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Das ist neu in Linux Mint 20.1

23.03.2021 | 08:02 Uhr | Hermann Apfelböck

Linux Mint 20.1 erneuert seine Ubuntu-Systembasis auf den Stand von Ubuntu 20.04.1 (den ersten Release Point der Ubuntu-20.04-Langzeitversion). Nebenbei bietet Version 20.1 neue Tools und wieder einigen Feinschliff am Desktop.

Linux Mint 20.1 „Ulyssa“ ist Ende Dezember 2020 erschienen. Primärer Anlass für die Mint-Folgeversion ist der turnusgemäße Fortschritt des Ubuntu-Unterbaus: Ubuntu hatte im August den ersten Release Point 20.04.1 veröffentlicht. Linux Mint folgt seit Jahren den Ubuntu-Langzeitversionen (LTS, Long Term Support) und macht dabei grundsätzlich auch alle Release Points mit (mit zeitlicher Verzögerung), um mit neuerem Kernel und jüngeren Softwareversionen auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Der Linux-Kernel und die damit verbundenen Neuerungen bei der Hardwareunterstützung sind im aktuellen Fall allerdings keine Motivation zum Upgrade, da die Kernel-Version weiter bei 5.4 verharrt. Spannender sind kleine, aber interessante Neuheiten am Desktop und bei der Software.

Linux Mint 20.1: Die drei Editionen

Linux Mint 20.1 gibt es weiterhin in drei Editionen mit Cinnamon-, Mate- und XFCE-Desktop. Während Mate 1.24 und XFCE 4.14 unverändert bleiben, erhält Cinnamon 4.8.3 kleinere Verbesserungen unter der Haube, die für flüssigeres Fenstermanagement sorgen und die Suche im Hauptmenü verbessern. Die größeren und sichtbaren Neuerungen, die größtenteils alle drei Editionen betreffen, beschreiben wir ab dem nächsten Punkt.

Auch in der mittlerweile ausschließlichen 64-Bit-Ausführung stellen die drei Mint-Editionen keine hohen Hardwareansprüche. Als Minimalanforderungen nennt das Mint-Team für alle drei Ausgaben dasselbe – nämlich ein GB RAM und 15 GB auf Festplatte. Das ist Theorie, aber nicht praktikabel, und die drei Editionen sind in ihren Anforderungen auch nicht ganz identisch: Wir empfehlen zwei GB RAM für Linux Mint XFCE, zwei bis vier GB für die Mate-Edition und vier GB für die Cinnamon-Hauptedition. Ein mit Cinnamon gestartetes Linux Mint belegt etwa 750 MB RAM ohne sonstige geladene Software. Auf Festplatte oder SSD sollten bei längerfristigem Einsatz für System, Updates, Timeshift-Snapshots und Softwareinstallation 50 bis 100 GB bereitstehen – Benutzerdateien nicht eingerechnet.

Die Mint-Herausgeber bevorzugen – wie auch die meisten Nutzer – die Hauptedition mit dem Mint-eigenen Desktop Cinnamon, sorgen aber stets für ein weitgehend einheitliches Mint-Erscheinungsbild aller Editionen. Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Mate- und XFCE-Editionen nur durch die jeweils eigenen Hauptmenüs. Im Alltag zeigen sich aber tiefergehende Unterschiede bei der Leistenkonfiguration, in der Konfigurationszentrale und beim Dateimanager. Von den nachfolgend beschriebenen Neuheiten profitieren alle Editionen – lediglich die neuen Dokument- „Favoriten“ bleiben der Cinnamon-Hauptedition vorbehalten.

Linux Mint 20.1 ist wie gewohnt über die Projektseite  zu beziehen, die dann zu den eigentlichen Spiegelservern für den Download weiterverlinkt. Das ISO-Image kann dann mit den üblichen Mitteln ( Etcher , Win 32 Disk Imager , Gnome-Disks) auf USB kopiert werden, um es danach am Zielrechner zu booten. Das Livesystem bietet risikoloses Ausprobieren und die Installation auf den aktuellen Rechner. 

Linux Mint bietet wie Ubuntu LTS einen Supportzeitraum von fünf Jahren. Im Falle von Linux Mint 20.1 bedeuten dies noch verbleibende gut vier Jahre bis zum April 2025, da ab dem Ersterscheinen von Ubuntu 20.04 zu zählen ist (April 2020). Dieser Support bis 2025 gilt für alle drei Mint-Editionen.

