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Der Krieg im Kopf

23.10.2008 | 09:13 Uhr |

Um Rechtsstreitigkeiten und politische Affronts zu vermeiden, denken sich Spieleentwickler meist Gegner aus, die als Ersatz für bestehende Feindbilder dienen sollen. Statt der mexikanischen Armee rücken in Ghost Recon: Advanced Warfighter 2 deshalb fiktive Rebellen an. Dem Bürgermeister der im Spiel genannten mexikanischen Stadt Juarez war das ziemlich egal: Er sah seine Heimat verunglimpft und bat die Regierung um ein landesweites Verbot des Spiels. Bereits 2004 sorgte Ghost Recon 2 für einen vergleichbaren Eklat. Darin greift eine Splittergruppe der nordkoreanischen Armee China an und muss von US-Truppen gestoppt werden. Chef-Entwickler Christopher Allen von Red Storm: »Wir wollen so echten politischen Gegebenheiten fernbleiben und trotzdem ein realistisches Konfliktszenario bieten.« Eine nordkoreanische Zeitung glaubt indes, andere Motive hinter Ghost Recon 2 erkannt zu haben: »Die Amerikaner haben der Welt ihren Hass auf uns gezeigt. Das mag für sie jetzt nur ein Spiel sein, aber ein Krieg wird später kein Spiel mehr für sie sein. Dort wird sie nur eine jämmerliche Niederlage und ein grauenhafter Tod ereilen.«

Kuma War stellt echte Gefechte nach
Vergrößern Kuma War stellt echte Gefechte nach
© 2014

Die Realität im PC
Mittlerweile haben Computerspiele ihre politische Unschuld endgültig verloren. In Kuma War spielen Sie echte Einsätze amerikanischer Soldaten im Irak nach. Das Entwicklerstudio Kuma Games veranstaltete sogar einen Wettbewerb, in dem Veteranen ihre am eigenen Leib erfahrenen Gefechte schildern sollten. Die Programmierer bauten anschließend die dramatischste Mission ins Spiel ein. Keith Halper, Chef des Studios, erklärt das Konzept: »In einer Welt, die von Konflikten zerrissen wird, denken wir bei den Abendnachrichten doch alle das Gleiche: Mann, das wäre ein tolles Spiel!« Entsprechend zeigt Kuma War vor jedem Level eine selbstgedrehte Nachrichtensendung mit echten Szenen des kurz darauf folgenden Einsatzes. Mittlerweile umfasst das Programm über 80 Missionen, angefangen vom Tod der Söhne Saddam Husseins über die umstrittenen Gefechte von Falludscha bis zum Ende des Al-Quaida-Führers Al-Zarkawi. Kuma War bietet in einem Level sogar das nach eigenen Angaben »plausibelste Szenario, um die Nuklearanlagen des Iran zu zerstören«.

Doch Kuma Games hat kein Monopol auf derartige Spiele. Die »Gegenseite« hat das Medium ebenfalls für sich entdeckt. Under Siege von Afkar Media schildert den Kampf der Palästinenser gegen die israelischen Besatzer, und kehrt dabei das Feindbild der westlichen Shooter ins Gegenteil um: Statt eines bombenbepackten islamischen Selbstmordattentäters stürzt sich hier ein orthodoxer Jude mit einer Uzi in eine vollbesetzte Moschee und eröffnet das Feuer auf die wehrlosen Betenden. Rescue the Nuke Scientist, das Spiel einer iranischen Studentenvereinigung, adaptiert das Iran-Szenario aus Kuma War, doch dreht den Spieß um: Statt eine Nuklearanlage zu zerstören, befreit der Spieler hier einen iranischen Atom-Wissenschaftler, bekämpft amerikanische Soldaten und deckt schließlich eine israelische Verschwörung auf.

In Under Siege sind die Israelis die Schurken.
Vergrößern In Under Siege sind die Israelis die Schurken.
© 2014

Der Rattenfänger von Bagdad
Under Siege und Rescue the Nuke Scientist sind in westlichen Ländern nur schwer zu ergattern – und wegen ihres schwachen technischen Anspruchs auch höchstens als Kuriosum interessant. Trotzdem sorgt sich die US-Regierung, das Feindbild Amerika könne sich über Computerspiele weiter in der Welt verbreiten. 2006 glauben Internet-Experten Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass die Terror-Organisation Al-Qaida Spiele für ihre Zwecke umprogrammiert, um die amerikanische Jugend zu korrumpieren. In einer Anhörung vor der zuständigen Untersuchungskommission präsentieren die Verfassungsschützer das Beweisstück: ein Fan-Video aus Battlefield 2, in dem ein Spieler als Kämpfer der Middle Eastern Coalition auf GIs schießt. Der holländische Macher des Clips hat über die Szenen einen Monolog aus der Polit-Satire Team America gelegt, in der ein Terrorist seinen Hass auf die amerikanischen Ungläubigen schildert. Als die Angelegenheit öffentlich wird, klären die Betreiber eines Spiele-Blogs die Untersuchungskommission auf. Doch dass westlich orientierte Jugendliche in einem Spiel freiwillig auf amerikanische Truppen schießen und derartiges »Propaganda-Material« sogar in den Vereinigten Staaten produziert werde, entzieht sich bis auf Weiteres dem Verständnis der entrüsteten Politiker.

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