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Gnome 3: Die Ubuntu-Zukunft in der Praxis

17.10.2017 | 12:11 Uhr |

Gnome ist mit seinen Abspaltungen (Cinnamon, Mate, Unity, Pantheon) die fruchtbarste Linux-Arbeitsoberfläche. Nach der Aufgabe von Unity wird Ubuntu zu Gnome zurückkehren. Dies ist Anlass für einen genaueren Blick auf Gnome im Benutzeralltag.

Gnome (GNU Network Object Model Environment) entstand im Jahr 1997 als Antwort auf das damals noch proprietäre KDE. Die langjährige Popularität von Gnome erhielt einen schweren Knick durch Version 3 (2011), die für ein modernes und durchdachtes Bedienkonzept Bedienelemente wie Anwendungsmenü und Taskleiste über Bord warf. Dies war Auslöser für weniger radikale Gnome-3-Ableger wie Unity und konservative Gnome-2-Abspaltungen wie Cinnamon oder Mate.

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Aber ist Gnome 3 wirklich radikal? Wer sich unvoreingenommen auf die Oberfläche einlässt, wird sich schnellstens zurechtfinden. Das Konzept ist schick, einfach und überzeugend. Und den im Prinzip berechtigten Vorwurf, dass Gnome 3 hermetisch ist und kaum individuelle Anpassung vorsieht, können einige Hilfsmittel entschärfen.

Hardwarevoraussetzungen und Basisbedienung

Gnome ist ein typischer PC- und Notebookdesktop für aktuellere Hardware mit Mehrkern-CPU und 3D-Grafik. Auf solcher Hardware läuft Gnome richtig schnell und reagiert fix auf Eingaben. Die flotten Reaktionszeiten liegen auch am Open-GL-Desktop, der über den Grafikchip ausgegeben wird, sofern passende Hardware und Treiber vorliegen. Auf einem gut ausgestatteten 64-Bit-System ist nach der Anmeldung schon mal ein ganzes Gigabyte für System und Desktop belegt. Im Hinblick auf ausreichend Speicherreserven für Software sollte der Rechner vier GB RAM enthalten.

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Gnome ist aktuell bei Version 3.24. Welche Version auf dem aktuellen System arbeitet, kann der Terminalbefehl

gnome-shell --version

ermitteln. Linux-Langzeitversionen enthalten zum Teil noch ältere Versionen, so etwa 3.18 unter Ubuntu 16.04, die sich aber lediglich in wenigen Details von der neuesten Version unterscheiden.

Dieser auch in Unity (Dash) genutzte Menüstil ist schick, gefällt aber offenbar nicht allen Nutzern.
Vergrößern Dieser auch in Unity (Dash) genutzte Menüstil ist schick, gefällt aber offenbar nicht allen Nutzern.

Bedienungsgrundlagen: Als Umschalter und Programmstarter dient die Übersichtsseite „Aktivitäten“, die über die Windows-Taste (Super-Taste), die aktive Bildschirmecke links oben oder auch durch Klick auf „Aktivitäten“ in der Systemleiste erreichbar ist. Das Resultat ist multifunktional, denn es erscheint

  • links eine Starterleiste mit den Programmfavoriten

  • in der Bildschirmmitte eine Taskübersicht aller Fenster (sofern aktiv) der aktuellen Arbeitsfläche

  • links eine Übersicht der virtuellen Arbeitsflächen

  • oben mittig das Suchfeld zur Programmsuche

Somit führt ein einziger Tastendruck oder eine Mausaktion auf eine ziemlich umfassende Bühne zur Programm-, Fenster- und Arbeitsflächenkontrolle. Eine großflächige Gesamtübersicht aller Programme liefert die unterste Schaltfläche „Anwendungen anzeigen“ in der Starterleiste. Diese Gesamtübersicht lässt sich auch jederzeit über die Tastenkombination Super-A direkt starten.

Trotz der weitreichenden „Aktivitäten“ gibt es die typischen Alternativen, die sich nicht von anderen Desktops unterscheiden: Zum Taskwechsel gibt es auch die Hotkeys Alt-Tab oder Super-Tab, die alle geöffneten Fenster auf allen Arbeitsflächen berücksichtigen. Auch für den Wechsel der Arbeitsfläche können Sie alternativ die Hotkeys Strg-Alt-Cursor oben/unten verwenden oder mit zusätzlich gedrückter Umschalttaste ein Fenster auf einen anderen Desktop verschieben (Strg-Alt-Umschalt-Cursor oben/unten). Beachten Sie, dass die „Aktivitäten“ solches Fensterverschieben in die gewünschte Arbeitsfläche per Maus unterstützen.

