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Corona-Krise: Wie die ESL das Katowice-Desaster in einen Sieg verwandelte

16.04.2020 | 08:09 Uhr |

Die Corona-Krise bewegt, verändert, stellt alle vor Herausforderungen: Nur zwölf Stunden Zeit hatte das Team der ESL, um die Intel Extreme Masters 2020 in Katowice zu retten. 170.000 Zuschauer konnten nicht in die Spodek Arena, eine digitale eSports-Party der Superlative musste her, die zur Spitze von Twitch führte. Wie Covid-19 den eSports verändert – das Special.

Corona hat die ganze Welt in den Krisen-Modus gestürzt, auch emotional. Die Fall-Zahlen in den USA explodieren, binnen nur zwei Wochen haben sich die Infektionen von 6000 auf 215.000 gesteigert. In Bayern, wo PC WELT ansässig ist, herrscht ein Ausgangsverbot und unsere italienischen Nachbarn müssen 1000 Tote pro Tag verkraften. Hinter all diesen Zahlen stecken persönliche Schicksale: Viele von uns haben Freunde, die infiziert sind. Der Autor dieser Zeilen, lebte in Mailand, und die fröhlichste Stadt der Welt ist nicht wiederzuerkennen – jeder ist zu Hause, die Straßen sind leer. Wir alle haben die Bilder aus Bergamo gesehen, wo Militär-Konvois Särge abtransportierten. Und auch wenn die einen sich beschweren, weil wir in Deutschland unsere Wirtschaft und die Pleite vieler kleiner Restaurants sowie Läden riskieren, obwohl unsere Opferzahlen verhältnismäßig gering sind, spürt doch jeder, dass da etwas in der Luft liegt. Dass wir mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit für unsere eigene Gesundheit noch etwas länger zu Hause bleiben werden müssen. 

Es fühlt sich komisch an in diesen schwierigen Zeiten, über eSports zu sprechen. Schön ist aber, wie die Community zusammensteht und für alle da ist, die gerade Angst haben.
Vergrößern Es fühlt sich komisch an in diesen schwierigen Zeiten, über eSports zu sprechen. Schön ist aber, wie die Community zusammensteht und für alle da ist, die gerade Angst haben.
© ESL

Es sind merkwürdige Zeiten, auch für uns Journalisten. Denn wir fragen uns natürlich, ob wir uns über den Release eines Half-Life: Alyx freuen und den normalen redaktionellen Alltag leben können, während auf allen Kanälen Bilder auf uns einprasseln, die bedrückend sind. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir alle gerade nach Ablenkung und Alltagsflucht suchen. Call of Duty: Warzone verzeichnete Rekord-Zahlen mit 30 Millionen Spielern und überflügelt erstmals Fortnite. Auf Steam spielten am Wochenende 22 Millionen Gamer, wohlgemerkt gleichzeitig, und weil die Formel 1 gerade keine Rennen austragen kann, treffen wir McLaren-Profi Lando Norris quasi täglich auf Twitch, wo er nicht nur an virtuellen eSports-Events teilnimmt, sondern auch einfach mit seinen Fans quatscht. Im eSports explodieren nicht nur die Zahlen, die Community wächst zusammen – man redet auf Twitch, macht sich Mut. 

Social Distancing ist im eSports angekommen: Aus Sicherheitsgründen, wurde ein sehr hoher Abstand für die wenigen Zuschauer eingerichtet. Erlaubt waren in Katowice nur die Angehörigen der ESL und Teams.
Vergrößern Social Distancing ist im eSports angekommen: Aus Sicherheitsgründen, wurde ein sehr hoher Abstand für die wenigen Zuschauer eingerichtet. Erlaubt waren in Katowice nur die Angehörigen der ESL und Teams.
© ESL

