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Notebooks für Linux: Worauf Sie beim Kauf und Einsatz achten müssen

12.03.2019 | 10:03 Uhr | David Wolski

Vor etlichen Jahren war es Glücksache, ob ein Linux-System auf einem Notebook gleich lief oder doch erst eine Menge Bastelei erforderte. Das hat sich gebessert, aber höhere Aufmerksamkeit ist bei der Wahl dieser Hardware auch 2019 noch gefragt.

Kein Drahtlosnetzwerk, keine Sondertasten, keine Stromsparfunktionen – oder gleich gar kein Start von Linux-Installationsmedien wegen seltsamer Uefi-Firmware. Diese Szenarien kennen noch viele Anwender, die vor Jahren Linux auf Laptops einsetzen wollten. Nach dem ersten Frust, für den die Linux-Distributionen und die Hardwarehersteller gleichermaßen Schimpfwörter verdienten, funktionierte es mit der Suche nach Treiber-Quellcode im Web, Kompilieren von Kernel-Modulen und etlichen Workarounds am Ende doch noch befriedigend. Trotzdem hilft das Schönreden etlicher Probleme von Notebookhardware, die beinahe durch die Bank exklusiv für Windows gemacht ist, jenen Anwendern nicht weiter, die einfach ein solides und schnelles Linux-Notebook möchten. Linux-Fans sollten deshalb schon bei der Auswahl des Geräts etwas genauer auf Hersteller, Modellgeneration und Hardwarespezifikationen achten.

Akkulaufzeit: Nacharbeiten gefordert

Notebooks müssen Langläufer sein und aktuelle Geräte zeigen beeindruckende Akkulaufzeiten – zumindest unter Windows, Mac-OS und Chrome-OS. Die meisten Hersteller entwickeln eben für den Massenmarkt, den Windows dominiert. Unter Windows übernehmen nachinstallierte Treiber – geliefert vom Hardwarehersteller – das Zusammenspiel von Geräten und Betriebssystem über die Stromsparfunktionen von ACPI (Advanced Configuration and Power Interface). Unter Linux muss der Kernel diese Aufgabe übernehmen und dafür das nicht immer standardkonforme Verhalten von Windows imitieren.

Empfehlungen: Bei der Wahl eines Notebooks gilt eine Faustregel, die in diesem Beitrag noch öfters zitiert wird: Lieber ein älteres Modell für Linux kaufen, für das ACPI-Funktionen und einzelne Fehlerbehebungen schon im Linux-Kernel vorhanden sind.

Sehr flache Notebookchassis bringen viel Leistung auf wenig Platz unter. Die Geräte haben aber nur selten einen leicht austauschbaren Akku.
Vergrößern Sehr flache Notebookchassis bringen viel Leistung auf wenig Platz unter. Die Geräte haben aber nur selten einen leicht austauschbaren Akku.

Zahlreiche Feineinstellungen eines Linux-Systems zum Betrieb mit möglichst reduziertem Energiebedarf fasst das Projekt „Linux Advanced Power Management“ (TLP) zusammen. Die Konfiguration von TLP ist in deutscher Sprache dokumentiert ( http://thinkwiki.de/TLP_-_Linux_Stromsparen ) und liegt als fertig installierbares Paket in allen Linux-Distributionen vor:

sudo apt-get install tlp

Auch bei perfekter Konfiguration wird ein Linux-Notebook aber nicht ganz die Laufzeiten unter Windows erreichen. Mit mindestens 20 Prozent weniger Laufzeit ist zu rechnen. Bei aktuellen Geräten, etwa dem Tuxedo Infinity Book Pro 14, sind das dann trotzdem noch fünf bis sieben Stunden, je nach Systemauslastung.

Kommt es auf maximale Akkulaufzeit an, so sollte man sich ein Gerät zulegen, das einen leicht zugänglichen, leicht austauschbaren Akku hat, und einen aufgeladenen Reserveakku mitnehmen. Kompakte Geräte und Subnotebooks mit internem Akku, wie sie beispielsweise die Vivobook-Serie von Asus aufweisen, sind hingegen als Langläufer ungeeignet.

Spezialisierte Marken: Ein Herz für Pinguine

Erfreulicherweise ist der Betrieb von Linux auf Notebooks keine After-Market-Bastelei für experimentierfreudige Anwender geblieben.

Inzwischen bietet eine kleine, aber feine Gruppe von Herstellern und Hardwaredistributoren Linux als serienmäßige Installationsoption an. Der Vorteil dabei: Der Hersteller garantiert, dass eine bestimmte Linux-Distribution einwandfrei mit allen Hardwaremerkmalen läuft. Zudem gibt es oft eigene Installationsimages mit Feinabstimmungen und aktuelleren Treibern, um die Laufzeit des Akkus zu verbessern.

