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Microsoft im Jahr 2016: Höhepunkte und Pleiten

26.10.2016 | 15:22 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Microsofts Jahr 2016 hatte mindestens so viele Tops wie Flops. Die Kollegen unserer US-Schwesterzeitschrift PC-World haben einen Rückblick auf das Microsoft-Jahr 2016 zusammengestellt, der besonders auf den US-Markt zugeschnitten ist.

#1: Kurios – Der Upgrade-Albtraum von Windows 10

Microsoft wollte seine Nutzer eigentlich nur dazu ermutigen, das kostenlose Upgrade auf Windows 10 durchzuführen, bevor die Frist Ende Juli auslief. Doch das immer wiederkehrende Generve wegen „empfohlener Updates“ und „Wirklich nicht???“-Rückfragen nach dem Schließen der Dialogbox führten eher zu einem massiven Vertrauensbruch bei den Nutzern.

Windows 10: Die wichtigsten neuen Shortcuts und Hotkeys

Zweifellos war dieses Verhalten einer der größten Fehltritte Microsofts im Jahr 2016, der sogar zu einer gerichtlichen Klage führte.

#2: Cool – Windows 10 Anniversary Update

Wenn wir den eben erwähnte Upgrade-Wahnsinn einmal außen vor lassen, hat das Anniversary Update von Windows 10 immerhin einige tolle, neue Funktionen mitgebracht – darunter auch der Schritt hin zu Stift-basierter Datenverarbeitung: Windows Ink.

Natürlich war das Update auch nicht perfekt – man erinnere sich nur daran, wie es unter anderem Webcams zerstörte und einige PCs einfrieren ließ. Im Großen und Ganzen aber wurden eben den Funktionen, die am häufigsten benutzt werden, wirklich sinnvolle Neuerungen hinzugefügt, weshalb sich das Anniversary Update durchaus zu den Ruhmesgeschichten 2016 zählen lässt. Abwarten, ob Microsoft den positiven Update-Kurs mit dem anstehenden Creators-Update halten kann – angepeilter Termin hierfür ist Frühjahr 2017.

#3: Unvollendet – Windows Ink

Die Idee hinter Windows Ink ist ein durchaus solides Konzept und wurde im Sommer 2016 von vielen sehnlich erwartet. Was Microsoft allerdings mit dem Anniversary Update lieferte, blieb hinter den Erwartungen zurück. Im Oktober startete Microsoft einen neuen Anlauf für Ink mit zwei neuen Features: Erkennungsmechanismen für handgeschriebene Gleichungen und eine Replay-Funktion für gezeichnete Illustrationen. Keine von beiden konnte aber überzeugen. Es hängt nun an Microsoft, uns 2017 in puncto Windows Ink eines Besseren zu belehren.

#4: Cool – Willkommen, Linux

Die Einbindung von Linux in Windows 10 kam in vielerlei Hinsicht überraschend – insbesondere, weil Microsoft das Open-Source-Betriebssystem jahrzehntelang kategorisch ablehnte. Und dann war es plötzlich da, als Bestandteil von Windows 10s Anniversary Update. Unglaublich!

Zwar erreichte das integrierte Linux bisher keinen wettbewerbsfähigen Status, für Fans des Betriebssystems ist es dennoch ein schöner Bonus.

#5: Blöd gelaufen – Surfacegate (oder: Microsoft gegen die New England Patriots)

Armes Microsoft: Zuerst wurden seine Surface-Tablets von den Medien in aller Öffentlichkeit als „iPads“ bezeichnet. Dann tauchten Videos auf, in denen das Tablet dem Footballer Johnny Manziel über den Schädel gezogen wird und Quarterback-Spieler Aaron Rodgers es wutentbrannt auf dem Boden zertrümmert. Die Footballer der New England Patriots zeigten eine ganz besondere Abneigung gegen Microsofts Surface-Tablet. Warum? Ähnlich wie Apple beim Antennen-Skandal seines iPhone 4 hüllte sich Microsoft bezüglich der massiven Probleme bei seinen Surface-Geräten in einen Mantel des Schweigens – und tat nichts, um die Schäden zu beheben.

Mittlerweile sind viele Probleme zwar endlich Geschichte und die Anti-Kampagne der New England Patriots hatte auch keinen bleibenden, negative Einfluss auf Microsoft. Übermäßig unterstützend für den Aufbau eines guten Rufs war das Desaster aber ebenfalls nicht.

