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Cyberpunk 2077 Preview: Die nächste Generation von Action-RPGs

13.09.2019 | 19:01 Uhr |

Cyberpunk 2077 vom Haus, in dem The Witcher 3 geschmiedet wurde, kombiniert gutes, altes Rollenspielhandwerk mit smarten Mechaniken, exzellent geschriebenen Figuren und einem Storytelling irgendwo zwischen House of Cards und Narcos. Oh, und Keanu Reeves ist unser virtueller Buddy. Wir haben 45 Minuten Gameplay gesehen.

Cyberpunk 2077 spielt sich nicht wie ein Shooter, sondern ein waschechtes Rollenspiel. Wer auf Stärke levelt, der reißt mit seinen biomechanischen Armen MGs aus der Verankerung, schlägt mit der Wucht eines Dwayne „The Rock“ Johnson zu und zerstört sogar Stahltore, als wären wir der Hulk. Doch wer wird denn gleich aggressiv? In Night City, jener futuristischen Stadt, die die Basis für dieses neue RPG des legendären Teams von The Witcher 3 bildet, sind fast alle Objekte technisch vernetzt. Schon möglich, dass eine CPU-gesteuerte Beinpresse einen Fehler hat und ihr Opfer zerquetscht – so Sie denn den Hitman geben wollen.

FAZIT: Cyberpunk 2077

Cyberpunk 2077 wird nicht nur deshalb großartig, weil es einen neuen technischen Benchmark setzt und enorm viel Variabilität in seinen Rollenspiel-Mechaniken auffährt. Weil es Sie entscheiden lässt, ob Sie wie Terminator oder Sam Fisher oder Hitman spielen wollen. Sondern weil CD Project RED eines der wenigen Studios in dieser Branche ist, die verstehen, wie gutes Storytelling und World-Building funktionieren.

Wie oft erleben wir es in Spielen, dass wir nach einer toll geschriebenen Zwischensequenz zum Händler gehen, und der sagt jedes Mal dasselbe – in Cyberpunk 2077 ergeben sich Dialoge, Interaktionen. Es ist fast schon filmisch in diesem Bereich. Besonders faszinierend ist aber die Idee, seiner Protagonistin/seinem Protagonisten einen Background geben zu dürfen: Ein Kind von der Straße spricht anders, gibt sich anders und hat andere Netzwerke, als ein “Rich Kid”, welches aus einer Konzernfamilie stammt und womöglich auch einen anderen moralischen Kompass hat.

Und dann gibt’s natürlich noch diese Matrix-Fantasie, mit einer K.I. kommunizieren zu können, was in der Demo zu fast schon religiösen Auswüchsen führt und zahlreiche andere Komponenten, mit denen man nochmal 10.000 Zeichen an dieser Stelle füllen könnte. Cyberpunk 2077 wird das spannendste Spiel des Jahres 2020.

Wer hingegen Splinter Cell vermisst und mehr Sam Fisher mimen will, der hackt den nächsten Energy-Drink-Automaten: Gibt’s die Dosen kostenlos, sind die Wachen einer schießwütigen Gang schnell abgelenkt. Viele Wege führen nach Rom und Pacifica, einem der Hotspots Night Citys. Nicht selten wird Ihnen hier eine Waffe an die Schläfe gedrückt – mal von der Mafia, mal von Drogendealern oder einer Hackergruppe. Wer vorher seine Coolness hochgelevelt hat, der muss nicht jedem einen Kopfschuss verpassen, wie Keanu Reeves in John Wick. Der uns in seiner natürlich lässigen Art in Cyberpunk 2077 als digitaler Mentor dient, als Typ, der in unserem Hirn rumwuselt, und den nur wir sehen können.

