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District-9-Regisseur Neil Blomkamp über seinen ersten Shooter mit dem Crysis-Team

31.07.2021 | 08:01 Uhr |

Hollywood-Regisseur Neil Blomkamp, der Mann hinter melancholischen Action-Dramen wie District 9, Elysium und Chappie, arbeitet an einem neuen Triple-A-Shooter zusammen mit Ex-Crytek-Veteranen und Crysis-Machern in Frankfurt. Blomkamp erzählt, wie er Shootern und ihren Welten mehr erzählerische Tiefe geben will.

Neben Christopher Nolan dürfte Neil Blomkamp der experimentellste Regisseur Hollywoods sein. Kaum ein anderer versteht es so meisterhaft, Realität und Fantasie, Dokumentarfilm und traditionelles Kino, Live-Action und CGI zu verheiraten. Und dabei Geschichten darüber zu erzählen, wie kompliziert die Welt sein kann, und welche Gefahren der Versuch birgt, sie zu kategorisieren, zu vereinfachen. District 9 ist so gut, weil wir nie wissen, was gleich passiert. Weil Blomkamp, der in Johannesburg aufgewachsen ist und die Hochphase der Apartheid live miterlebt hat, den Schneid hatte, Aliens als eine Rasse darzustellen, die von der Zivilisation ausgegrenzt wird. Er zeichnet sie so, wie viele Menschen Flüchtlinge sehen und macht uns nachdenklich. Er spielt auch mit unserer Erwartungshaltung, denn mit Aliens verbinden wir Alien-Invasionen - niemand würde damit rechnen, dass die einfach nur aus Versehen auf der Erde eine Bruchlandung hingelegt haben, weil ihr Raumschiff einen Defekt hat.

Seine Filme wirken, weil sie etwas zu sagen haben: Elysium zeichnet die Dystopie einer Welt, in der die Reichen auf eine Weltraumstation fliehen, die ihnen puren Luxus bietet und ewiges Leben, während die Armen auf einer Erde zurückgeblieben sind, die kaum noch bewohnbar ist. Wo Gesundheit ein Luxusgut ist - wie in den realen USA unserer Zeit, in der ekelhafte Pharma-Manager Allerwelts-Medizin wie Insulin im Preis haben so explodieren lassen, dass Menschen sterben mussten. Eine Pulle Insulin stieg im Preis von 21 auf 275 US-Dollar. Mit genau dieser Thematik spielt Elysium: Denn eigentlich könnten all die kranken Menschen auf der Erde problemlos geheilt werden - es existiert ein Protokoll, welches tausende Rettungs-Androide in ihren Schiffen entsenden könnte, um alle zu retten. Mit der medizinischen Ausstattung dieser Zeit wäre das in Minuten möglich. Nur – die Elite will das nicht.

Faszinierend, welche Brisanz Filme nach einigen Jahren entwickeln können: Gerade in diesen Wochen flogen Milliardäre wie Jeff Bezos und Richard Branson ins All. Klar, man könnte sagen, sie machen das, weil sie es können und irgendwie ihren Reichtum verschleudern müssen. Aber da könnte auch mehr dahinterstecken.

Und genau dieser Neil Blomkamp, der sich der Gesellschaftskritik im Hollywood-Mantel verschrieben hat, arbeitet jetzt an seinem ersten Triple-A-Shooter, zusammen mit sehr vielen Veteranen, die einst Crysis schufen – die goldenen Jahre von Crytek. 25 Millionen US-Dollar stehen zur Verfügung und das brandneue Studio Gunzilla Games zieht in Frankfurt in jenes Büro, in denen einst Crysis entstand. Genauer gesagt, entsteht gerade eine komplette Studiogruppe – mit Frankfurt als Headquarter sowie einem US-Studio in Los Angeles und einem in Kyiv, in der Ukraine. Wie viel Crytek-DNA hier drin steckt, zeigen einige Top-Personalien: Studiochef wird Alexander Zoll, der schon bei Crytek im Vorstand war. Chief Technical Officer wird Timur Davidenko, der bereits die technische Leitung für die CryEngine bei Crysis 3 hatte. Eine Reihe, die auch heute noch als technische Referenz gilt. Es gab nie wieder ein Spiel, welches Zerstörung so edel und in so viel Detail zelebriert hat wie die Crysis-Reihe.