#6: Cool – Qualcomm bringt Windows 10 auf Low-End-PCs

Eine rosigere Zukunft für Windows Tablets könnte 2017 anstehen. Windows RT versuchte, eine neue Klasse von Windows-PCs zu etablieren – und scheiterte. Jetzt versucht es Microsoft erneut mit Hilfe von Qualcomm – und bringt 2016 Windows 10 auch auf Low-End-PCs. Endlich läuft Windows 10 mit seinen traditionellen Win32-Apps auch auf ARM-Hardware.

Man sollte aber im Hinterkopf behalten, dass Microsoft einen Emulator benutzt, um die Win32-Kompatibilität zu gewährleisten – und Emulatoren können manchmal schrecklich langsam sein. Wenn Microsoft und Qualcomm aber ausreichend gute und günstige Computerlösungen anbieten, wäre das ein angenehmer Auftrieb im flautenreichen PC-Markt. Es wäre wie Windows RT in “richtig”.

#7: Cool – Minecraft Education Edition

2014 hat Microsoft Mojang gekauft – und damit auch den Spiele-Bestseller Minecraft für über 2 Milliarden US-Dollar. Für viele Fans erstmal ein Schock. Doch 2 Jahre später hat Microsoft gut auf sein wertvolles Schäflein Acht gegeben und es zu einem echten Gaming-Schatz aufsteigen lassen.

Nach Angaben von Microsofts Vorstandsvorsitzendem Satya Nadella wurde Mojang in erster Linie gekauft, um wissenschaftliche Bildung zu fördern. Im Januar kündigte Microsoft deshalb die Minecraft Education Edition und ließ diesen Vorsatz wieder aufleben: eine Schul-Version von Minecraft zur Vermittlung pädagogischer Inhalte. Seit November 2016 ist die Education Edition erhältlich.

#8: So gut wie tot – Ruhe in Frieden, Lumia

Ein kleines Fünkchen Leben brennt noch in den Windows Phones, doch die Lumia-Reihe, die Microsoft im Jahr 2013 für 7,2 Milliarden US-Dollar kaufte, existiert quasi nicht mehr. Das gab Microsoft schon im Januar 2016 zu verstehen und über das weitere Jahr hinweg verdichteten sich die Hinweise auf das nahende Ende: Social-Media-Accounts wurden dicht gemacht, Großbritanniens Microsoft-Store listete die Lumias plötzlich als “ausverkauft” und an Hardware-Partner wie HP und Acer wurden Windows Phones verschenkt.

Da bleibt nu rein wehmütiger Blick zurück, zum Beispiel auf das Lumia 1020, den Stolz aller Windows Phones: eine 41-MP-Kamera… so etwas werden wir wohl kaum ein zweites Mal zu Gesicht bekommen.

#9: Ebenfalls so gut wie tot – Die Zukunft von Windows 10 Mobile

Nachdem der Marktanteil von Windows mobilem Betriebssystem auf unter 1 Prozent abgesunken ist, setzt Microsoft nun nur noch auf “lebenserhaltende Maßnahmen”. Ein Wunder, dass auch die mittlerweile noch nicht abgestellt wurden. Interessanterweise hat das einige Dritthersteller wie Acer, Alcatel und HP nicht davon abgehalten, eigene Smartphones mit Windows Mobile OS auf den Markt zu bringen: Das Liquid Jade Primo, das Idol 4S und das Elite x3. Und ehrlich gesagt sind einige davon überraschend gut.

Nichtsdestotrotz wird Microsoft auf absehbare Zeit die Windows-Phone-Maschinerie abschalten. Dann bleiben natürlich noch die Surface-Phones da draußen – aber die gelten ohnehin eher als mystischer Yeti unter den Smartphones…

#10: Cool – Skype-Übersetzer live für alle

Endlich: Unsere Star-Trek-Zukunft hat begonnen! Im Januar 2016 wurde der Skype -Übersetzer an alle Windows-Nutzer ausgeliefert. Derzeit bietet das Tool Übersetzungen von Stimme zu Stimme in 7 verschiedenen Sprachen, nämlich Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch, Mandarin, Portugiesisch und Spanisch. Für den Text-Chat sind sogar noch mehr Sprachen verfügbar – und jetzt funktioniert der Übersetzer sogar auf Mobilgeräten !

