1786290

Das beste Multimedia-System für Linux

31.07.2017 | 10:23 Uhr |

Einst kamen Musik und Filme vom DVD-Player, inzwischen aber eher aus dem eigenen Netzwerk oder Internet. Linux ist ideal, um sich ein preisgünstiges Mediacenter für das Wohnzimmer einzurichten.

CD-, DVD-und Blu-ray-Player sind zu unflexibel, Multimedia-PCs zu laut und kleine Streamingboxen bieten oft nicht ausreichend Leistung. Dank Linux und geeigneter Hardware ist Multimedia im Wohnzimmer jedoch kein technisches Problem mehr und zudem preisgünstig. Die Software ist weitestgehend ausgereift. Trotzdem sollten Sie das jeweilige System ausführlich mit mehreren Multimedia-Dateien testen und sich damit vertraut machen. Nichts ist lästiger, als einen Videoabend vor versammeltem Publikum wegen Fehlfunktionen unterbrechen zu müssen.

Multimedia-Ausstattung

Für die optimale Multimedia-Ausstattung muss man die technischen Möglichkeiten, aber auch deren Grenzen kennen. Die Ansprüche sind durchaus unterschiedlich. DVDs abspielen oder eine Diashow auf dem TV-Gerät wiedergeben ist keine Herausforderung. Wer hin und wieder einen selbst gedrehten Film präsentieren möchte, schließt den Camcorder am einfachsten direkt am Fernseher an. Geht es dagegen um eine umfangreiche Audio-und Videosammlung und um Internetstreaming, steigt der Aufwand.

Meine Ausstattung besteht aus einem Linux-Server, der über Netzwerkfreigaben Audio-und Videodateien sowie die Fotosammlung bereitstellt. Der Server ist außerdem mit zwei TV-Karten (DVB-C) ausgestattet, die Live-TV und TV-Aufnahmen ermöglichen. Das hat historische Gründe, denn inzwischen gäbe es dafür bessere technische Möglichkeiten (siehe „Fernsehempfang über Kodi“). Am TV-Gerät hängt ein Raspberry Pi 3, auf dem das Mediacenter Kodi installiert ist. Die Steuerung erfolgt über eine Infrarotfernbedienung, deren Empfänger per USB mit dem Raspberry Pi verbunden ist. Der Ton gelangt vom Raspberry Pi über HDMI zum TV-Gerät. Mit diesem ist per SPDIF (Lichtleiter) ein Teufel-5.1-Soundsystem (Concept E Digital) verbunden, das für genügend Lautstärke und per Subwoofer auch für satte Bässe sorgt.

Die Steuerung des Raspberry Pi 3 kann per HDMI-CEC über die Fernbedienung des TV-Gerätes erfolgen. Ich bevorzuge aber die Fernbedienung Hama MCE Remote Control , die nur etwa 27 Euro kostet, gut in der Hand liegt und nützliche Funktionstasten besitzt.

Raspberry Pi 3: Das Betriebssystem findet auf einer SD-Karte Platz.
Vergrößern Raspberry Pi 3: Das Betriebssystem findet auf einer SD-Karte Platz.

Lesetipp: Raspberry Pi: So klappt die Installation und Einrichtung

Irrungen und Wirrungen

Warum die genannte Konfiguration für mich optimal ist, erklärt sich aus meinen Multimedia-Versuchen der letzten zehn Jahre. Am Anfang standen voll ausgestattete PCs, deren Grafikkarten auch für HD-Videos ausreichend waren. Zum Einsatz kam das Windows Media Center, das zwar hübsch anzusehen war, aber weder DVB-S2 noch DVB-C für den Fernsehempfang unterstützte. Es ließen sich auch nicht ohne weiteres alle Videos wiedergeben, weil die Codecs fehlten. Das Problem war mit der Installation der passenden Codecpakete zu beheben.

Da der PC zu laut, zu hässlich und außerdem ein Stromfresser war, folgten diverse Mini-PCs. Das wirkte sich zwar günstig auf die Stromrechnung aus, jedoch reichte die Leistung – trotzt anderslautender Werbung – eher nicht für HD-Videos. Immerhin ließen sich die meisten Dateien dank Linux und der Multimedia-Oberfläche Mythv wiedergeben und auch der Fernsehempfang per DVB-USB-Stick funktionierte.

Braucht man überhaupt einen Wohnzimmer-PC, wo doch in einem Smart-TV ein Betriebssystem inklusive Multimedia-Oberfläche steckt? In der Regel ja: Direktes Medienstreaming von Netzfreigaben ist mit dem TV selten möglich und UPnNP/DLNA bietet mir zu wenig Komfort. Immerhin kann ich am Smart-TV Internetstreams von Amazone Prime Video und Netflix auf den Bildschirm befördern. Das funktioniert ordentlich und ist einfach zu konfigurieren. Für diese Aufgabe ist ein Smart-TV tatsächlich besser geeignet als ein Raspberry Pi mit Kodi.