Dell: Als erster großer Hersteller stattet Dell seit rund vier Jahren Notebooks serienmäßig mit Ubuntu aus und hatte damit beträchtlichen Erfolg, obwohl die Linux-Geräte nur über den Onlineshop von Dell verfügbar sind. Laut Dell ist diese Produktserie mittlerweile etabliert und mit vergleichsweise teurer High-End-Hardware bei professionellen Entwicklern beliebt, die elegante Arbeitsgeräte mit Linux wünschen. Dell verkauft die Ubuntu-Versionen dieser Laptops mit Aufrüstoptionen über seinen eigenen englischsprachigen Onlineshop auf http://www.dell.com/learn/us/en/555/campaigns/xps-linux-laptop_us , gibt dort aber eine weltweite Verfügbarkeit an.

Dell XPS 13: Moderne Notebooks gibt es mit vorinstallierten Linux-Systemen, die der Hersteller für die Hardware optimiert hat. Dell arbeitet dazu mit Canonical (Ubuntu) zusammen.
Vergrößern Dell XPS 13: Moderne Notebooks gibt es mit vorinstallierten Linux-Systemen, die der Hersteller für die Hardware optimiert hat. Dell arbeitet dazu mit Canonical (Ubuntu) zusammen.

Tuxedo: Der deutsche OEM Tuxedo aus Königsbrunn hat sich auf Linux-Hardware spezialisiert. Dessen Geräte sind für Linux-Anwender gemacht, die nicht unbedingt ein unlimitiertes Budget haben oder sich Notebooks gerne selbst zusammenstellen. Bemerkenswert ist bei den Geräten von Tuxedo die Feinabstimmung des offiziell unterstützten Ubuntu-Systems, das bisher auf Xubuntu basierte, aber schon neuere Treiber und Optimierungen mitbringt.

Entroware: Dieser Notebookhändler stammt aus Großbritannien und hat durch die enge Zusammenarbeit mit Ubuntu-Entwicklern einen guten Ruf unter Ubuntu-Nutzern gewonnen. Entroware liefert nach Deutschland und erlaubt eine individuelle Feinabstimmung seiner Geräte bei der Bestellung, etwa bei RAM, SSD und Tastaturlayout. Die Modellreihe ist der Hauptmodellreihe von Tuxedo sehr ähnlich, weil beide Händler mit dem Hersteller Clevo aus Taiwan zusammenarbeiten.

Nettes Detail: Anstatt einer Windows-Taste haben die Linux-Notebooks von Tuxedo Computers und Entroware eine Pinguin-Taste.
Vergrößern Nettes Detail: Anstatt einer Windows-Taste haben die Linux-Notebooks von Tuxedo Computers und Entroware eine Pinguin-Taste.

Netzwerk: 802.11ac macht Laune

Wer 2019 nach einem neuwertigen Laptop sucht, sollte auf den Standard 802.11ac für den verbauten WLAN-Chipsatz achten. Denn Router und Access Points mit dem schnellen 802.11ac, das bald nach „Wi-Fi 5“ umbenannt wird, sind bereits weit verbreitet. Die effektiv erreichbare Datenrate ist damit signifikant und spürbar höher als mit dem WLAN-Vorgänger 802.11n.

Der Linux-Kernel gewinnt in jeder Version an neuen Treibern für Netzwerkkarten und WLAN-Chipsätze hinzu. Die Zahl der Hersteller der Chips für Notebooks ist überschaubar: Intel, Qualcomm Atheros, Broadcom und Mediatek (Ralink) liefern üblicherweise die Chipsätze. Leider machen es einige wenige Ausreißer nötig, bei der Suche nach geeigneten Notebooks auf die genaue Typenbezeichnung des WLAN-Chips achten und dann im Web gezielt nach der Linux-Unterstützung forschen.

Empfehlung: Die Erfahrung zeigt, dass WLAN-Chipsätze von Intel die wenigsten Probleme bereiten. Eher meiden sollte man die neuen Chipsätze von Realtek, denn diese bereiten häufiger Ärger mit Linux. Den aktuellen Stand der Linux-Unterstützung verschiedener Chips zeigt die offizielle Webseite des Linux-Kernels unter der http://wireless.kernel.org/en/users/Devices . Generell gilt: Je neuer der WLAN-Chip ist, desto neuer sollte auch die eingesetzte Distribution und der dort enthaltene Linux-Kernel sein.

Häufig sitzen die WLAN-Karten in einer M.2-Schnittstelle. Ein Austausch auf eigene Faust ist wegen Kompatibilitätsproblemen aber nur selten sinnvoll.
Vergrößern Häufig sitzen die WLAN-Karten in einer M.2-Schnittstelle. Ein Austausch auf eigene Faust ist wegen Kompatibilitätsproblemen aber nur selten sinnvoll.

