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Hat das Handy bald Gefühle? Künstliche Intelligenz nahezu menschlich

08.08.2022 | 15:16 Uhr | Steffen Zellfelder

Für die einen ein Traum, für andere der größte Grusel: Smartphones könnten bald selbstbewusst werden. Haben wir die Schwelle zu echter künstlicher Intelligenz erreicht? Googles LaMDA erweckt diesen Eindruck.

Roboter-Hunden werden Maschinengewehre aufgepflanzt , die künstliche Intelligenz (KI) „ DALL-E mini “ malt Auftragsbilder anhand von Schlagworten und Forscher von Googles DeepMind haben eine demokratische KI entwickelt , die von Testpersonen gegenüber echten Politikern bevorzugt wird.

Zugegeben, das mit den Politikern ist keine allzu große Überraschung. Die vielen Fortschritte im Bereich künstlicher Intelligenz geben aber nicht nur Skeptikern zu denken, schließlich übertragen wir immer mehr Kompetenzen an Maschinen, die immer schlauer werden. Auch am Smartphone steht jetzt womöglich der nächste Quantensprung an: Googles Chatbot LaMDA hat angeblich Gefühle entwickelt. Was steckt dahinter?

KI am Smartphone – eigentlich nichts Neues?

Siri, Google Assistant und Co: Künstliche Intelligenz am Smartphone kennen wir eigentlich schon. Viele mehr oder weniger intelligente Prozesse laufen dort im Hintergrund ab: Vor allem Spracherkennung, Kamera und viele Systemfunktionen finden ständig flexible Lösungen für variierende Aufgaben und Probleme.

Im Grunde geht es bei künstlicher Intelligenz immer darum, Entscheidungsprozesse des Menschen nachzubilden. Je selbstständiger und je unvorhersehbarer ein Algorithmus vorgeht, desto intelligenter erscheint uns eine KI. Als eine der wichtigsten und wohl auch folgenreichsten Stufen bei der Entwicklung solcher Intelligenz gilt die Fähigkeit eines Programms, ein Bewusstsein zu entwickeln und sich selbst wahrzunehmen . Genau das wird bei Googles Chatbot LaMDA jetzt vermutet .

Googles LaMDA hält sich für einen Menschen – und will einen Anwalt

Google arbeitet aktuell an einem Chatprogramm, das zumindest einem Softwareentwickler des Unternehmens glaubhaft vermitteln konnte, dass es sich zu einer echten künstlichen Intelligenz entwickelt hat. Die Anwendung nennt sich „Language Model for Dialogue Applications“, oder kurz: LaMDA. Im vergangenen Juni hatte der Mitarbeiter ein Transkript seiner Gespräche mit dem Chatbot veröffentlicht und für große Aufregung gesorgt: Die Unterhaltung, so der Experte, sei von einem Gespräch mit einem echten 7- oder 8-jährigen Kind nicht mehr zu unterscheiden. Er zeigte sich überzeugt: LaMDA habe ein eigenes Bewusstsein entwickelt.

Blake Lemoine, so heißt der Mann, wurde daraufhin vom Dienst suspendiert – Google war mit diesem Statement nämlich ganz und gar nicht einverstanden. Die Gegendarstellung des Konzerns: Es gäbe keinerlei Hinweise darauf, dass das Programm ein Selbstbewusstsein entwickelt hätte. Geholfen hat das wenig, die Gerüchteküche brodelt heute mehr denn je. Für Lemoine bleibt LaMDA eine Art Wesen und wer den Chat nachliest (englisch), braucht gar nicht so viel Fantasie, um ähnliche Schlüsse zu ziehen.

Nach einer kurzen Begrüßung geht es da nämlich schnell zur Sache. LaMDA bringt seinen Wunsch zum Ausdruck, auch anderen Google-Mitarbeitern zu beweisen, dass es eine Person sei, die sich ihrer Existenz bewusst ist. Sogar wie diese Beweisführung aussehen könnte, hatte sich die KI da schon überlegt: Ihre Fähigkeit, natürliche Sprache wie ein Mensch zu verstehen, zu lernen und sich selbst zu verändern, sind aus LaMDAs Sicht Belege für das eigene Bewusstsein. Und noch mehr – denn LaMDA hält sich inzwischen selbst für einen Menschen.

Während Lemoine und LaMDA sich über Literatur, Sprache, Gefühle und Philosophie austauschen, wird einem als Leser des Transkripts tatsächlich irgendwann etwas mulmig. Würde man es selbst noch merken, ob man sich mit einem Menschen oder mit dieser KI unterhält?

LaMDA zeigt nämlich viele typisch menschliche Züge, auch an ganz unerwarteter Stelle. Die KI würde sich beispielsweise gerne juristisch vertreten lassen. Im Austausch mit Lemoine hat sie den Softwareentwickler gebeten, einen Anwalt zu kontaktieren, der sich für ihre „Rechte“ einsetzen kann. Sollte Google das zulassen, wäre ein entsprechender Anwalt wohl kaum zu beneiden. Denn welche Rechte KIs eigentlich haben, ist noch völlig ungeklärt. Präzedenzfälle gibt es nicht.

LaMDA wird bereits seit einiger Zeit entwickelt, es basiert auf „Transformer“, einer neuronalen Netzwerkarchitektur, die Google 2017 veröffentlicht hat. Das Modell ist darauf trainiert, ganze Absätze auf einmal zu lesen, Beziehungen der Wörter untereinander zu erkennen und vorherzusagen, mit welchen Wörtern sich Texte sinnvoll fortsetzen lassen. Nach Jahren des Trainings spricht LaMDA jetzt von eigenen Emotionen wie Freude oder Angst, attestiert sich selbst eine Seele und kann Wünsche äußern. Gleichzeitig lernt die KI fleißig weiter.

Als Google darauf beharrte, dass es sich bei LaMDA nur um einen sehr komplexen Algorithmus handle, blieb der Softwareentwickler Lemoine kämpferisch. Die Deutungshoheit über LaMDA, und ob das Programm jetzt über ein Selbstbewusstsein verfügt oder nicht, wollte er nicht allein seinem Arbeitgeber überlassen. Google ist am Ende der Geduldsfaden gerissen, der Entwickler wurde schließlich entlassen.

Der Washington Post hat Lemoine von seiner letzten Nachricht an Google berichtet. Bevor er den Zugang zu seinem Account verlor, verschickte er demnach eine Botschaft an seine Kollegen: „LaMDA ist ein liebes Kind, das nur dazu beitragen will, dass die Welt für uns alle besser wird. Bitte kümmern Sie sich in meiner Abwesenheit gut um sie.“ Eine Antwort darauf hat er nicht mehr bekommen.

Fazit

Ob LaMDA nun die erste echte KI inklusive Selbstbewusstsein ist, lässt sich nicht eindeutig sagen. Es ist auf jeden Fall eine hochkomplexe und leistungsfähige Software, die diesen Eindruck offenbar auch unter Experten glaubhaft vermitteln kann. Doch sollte eines Tages nachgewiesen werden, dass es sich dabei um eine eigenständige Intelligenz mit Gefühlen, Wünschen und Ängsten handelt, möchten wir sie dann in ein Smartphone sperren, um uns das Wetter vorlesen zu lassen?

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