Achten Sie mal auf das wunderschöne Lichtspiel, die authentischen Spiegelungen von Neon-LEDs und die vielen Details an der Waffe. Bis zum 16. April 2020 ist ja noch ein wenig Zeit, um auf eine Raytracing-Grafikkarte Marke RTX 2080 zu upgraden.
Vergrößern Achten Sie mal auf das wunderschöne Lichtspiel, die authentischen Spiegelungen von Neon-LEDs und die vielen Details an der Waffe. Bis zum 16. April 2020 ist ja noch ein wenig Zeit, um auf eine Raytracing-Grafikkarte Marke RTX 2080 zu upgraden.
© CD Project RED

Wer die Coolness behält, der ballert nicht, sondern verhandelt. Viele Figuren in diesem Sci-Fi-Drama einer Mega-City, die aus den Fugen gelaufen ist, sind nervös. Nervös, weil die Polizei ins Gang-Viertel Pacifica eher selten einen Fuß reinsetzt – ursprünglich mal als Urlaubsparadies im Miami-Style geplant, zogen sich Investoren nach einem Immobiliencrash zurück, Gangs aus Südamerika übernahmen das Kommando. Tauchen hier die Cops auf, jagen sie eher eine Rakete in ein Apartment oder feuern mit der Minigun aus dem Helikopter. Nervös auch, weil die Atmosphäre irgendwo zwischen House of Cards und Narcos schwebt – jeder hier scheint bereit zu sein, seine Freunde für den richtigen Preis zu verkaufen.

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Eine Waffe an der Schläfe kann also nur ein Test sein – wer cool bleibt, die richtigen Fragen stellt und sich als loyal erweist, der bekommt eine Mission. Die Struktur ist dabei recht nahe an einem The Witcher 3 dran: Erledige ein paar Gefallen, mach’ dir Freunde und sie werden dir Türen in höheren Etagen öffnen, die helfen, die Probleme unserer Protagonistin oder Protagonisten V zu lösen. Denn Cyberpunk 2077 ist ein echtes Rollenspiel: Sie designen nicht nur Ihren Charakter, Sie wählen die Hintergrundgeschichte.
 
Smartes Storytelling wie in The Witcher 3 und Mass Effect

Viele Spiele haben Multiple-Choice für sich entdeckt, nur wenige machen das aber wirklich gut. Bioware waren einst die Götter des Rollenspiels. Unvergessen sind Momente, in denen wir uns entscheiden müssen: Ziehen wir mit Rex mit, einem reptilienartigen Alienfreund, der recht aggressive Pläne verfolgt. Oder drücken wir ihm eine Kugel zwischen die Stirnlappen, weil er gefährlich für die anderen Planeten ist. Nach Mass Effect kam CD Project RED und transferierte die Bioware-Dramaturgie mit The Witcher 3 ins Mittelalter - mit noch besser geschriebenen Charakteren, noch ein bisschen mehr Tiefe und einem verdammt coolen Protagonisten.

Wer ballern will, ballert. Aber auch die Methoden des Hitman oder Sam Fishers lassen sich über die tiefgehenden RPG-Mechaniken freischalten.
Vergrößern Wer ballern will, ballert. Aber auch die Methoden des Hitman oder Sam Fishers lassen sich über die tiefgehenden RPG-Mechaniken freischalten.
© CD Project RED

In Cyberpunk 2077 entscheiden Sie nicht nur zwischen der Sexualität und dem Aussehen, sondern vor allem auch dem Background: Es gibt den Nomad, der einen Hintergrund hat wie Rey in Star Wars: The Force Awakening und Rise of Skywalker: V kommt dann aus einer Schrottsammler-Familie ohne großes Netzwerk oder politische Kontakte. Visualisiert wird das übrigens als Karte, weil CD Project REDs Werk auf Mike Pondsmiths gleichnamigen Pen&Paper-Universum basiert.
 
Sie können auch den Hintergrund als Street Kid wählen: Besonders interessant ist aber die Corporate History: Den Niemand, der sich von ganz unten hocharbeiten muss, haben wir schon oft gespielt – in GTA, in Mafia. Aber eher selten ist es, in eine Rolle zu schlüpfen, in der man im Aufsichtsrat eines Konzerns sitzt. Insbesondere, weil diese Mega-Corporations in Cyberpunk 2077 die Rolle von Staatenlenkern einnehmen. Noch hat CD Project RED nicht verraten, wie tief diese Verwurzelung für das Spiel wird, aber die Möglichkeiten sind groß.

