhin beinhaltet Reisefotografie eine Fülle an Fotografie-Stilen – da wäre ein Kameraset für alle Begebenheiten doch praktisch, oder nicht? „In meinen Augen klar ein Nein“, sagt Jan Balster, „doch das muss Jeder für sich entscheiden. Ich selber habe sehr wenig, da ich nicht bereit bin, einen LKW zu ziehen“. Eher bemüht Jan Balster sich, sein Equipment stetig zu verkleinern, so dass nur das Wesentliche mitkommt. Zu Analogfoto-Zeiten hatte er immer zwei Kameragehäuse, vier Objektive, einen Telekonverter, neun Filter, ein Stativ, 60 bis 80 Fotofilme und eine Kompaktkamera dabei; heute ist sein Equipment nur halb so üppig. „Und wer in abgelegene Regionen der Welt mit einem langsamen Verkehrsmittel oder gar zu Fuß reist“, empfiehlt Balster, „sollte seine Kamera auf Batteriebetrieb umrüsten und genügend Batterien einpacken“. Der Grund: Batterien sind überall zu beschaffen, eine Steckdose oder gar neue Kameraakkus findet man nicht überall.

Personen sollten nicht immer mittig positioniert werden. Wenn Sie den goldenen Schnitt beherzigen, erhalten Sie wie hier weitaus attraktivere Fotos.
Vergrößern Personen sollten nicht immer mittig positioniert werden. Wenn Sie den goldenen Schnitt beherzigen, erhalten Sie wie hier weitaus attraktivere Fotos.
© Jan Balster

Auch rät der Reisejournalist, lieber mehrere Speicherkarten mit weniger Kapazität statt nur eine Karte mit der gesamten Kapazität für den ganzen Urlaub einzupacken. „Geht mal eine Speicherkarte kaputt“, sagt er, „hat man Ersatz und verliert nicht gleich alle bereits geschossenen Fotos oder seine gesamte Speicherkapazität“. In Sachen Datensicherung hat auch schon die Reisebloggerin Angelika Schwaff schlechte Erfahrungen machen müssen. „Einmal hat eine externe Festplatte mit etlichen, vielleicht tausenden Fotos auf einer Reise ihren Geist aufgegeben“, erzählt Schwaff, „ein erheblicher Verlust für mich. Ich habe knapp Tausend Euro für die Datenrettung ausgeben müssen.“ Seitdem sichert sie Ihre Fotos immer doppelt. Ein empfehlenswerter Tipp.

Das Land jenseits der Chinesischen Mauer: Als besonderen Bildeffekt können Sie Orte auch durch „Bilderrahmen“ wie Tore, Fenster oder Bäume fotografieren.
Vergrößern Das Land jenseits der Chinesischen Mauer: Als besonderen Bildeffekt können Sie Orte auch durch „Bilderrahmen“ wie Tore, Fenster oder Bäume fotografieren.
© Angelika Schwaff

Urbanes Leben einfangen

Ist nun die Kameratasche vollständig, das Rüstzeug für gute Fotos vorhanden, dann stelle sich immer noch die Frage: Mit welchen Tipps gelingen gute Reisefotos? Wie schießen Sie, Frau Schwaff, beispielsweise gute Fotos vom Stadtleben? „Das kann schwierig werden“, sagt die Reisebloggerin, „denn erstens will man keine Persönlichkeitsrechte verletzen, wenn man in einer Stadt unweigerlich Menschen vor der Linse hat, und zweitens kann die Enge in einer Stadt auch enorm den Blickwinkel und damit das Bild einschränken“. Eine schöne Stadtdynamik können Sie zum Beispiel darstellen, wenn Sie mit einer langen Belichtungszeit und mit einem Stativ eine vorbeiziehende Menschentraube „verschwimmen“ lassen. Für ein Foto einer Skyline müssen Sie einfach aus großer Distanz oder Höhe fotografieren. Ein Weitwinkel-Objektiv ist für Straßenfotos besonders hilfreich. „Urbanes Leben lässt sich am besten einfangen wenn man ein Teil davon wird und nicht als Fremdkörper agiert“, rät grundsätzlich Heike Kaufhold, „mitmachen, dazustellen, mitlaufen, Leute ansprechen, Informationen sammeln, Geschäfte beobachten“. Je unauffälliger das Equipment und je weniger auffällig Sie selbstaussehen würden, desto besser seien die Bilder. Bemühen Sie sich also, nicht wie eine typischer Tourist auszusehen – das „stößt“ gute Motive förmlich ab.