Da kann man sogar getrost unter den Tisch kehren, dass Skype (Win32), Skype Preview (Windows 10) und Skype for Business (Office 365) nach wie vor unterschiedliche Apps mit unterschiedlichen Inhalten sind -  und der Skype Übersetzer bisher nur mit der Win32-App funktioniert (das soll sich übrigens 2017 ändern). Der Skype Übersetzer ist eine überragende Technologie – und zudem völlig kostenlos!

#11: Abwarten – Wo ist eigentlich Holo Lens?

Noch im Jahr 2015 hat Microsoft seine Holo Lens als Zukunft der Augmented Reality gefeiert. Und 2016 scheint sie quasi vom Erdboden verschwunden zu sein. Okay, ganz stimmt das nicht, denn Microsoft will die Technologie stark an das Windows 10 Creators Update binden, das dieses Jahr erscheinen soll.

Aber Fakt bleibt: Es ist über 2 Jahre her, dass Microsoft Holo Lens vorstellte und mittlerweile ist die anfängliche Euphorie (ebenso wie die Aufmerksamkeitsspanne der Öffentlichkeit) ziemlich verflogen. Und da gibt es noch ein Problem: Erinnern Sie sich daran, dass Holo Lens Intels Atom-Chip verbaut hat? Ja? Der, dessen Produktion von Intel eingestellt wurde…?

#12: Cool – Microsoft Surface Hub

Microsofts Surface Hub liefert 4K-Bilder auf einem 84-Zoll großen Bildschirm – die Lösung für all Ihre Konferenzraum-Skype-Probleme und perfekt geeignet als digitales Whiteboard. Nach einigen Verzögerungen begann Microsoft im März 2016 mit der Auslieferung der Geräte und verzeichnet seitdem gute Verkäufe – trotz des stolzen Preises von über 22.000 Euro.

#13: Eingestellt – Wo sind nochmal all die Adroid-/ iOS/ Win32-Apps…?

Microsofts Build-Developer Konferenz im Jahr 2015 machte große Versprechungen: Der Konzern versicherte, man würde “Brücken” errichten, die es vereinfachen sollten, Android- und iOS-Software auf Microsofts UWP-Plattform zu portieren. 2016 die nächste Brückenbau-Ankündigung: Microsoft versprach ein ähnliches System für Win32-Apps und Windows namens “Projekt Centennial”.

Schon im November 2015 wurde Projekt Astoria (die Android-zu-Windows-Brücke) wieder eingestampft; “Islandwood”, die iOS-Brücke, läuft derzeit auf Version 0.2. Centennial begann im September 2016 endlich damit, erste Win32-Apps in den Store zu bringen – darunter aber kaum etwas Nennenswertes, abgesehen von Evernote.

Microsoft selbst setzt mittlerweile wieder auf andere Brücken: Xamarin , eine von Microsoft gekaufte Firma, soll alle Funktionen von Astoria, Islandwood und Centennial in einem Tool vereinen. Wir sind gespannt, ob’s diesmal klappt…

#14: Cool – Microsoft Xbox Play Anywhere

PC oder Konsole? Eine Entscheidung, die Microsoft mit Play Anywhere für die Xbox One mehr oder weniger abgeschafft hat. Wer als Gamer sowohl die Xbox One, als auch einen PC besitzt, kann beim Kauf eines Spiels im Microsoft Store (etwa Forza Horizon 3) für beide Plattformen profitieren. Microsoft legt einfach eine Kopie für die jeweils andere Plattform obendrauf – und die Gamer können am PC dort weitermachen, wo sie auf der Xbox aufgehört haben zu spielen und umgekehrt.

#15: Ladenhüter – Keiner will den Internet Explorer

Erinnern Sie sich noch daran, wie erschüttert man früher über die Integration des Internet Explorers in Windows war? Diese Sorgen scheinen eine Ewigkeit in der Vergangenheit zu liegen – insbesondere jetzt, wo Microsofts Browser immer mehr und mehr Marktanteile verliert.

Im Mai 2016 überholte Googles Chrome-Browser den Internet Explorer in puncto Marktanteile. Noch im gleichen Monat ließ Firefox weltweit sogar Edge und den IE hinter sich. Immer mehr Nutzer wenden sich von Microsofts Browser ab und benutzen Edge, um Chrome oder eine andere Alternative herunterzuladen.