Linux Mint: Das bietet die beliebte Linux-Distribution

Webapps: Websites als Desktopprogramme

„Webapps“ kann Websites mit und (wie hier) ohne Navigationselemente wie lokale Programme darstellen. Das beinhaltet auch die Einbindung ins Hauptmenü oder in die Systemleiste.
Vergrößern „Webapps“ kann Websites mit und (wie hier) ohne Navigationselemente wie lokale Programme darstellen. Das beinhaltet auch die Einbindung ins Hauptmenü oder in die Systemleiste.

Das Tool Webapps ist eine Mint-Eigenentwicklung und ließ sich bereits unter Linux Mint 20 als kleines DEB-Paket nachinstallieren ( siehe hier ). Ab Version 20.1 kommt es nun standardmäßig mit. Primärer Zweck ist es, Internetsites wie Desktopprogramme darzustellen. So eingerichtete Webapps erscheinen im Hauptmenü, lassen sich in die Systemleiste einbauen und präsentieren sich sogar im Taskwechsler Alt-Tab als eigenes Programm. Da sich die Website sowohl mit als auch ohne Navigationselemente einrichten lässt, kann das Tool auch den sekundären Zweck erfüllen, eine Intranetseite, eine Serveranwendung wie Wiki oder Nextcloud, aber auch eine spezialisierte Kindersuchmaschine oder Bankingseite in ein App-Gefängnis zu sperren (ohne Adressleiste und Navigationsbuttons).

Die Einrichtung einer Website mit Webapps ist unkompliziert: Neben einem frei wählbaren Namen, der Web- oder Intranetadresse und einem Symbol, gibt es noch die Wahl einer Kategorie, die über den Platz im Hauptmenü entscheidet, die Wahl des Browsers (falls mehrere installiert sind) und die Entscheidung, ob die Browsernavigation gewünscht ist („Navigationsleiste“). Letzteres ist standardmäßig deaktiviert. Danach können Sie die Seite über das Tool selbst oder das Hauptmenü starten und auf Wunsch zusätzlich in die Systemleiste integrieren.

Bewertung: Das neue Werkzeug ist einfach und nützlich, aber natürlich nicht spektakulär. So bietet etwa die webfokussierte Distribution Peppermint-OS ein analoges Tool Ice schon seit Jahren. Eine vereinfachte Variante haben die Browser Chrome und Chromium („Weitere Tools –› Verknüpfung erstellen“) ebenfalls seit Jahren an Bord. Trotzdem bewerten wir das praktische Tool als willkommene Desktopergänzung und als Highlight der neuen Mint-Version. Da jede laufende Webapp eine separate Browserinstanz kostet, sollte man sich aber auf das Wesentliche beschränken.

Dokument- und Ordnerfavoriten

Favoritenkonzept in Cinnamon: Die kleine, aber hübsche Funktion gilt für Ordner wie Dateien und ist im Dateimanager, im Hauptmenü und in der Systemleiste als Applet integriert.
Vergrößern Favoritenkonzept in Cinnamon: Die kleine, aber hübsche Funktion gilt für Ordner wie Dateien und ist im Dateimanager, im Hauptmenü und in der Systemleiste als Applet integriert.

Das neue „Favoriten“-Konzept ist nur in der Cinnamon-Hauptedition enthalten. Leisten-Applets mit ähnlicher Funktionalität wie „Places“ oder „Places Center“ gibt es schon länger; die „Favoriten“ sind aber durch die Integration in den Dateimanager Nemo und ihre Reichweite für Dateien wie Ordner eindeutig besser. „Favoriten“ sollte gleichartige Applets überflüssig machen.

Jeder PC-Nutzer hat nicht nur seine wichtigsten Standardordner, sondern mit Tabellen oder Listen auch Benutzerdateien, die er ständig benötigt und weiterpflegt. Für solche Favoriten zeigt Nemo jetzt nach Rechtsklick die neue Option „Zu Favoriten hinzufügen“. Sobald ein erster Favorit definiert ist, wird das zugehörige Leisten-Applet aktiv und erscheint mit seinem Sternsymbol in der Systemleiste. Dieses zeigt alle Favoriten und öffnet den gewünschten nach Mausklick. Zusätzlich zum Leisten-Applet gibt es auch noch im Hauptmenü die neue „Favoriten“-Kategorie (auch ausblendbar) – und nicht genug: Die Navigationsspalte des Dateimanagers bietet die Favoritensammlung ebenfalls und Nemo markiert die betreffenden Dateiobjekte obendrein mit einem Sternsymbol. Bereits als „Favoriten“ gekennzeichnete Objekte erhalten automatisch das Kontextmenü „Aus Favoriten entfernen“, um sie bei Bedarf wieder aus der Liste zu entfernen.

