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Deutsche Kunden verschließen sich vor neuen Technologien

03.06.2020 | 11:54 Uhr | Sabrina Janßen

Die German Angst ist sprichwörtlich – den deutschen Bürgern sind moderne digitale Technologien unheimlich. Welche Gründe es für diese Skepsis gibt, welche Konsequenzen sie unter anderem für die deutsche Wirtschaft hat und warum der Corona-Lockdown eine Kehrtwende bringen könnte, soll dieser Beitrag klären.

Deutschland wirkt oft wie eine technikferne Insel mit leicht schrulligen Eingeborenen, die Bargeld und Papierformulare schätzen, sich nur ein schwaches und löchriges Mobilfunknetz leisten und Internet über lahme Kupferadern nutzen statt über die ultraschnelle Glasfaser.

Diese Beschreibung ist zwar eine Karikatur, aber nicht ganz fern der Wirklichkeit. So fällt zum Beispiel im privaten Bereich der Einsatz digitaler Schlüsseltechnologien gegenüber dem globalen Durchschnitt ab – oft sogar weit. Laut Global Digital 2019 Report von We Are Social und Hootsuite nutzen in Deutschland etwa 17 Prozent der Internetanwender Mobile Payment und die dazugehörigen digitalen Geldbörsen (Wallets) – weltweit sind es dagegen etwa 37 Prozent. Ähnlich ist es bei Sprachassistenten oder Smart Speakern für den Einkauf: Weltweit setzen etwa 39 Prozent der Internetanwender diese Technologie ein, in Deutschland sind es lediglich 17 Prozent. Dieses Muster zieht sich durch, vor allem bei digitaler Consumer Technology sind die deutschen Bürger zurückhaltender als beispielsweise Nutzer in den USA oder China.

Auf Unternehmensseite zeigt sich ein ähnliches Bild: In Deutschland wird oft nur zögerlich in neue Innovationen investiert. Dies ist eines der Ergebnisse aus dem E-Commerce-Trendreport 2020 . Die meisten der befragten Unternehmen (29 Prozent) aus Deutschland gaben hierbei an, nur 0 bis 15 Prozent ihres Unternehmensbudgets für Innovationen ausgeben zu wollen. Nur Finnland wollte noch weniger investieren.

„German Angst“ hat wirtschaftliche Konsequenzen

Für die Technik-Skepsis der Deutschen spricht ebenfalls die mediale Behandlung technischer Themen. In vielen Publikumsmedien gibt es zu Digitalisierung, Automatisierung oder Elektromobilität vorwiegend kritische oder ablehnende Beiträge. Ein zuverlässiger Aufreger im Alltagsleben sind sichtbare Installationen wie Funkmasten oder Windräder. Anwohner befürchten hier oft Probleme mit „Elektrosmog“ oder „Infraschall“, die aber von der Medizin bisher nicht schlüssig nachgewiesen wurden.

Es ist einfach, die deutsche Technik-Skepsis als niedliche Schrulle abzutun. Doch sie hat wirtschaftliche Konsequenzen. Unter anderem führt sie dazu, dass technische Berufe in Deutschland weniger beliebt sind als in anderen Ländern und zu einer Ursache für den Fachkräftemangel werden. Außerdem gehen durch die digitale Zurückhaltung im Alltag wertvolle Umsatzchancen für die Wirtschaft verloren, die langfristig unseren Wohlstand gefährden.

Die meisten der weltweit erfolgreichen Webservices und Mobil-Apps stammen nicht aus Deutschland. Unter den 20 größten Online-Marktplätzen weltweit befindet sich kein einziges deutsches Unternehmen und mit Allegro auf Platz zehn nur ein europäisches. Die damit erzeugten Umsätze kommen also der deutschen Wirtschaft nicht zugute. Einige Beispiele: Laut E-Commerce-Trendreport 2020 lagen die globalen Investments mit der höchsten Rendite 2019 in den Bereichen mobiles Bezahlen (13 Prozent), Social Commerce, also der Verkauf über Social Media (13 Prozent), und Mobile Apps (12 Prozent).

Wissen und Erfahrung helfen gegen Technik-Skepsis

Ein Erklärungsansatz für die Technik-Skepsis in Deutschland ist fehlendes Wissen über und vor allem fehlender Umgang mit digitalen Technologien. Dafür sprechen Zahlen der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in München. Im Technikradar 2019 wird deutlich, dass der Technik-Optimismus umso größer ist, je höher das technische Wissen und je größer die Gewöhnung daran sind.

Hier hat die Corona-Krise einen unerwarteten und in dieser Hinsicht positiven Nebeneffekt. Denn der Lockdown bringt momentan immer mehr Deutsche dazu, täglich mit neuen digitalen Tools umzugehen und zu erkennen, welch große Vorteile diese mit sich bringen. Ob bei der Arbeit im Homeoffice, beim virtuellen Arzttermin oder Videochat mit der Großmutter – auf einmal müssen sich alle mit Technologien auseinandersetzen, um die sie vorher einen großen Bogen gemacht haben. Und vielen wird nun plötzlich klar, dass die vorherige Skepsis gar nicht gerechtfertigt war.

