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Browser für Linux - Welcher ist der beste?

29.01.2021 | 08:04 Uhr | Thorsten Eggeling

Es muss nicht immer Firefox sein – oder vielleicht doch? Andere Webbrowser haben auch etwas zu bieten. Ob das genügend Argumente für einen Umstieg sind, erfahren Sie in diesem Artikel.

Es gibt mindestens zehn mehr oder weniger bekannte Webbrowser für Linux, die teilweise andere Akzente setzen und in bestimmten Bereichen Vorteile bieten können. Die technische Basis ist jedoch meist identisch. Deswegen beschränken wir uns hier auf sechs Browser. Zur Darstellung der HTML-Seiten dient entweder der Renderer Blink (Google), der Vorgänger Webkit (Apple) oder Mozillas Gecko-Engine. Zur Interpretation von Javascript-Code kommen Googles V8, Mozillas Spider-Monkey oder Abkömmlinge davon zum Einsatz. Bei der Standardkonformität oder Geschwindigkeit gibt es dennoch kleine Unterschiede aufgrund der jeweiligen Implementierung. Bei der Auswahl des Browsers sollte man aber auch auf andere Eigenschaften achten, beispielsweise Sicherheit und Erweiterbarkeit.

Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Browser

Bei der Auswahl des Webbrowsers gibt es weltweit klare Präferenzen. Laut Statcounter  liegt Google Chrome aktuell auf PCs und Notebooks mit 67 Prozent Marktanteil deutlich vor allen anderen Browsern. Firefox erreicht nur knapp acht Prozent. In anderen Statistiken liegt Chrome noch weiter vorne. In Deutschland kommt Chrome auf gut 50 Prozent, knapp 20 Prozent der Nutzer halten weiterhin Firefox die Treue. Auf https://netmarketshare.com kann man sich die Statistik auch für jedes Betriebssystem ausgeben lassen, die Zahlen sind aber ähnlich. Demnach setzen Linux-Nutzer zu 66 Prozent Google Chrome ein, knapp 31 Prozent Mozilla Firefox.

Die Zahlen sind erstaunlich, weil offenbar auch die große Anzahl der Windows-Nutzer die Standardbrowser Edge und Internet Explorer abwählt und bewusst Google Chrome oder Firefox installiert. Vor zehn Jahren war der Internet Explorer mit 50 Prozent Marktanteil noch der weltweit führende Browser.

Bei Linux ist der Firefox-Anteil höher, wahrscheinlich, weil Firefox bei den meisten Distributionen Standard ist. Trotzdem ist auch hier die Bereitschaft sehr hoch, Google Chrome zu installieren.

Andere Browser, die wie Chrome den Renderer Blink verwenden, weisen ähnliche technische Merkmale auf, kommen aber jeweils nur auf wenige Prozent Marktanteil. Dabei könnten einige besondere Funktionen die Nutzer vielleicht überzeugen. Ausprobieren ist kein Problem: Browserinstallationen sind unkompliziert und es lassen sich auch mehrere Browser nebeneinander verwenden. Für alle genannten Browser gibt es DEB-Pakete auf der Downloadseite des jeweiligen Herstellers. Die lassen sich nach dem Download einfach per Doppelklick im Dateimanager installieren.

Sichere Browser in Linux: Darauf sollten Sie achten

Geschwindigkeit und Webstandards

Was kann der Browser? https://html5test.com zeigt die unterstützten Funktionen an und gibt eine Bewertung in Punkten. Die Unterschiede zwischen den Browsern sind jedoch nicht gravierend.
Vergrößern Was kann der Browser? https://html5test.com zeigt die unterstützten Funktionen an und gibt eine Bewertung in Punkten. Die Unterschiede zwischen den Browsern sind jedoch nicht gravierend.

Wir haben einige Benchmarks durchgeführt, die einen Eindruck von der Geschwindigkeit der Browser vermitteln. Hier gibt es kaum Überraschungen. Alle Browser mit der gleichen technischen Basis zeigen annähernd gleiche Ergebnisse. Firefox schneidet bei den Javascript-Tests vergleichsweise schlecht ab. Das wirkt sich in der Praxis negativ bei Webseiten und Webanwendungen aus, die Javascript intensiv einsetzen. Webstandards: Seitdem der Flash Player nicht mehr weiterentwickelt wird, ist die Unterstützung von HTML5 besonders wichtig. Die gute Nachricht: Alle getesteten Browser erfüllen alle wichtigen Standards (Test mit https://html5test.com ). Bei der Wiedergabe etwa von HTML5-Videos und Audiopodcasts sollte kein Browser Probleme haben.