Schöne Szenen ergeben sich dort, wenn Menschen aus Italien, Spanien, den USA, Kanada, Deutschland, Mexiko und vielen anderen Ländern dieser Erde zusammenkommen und nicht nur den eSports zelebrieren, sondern sich auch virtuell in den Arm nehmen und Mut machen. Denn diese soziale Distanzierung, das Abstandhalten von anderen Menschen, ist gerade für jene schwierig, deren Familienmitglieder an Covid-19 erkrankt sind. In Discord, auf Twitch, YouTube und Mixer ergeben sich herzzerreißende Momente, wenn ein Italiener erzählt, dass er einen Anruf vom Krankenhaus bekam; seine Mama sei verstorben. Das sind Momente, in denen keiner gerne allein ist und die Gaming-Gemeinde war für diesen Jungen da – man hat geredet, sich ausgetauscht, viele stimmten ein, die ähnliche Schicksalsschläge verkraften mussten. Es sind Momente, in denen in den Hintergrund rückt, ob man für Na’Vi oder G2 esports während der Grand Finals der Intel Extreme Masters 2020 in Katowice jubelt. Da zählt nur der Mensch.

Empfehlung: Carlos Rodriguez und G2 eSports: auf dem Weg zum Eine-Milliarde-Dollar-Team

Intel Extreme Masters Katowice: Wenn keiner kommen darf, kommen alle Online

Corona ist über die Branche geschwappt wie eine Monsterwelle und plötzlich kam alles zum Stehen. Events abgesagt, Flüge gestrichen, weil die USA ein Einreiseverbot verhängten. Kurz darauf wurde der komplette europäische Luftraum gesperrt. Heute wäre PC WELT eigentlich nach Paris geflogen zur Weltpremiere eines neuen Spiels, aber alle Maschinen bleiben am Boden. Nun ist die Branche super digital, sehr flexibel und schnell, aber von jetzt auf gleich ist das alles gar nicht so einfach. Publisher-Teams arbeiten gerade mit Hochdruck daran, eine digitale E3 auf die Beine zu stellen, wohlgemerkt ohne gewohnte Studio-Atmosphäre, weil nebeneinander sitzen und reden gerade undenkbar ist. Auch bedingt so ein Studio in der Regel eine größere Crew. 

Ralf Reichert, CEO der ESL musste mit seinem Team binnen 12 Stunden das größte eSports-Turnier Europas komplett auf digital hieven.
Vergrößern Ralf Reichert, CEO der ESL musste mit seinem Team binnen 12 Stunden das größte eSports-Turnier Europas komplett auf digital hieven.
© ESL

Von Überraschungen blieb auch die ESL nicht verschont, die größte und wichtigste eSports-Liga der Welt. Denn eigentlich sollte am letzten Februarwochenende die Intel Extreme Masters Katowice starten: mit 175.000 Fans, die natürlich alle Karten vorbestellt hatten. Die Teams waren größtenteils schon in der City, alles war parat und fertig, da verkündigte die Stadt Katowice, dass das Event aus Gesundheitsgründen abgesagt werden müsse. „Wir hatten nur zwölf Stunden, bevor die Tore öffnen sollten“, erinnert sich ESL-CEO Ralf Reichert. „Und ja, da gibt’s viele Stakeholder wie Teams, Sponsoren, all unsere Partner, mit denen man an einem Plan B arbeiten musste. In zwölf Stunden sollte das größte eSports-Event des Jahres stattfinden, und wir hatten plötzlich keine Freigabe für eine Live-Audience.“