Kodi auf dem Raspberry Pi

Kodi installieren Sie auf dem Raspberry Pi am schnellsten über den Libre Elec USB-SD-Creator . Der ist für Linux, Windows und Mac-OS verfügbar. Legen Sie die SD-Karte in den Kartenleser Ihres PCs und starten Sie das Tool. Wählen Sie die richtige Variante aus, etwa „Raspberry Pi 2 and 3“, und klicken Sie auf „Herunterladen“. Nach dem Download wählen Sie das Laufwerk mit der SD-Karte aus und klicken auf „Schreiben“.

Beim ersten Start von Kodi auf dem Raspberry Pi begrüßt Sie ein Assistent, über den Sie den Rechnernamen einstellen und die WLAN-Verbindung konfigurieren. Aktivieren Sie außerdem die Dienste „Samba“ und „SSH“. Sie können dann von einem anderen PC aus über das Netzwerk auf das Libre-Elec-System zugreifen. Über „Add-ons -> Download -> Look and Feel -> Languages“ installieren Sie das deutsche Sprachpaket, das sich auch gleich per Klick auf „Yes“ aktivieren lässt.

Als Nächstes legen Sie eine Bibliothek an. Gehen Sie auf „Videos -> Dateien“, wählen Sie „Videos hinzufügen“ und „Durchsuchen“. Für „Bilder“ und „Musik“ läuft die Konfiguration analog ab. Wählen Sie als Quelle beispielsweise einen Ordner auf einer per USB angeschlossenen Festplatte oder über „Windows-Netzwerk (SMB)“ die gewünschte Netzfreigabe. Nach einem Klick auf „OK“ lässt sich der Inhalt festlegen. Zur Wahl stehen „Filme“, „Serien“ und „Musikvideos“. Abhängig von der Auswahl lädt Kodi Coverbilder und Beschreibungen von unterschiedlichen Onlinediensten. Nach einem Klick auf „Einstellungen“ sollten Sie hinter „Bevorzugte Sprache“ den Wert auf „de“ festlegen, damit diese Infos in deutscher Sprache erscheinen. Die Onlineabfrage erfolgt erst, wenn Sie zum Abschluss im Dialog „Inhalte wechseln“ mit „Ja“ bestätigen. Anschließend sehen Sie etwa unter „Filme“ oder „Serien“ die Coverbilder und Filmbeschreibungen.

Lesetipp: So richten Sie Kodi (XBMC) auf dem Amazon Fire-TV ein

Samba und UPnP/DLNA: Wenn Sie „Samba“ aktiviert haben, taucht der Raspberry Pi etwa bei einem Ubuntu-PC unter „Netzwerk“ auf. Sie haben dann Zugriff auf Laufwerke, die per USB mit dem Raspberry Pi verbunden sind. In den „Einstellungen“ können Sie unter „Dienste -> UPnP/DLNA“ die Option „Bibliotheken freigeben“ aktivieren. Damit gewähren Sie UPnP/DLNA-fähigen Clients im Netzwerk den Zugriff auf die Medienbibliotheken. Mit einem Smart-TV funktioniert das in der Regel nicht, weil Kodi die Streams nicht in ein geeignetes Format umwandelt. Per UPnP lassen sich jedoch weitere Kodi-Clients mit den Medienbibliotheken versorgen (über „Videos -> Dateien -> Videos hinzufügen -> Durchsuchen -> UPnP Geräte“).

Fernsehempfang über Kodi

Die Kodi-Konfiguration für Live-TV ist nicht trivial. Sie benötigen einen von Linux beziehungsweise Libre Elec unterstützten USB-TV-Stick. Die Sticks verursachen im Betrieb jedoch zusätzliche CPU-Last, was sich negativ auf die Gesamtleistung auswirkt. Es ist daher besser, den TV-Empfänger auszulagern. Die von mir genutzte Lösung für Kabelfernsehen besteht aus einem Ubuntu-Server, auf dem Mythtv läuft. Im PC stecken zwei ältere DVB-C-PCI-Karten (Technisat Cable Star), die von Linux direkt unterstützt werden. Auf dem Raspberry Pi lässt sich der TV-Server über das Add-on MythTV cmyth PVR Client einbinden – inklusive EPG und Aufnahmefunktion. Meine ausführliche Beschreibung des Setups finden Sie unter www.pcwelt.de/2024481 .

Inzwischen gibt es eine neue Generation von DVB-Geräten, die sich unter Linux deutlich einfacher nutzen lassen. Sat-IP-oder Kabel-IP-Router (IPTV) stellen ihre Tuner über das Netzwerk als HTTP-oder RTSP-Stream zur Verfügung. Ein Treiber ist nicht nötig.

Ich verwende für DVB-S den Telestar Digibit R1 Sat-to-IP Router , der mit vier LNB-Eingängen ausgestattet ist und etwa 120 Euro kostet. Das Gerät liefert eine M3U-Playlist aus, die über das Add-on IPTV Simple Client den TV-Empfang unter Kodi ermöglicht.