Bewertung: Diese Neuerung ist eine nette Ergänzung – technisch wie funktional eine Kleinigkeit, die Bastler auf die eine oder andere Weise längst gelöst haben. Das Mint-Team ist aber zu loben, als es solche Kleinigkeiten nicht als isoliertes Applet, sondern desktopübergreifend löst: Das Zusammenspiel von Dateimanager, Leisten-Applet und Menü ist vorbildlich und die Benutzung der „Favoriten“ selbsterklärend.

Browser für Linux: Welcher ist der beste?

Chromium als DEB-Paket

Der beliebte Chromium-Browser ist zurück in den Standard-Paketquellen, die sich bekanntlich aus den Mint-eigenen Paketen und aus Ubuntu-Paketen zusammensetzen. Nachdem Ubuntu Chromium nur noch als Snap anbietet, hat sich das Mint-Team entschlossen, den Browser als eigenes DEB-Paket zu pflegen. Damit kann der aktuelle Chromium wieder über 

sudo apt install chromium-browser

oder über die „Anwendungsverwaltung“ nachinstalliert werden. Das ist eine gute Nachricht für Chromium-Nutzer, weil das DEB-Paket ungleich schlanker ausfällt als ein Flatpak- oder Snap-Container.

Bewertung: Die Pflege des Chromium-Pakets bedeutet für das Mint-Team eine lästige Dauerverpflichtung. Es ist dies aber die konsequenteste Antwort in einer etwas verfahrenen Situation: Linux Mint ist eine unideologische Distribution, jedoch scheint die Ablehnung des Canonical/Ubuntu-Containerformats Snap unüberwindlich. Nach wie vor verbietet Linux Mint die Installation der Snap-Umgebung durch die Datei „/etc/apt/ preferences.d/nosnap.pref“. Sicher – es gäbe auch einen Chromium in dem von Mint favorisierten Flatpak-Format. Allerdings sind der Download von 735 MB und Plattenplatzbedarf von 2,5 GB eher abschreckend. Mit dem schlanken DEB-Paket hat Chromium unter Linux Mint wieder Zukunft.

Hypnotix als neue IPTV-Software

Hypnotix mit 2800 freien TV-Sendern: Die Sammlung ist reichlich chaotisch und bräuchte zusätzliche Filtermethoden. Stöbern kann aber etliche Stunden amüsieren.
Vergrößern Hypnotix mit 2800 freien TV-Sendern: Die Sammlung ist reichlich chaotisch und bräuchte zusätzliche Filtermethoden. Stöbern kann aber etliche Stunden amüsieren.

Hypnotix ist eine Eigenentwicklung des Mint-Teams, deren erste Alphaversion im Oktober 2020 angeboten wurde – damals noch mit Fragezeichen, ob und wann Hypnotix Einzug in Linux Mint finden würde. Die jetzt vorliegende Software ist quasi ein klickfertiger Akkumulator von etwa 2800 freien IP-TV-Kanälen – nach Ländern geordnet. Die Adressen mussten die Mint-Entwickler nicht selbst sammeln, sondern konnten die Sender von Free IPTV übernehmen ( siehe hier ), das ausschließlich freie und hinsichtlich Jugendschutz unbedenkliche Angebote enthält.

Bewertung: Hypnotix ist unterhaltsam, der Nutzwert eher fraglich. Wer als Auswanderer, Diplomat, Soziologe oder touristischer Enthusiast kulturellen Kontakt zu einem bestimmten Land hält, wird seine bevorzugten Streamadressen parat haben. Abspielen kann solche Streams zum Beispiel der Allzweckplayer VLC („Medien –› Netzwerkstream öffnen“) oder auch MPV via Celluloid. Letzteres ist unter Linux Mint der Fall, da Hypnotix die jeweilige Streamadresse nur an Celluloid weitergibt. Beim ungezielten Stöbern wird Hypnotix schnell zum sinnfreien Zeitvertreib: Man sieht in chinesischer Werbung, dass auch die Hemden chinesischer Kinder durch deutsche Waschmittel besonders sauber werden …

Druckdienst ippusbxd entfernt

Bei Linux Mint 20 war in der Nachfolge von Ubuntu 20.04 der Dienst ippusbxd vorinstalliert. Dieser sollte das Drucken und Scannen ohne explizite Treiber ermöglichen (IPP over USB). Nach enttäuschenden Ergebnissen gilt dieser Versuch als gescheitert und ippusbxd wurde wieder entfernt. Drucken und Scannen funktioniert nun wieder wie bei Linux Mint 19.x und früheren Versionen – sofern passende Treiber vorliegen. 

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