An diesen Grundfunktionen lässt Gnome kaum Eingriffe zu. Einzige nennenswerte Ausnahme sind die Hotkeys, die Sie über „Einstellungen -> Tastatur -> Tastaturkürzel“ individualisieren können. Generell lohnt sich ein genauerer Blick in diesen Einstellungspunkt, um sich über die vordefinierten Hotkeys zu informieren. Ansonsten reduziert das Werkzeug „Einstellungen“ (Gnome-Control-Center) den Systemzugriff auf das Allernötigste, also auf Hardware- und Benutzereinstellungen. Selbst eine so einfache Anpassung wie das Ändern des Desktopbildes („Einstellungen -> Hintergrund“) ist hier auf Systemvorgaben reduziert.

Gnome mit Softwaresuite

Gnome ist eine ausgewachsene Desktopumgebung mit eigener Programm-Sammlung. Die Gnome-Software entspricht weitestgehend dem Umfang, wie ihn das Standard-Ubuntu mit Unity bislang übernahm: Als Dateimanager arbeitet Nautilus („Dateien“), die allerwichtigsten Systemeinstellungen versammelt das schon angesprochene Gnome-Control-Center („Einstellungen“) und den Prozess- und Ressourcenüberblick verschafft der Gnome-System-Monitor („Systemüberwachung“). Für die Laufwerksverwaltung arbeitet das mächtige Gnome-Disks („Laufwerke“) und als grafischer Paketmanager Gnome-Software („Software“). Weitere zur Gnome-Suite gehörige Programme sind Eog (Eye of Gnome, „Bildbetrachter“), Text- und Codeeditor Gedit („Editor“) oder das Gnome-Terminal. Um den ganzen Umfang der Gnome-Tools zu überblicken, verwenden Sie etwa diesen Terminalbefehl:

ls /usr/share/applications/ | grep gnome

Für Musik- und Filmwiedergabe ist zwar mit Rhythmbox und Totem ebenfalls gesorgt, jedoch ist hier die Nachinstallation des VLC zu empfehlen.

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Das Gnome-Tweak-Tool

Erweiterte Einstellungsoptionen für Gnome bietet das Extratool Gnome-Tweak-Tool („Optimierungswerkzeug“), das bei den meisten Gnome-Distributionen (etwa unter Ubuntu Gnome, Manjaro Gnome) als Standard mitgeliefert wird, aber nicht überall (Fedora). Wo dieses Tool bei Gnome nicht vorinstalliert ist, verdient es eine Nachrüstung (sudo dnf install gnome-tweak-tool unter Fedora). Über die „Aktivitäten“ finden Sie danach das Tool mit der Eingabe tweak oder auch unter dem Namen „Optimierungswerkzeug“.

Anpassungen zum Aussehen und Verhalten des Desktops mit dem Gnome-Tweak-Tool.
Vergrößern Anpassungen zum Aussehen und Verhalten des Desktops mit dem Gnome-Tweak-Tool.

Hier ist es möglich, virtuelle Arbeitsflächen, Schriftbild, Fensterverhalten, Fensterschaltflächen und Fensteroptik sowie die Gnome-Erweiterungen zu beeinflussen. Wir nennen nur einige besonders wichtige Option:

  • Unter „Arbeitsoberfläche“ erscheint die Option „Symbole auf Arbeitsfläche“. Diese ist standardmäßig deaktiviert, so dass der Desktop normalerweise nicht als Dateiablage funktioniert. Wer diese Funktion vermisst, kann dies hier umstellen. Nebenbei sind an gleicher Stelle Standardsymbole wie „Papierkorb“ oder „Netzwerk-Server“ aktivierbar. Der Desktophintergrund ist hier ebenfalls komfortabler einstellbar als in den allgemeinen „Einstellungen“. Das Gnome-Tweak-Tool navigiert nämlich zu einem Bilderordner Ihrer Wahl.

  • Unter „Eingabe“ finden Sie eine Reihe interessanter Angebote, Tasten stillzulegen, neu zu belegen oder zu vertauschen. So ist der Hotkey Strg-Alt-Del standardmäßig abgeschaltet und kann hier als „Tastenkombination zum erzwungenen Beenden des X-Servers“ aktiviert werden (also bei hängender Oberfläche). Ebenso einfach ist hier die oft störende Feststelltaste (Capslock) komplett abzuschalten, indem Sie unter „Verhalten der Feststelltaste“ und die entsprechende Option setzen: „Feststelltaste ist deaktiviert“.

