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Fyde-OS: Chrome-OS für Raspberry Pi

23.06.2021 | 08:05 Uhr |

Einschalten – Anmelden – Loslegen: Das ist der Grundgedanke der besonders web- und cloudaffinen Chromebooks mit Chrome-OS. Das chinesische Betriebssystem Fyde-OS übernimmt dieses Konzept für den Raspberry Pi.

Chrome-OS integriert Webanwendungen in das Betriebssystem. Da die Logik der Anwendungen überwiegend aus der Cloud kommt, sind die Hardwareanforderungen gegenüber klassischen Notebooks eher gering. Nicht zuletzt mit dem Aufkommen des Raspberry Pi 400 stellt sich die Frage, ob der kleine Platinenrechner nicht auch zu einem „Chromebook“ gemacht werden kann. In diesem Artikel stellen wir eine chinesische Variante des Betriebssystems vor, die genau das umsetzt, dabei aber eher wagemutige Anwender voraussetzt.

Installation mit Tücken

Die chinesische Wirtschaft war einer der Lieblingsgegner des ehemaligen US-Präsidenten Trump – mit weitreichenden Konsequenzen für die Technikindustrie. Der als Sicherheitsrisiko eingestufte Huawei-Konzern durfte keine Google-Dienste mehr in seinen Geräten anbieten. Der Bann, der nach wie vor in Kraft ist, schneidet China von vielen amerikanischen Technologien ab. Deshalb koppelt sich Fyde-OS weitestgehend von den kommerziellen Komponenten von Chrome-OS ab.

Um das System auf einem Raspberry Pi 400 oder Pi 4 einzusetzen, müssen Sie sich zunächst von der Projektseite die passende Imagedatei besorgen. Da die Seite  überwiegend in chinesischer Sprache geschrieben ist, aktivieren Sie am besten die automatische Übersetzung ihres Browsers, um den Downloadbereich zu finden. Mit Etcher oder dem Raspberry Pi Imager übertragen Sie das Image dann auf eine SD-Karte. Während des Downloads oder beim Beschreiben der Karte besorgen Sie sich für Ihr Smartphone am besten schon einmal den Messenger Telegram. Der wird in einem weiteren Schritt benötigt.

Ist der Schreibvorgang abgeschlossen, können Sie den Pi mit dem neuen Betriebssystem starten. Das dauert etwas länger als gewohnt, danach erscheint aber der Einrichtungsbildschirm. An dieser Stelle kommt dann Telegram ins Spiel. Fyde-OS bietet zwar einen Gastzugang, der allerdings keine individuellen Einstellungen speichert. Wenn Sie sich nur kurz umsehen wollen, klicken Sie auf den entsprechenden Link in der linken unteren Ecke des Bildschirms. Für eine dauerhafte Installation und individuelle Einstellungen brauchen Sie hingegen ein Benutzerkonto. Klicken Sie daher auf „Create Account“. Nun erwartet das System von Ihnen die Angabe Ihrer Mobilnummer. Mit dieser Nummer müssen Sie auch auf Telegram registriert sein. Wählen Sie also „Deutschland“ aus und tragen Sie die Nummer ein. Als Ergebnis zeigt Ihnen das System einen QR-Code. Im Messenger wechseln Sie in die „Einstellungen“ und dort dann in den Bereich „Geräte“. Tippen Sie auf „QR-Code scannen“ und nehmen Sie den am Bildschirm angezeigten Code auf. Damit öffnet sich eine Konversation mit dem Chatbot von Fyde-OS. Tippen Sie auf „Start“ und warten Sie einen Moment. Je nach Auslastung des Systems dauert es bis zu zwanzig Minuten, bis der Bestätigungscode erscheint. Haben Sie diesen erfolgreich eingetragen, ist Ihr Benutzerkonto erfolgreich angelegt.

Das System einrichten

Nach der Installation stellen Sie über die „Einstellungen“ zunächst die Sprache und die Eingabemethode auf Deutsch, um sich leichter zu orientieren.
Vergrößern Nach der Installation stellen Sie über die „Einstellungen“ zunächst die Sprache und die Eingabemethode auf Deutsch, um sich leichter zu orientieren.