Blomkamps Filme haben immer eine starke gesellschaftskritische Komponente. Es geht immer um Ausgrenzung, in Chappie wird etwa ein netter, schüchterner Roboter völlig missverstanden.
Vergrößern Blomkamps Filme haben immer eine starke gesellschaftskritische Komponente. Es geht immer um Ausgrenzung, in Chappie wird etwa ein netter, schüchterner Roboter völlig missverstanden.
© Columbia Pictures

Crysis wurde von Electronic Arts leider sehr stümperhaft vermarktet – mehr als Waffen-Porno, weniger als revolutionäre Open-World. Denn Crysis 2 und 3 konnten 2013 schon viel mehr als die größten Open-Worlds heute auffahren. Wir konnten etwa mit Elektropfeilen gezielt auf Pfützen zielen, trat der Feind dort rein, bekam er einen satten Schock verpasst. Es hatte eine riesige Open-World, die sich strategisch nutzen ließ. Crysis 3 nutzte schon vor acht Jahren jenes System, das jetzt Battlefield 2042 implementiert. Wo wir auf Tastendruck eben einmal schnell Schalldämpfer anschrauben, Visiere anbringen oder einen Granatwerfer aktivieren können. Und es sah unverschämt gut aus, mit wirklich starkem Art-Design. Da trifft es sich gut, dass Art Director Jussi Keteli jetzt am World-Design zusammen mit Neil Blomkamp arbeitet. Keteli war schon Environment-Artist für Crysis 3, arbeitete daran an dem sehr atmosphärischen Hunt: Showdown und anschließend an den majestätischen Raumschiffen von Star Citizen, welches übrigens auch auf der CryEngine basiert.

Wir wollen die narrative Erfahrung auf das nächste Level heben.“

"Gunzilla hat eine starke Vision, die sich deutlich abhebt“, erzählt der Hollywood-Regisseur. „Mit einem Team aus unglaublichen Talenten und langjährigen Branchenveteranen erschaffen wir einen aufregenden neuen Multiplayer-AAA-Shooter, der die Grenzen des Gameplays, der Spielerfreiheit, der Anpassungsmöglichkeiten sowie der erzählerischen Erfahrung innerhalb des Shooter-Genres verschiebt. Meine eigene Erfahrung mit Filmen auf der großen Leinwand wird hoffentlich dazu beitragen, neue Wege des interaktiven Geschichtenerzählens und der visuellen Gestaltung der nächsten Generation zu finden.“ Denn genau das kann Blomkamp unglaublich gut: Als wir als Gesellschaft anfingen, über AI und darüber zu sprechen, ob Roboter irgendwann mal Gefühle entwickeln könnten, arbeitete er an Chappie – einem sehr süßen, nachdenklich machenden Film, in dem ein harmloser, sehr netter, ja regelrecht schüchterner Roboter brutal gejagt wird – von Banden verprügelt, von Soldaten beschossen. Eine junge Frau und ihr Mann nehmen ihn auf, für ihn sind sie Mama und Papa. Blomkamp schafft es immer wieder, uns zu überraschen, Storytelling anders zu strukturieren, als wir das gewohnt sind. Wir sind aus Hollywood das große Happy End gewohnt, bei Blomkamp gibt es das eher selten.

Als Chief Vision Officer wird Neil Blomkamp für das Weltendesign verantwortlich sein. Schon in Elysium erzählte zeigte er so etwa Unterschiede zwischen armen Menschen im Dreck und reichen Menschen in einer luxuriösen Weltraumstation.
Vergrößern Als Chief Vision Officer wird Neil Blomkamp für das Weltendesign verantwortlich sein. Schon in Elysium erzählte zeigte er so etwa Unterschiede zwischen armen Menschen im Dreck und reichen Menschen in einer luxuriösen Weltraumstation.
© Columbia Pictures

Die Spielebranche hat sich stark entwickelt in den letzten Jahrzehnten, Werke wie BioShock, The Last of Us oder Ghosts of Tsushima gehen tief auf der Charakterebene.

