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Homo digitalis - ist das die Zukunft?

08.07.2019 | 08:52 Uhr | Prof. Toby Walsh

Seit es auf dem Planeten Erde Leben gibt, herrscht unter den Arten ein Kommen und Gehen. Und so wird auch der Homo sapiens eines Tages einer neuen Spezies weichen müssen - dem Homo digitalis. Gedanken dazu vom KI-Wissenschaftler Toby Walsh.

Menschen sind bemerkenswert. In der Tat, trotz der großen Fülle an Leben auf dem Planeten sind wir vielleicht die bemerkenswerteste Spezies, die jemals dort gelebt hat. Aber trotz all unserer Erfolge werden wir bald ersetzt. Und fast alle Spuren des Homo sapiens werden von der Erde gelöscht. Wie auch fast alle Spuren unseres Vorgängers Homo neanderthalis verschwunden sind.

Die Evolution hört nie auf. Vor fünfzigtausend Jahren war der Homo neanderthalis dem Aufstieg des Homo sapiens nicht gewachsen. Wir wissen nicht genau, wann oder wie die Neandertaler ausgestorben sind. Es könnte daran gelegen haben, dass sie sich nicht an den Klimawandel angepasst haben. Ein Problem, das uns heute laut entgegenschallen sollte. Oder es könnte sein, dass wir die Vorfahren übertroffen haben und ihnen keine ökologische Nische zum Überleben gelassen haben.

Was auch immer es war, die Neandertaler starben eindeutig aus und wurden durch uns Menschen ersetzt. Wie jede Art vor uns werden auch wir bald durch eine neue und erfolgreichere Art ersetzt. Und da wir klug sind - sapiens (klug, weise) ist ja Teil unseres Namens - können wir sogar vorhersagen, wer dieser Nachfolger sein wird.

Unser Nachfolger wird der Homo digitalis, die Weiterentwicklung der Gattung Homo in die digitale Form. Sowohl was wir tun als auch wo wir etwas tun, wird zunehmend und in einigen Fällen ausschließlich digital werden. Das menschliche Denken wird durch das digitale Denken ersetzt und menschliche Aktivität in der realen Welt durch digitale Aktivität in künstlichen und virtuellen Welten. Das ist unsere künstliche intelligente Zukunft.

Wer ist dann dieser Homo digitalis, diese noch bemerkenswertere Art, die uns ersetzen wird? Eine Spezies wird durch zwei Dinge definiert: durch das, was sie ist und durch das, wo sie handelt. Im Falle des Homo digitalis wird beides zunehmend digital sein.

Der Homo digitalis wird als die digitale Version von uns selbst beginnen. Wenn Computer intelligenter werden, werden wir mehr und mehr von unserem Denken an Computer abgeben. Dieses digitale Selbst wird nicht mehr von unserem komplexen, chaotischen und etwas begrenzten Gehirn zurückgehalten. Wir werden die Begrenzungen eines Körpers verlassen, der Ruhe und Schlaf braucht. Eines Körpers, der zerfällt und stirbt. Wir werden nicht mehr darauf beschränkt sein, uns zu einer bestimmten Zeit nur an einem Ort aufzuhalten und zu agieren. Wir werden überall gleichzeitig sein.

Homo digitalis wird auch nicht mehr Teil der langsamen, chaotischen und gefährlichen Analogwelt sein müssen. Mehr und mehr werden wir in einer rein digitalen Welt leben und handeln. Nach Jahrhunderten des Klimawandels, der Finanzkrise und des Terrorismus wird diese digitale Welt ein einladender, organisierter und anständiger Ort sein. Es wird keine Unsicherheiten oder Willkür geben, die das Leben auf dem Planeten Erde manchmal so schmerzhaft machen. Es wird weder Erdbeben noch Erdrutsche geben. Keine Plagen. Alles wird nach genauen und fairen Regeln ablaufen. Homo digitalis wird der absolute Meister dieses digitalen Universums sein. In gewisser Weise werden wir dann zu unseren eigenen Göttern geworden sein.

Das ist das optimistische Ergebnis. Weil wir diese digitale Zukunft aufbauen können. In diesem Sinne sind wir wirklich Götter. Und wir können sicherstellen, dass diese digitale Zukunft fair ist. Gerecht. Und wunderschön.

Oder wir können die gegenwärtigen Kräfte, die unseren Planeten gestalten, definieren lassen, was er ist. Und zulassen, dass er voller Ungleichheit ist. Und Ungerechtigkeit. Und Leid.

Wir können wählen. Und wir beginnen heute, diese Entscheidungen zu treffen. Die Zukunft ist nicht unvermeidlich. Sie ist das Ergebnis der Entscheidungen, die wir heute treffen. Aber es scheint mir wahrscheinlich, dass wir uns an einem sehr kritischen Punkt in der Menschheitsgeschichte befinden. Es gibt viele Kräfte, die uns einen rutschigen Hang hinunterstossen. Einen Hang, der in einer sehr unangenehmen Welt endet.

Aber wir haben die Chance, einige Entscheidungen zu treffen, die uns vor diesem Ende bewahren und uns in eine strahlende digitale Zukunft führen werden. Einige dieser Entscheidungen werden einfach und billig sein. Andere schwierig und kostspielig. Und sie werden Weitblick erfordern. Führung. Egoismus. Sogar Opfer.

Wir hatten großes Glück. Wir hatten den Planeten Erde mit seinem Lauf in den letzten paar hunderttausend Jahren. Dieser fantastische blau-grüne Punkt, der sich um einen eher typischen Stern an einem kleinen Spiralarm der Milchstraße dreht.

Wir sind es unserem Kind Homo digitalis schuldig, die nächsten Jahrzehnte richtig zu gestalten.

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Prof. Toby Walsh hält weltweit Vorträge über die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz und Robotik und ist Buchautor.

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