Das System startet zunächst mit einem nahezu leeren Desktop. Wenn Sie ein Smartphone oder ein Tablet auf Basis von Android nutzen, werden Sie sich aber sofort orientieren können. Der Schalter am linken Rand bietet Zugriff auf Programme. In der Mitte der Leiste starten Sie den Chromium-Browser oder greifen auf Dateien zu. Ein wichtiges Element ist der Infobereich in der rechten unteren Ecke. Darüber stellen Sie etwa die Verbindung mit einem Netzwerk her, melden sich ab oder greifen auf die Einstellungen zurück. Klicken Sie auf den Infobereich und anschließend auf das Zahnrad. Damit öffnen Sie die Systemeinstellungen. In der linken Navigation finden Sie den Eintrag „Languages“.

Im Hauptbereich des Fensters wählen Sie unter „Languages“ und „Input“ die deutsche Sprache aus. Es werden im Hintergrund die Sprachdateien heruntergeladen. Starten Sie den Raspberry neu, damit die Änderungen wirksam werden. Anschließend sollte der Anmeldebildschirm Sie bereits auf Deutsch begrüßen. Sie gelangen damit wieder zum Desktop. Anders als bei mobilen Geräten kennt dieser auch den Rechtsklick. Führen Sie einen solchen auf einer freien Stelle der Arbeitsfläche aus, können Sie über „Hintergrund festlegen“ zur Auswahl von Bildern springen, um dem Desktop einen persönlichen Touch zu verleihen. Es würde etwas weit führen, sämtliche Optionen der Einstellungen an dieser Stelle auszuführen. Besitzer eines Android-Tablets haben hier einen leichten Vorteil, da sich die Menüs und deren Anordnung an Android orientieren.

Software installieren

Über den Startschalter gelangen Sie zur Programmauswahl. Dabei wird zunächst eine Auswahl gezeigt, die Liste kann aber mit der Maus vergrößert werden.
Vergrößern Über den Startschalter gelangen Sie zur Programmauswahl. Dabei wird zunächst eine Auswahl gezeigt, die Liste kann aber mit der Maus vergrößert werden.

Die Installation von Apps übernimmt ein eigener App Store. Um das Angebot zu erkunden und ein Programm zu installieren, klicken Sie zunächst auf den Startschalter in der linken unteren Ecke der Leiste. Beachten Sie den kleinen grafischen Hinweis, dass nur ein Teil der Apps zu sehen ist. Mit einem Klick vergrößern Sie die Ansicht und sehen dann dort auch den Eintrag „Store“. Damit starten Sie den App Store, der verschiedene Kategorien umfasst. Da Fyde-OS ein Android-Subsystem umfasst, ist auch die Installation von Apps möglich, die sonst nur für ein Tablet oder Smartphone angeboten werden.

Allerdings verhalten sich diese auf einem großen Bildschirm nicht immer konsistent. Bei der Auswahl der Apps merken Sie auch die Herkunft des Systems. Denn zu den populärsten Apps gehört etwa der Messenger Wechat, der in China deutlich mehr als nur ein Kommunikationsdienst ist. Unter „Essentials“ haben die Entwickler eine Reihe von Anwendungen zusammengestellt, die ihrer Meinung nach besonders nützlich sind. Außerdem gibt es ein Angebot an Chrome-Apps, die als Unterbau den Google-Browser (oder die von Fyde eingesetzte Variante Chromium) voraussetzen. Sofern Sie für Schreibarbeiten nicht ohnehin gleich auf die Google-Docs setzen, die dann ja direkt über den Browser bedient werden, installieren Sie sich die Office-Anwendungen von Microsoft. Allerdings hat Microsoft schon vor einiger Zeit die Nutzung der Apps eingeschränkt.

Ohne die Nutzung eines Abonnements von Microsoft übernehmen die Programme nur die Aufgabe eines Viewers. Um Dateien produktiv bearbeiten zu können, müssen Sie sich in der App mit Ihren Microsoft-Zugangsdaten anmelden. Danach steht aber der gewohnte Funktionsumfang zur Verfügung. 

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