Besonders spannend: Zu Beginn wählen Sie, ähnlich wie im Pen&Paper-Vorbild, einen Background – etwa als Kind der Straße oder aus dem Feld der Corporate-Welt. Das erhöht den Wiederspielwert enorm.
Vergrößern Besonders spannend: Zu Beginn wählen Sie, ähnlich wie im Pen&Paper-Vorbild, einen Background – etwa als Kind der Straße oder aus dem Feld der Corporate-Welt. Das erhöht den Wiederspielwert enorm.
© CD Project RED

In den bisherigen Demos wohnt V in einem zwar sehr futuristischen, aber relativ schlichten Apartment. Wer weiß, vielleicht kann man ja auch in einem Penthouse wohnen und Zugänge zu ganz anderen Kreisen erhalten, wenn man sich für die Corporate-Laufbahn entscheidet. So ein spielbares House of Cards in einer dystopischen Welt wäre schon sehr geil. Denn schon in der Demo ist vieles nicht so, wie es scheint: Wir treffen auf einen Agenten der Regierung, mit dem wir kooperieren können – dafür müssen wir die Gang verraten, aber Sie können sich sicherlich vorstellen, dass NetWatch, eine Art NSA von Night City über spannende geheime Technologie, viel Geld und Macht verfügt.

Ein tiefes Rollenspielsystem mit offener Verteilung

Diese Freiheit setzt sich auch in den RPG-Mechaniken und der Verteilung von Fähigkeitsslots fort: Cyberpunk 2077 verzichtet auf ein Klassensystem, stattdessen werden Punkte auf fünf Hauptgruppen verteilt, die mannigfache Verästelungen haben: Unter Reflexe fällt beispielsweise das gesamte Kampfsystem, wo Sie sich auf das Handling von Sturmgewehren, Pistolen, Shotguns oder Schwertern spezialisieren können. Unter dem Reiter “Cool“ werden die Fähigkeiten Attentate planen, Scharfschützen-fähigkeiten und Verhandlungsgeschick zusammengefasst.

Weitere Reiter beziehen sich auf Hacking und Fitness, wobei Sie sich in speziellen Shops einen Haufen Hightech-Implantate einbauen lassen können. Elon Musk arbeitet gerade an einem neuronalen Interface – 2077 können wir damit Sprachen übersetzen, eine Art Zoom für unsere Retina aktivieren oder eine Feinderkennung, wie in Terminator. V zieht auch einfach ein USB-Kabel aus ihrem Arm, um Sicherheitssysteme zu hacken – muss man keinen Laptop mit sich rumschleppen, ganz praktisch.

Placide, der Sicherheitschef einer Hacker-Lady namens Brigitte, fordert gar, dass wir ihm Zugang zu unserem Gehirn-Interface geben, weil er uns im Blick behalten möchte, bei unseren Operationen. Faszinierend dabei ist, wie stark CD Project RED diese Hightech-Fantasie mit dem Gameplay verknüpft. Als wir etwa gegen Sasquatch kämpfen müssen, die Anführerin der Animals, einer verfeindeten Gang, überwältigt uns diese im Kampf für ein paar Sekunden und hackt unser neuronales Interface. Sogleich verschwimmt der Bildschirm, färbt sich das Areal in Neon, und wir müssen auf bestimmte Objekte in der Umgebung schießen, die diesen Zustand beeinflussen.

Das ist auch deshalb spannend, weil sich die Core-Story rund um K.I. dreht: Die unterschiedlichen Netrunner-Fraktionen versuchen, in den Code einzudringen und ihr Bewusstsein via K.I. zu erweitern, während NetWatch als Sicherheitsbehörde das zu verhindern sucht. Schon interessant, dass Keanu Reeves sein Cyberpunk-Comeback in einem Spiel feiert, welches den Gedanken von The Matrix fortführt.
 

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