https://live.intelextrememasters.com/

Katowice ist der Super Bowl des Counter-Strike, das wichtigste CS-Turnier des Jahres. Ursprünglich hatte die ESL umfassende Sicherheitsmaßnahmen geplant, so sollte jeder Teilnehmer auf Fieber gemessen werden, Personen mit erhöhter Temperatur hätte man medizinisch in einem gesonderten Bereich versorgt. Erst Last-Minute entscheidet sich Gouverneur Silesian Jaroslaw, den Flughafen zu schließen und alle Events zu verbieten. Letztlich lässt die ESL in der Arena spielen – nur ohne Publikum. Finanziell dürfte das weh tun: Nicht nur der kleinen Stadt Katowice, die nur 300.000 Einwohner hat, also für ein Wochenende deutlich wächst und satte 22 Millionen Euro Umsatz als Wimbledon des eSports einfuhr im letzten Jahr. Sondern auch der ESL, schließlich bleibt man auf den Kosten sitzen, hat sich aber dennoch bereit erklärt, die Ticketpreise zu erstatten. 

Die Intel Extreme Masters Katowice sind vergleichbar mit dem Finale der Champions League für CS:GO. Es ist das wichtigste Counter-Strike-Turnier Europas.
Vergrößern Die Intel Extreme Masters Katowice sind vergleichbar mit dem Finale der Champions League für CS:GO. Es ist das wichtigste Counter-Strike-Turnier Europas.
© ESL

Dennoch lieferte man eine gewohnt beeindruckende Show mit hochschießenden Flammen vor der Bühne, als wäre es ein Rock-Konzert. Und wurde mit absoluten Rekord-Zahlen im Stream belohnt. „Es sollte eine der stressigsten, aber auch erfreulichsten Wochen der letzten acht Jahre werden“, erzählt der ESl-CEO. „Es wurde eine großartige Show mit einem großen Finale, in dem Navi Gaming G2 eSports vor einer Million Zuschauern im Stream schlug. Bin super stolz auf das ganze ESL-Team, welches Geschichte geschrieben hat, trotz all der Widerstände und alle Rekorde gebrochen hat.“ Belohnt wurde die ESL auch mit der Spitze von Twitch, der IEM-Stream war die weltweite Nummer 1 für ein Wochenende.

FaZe-NiKo: „Eine echt coole Online-Party, nächstes Jahr wieder in der Arena“

Für die ESL war es wichtig, dass die Teams spielen können, schließlich ging es um viel Geld - 500.000 US-Dollar. Gewinner Natus Vincere ging mit 250.000 US-Dollar nach Hause. NiKOs Team FaZe musste sich mit dem siebten Platz und 15.000 US-Dollar zufrieden
Vergrößern Für die ESL war es wichtig, dass die Teams spielen können, schließlich ging es um viel Geld - 500.000 US-Dollar. Gewinner Natus Vincere ging mit 250.000 US-Dollar nach Hause. NiKOs Team FaZe musste sich mit dem siebten Platz und 15.000 US-Dollar zufrieden
© ESL

Das sehen auch die Spieler so. „Natürlich war es schade, weil viele Fans schon in der City waren, auf Instagram gepostet haben, man hätte sie gerne getroffen – aber es ist eine besondere Situation, in der wir alle unsere Wünsche ein bisschen zurückgenehmen müssen.“ IEM Katowice ist für ihn nach wie vor das prestigereichste und wichtigste CS-Turnier: „Katowice und Köln, die IEMs sind riesig und extrem wichtig. Für mich hat Katowice natürlich auch einen sehr emotionalen Background, weil es meine Heimat ist. Normalerweise kommt meine Familie und alle meine Freunde vorbei, um uns anzufeuern.“ Und wie war es innerhalb der Arena: „Wir haben ja gesehen, wie der Stream abgeht, das war der Wahnsinn. Es war eine riesige Online-Party. Aber klar, als Spieler brauchen wir unsere Fans, die pushen natürlich etwas härter, wenn sie Gas geben in der Arena. Aber ich denke, wir haben alle das Beste daraus gemacht, und es ist beeindruckend, wie schnell das ESL-Team alles umgestellt hat.“

Die Themen in Tech-up Weekly #184:

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► Vodafone dementiert energisch bundesweite Internet-Störung (9:47):
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Kommentar der Woche (11:12)

Fail der Woche (12:22):

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