Wir glauben zwar, dass Edge eines der am meisten verbesserten Features des Anniversary Updates war, doch auch das hat nur die wenigsten überzeugt. Microsoft hatte seine Chance, Edge als Browser erster Wahl zu etablieren und hat sie verpasst.

#16: Cool – Microsofts Xbox One S und Projekt Scorpio

Die neue Xbox One S mag zwar nicht das optische Feuerwerk zünden, um eine Neuanschaffung der Konsole für alle zu rechtfertigen – immerhin bräuchte man im Idealfall auch einen passenden 4K-Fernseher dazu – doch das Upgrade auf 1 Terabyte Speicherplatz macht das ANgebot zumindest reizvoll. Und dann gibt es da ja noch das Projekt Scorpio…

Scorpio, das im Winter 2017 veröffentlicht werden soll, verspricht sechs Teraflops Rechenpower – mehr als doppelt so viel wie bei der bestehenden Xbox One. Und auch, wenn wire in bisschen skeptisch sind, was Microsofts 4K-Gaming-Pläne angeht, hoffen wir doch zumindest auf Spiele, die auf 4K-Auflösung hochrechnen. Anschnallen, bitte: 2017 wird in puncto Gaming ein rasantes Jahr!

#17: Aus und vorbei – Microsoft Band

Microsofts unrühmliche Reihe der “Hardware für die Halde” setzte sich 2016 mit der Abschaffung des Microsoft Bands fort – Microsofts erstem Wearable. Noch bei der Vorstellung des Band 2 versprach Microsoft für die dritte Auflage seines Armbands eine Integration von Windows 10 – was nie passierte und auch nicht mehr passieren wird, denn Microsoft Band ist tot .

Vielleicht geht es Microsoft besser mit dem Gedanken daran, dass Fitbit Pebble gekauft hat, Intel seine Basic Peak Smartwatch Pläne über den Haufen warf und der Wearables-Markt an sich nahezu zerschlagen wurde. Als kleiner Trost verlässt das Band 2 den Markt als bis dato bestes Fitness-Armband. Mit seiner beschränkten Akkulaufzeit und fehlender Wasserdichtheit war es aber schon früh zum Scheitern verurteilt.

#18: Cool – Microsoft Surface Studio

Wir bezweifeln, dass vielen von unseren Lesern knapp 4.000 Euro bezahlen warden, um eine “digitale Staffelei” wie das Surface Studio zu kaufen. Aber die Versuchung dürfte groß sein: Groß, wunderschön – und das leicht gebogene Display macht selbst die Mac-Gemeinde neidisch. Das Surface Studio war ein derart großer Erfolg, dass es sogar das überarbeitete Surface Book mit der erweiterten Performance Base in den Schatten stellte – verdammt gut!

Mit seinem horrenden Preisschild wird das Surface Studio trotz allem wohl kaum die Verkaufszahlen eines – sagen wir mal – Surface Pro 4 erreichen. Doch Ruhm hat es schon mindestens drei Mal so viel erlangt – Bravo, Microsoft!

#19: Kurios – Microsofts Tay.ai Chatbot wird zum Instrument der alternativen Rechten

Im März 2016, als Microsoft seinen Chatbot Tay.ai veröffentlichte, war das Internet für kurze Zeit… anders. Für einige Stunden, vielleicht einen knappen Tag lang, wurde Tay.ais programmierte Nervosität zu einem Spielball von Scherzen und Witzen aller Art – und das war okay so.

Der Spaß fand jedoch ein jähes Ende, als weiße Rechtsextreme Tay beibrachten, alles Gesagte zu wiederholen – darunter beispielsweise auch die öffentliche Leugnung des Holocausts. Nach nur 16 Stunden wurde Tay wieder offline genommen.

Microsoft versprach, Tay wieder Leben einzuhauchen, wenn ihre Schwachstellen beseitigt sein würden, doch das ist bis heute nicht passiert. Stattdessen hat der Konzern einen neuen Chatbot namens Zo erschaffen, der clever genug ist, sich aus politischen Diskussionen heraus zu halten.

Autor: Mark Hachman; Sabine Schischka (Übersetzerin)

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