Die zunehmende digitale Gewöhnung in Zeiten von Corona reicht aber noch lange nicht für eine wirkliche Kehrtwende aus. Denn die Deutschen müssen auch abgesehen davon in die Lage gebracht werden, sich selbst als digital kompetent zu empfinden. Hier ist also Aufklärung sowohl an Schulen als auch durch zivilgesellschaftliche Projekte und Initiativen wie der Förderinitiative digital.engagiert gefragt. Deren Schirmherrin, Digitalstaatsministerin Dorothee Bär, plädiert entsprechend für mehr Engagement aus allen gesellschaftlichen Bereichen: “Die Vermittlung wichtiger digitaler Fähigkeiten ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die von Schulen allein nicht gestemmt werden kann. Mehr denn je braucht es auch eine engagierte Zivilgesellschaft und Wirtschaft.“

Neben Aufklärung muss es den Deutschen aber auch ermöglicht werden, im täglichen Umgang mit neuen Technologien mehr digitale Kompetenz und Aufgeschlossenheit zu entwickeln. Die Hersteller von Hardware und Software können hier einen wichtigen Beitrag leisten. Vor allem technisch Unkundige benötigen möglichst einfache und leicht verständliche Benutzeroberflächen, die keine überflüssigen Hürden aufbauen.

Ein Beispiel: Die Payment-Plattform Stripe zeigt in einer aktuellen Analyse der Check-out-Prozesse der wichtigsten E-Commerce-Websites in Deutschland, dass sich nur bei 49 Prozent der getesteten Websites die mobile Tastatur automatisch auf die numerische Eingabe umstellt, wenn das Eingabefeld ausschließlich für die Eingabe von Zahlen gedacht ist (etwa für die Kreditkartennummer). Eine lästige Hürde, die das Bezahlen mit Kreditkarte vom Smartphone aus unnötig erschwert. Kein Wunder, dass sich nur wenige Deutsche für den nächsten Schritt, die Nutzung von digitalen Geldbörsen (Wallets), begeistern können.

Diese fünf Trends entscheiden über die Zukunft

1. Mobile Nutzung führt zu einer höheren Conversion Rate

Mehrere Trends rund um die mobile Nutzung haben es in der Umfrage auf hohe Ränge geschafft. Händler nutzen moderne Apps, soziale Medien und neue Payment-Modelle, um die Conversion Rate zu steigern.

2. Die Zukunft liegt in der KI

Künstliche Intelligenz ist der wichtigste Trend für die Zukunft des Handels. Im E-Commerce sorgt Künstliche Intelligenz dafür, dass Händler Daten besser verstehen und Kunden relevantere Kaufvorschläge liefern können.

3. Die Sicherheit steht auf dem Spiel

Unternehmen bringen regelmäßig neue Lösungen auf den Markt. Gleichzeitig gibt es zahlreiche Sicherheitslücken, von denen viele erst langfristig aufgedeckt werden. Der gesamte Anspruch an Datensicherheit muss überdacht werden.

4. Asien setzt neue Standards

Die asiatischen Märkte sind über viele alte Technologien hinausgewachsen und konzentrieren sich nun auf die Entwicklung neuer Innovationen wie Kryptowährungen, KI und Chatbots. Sie machen bedeutende Schritte im Hinblick auf das Verständnis von Kundenverhalten.

5. Technology Natives sind auf dem Vormarsch

Unternehmen, die digitale Technologien in ihrer DNA haben, sind weltweit im Vorteil, da sie sich schnell an neue Kundenbedürfnisse anpassen können. Die schnelle Einführung neuer Lösungen ermöglicht es ihnen, Nischen zu erkennen und neuen Nutzen zu schaffen.

Mehr Mut zu Innovationen

Innovationen gehören noch nicht zum Alltag und stoßen deshalb häufig auf Unverständnis. Das ist nicht nur bei Normalbürgern so, auch bei technischen Experten, die es eigentlich besser wissen müssten. Selbst ein so ausgebuffter IT-Manager wie Steve Ballmer kann mit seiner Skepsis falsch liegen. Der ehemalige Microsoft-Chef meinte 2007, noch vor Veröffentlichung des iPhones: Das wird sich nicht gut verkaufen, es ist ja nur ein teures Telefon. Heute ist Apple einer der drei größten Smartphone-Hersteller der Welt.

Manchmal müssen Unternehmen also einfach mehr Mut zeigen, in innovative Technologien investieren und den Kunden die neuen Potenziale und Vorteile verständlich und überzeugend verkaufen. Der Corona-bedingte Digitalisierungsschub bietet hierfür die perfekte Ausgangssituation. Und da der deutsche Markt bisher noch nicht so experimentierfreudig war, haben Unternehmen jetzt ebenfalls die Chance, zu den Ersten in ihrem Bereich zu gehören. Angst vor Skepsis lähmt, Begeisterung kann dagegen ansteckend sein. Sogar bei den Deutschen.

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