  • Unter „Fenster“ hat Gnome die Fensterknöpfe „Maximieren“ und „Minimieren“ standardmäßig deaktiviert. Das ist entgegen sonstigen Desktopstandards sehr puristisch, aber an dieser Stelle leicht zu korrigieren. Der Dialog „Fenster“ zeigt noch weitere interessante Details wie den „Fokusmodus“. Wenn Sie es vorziehen, dass ein Fenster bereits bei Mouseover-Bewegung den Eingabefokus erhält, dann setzen Sie hier die Option „Mouse“. Fenster unter Gnome lassen sich nicht nur an der Titelleiste, sondern an jeder Position verschieben, wenn Sie gleichzeitig die Taste Alt drücken. Dieser Gnome-Standard ist an sich praktisch, kollidiert aber mit Hotkeys mancher Software. Wenn dies der Fall ist, können Sie die „Fenster-Aktionstaste“ Alt hier abschalten.

  • Unter „Startprogramme“ gelingt das Einrichten neuer Autostarts komfortabler als über das Systemtool „Startprogramme“ (gnome-sessionproperties). Sie erhalten hier nämlich die komplette Softwareliste unter „/usr/share/applications“ angezeigt und wählen per Mausklick Programme, die nach der Anmeldung automatisch starten sollen. Funktional ist dieser Dialog allerdings beschränkt. Was nicht im genannten Ordner liegt, lässt sich nicht aktivieren, außerdem sind keine Parameter vorgesehen.

  • Unter „Erweiterungen“ verwaltet das Gnome-Tweak-Tool die Gnome-Extensions. In der Regel liefern Gnome-Distributionen bereits eine Vorauswahl solcher Erweiterungen mit, die typischerweise in der oberen Systemleiste erscheinen. Über das Tweak-Tool schalten Sie bereits installierte Module mit sofortiger Wirkung „AN“ und „AUS“. Ganz unten verlinkt der Dialog über die Schaltfläche „Mehr Erweiterungen erhalten“ auf die zentrale Web-Site https://extensions.gnome.org.

Gnome-Erweiterungen über das Gnome-Tweak-Tool verwalten oder https://extensions.gnome.org/.
Vergrößern Gnome-Erweiterungen über das Gnome-Tweak-Tool verwalten oder https://extensions.gnome.org/.

Die Gnome-Erweiterungen

Durch externe Erweiterungen auf https://extensions.gnome.org gewinnt Gnome signifikant. Diese Erweiterungen sind meist kleine Javascripts, die eine bestimmte Aufgabe erfüllen, einen Menüpunkt oder ein Desktopelement auf der schlichten Gnome-Oberfläche nachrüsten. Standardmäßig erhalten Sie beim Besuch der Seite nur diejenigen Extensions angezeigt, die mit Ihrer Gnome-Version kompatibel sind. Diesen Filter können Sie theoretisch entfernen, indem Sie auf den unscheinbaren Link „Current version“ klicken und dann „All versions“ anwählen.

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Jede Erweiterung hat eine meist sehr knappe Beschreibungsseite, die hauptsächlich von den Nutzerbewertungen lebt. Links oben steht ein virtueller Schiebeschalter auf „Off“: Nach Umschalten auf „On“ folgt die Installationsbestätigung und damit ist die Erweiterung bereits installiert und aktiv. Die kleinen Tools, in der Mehrzahl Javascripts, landen dabei im Verzeichnis „~/.local/share/gnome-shell/extensions/“. Damit einhergehende Änderungen an der Gnome-Shell werden sofort und in der Regel ohne Neustart der Shell wirksam.

Die Seite bietet die Erweiterungen aber nicht nur zum Download an, sondern dient alternativ zum Gnome-Tweak-Tool auch als Verwaltung für bereits installierte Module, wenn Sie auf der Hauptseite den Link „Installed extensions“ anklicken. Hier können Sie Erweiterungen mit dem Schiebeschalter deaktivieren oder mit rotem „Uninstall“-Link ganz links auch wieder komplett entfernen. Diverse Gnome-Erweiterungen lassen sich zudem über das blaue Werkzeugsymbol konfigurieren.

Empfehlenswerte Erweiterungen

Für die „Aktivitäten“ gibt es eine ganze Reihe von Ergänzungen und Alternativen – von puristisch bis opulent. Die folgenden Erweiterungen gehören in die engere Wahl – freilich nicht alle auf einmal: Die zum Teil redundanten Gnome-Erweiterungen zu einer optimalen Einheit zu kombinieren, erfordert ein paar Versuchsläufe.