Auch simple, alltägliche Szenen eines Urlauborts können attraktiv auf den Fotochip gebannt werden.
Vergrößern Auch simple, alltägliche Szenen eines Urlauborts können attraktiv auf den Fotochip gebannt werden.
© Jan Balster

Aber Reisefotografie findet ja nicht nur in der Stadt statt. Auch weite Landschaften, Berge, Täler, Ufer und Wälder sind gute Motive. „Soll eine Aufnahme berühren, so genügt es nicht, die vor einem liegende Landschaft zu knipsen“, sagt Jan Balster, „der Fotograf muss sich für Schatten und Lichter, Details und Strukturen, Gebirgszüge und Gewässer, Verläufe, Hänge, Flora und Fauna interessieren. Er muss ein Gleichgewicht der Natur herstellen und den Fotoabzug schon vor dem Drücken des Auslösers innerlich sehen.“ Besonders hilfreich sei es da, früh aufzustehen, Geduld zu haben und oft mehrmals immer wieder zum selben Ort zu gehen, bis die Stimmung passt. Vor allem spielt für Landschafts aufnahmen das jeweilige Licht eine große Rolle, eine bestimmte Stimmung einzufangen. „Das natürliche Licht ändert im Verlauf des Tages seine Farben“, sagt Angelika Schwaff. Generell gibt es das perfekte Licht natürlich nicht. Bei Portraits ist das weiche Licht des Nachmittags hilfreich, während für kontrastre-che Landschaftsaufnahmen die Blaue Stunde, also das Licht des Morgens oder des Abends, passend sein kann. „Die Helligkeit entscheidet, ob ein Foto gut oder schlecht ist“, sagt auch Heike Kaufhold, „die Helligkeit muss so passen, dass es für die jeweilige Stimmungslage perfekt ist.“

Blaue Stunde am Wanakasee in Neuseeland. Die Zeit zu der die Sonne untergeht sorgt immer für besondere Fotos. Hier aufgewertet durch das knallige Rot der reflektierenden Sonne unterhalb des Horizonts.
Vergrößern Blaue Stunde am Wanakasee in Neuseeland. Die Zeit zu der die Sonne untergeht sorgt immer für besondere Fotos. Hier aufgewertet durch das knallige Rot der reflektierenden Sonne unterhalb des Horizonts.
© Angelika Schwaff

Geduld ist das Zauberwort

Klar, es wird nicht immer gelingen, ein Gefühl, dass Sie von einem Ort haben, perfekt zu übertragen. „Erst, wenn der Betrachter ’Ja’ sagt, wenn seine Phantasie auflebt oder er mit diesem Ort, vielleicht andere, eigene Erinnerungen belebt“ sagt Balster, „dann ist ein Reisefoto gelungen“. Für ihn zum Beispiel ist ein Bild dann gut, wenn er es nach vielen Jahren betrachtet und es ihn nicht langweilt. „Dabei muss es sich nicht um ein technisch perfektes Foto handeln“, sagt Balster, „auch ein Fehler tut manchmal gut“. Denn es geht hier letztlich nicht darum, das künstlerisch wertvollste Bild zu schaffen, sondern das festzuhalten, was etwas über den Ort erzählt. Das kann ebenso ein Blick hinter schöne Fassaden in vergammelte Innenhöfe sein wie das irgendwie doch geordnete Verkehrschaos zur Rushour in einer Stadt wie Istanbul. Wichtig ist, dass Sie herausfinden, was genau Sie emotional berührt und dies dann versuchen, ins Bild zu setzen.

Dieser Artikel stammt aus der FotoWelt 1/2014

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