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Linux Mint: Mehr Leistung, weniger Bremsen – die besten Tipps

21.05.2022 | 08:45 Uhr | Hermann Apfelböck

Wie bei jedem Betriebssystem gibt es auch bei Linux Mint Optionen, die das System beschleunigen und die Benutzung effizienter machen. In diesem Artikel geht es um systemnahe Leistungstipps.

Wenn Linux Mint auf einigermaßen aktuelle Hardware trifft, ist die Distribution bereits nach der Standardinstallation überzeugend schnell. Mit den nachfolgenden Tipps gewinnen Sie aber noch ein Stück Leistung hinzu. Dabei bleiben Mint-spezifische Speedtipps allerdings rar: Die wirksamsten Maßnahmen gelten allgemein für Ubuntu- oder sogar für alle Linux-Systeme.

Allgemeines Mint-Tuning

Auf die Vorzüge schneller Update- und Softwaredownloads dank optimaler Spiegelserver haben wir an früherer Stelle hingewiesen. Eine weitere Standardpflicht ist der Gang in die „Systemeinstellungen“ und zur „Treiberverwaltung“. Für Grafikkarten und WLAN-Chips bieten nämlich die mitgelieferten Open-Source-Treiber nicht die optimale Leistung. Wenn Sie den Punkt „Treiberverwaltung“ starten, beginnt automatisch eine Treibersuche. Wird ein passender Treiber gefunden, können Sie diesen nachinstallieren. Die Durchsicht der Datenträger unter „Laufwerke“ (Gnome-Disks) kann einen erheblichen Mangel offenbaren: Klicken Sie jedes Laufwerk an und kontrollieren Sie über das „Punkte“-Menü und den Eintrag „Laufwerkseinstellungen“, ob der „Schreib- Cache“ aktiviert ist.

Schneller Schreibcache: Diese wichtige Leistungsoption aktivieren Sie mit Gnome-Disks („Laufwerke“) je Datenträger mit einem Mausklick.
Vergrößern Schneller Schreibcache: Diese wichtige Leistungsoption aktivieren Sie mit Gnome-Disks („Laufwerke“) je Datenträger mit einem Mausklick.

Eine grundsätzliche Überlegung gilt der Wahl der kleineren XFCE- oder Mate-Edition. Ein Boost ist davon aber nicht zu erwarten: Beim Booten erzielen XFCE wie Mate nur einen marginalen Vorsprung von ein bis zwei Sekunden. Das sollte niemanden vom attraktiveren Cinnamon abhalten. Ebenfalls gleichauf liegen XFCE und Mate beim RAM-Bedarf (etwa 580 MB) gegenüber etwa 730 MB bei Cinnamon – auch dies ist wohl kein ernstes Argument gegen Cinnamon.

Marginal bleibt der unausrottbare Tipp für Cinnamon, unter „Systemeinstellungen –› Effekte“ die Effekte abzuschalten. Das mag etwas Ressourcen einsparen, aber nicht den Desktop nennenswert beschleunigen, da alle voreingestellten Effekte in 100 bis 200 Millisekunden ablaufen. Gefühlt machen solche Fenstereffekte beim Minimieren oder Wiederherstellen den Desktop sogar flüssiger. Manuelle Experimente unter „Systemeinstellungen –› Effekte –› Anpassen“ mit erhöhter Effektdauer können die Fensteraktionen aber tatsächlich bremsen, falls Sie mit Werten jenseits von 400, 500 Millisekunden hantieren.

Softwarebeschleunigung durch Preload

Preload beschleunigt den Start von Software, die Sie häufig verwenden oder sogar per Autostart laden. Der Dienst protokolliert die Programmfavoriten und lädt deren Standardkomponenten vorab in den Speicher. Preload ist vor allem ein Kandidat für mechanische Festplatten, wo mindestens 15 und bis zu 50 Prozent Startbeschleunigung der Programmfavoriten zu erreichen sind. Preload ist mit 

sudo apt install preload

schnell nachinstalliert und dann sofort aktiv (siehe systemctl - -type=service ).

Swapping ausschalten oder anpassen

Swapping, das Auslagern länger ungenutzter Speicherseiten vom RAM auf Festplatte, ist ein Relikt der 90er-Jahre, als RAM notorisch knapp war. Bei heutigen acht oder 16 GB zeigt die Beobachtung der Swapaktivität im Taskmanager praktisch durchgehend, dass kein Swapping stattfindet. Folglich können Sie die Swapdatei dort abschalten. Die Terminalbefehle 

sudo swapoff /swapfile
sudo rm /swapfile

beenden die Auslagerung und löschen die Auslagerungsdatei. Zuletzt deaktivieren Sie in der Datei „/etc/fstab“ die Zeile

/swapfile [...]

durch ein Kommentarzeichen „#“.