Erweiterung Gno-Menu als Alternative zu den „Aktivitäten“.
Vergrößern Erweiterung Gno-Menu als Alternative zu den „Aktivitäten“.

Gno-Menu: Als opulente Menüalternative steht diese Erweiterung zur Wahl. Sie zeigt ein großes und grafisch ansprechendes Menü mit integriertem Suchfeld. Der Gnome-Standard bleibt dabei mit den Einträgen „View“ („Aktivitäten“) und „Apps“ (Programmübersicht) in der Systemleiste unangetastet erhalten.

Applications Menu: Das klassisch-einfache Kategorienmenü erscheint als Eintrag „Anwendungen“ in der Systemleiste und ersetzt dabei die Standardschaltfläche „Aktivitäten“. Die bleibt aber über den Menüeintrag „Aktivitäten-Übersicht“ erhalten, außerdem führen Supertaste und aktive Ecke weiterhin zu den „Aktivitäten“.

„Frippery Menu“: Das einfache Menü lässt sich durch Dash to Dock sinnvoll ergänzen.
Vergrößern „Frippery Menu“: Das einfache Menü lässt sich durch Dash to Dock sinnvoll ergänzen.

Frippery Applications Menu: Puristisch fällt diese Erweiterung mit klassischen ausklappbaren Kategorien aus. Diese Menüerweiterung schaltet die „Aktivitäten“ ab und führt zu einem sehr minimalistischen Desktop. Das einfache Frippery ist aber gut kombinierbar mit der folgenden Erweiterung:

Dash to Dock: Es handelt sich um eine feste oder ausblendbare vertikale Favoritenleiste am linken Bildschirmrand. Bedienung und Bestückung sind mit dem Unity-Starter vergleichbar. Die Erweiterung ist vergleichsweise großzügig konfigurierbar über die Webseite oder über das Gnome Tweak Tool: Unter anderem können Sie Symbolgröße und Transparenz bestimmen und entscheiden, ob das Dock nur laufende Tasks, nur Favoriten oder beides anzeigen soll.

Window List: Diese Erweiterung ist für viele Nutzer unverzichtbar, weil sie eine klassische Taskliste für die jeweils aktuelle Arbeitsoberfläche anzeigt. Die Erweiterung erscheint standardmäßig als eigene Leiste am unteren Bildschirmrand.

Places Status Indicator: Diese Erweiterung erscheint als Paneleintrag „Orte“ und repräsentiert genau das, was Sie im Nautilus-Dateimanager als permanente Lesezeichen abgelegt haben (Strg-D) – typischerweise die wichtigsten lokalen Verzeichnisse und Netzwerkfreigaben.

Drop Down Terminal: Auf einen Tastendruck (Standard ist die Taste über Tab, also die Caret-Taste „^“) wird das Terminal heruntergeklappt, das beim erneuten Drücken des Hotkeys wieder verschwindet. Die Erweiterung ist gut konfigurierbar, was Größe und Transparenz des Fensters betrifft.

Removable Drive Menu: Der Paneleintrag zeigt die aktuell gemounteten lokalen Datenträger sowie Netzwerk-Freigaben.

Frippery Move Clock verschiebt die Zeitanzeige von der Mitte des Hauptpanels nach rechts zum Benutzermenü.

Tipp für Desktopbastler

Favoritenleiste durch Kontextmenüs aufwerten.
Vergrößern Favoritenleiste durch Kontextmenüs aufwerten.

Wer unter Gnome nicht ständig das große Dashmenü aufsuchen will, kann die Favoritenleiste durch Kontextmenüs aufwerten. Diese Bastelei mit Desktopdateien hat die LinuxWelt ähnlich bereits für die Unity-Starterleiste vorgestellt. Die nebenstehende Abbildung zeigt das Prinzip: Eine Starterdatei kann neben der Hauptaktion (Linksklick) diverse Kontextoptionen beim Rechtsklick anbieten („[Desktop Action x]“). Der Zusammenhang zwischen Konfigurationsdatei und Ergebnis ist weitgehend selbsterklärend. Die Datei mit der Endung „.desktop“ muss bei Gnome unter „/usr/share/applications“ liegen: Nur dann wird sie nämlich im Dashmenü angezeigt und kann dann von dort nach Rechtsklick und „Zu Favoriten hinzufügen“ in die Favoritenleiste befördert werden. Da Sie im genannten Pfad nur mit root-Recht arbeiten können, ist der Aufwand etwas höher als unter Unity, dessen Starterleiste auch Desktopdateien aus Benutzerordern akzeptiert.

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