Streamingplattformen wie Amazon Prime Video oder Netflix lassen sich im Browser nur nutzen, wenn Googles Widevine Content Decryption Module eingerichtet ist. Das ist bei allen getesteten Browsern standardmäßig der Fall oder das Modul wird bei Bedarf automatisch nachinstalliert. Das gilt auch für Chromium. Hier muss man aber darauf achten, dass auch das Paket „chromium- codecs-ffmpeg-extra“ installiert ist.

Google Chrome: Schlicht und funktional

Wesentliche Motivation für die Entwicklung eines eigenen Browsers sollen für Google die eigenen Webanwendungen gewesen sein. Die Javascript-Engine der bisherigen Browser erschien dafür zu langsam. Auch aktuell schneidet Google Chrome bei einigen Javascript-Benchmarks besser ab als Firefox. Auch bei der Einhaltung von Webstandards war und ist Google Chrome führend, wobei aber die Unterschiede zu Firefox marginal sind. Webentwickler müssen den Code inzwischen nur noch in zwei Browsern testen: Google Chrome und Mozilla Firefox. Für den Nutzer ergeben sich daraus weniger Darstellungsfehler.

Sicherheit: Für den Schutz der Nutzer sorgt Google mit der Safe Browsing API. Schädliche Inhalte und unsichere URLs werden geprüft und der Benutzer vor Gefahren gewarnt. Die Funktion ist standardmäßig aktiviert, was Sie in den Einstellungen unter „Datenschutz und Sicherheit –› Sicherheit“ prüfen können.

Wer die Synchronisierung der Browserdaten nutzt, sollte ein eigenes Passwort für die Verschlüsselung vergeben. Sie finden die Einstellung unter „Datenschutz und Sicherheit –› Synchronisierung und Google-Dienste –› Verschlüsselungsoptionen“. Da die Ver- und Entschlüsselung nur im Browser erfolgt, kann niemand die Rohdaten abgreifen – auch Google nicht.

Google Chrome ist zwar kostenlos, sie bezahlen aber mit Ihren Daten. Wer sein gesamtes Internetleben mit einem Google-Konto verknüpft, liefert permanent Informationen zu besuchten Webseiten – auf dem PC und auf dem Smartphone. Wer das nicht möchte, muss zwar nicht auf den Chrome-Browser, sollte aber auf die Anmeldung mit dem Google-Konto verzichten.

Mehr Funktionen für den Browser: Im Chrome Web Store gibt es Chrome- Erweiterungen zum Download. Im umfangreichen Angebot ist für jeden etwas dabei.
Vergrößern Mehr Funktionen für den Browser: Im Chrome Web Store gibt es Chrome- Erweiterungen zum Download. Im umfangreichen Angebot ist für jeden etwas dabei.

Erweiterungen: Zusätzliche Funktionen für Google Chrome laden Sie über https://chrome.google.com/webstore herunter. Aufgrund der Größe des Angebots fällt die Orientierung nicht leicht. Empfehlungen für einige nützliche Erweiterungen finden Sie hier .  Erweiterungen für Google Docs Offline, Docs, Präsentationen und Tabellen werden bereits automatisch bei der Browserinstallation eingerichtet.

Chromium: (Fast) alles Open Source

Open Source, aber mit Google: Der Quellcode des Chromium stammt von Google. Einige Funktionen, etwa die Synchronisierung der Browserdaten, sind nur mit Google-Konto nutzbar.
Vergrößern Open Source, aber mit Google: Der Quellcode des Chromium stammt von Google. Einige Funktionen, etwa die Synchronisierung der Browserdaten, sind nur mit Google-Konto nutzbar.