Datenträger: Keine drehenden Teile

Nachdem diese SSDs als Flash-Nand-Speicher ohne drehende Teile auskommen, gibt es keine Frage, dass diese zur Pflichtausstattung eines Notebooks gehören. Bei der Installation einer soliden Linux-Distributionen aus dem Debian-und Ubuntu-Umfeld, von Fedora oder gar von einer Arch-Variante wie Manjaro, sind zunächst keine Besonderheiten im Zusammenspiel mit SSDs zu beachten – die Systeme treffen die sinnvollen Einstellungen zum Dateisystem und zum Dateisystem selbst. Das Dateisystem Ext4 eignet sich auch für Flashspeicher gut und kann quasi als Standard gelten. Auf der Hardwareebene macht es unter Linux keinen Unterschied, ob der SSD-Datenträger per SATA, per M.2-Schnittstelle oder in aktuellen Laptops über das neue NVME (Non Volatile Memory Express) angeschlossen ist.

Empfehlungen: Die beste Leistung liefert mit Abstand NVME, denn es handelt sich um eine PCI-E-Schnittstelle direkt auf der Notebookplatine, die für Multithreading optimiert ist. Zum Austausch eines NVME-Speichers ist aber meist die Demontage des gesamten Notebooks nötig, weil diese Speicher platzsparend im Gehäuse untergebracht sind. Den einfachsten Zugriff auf Laufwerke bieten immer noch ältere Geräte aus der Precision-Serie von Dell und Lenovo-Thinkpads, wo der SATA-III-Schacht hinter einer verschraubten Klappe auf der Unterseite verborgen ist.

Bei der Formatierung reserviert das Ext4-Dateisystem eine bestimmte Anzahl an Inodes für Systemdateien und privilegierte Systemprozesse. Standardmäßig liegt der reservierte Platz bei fünf Prozent – bei einer 200-GB-SSD sind das also schon zehn GB. Bei den heute üblichen Größen von SSDs von über 100 GB lässt sich der Platz gefahrlos verringern. Das gelingt mit dem Tool tune2fs, das viele Parameter von Ext4-Dateisystemen nachträglich ohne Datenverlust anpassen kann: Das Kommando

sudo tune2fs -m 1 /dev/sda1

reduziert die Anzahl der reservierten Blöcke auf der Partition „/dev/sda1“ auf ein Prozent.

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Touchscreen: Besser Hände weg

Notebooks mit Touchscreens sind zwar keine Exoten mehr, aber ein herausragender Erfolg sind die berührungsempfindlichen Displays bei dieser Geräteklasse nicht geworden. Viele Linux-Anwender ignorieren die Touchbildschirme ihres Notebooks meist und arbeiten aus gutem Grund konventionell mit Maus und Tastatur: Finger am Bildschirm sind unpraktisch. Selbst der Gnome-Desktop, der mit seinen großen Menüelementen und Touchgesten noch am ehesten für Touchscreens geeignet ist, bringt wenig Vorteile bei Touchscreens.

Empfehlung: Bei der Bestellung eines Notebooks vom Händler oder Hersteller ist genau auf die Spezifikationen des Bildschirms zu achten. Denn Hersteller wie Dell liefern einige Modelle wahlweise mit oder ohne Touchscreen wie beispielsweise das XPS 13.

Ob matt oder glänzend – das ist beim Display eher einer Geschmacksfrage. Wichtiger ist für die Lesbarkeit bei Tageslicht die effektive Helligkeit des Bildschirms. Diese geben Hersteller meist in Candela pro Quadratmeter an (cd/m²). In der Regel sollte die Helligkeit bei einem entspiegelten Notebookdisplay bei rund 220 cd/m² liegen, für die Arbeit draußen besser bei 250 cd/m². Für Innenräume reichen hingegen schon 130 bis 150 cd/m² aus.

Gänzlich ungeeignet für die Arbeit unterwegs mit Linux haben sich 4K-Bildschirme mit ihrer Auflösung von 3840 x 2160 Pixeln erwiesen. Die Hi-DPI-Unterstützung für diese Auflösungen ist in Gnome, KDE Plasma und Mate zwar in Ordnung, aber die hohe Pixeldichte ist auf Notebooks generell unpraktisch und sorgt (nicht nur) auf Linux-Desktops immer wieder für Probleme in Anwendungen.

Ein Umschalten von der internen Grafikeinheit zur schnellen GPU, hier über den proprietären Nvidia-Treiber, funktioniert in Linux nicht auf Anhieb.
Vergrößern Ein Umschalten von der internen Grafikeinheit zur schnellen GPU, hier über den proprietären Nvidia-Treiber, funktioniert in Linux nicht auf Anhieb.