„Ich komme aus den Visual Effects ursprünglich, das habe ich gelernt. Vermutlich liebe ich deshalb dreidimensionale Umgebungen“, erzählte uns Neil Blomkamp, als wir ihn zuletzt auf der E3 vor einigen Jahren getroffen haben. „Ich liebe es, virtuelle Welten entstehen zu lassen, bei denen man als Kreativer alles konfigurieren kann. Du wirfst deine Spieler in diese 3D-Box, weckst ihre Gefühle über Musik, Sound-Design.“ Seine Leidenschaft für Spiele hat seine Filme stark inspiriert: „Alle Waffen in District 9 sind im Grunde wie in Half-Life.“ Fez fand er gut, diese „komische, alternative Realität mit dem fantastischen Soundtrack. Aber auch Multiplayer-Shooter: In seinem Filmstudio Oats Studios ist jeden Freitag CS:GO angesagt, aber auch Battlefield fasziniert ihn oder wie Metal Gear 5 diese innovative Brücke zwischen Singleplayer und Multiplayer baut, in der wir entscheiden müssen: Sollen wir uns gegenseitig mit Atombomben vernichten? Oder das mal lieber lassen. Metal Gear ist ja auch deshalb so interessant, weil wir gegnerische Soldaten nicht töten müssen, wir kidnappen sie mit einem Ballon. „Ich liebe es zu überraschen und überrascht zu werden. Hideo Kojima ist darin verdammt gut.“

Neil Blomkamp kommt aus VFX und liebt die Vermischung aus Film und Spieleengine

Blomkamp hat Visual-Effects-Design an der Vancouver Film School studiert und an visuellen Effekten und 3D-Animationen für viele Serien gearbeitet, die die meisten von Ihnen kennen dürften: Stargate SG1 etwa, Smallville oder James Camerons Agenten-Serie über eine genmanipulierte Ex-Soldatin namens Dark Angel mit Jessica Alba. Und was viele nicht wissen: Blomkamp hat in seiner Karriere nicht viele Kino-Filme gemacht, obwohl er dafür bekannt wurde – insgesamt nur drei Filme bisher: District 9 (2009), Elysium (2013) und Chappie (2015). Aktuell arbeitet er an District 10, was aber noch in einer sehr frühen Phase ist: Zusammen mit seiner Frau Terri Tatchell (die auch schon District 9 geschrieben hat) und Sharlto Copley, der die Hauptrolle im letzten Film spielte, sitzt er gerade noch am Drehbuch. Warum das so lange gedauert hat? Blomkamp tickt anders als Hollywood. Box-Offices, Einnahmen, der Rote Teppich und Oscar-Nominierungen sind nicht sein Antrieb: „Es hat ein Jahrzehnt gedauert, einen Grund zu finden, warum man diesen Film machen sollte“, sagt er selbst auf Twitter. Spekuliert wird deshalb, dass er sich der Spaltung der USA als Thema bedienen wird, aber auch wie die Pandemie Gesellschaften beeinflusst, könnte man sich gut vorstellen. Corona hat gezeigt, dass es einen schmalen Grat gibt, zwischen unserer Sicherheit und unserer Freiheit. Untätig war der gute Mann aber nicht, satte 22 Kurzfilme hat er in den letzten Jahren gedreht. District 9 basiert auch auf einem seiner Kurzfilme namens „Alive in Joburg“ – der Film spielt ja in der Zukunft seiner Heimat Johannesburg, dabei hat er sich in diesen speziellen Stil mit der Handkamera verliebt.

Neil Blomkamp sollte ursprünglich eine Serie zu EAs Anthem produzieren. Weil aber das Spiel floppte, ist daraus leider nicht viel mehr geblieben als ein Teaser:

Weil er damals kein Budget hatte, wurden Videospiel-Soldaten quasi in das Film-Footage gemoddet. Genauso wie Raumschiffe und Aliens. 2017 hat er dann mit Oats Studios einen super interessanten Feldversuch gestartet: Kurzfilme mit mittlerer Länge (um die 21 Minuten) wurden auf Youtube und Steam gepackt, jeder konnte sich alle Assets aus Unity runterladen und damit selbst Inhalte kreieren und die Geschichte weitererzählen. Natürlich wissen wir nicht, ob hier die Reise hingehen wird, jetzt wo man die CryEngine hat. Auch im Gespräch mit den Kollegen von IGN gibt sich Blomkamp noch etwas kryptisch: „Wenn ich an Elysium denke, dann ist die Menge an Kreativität, die Ideen, um die Welt aufzubauen und in welchem geschichtlichen Kontext sie sich entwickelt hat, das eigentliche World-Building, das Bauen der Welt, 95 Prozent der Arbeit. Und diese sind enorm wichtig, um zu den fünf Prozent zu kommen, die der Film letztlich zeigt. Narrative Tiefe entsteht nicht nur aus Dialog, es gibt da ganz faszinierende andere Möglichkeiten, mit denen wir experimentieren wollen.“

Wen Blomkamp gerade nichts zu tun hat, dreht er mit seinen Oats Studios abgefahrene Kurzfilme für Youtube. Mal mit Tiefgang, mal bewusst trashig. Kann man mal reingucken:

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