Für den seltenen Fall, dass der Taskmanager aktives Swapping meldet, sollten Sie dem Kernel das Swapping erlauben – aber auch dann gibt es Optimierungschancen. Wie aktiv der Kernel auslagert, steuert der Parameter „Swappiness“, dessen aktuellen Wert Sie mit 

cat /proc/sys/vm/swappiness

ermitteln (Standard ist „60“). Je höher der Wert (von „0“ bis „100“), desto aggressiver schreibt der Kernel in die Swapdatei. Die Anpassung lohnt sich aber nur in extremen Hardwaresituationen: Viel RAM bei langsamer Festplatte legen es nahe, Swapping zu reduzieren – etwa auf „10“. Bei wenig RAM und schneller SSD empfiehlt sich ein hoher Wert wie „90“: 

sudo sysctl vm.swappiness=90

Dauerhaft gilt der Swappiness-Wert erst, wenn Sie die Datei „/etc/sysctl.conf“ bearbeiten: 

sudo nano /etc/sysctl.conf

Vermutlich fehlt der Eintrag „vm.swappiness“ noch – dann fügen Sie folgende Zeile einfach am Ende hinzu: 

vm.swappiness=90

Tipp für Systembastler: Der Befehl sysctl -a listet Kernelparameter auf, die man mit dem Tool sysctl oder in der Systemdatei „/etc/sysctl.conf“ manipulieren kann. Das Anpassen des Swappiness-Werts ist ein Beispiel für die allgemeine Vorgehensweise.

Festplattenaktivitäten auf Ext4

Festplattenchecks reduzieren: Das Tool tune2fs kann mit zahlreichen Optionen die Schreib- und Kontrollaktivitäten von Ext4-Datenträgern beeinflussen.
Vergrößern Festplattenchecks reduzieren: Das Tool tune2fs kann mit zahlreichen Optionen die Schreib- und Kontrollaktivitäten von Ext4-Datenträgern beeinflussen.

Das Standarddateisystem Ext4 bietet für Festplatten viele Optionen über den Befehl tune2fs, die zum Teil mit eingehängten, oft nur mit ausgehängten Datenträgern funktionieren. Eine Übersicht für eine Festplatte erhalten Sie mit diesem Befehl: 

sudo tune2fs -l /dev/sda

Folgendes Beispiel reduziert die Datenträgerchecks: 

sudo tune2fs -i60 -c100 /dev/sda

Ein Festplattencheck wird dann nur noch alle 60 Tage („-i60“) oder nach 100 Reboots („-c100“) erfolgen – je nachdem, welches Ereignis früher eintritt.

Ein weiteres Beispiel ist das Abschalten der Journalingfunktion. Journaling dient zur Wiederherstellung von Dateien nach Abstürzen und ist auf der Systempartition wünschenswert. Auf USB oder reinen Datenpartitionen verursacht diese Funktion nur unnötigen Schreibaufwand:

sudo umount /dev/sdd? 
sudo tune2fs -O ^has_journal /dev/sdd

„umount“ ist nötig, weil das Dateisystem bei dieser Änderung nicht eingehängt sein darf. Der zweite Befehl schaltet Journaling für „/dev/sdd“ ab, wovon Sie sich mit

sudo tune2fs -l /dev/sdd

in der Zeile „Filesystem features“ überzeugen können. Umgekehrt lässt sich das Journaling so wieder aktivieren:

sudo tune2fs -O has_journal /dev/sdd 

Autostarts ausmisten

Alle Autostarts: „Startprogramme“ zeigt die ganze Menge der Komponenten erst an, wenn die Anweisung „NoDisplay“ in den Konfigurationsdateien abgeschaltet haben.
Vergrößern Alle Autostarts: „Startprogramme“ zeigt die ganze Menge der Komponenten erst an, wenn die Anweisung „NoDisplay“ in den Konfigurationsdateien abgeschaltet haben.

Desktops wie Cinnamon laden zahlreiche Programme bei der Anmeldung. Das Abschalten solcher Autostarts über das Tool „Startprogramme“ spart Speicher und beschleunigt den Desktopstart. Wer rigoros ausmisten will, muss aber wissen, dass „Startprogramme“ viele systemnahe Komponenten ausblendet. Dafür sorgt die Anweisungszeile „NoDisplay=true“ in der jeweiligen Desktopdatei. Mit 

cd /etc/xdg/autostart/ 
sudo sed --in-place 's/ NoDisplay=true/ NoDisplay=false/g' *.desktop 

schalten Sie die Anweisung in allen Startern ab. Damit werden unter „Startprogramme“ alle Autostarts sichtbar und können deaktiviert werden. Theoretisch können Sie außer D-Bus, X-Settings-Plug-in, Automount und den Sicherheitsdienst alles abschalten. Aber es ist Ermessensfrage, worauf Sie tatsächlich verzichten können: Ohne „Pulseaudio“ ist nur ein Audiostrom möglich, ohne Erinnerungen der „Aktualisierungsverwaltung“ müssen Sie selbst an die Updates denken.

Systemdienste abschalten

Jedes Linux lädt Dienste, die längst nicht jeder benötigt. Das Abschalten von Diensten ist aber eine Wissenschaft für sich – mit unkalkulierbaren Folgen, wenn der Benutzer nicht kompetent ist. Einblick in die aktiven Dienste erhalten Sie im Terminal: 

systemctl --type=service 

Systemdienste sind keine Bremsen. Das können Sie mit 

systemd-analyze blame

kontrollieren, der die Ladezeiten absteigend (längste bis kürzeste) auflistet. Trotzdem können Sie unnötige Dienste abschalten (Beispiel): 

sudo systemctl stop avahi-daemon.service 
sudo systemctl disable avahidaemon.service 

Diese Befehle stoppen den angegebenen Netzwerkdienst und deaktivieren ihn dauerhaft. Mit den Parametern „enable“ und „start“ wäre er wieder zu aktivieren.

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