Das ist jedoch nicht die beste Methode, weil das Add-on EPG-Daten nur aus dem Internet herunterladen kann. Es ist daher besser, über „Add-ons -> Herunterladen -> Aus Repository installieren -> Alle Repositories -> Dienste“ die Software „Tvheadend 4.2“ zu installieren.

Telestar Digibit R1: Der Sat-IP-Receiver bietet vier Tuner und einen Ethernet-Anschluss.
Vergrößern Telestar Digibit R1: Der Sat-IP-Receiver bietet vier Tuner und einen Ethernet-Anschluss.

Die Konfiguration des TV-Servers erfolgt über den Browser auf dem Linux-PC und die URL „http://[IP]:9981“. „[IP]“ ersetzen Sie durch die IP-Adresse des Raspberry Pi. Ein Assistent führt Sie durch die nötigen Schritte. Zuerst stellen Sie die Sprache ein und legen Benutzernamen und Passwörter für den administrativen Benutzer und einen Standardbenutzer fest. Im Fenster „Netzwerkeinstellungen“ wählen Sie bei „Netzwerk 1“ den Eintrag „IPTV Automatisches Netzwerk“ aus der Liste und unter „Netzwerk 2“ bis „Netzwerk 5“ jeweils „DVB-S Netzwerk“. Danach stellen Sie eine vorkonfigurierte Kanalliste für „Netzwerk 1“ ein, etwa „19.2E:Astra“. Bei „Netzwerk 2“ tippen Sie die M3U-URL ein. Beim Digibit R1 ist das „http://[IP]:8080/m3u“. Danach beginnt automatisch die Kanalsuche. Schließen Sie den Assistenten ab, ohne ein Häkchen bei den Optionen zu setzen, und gehen Sie auf „Konfiguration -> DVB-Inputs -> Services“. Klicken Sie auf „Services zuordnen -> Alle Services zuordnen“. Entfernen Sie das Häkchen hinter „Verschlüsselte Services einschließen“ und setzen Sie eines hinter „Verfügbarkeit testen“. Klicken Sie auf „Services zuordnen“. Danach gehen Sie auf „Konfiguration -> Kanal/EPG“. Entfernen Sie die Häkchen in der Spalte „Aktiviert“ bei allen Sendern, die Sie nicht sehen wollen, und klicken Sie auf „Speichern“. In die Spalte „Nummer“ lässt sich nach einem Doppelklick eine Ziffer eintragen und so die Sortierung der Sender ändern.

Auf dem Raspberry Pi müssen Sie jetzt nur noch das Add-on Tvheadend HTSP Client installieren.

TV-Server: Tvheadend unterstützt DVB-Geräte am PC und auch Sat-IP-Geräte.
Vergrößern TV-Server: Tvheadend unterstützt DVB-Geräte am PC und auch Sat-IP-Geräte.

In der Konfiguration des Add-ons können Sie den Wert für die IP-Adresse des Tvheadend-Servers auf „127.0.0.1“ belassen. Bei Kodi-Clients auf anderen Geräten tragen Sie die IP-Adresse des Raspberry Pi ein. Geben Sie außerdem Benutzernamen und Passwort des in Tvheadend angelegten Benutzers an. Im Hauptmenü starten Sie die Fernsehwiedergabe über „TV“, indem Sie nach einem Klick auf „Kanäle“ oder „Guide“ zum gewünschten Kanal navigieren.

Bei anderen Geräten als dem Digibit R1 verläuft die Konfiguration in Tvheadend ähnlich. Die Software unterstützt alle DVB-Geräte, die entweder per USB-Stick mit dem Raspberry Pi verbunden sind (Linux-Treiber erforderlich) oder IPTV-Dienste anbietet. Das funktioniert mit DVB-C, DVB-S und DVB-T.

Amazon Video oder Netflix mit Kodi

Ein Kodi-Mediacenter auf dem Raspberry kennt auch gewisse Grenzen. Die Wiedergabe kommerzieller Streamingangebote aus dem Internet ist unmöglich, weil die Anbieter die Daten verschlüsselt ausliefern. Es wäre die Aufgabe von Amazon & Co, passende Software für den Raspberry Pi anzubieten. Immerhin funktionieren Amazon Prime Video und Netflix im Browser Google Chrome auf dem PC etwa unter Ubuntu. Über einen Umweg lässt sich das auch in Kodi nutzen.

Die Filmauswahl erfolgt per Kodi-Add-on und die zugehörige URL wird einfach an Chrome übergeben. Beim Raspberry ist das nicht möglich, weil sich Chrome unter Libre Elec nicht installieren lässt. Das Verfahren bleibt unterm Strich eine Notlösung.

Mit den Anleitungen für Amazon Prime Video und für Netflix können Sie es trotzdem ausprobieren.

0 Kommentare zu diesem Artikel

PC-WELT Marktplatz

1786290