Grafik: Hybride GPUs bleiben Bastelei

Die Leistung des integrierten Grafikchips in einigermaßen aktuellen Intel-und AMD-Prozessoren der letzten fünf Jahre reicht für den reibungslosen Betrieb eines Linux-Desktops vollkommen aus. Die Open-GL-Treiber von Gnome und KDE, die mit aktivierten Desktopeffekten eifrig Gebrauch der GPU machen, sind effizient und flott. Für Spieletitel mit aufwendiger Grafik reicht die integrierte GPU-Einheit von Intel-und AMD-Prozessoren allerdings nicht. Teurere Notebookmodelle speziell für Gamer setzen deshalb auf Hybridlösungen. Bei allen Programmen, die weniger anspruchsvoll sind, kommt die sparsame Grafikeinheit des Prozessors zum Einsatz. Nvidia nennt die hybride Grafik „Optimus“ und AMD „PowerXPress“. Die separate GPU muss manuell zugeschaltet werden, was grundsätzlich auch unter Linux funktioniert, aber intensive Nacharbeiten erfordert. In der Praxis funktioniert Nvidia Optimus unter Linux mit der Technik „Prime“ etwas besser mit den proprietären Nvidia-Treibern.

Empfehlung: Starke Grafikchips in Notebooks sind eine Frage des Preises, denn erschwingliche Notebooks mit Intel-CPU und separatem Grafikchip von Nvidia oder AMD gibt es kaum noch. Modelle mit zusätzlichem Grafikchip sind in Kombination mit Intel-CPU im hochpreisigen Marktsegment angesiedelt. Die Situation der Treiber, auch der proprietären Nvidia-Treiber, bleibt aber schwierig und mit der Installation einiger Pakete ist es nicht getan. Bei dieser Notebookhardware bleibt weniger versierten Nutzern meist nur, die Intel-GPU zu deaktivieren und das Gerät dauerhaft mit dem energiehungrigen separaten Grafikchip zu betreiben. Damit gibt es kein dynamisches Umschalten zwischen den beiden GPUs wie unter Windows und folglich kürzere Akkulaufzeiten. Aber immerhin funktioniert dann die schnellere Grafikausgabe mit dem proprietären Treiber.

Bewährte Hardware: Lieber etwas älter

Es ist für Linux-Kenner eine alte Binsenweisheit, dass etwas ältere Notebooks bewährter Modellreihen von renommierten Herstellern meistens besser laufen als fabrikneue Boliden. Zumindest, wenn man nicht gerade zu den Modellen von Dell, Tuxedo oder Entroware greift, die serienmäßig mit Linux ausgestattet sind, dafür aber auch deutlich mehr kosten als Gebrauchtgeräte (siehe Kasten „Spezialisierte Marken: Ein Herz für Pinguine“).

Gebrauchte Notebooks haben allerdings generell und nicht zu Unrecht einen schlechten Ruf, denn die Akkus sind meistens nur noch Schatten ihrer selbst und die Gehäuse sind nach dem rauen Außendienst zerkratzt. Beim Kauf solcher Geräte empfiehlt es sich, bei Amazon oder Ebay gezielt nach Leasingrückläufern von Händlern zu suchen, die eine gewisse Gewährleistung, ein Widerrufsrecht und eine Rückgabe im gesetzlichen Rahmen einhalten. Dann sind ältere, aber zuverlässige Notebooks schon für 200 bis 300 Euro aufzutreiben, wobei folgende Marken und Modelle für Linux erfahrungsgemäß am besten geeignet sind.

Lenovo-Thinkpads: Solide Bauweise und Businessfeatures haben diese Notebooks auch nach der Übergabe von IBM an Lenovo zu Klassikern gemacht. Andere Lenovo-Laptops sind dagegen für Linux weniger gut geeignet und oft im Billigsegment angesiedelt.

Robuste Lenovo Thinkpads: Diese Geräteserie stammte ursprünglich von IBM und gehört zu jenen Notebooks, die in Würde altern. Der Einsatz von Linux ist hier meist unproblematisch.
Vergrößern Robuste Lenovo Thinkpads: Diese Geräteserie stammte ursprünglich von IBM und gehört zu jenen Notebooks, die in Würde altern. Der Einsatz von Linux ist hier meist unproblematisch.

Dell Precision: Auch die älteren Dell-Laptops der Precision-Reihe gehören zu den lohnenden Schnäppchen. Die schweren, robusten Notebooks sind relativ groß und bringen bewährte Komponenten mit.

HP Probook: Während die regulären Modelle des ehemals renommierten Herstellers wegen Verarbeitungsmängeln oft den Charme eines leeren Joghurtbechers haben, liefert die Probook-Reihe fitte Gebrauchtgeräte für Linux-Anwender, die hier mit unproblematischen Komponenten rechnen können.

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