Chromium entsteht direkt aus dem öffentlichen Quellcode von Google Chrome. Der Browser ist daher optisch und funktional weitestgehend mit Google Chrome identisch. Als Standardsuchmaschine ist Google eingestellt und man wird auch gleich aufgefordert, sich mit einem Google-Konto anzumelden. Das muss man nicht zwingend, weder bei Chromium noch Google Chrome. Allerdings lassen sich dann Google-Dienste wie Google Drive oder die Synchronisierung der Browserdaten nicht nutzen. Die Einstellungen sind identisch mit denen bei Google Chrome und es sind die gleichen Sicherheitsoptionen verfügbar. Chrome-Erweiterungen lassen sich einfach über https://chrome.google.com/webstore installieren.

Lesetipp: Ohne Cookies und Spuren im Web surfen

Microsoft Edge: Vorabversion für Linux

Gratis von Microsoft: Den neuen Edge-Browser gibt es auch für Linux. Bisher fehlen aber noch einige Funktionen, etwa die Synchronisierung der Browserdaten.
Vergrößern Gratis von Microsoft: Den neuen Edge-Browser gibt es auch für Linux. Bisher fehlen aber noch einige Funktionen, etwa die Synchronisierung der Browserdaten.

Nach dem Umstieg auf den Renderer Blink ist auch eine Linux-Version des Microsoft-Browsers kein Problem. Bisher fehlt noch die Möglichkeit, sich mit einem Microsoft-Konto anzumelden und die Browserdaten zu synchronisieren. Das soll aber zwischen Linux, Windows, Android, iOS und Mac-OS möglich werden.

Sicherheit: Standardmäßig verhindert Edge das Tracking, also die Nachverfolgung Ihres Surfverhaltens. Für die Untersuchung von möglicherweise schädlichen Websites und Downloads ist Microsoft Smartscreen zuständig. Das erhöht die Sicherheit, übermittelt aber auch Informationen über aufgerufene Seiten an Microsoft.

Erweiterungen: Unter der Adresse https://microsoftedge.microsoft.com finden Sie Erweiterungen für den Browser. Das Angebot ist bereits umfangreich. Wem das nicht genügt, der kann in Edge auch Chrome-Erweiterungen installieren.

Firefox: Bewährt, aber nicht immer schnell

Dass an Firefox intensiv gearbeitet wird, beweisen die Veröffentlichungen neuer Hauptversionen ungefähr alle zwei Monate. Neben der Fehlerbehebung werden auch immer wieder Verbesserungen bei der Geschwindigkeit vorgenommen (siehe https:// www.mozilla.org/en-US/firefox/releases ). Bei den meisten Webseiten dürfte man auch kaum einen Unterschied zu Google Chrome feststellen, lediglich bei Webanwendungen reagiert Firefox manchmal etwas zögerlich.

Sicherheit: Firefox verwendet für den Schutz vor gefährlichen Websites die Safe Browsing API von Google. Wer das nicht möchte, kann die Funktion in den Einstellungen unter „Datenschutz & Sicherheit“ abschalten. Hier gibt es auch Optionen unter „Chronik“. Um den Verlauf zu verbergen, wählt man „nach benutzerdefinierten Einstellungen anlegen“ und setzt ein Häkchen vor „Immer den Privaten Modus verwenden“. Wer Daten im Browser speichert, sollte unter „Zugangsdaten und Passwörter“ ein Hauptpasswort konfigurieren. Dann werden alle Daten auf der Festplatte sicher verschlüsselt.

Erweiterungen: Add-ons gibt es reichlich. Das Angebot hat sich nach dem Wegfall der alten NPAPI-Schnittstelle allerdings etwas ausgedünnt.

Opera: Klassiker mit praktischen Funktionen

Anonymer surfen: Opera bietet unter der Bezeichnung „VPN“ einen Proxyserver, über den der Datenverkehr läuft. Die externe IP-Adresse wird dadurch verschleiert.
Vergrößern Anonymer surfen: Opera bietet unter der Bezeichnung „VPN“ einen Proxyserver, über den der Datenverkehr läuft. Die externe IP-Adresse wird dadurch verschleiert.

Die Chrome-Verwandtschaft sieht man dem Browser Opera nicht an. Auf der linken Seite gibt es eine Symbolleiste, die oberen Icons schalten zwischen zwei Arbeitsbereichen um. Bei Bedarf kann man weitere hinzufügen. Jeder Arbeitsbereich kann seine eigene Tableiste enthalten. Auf der rechten Seite des Fensters öffnet das letzte Icon einen Bereich mit den wichtigsten Einstellungen, beispielsweise für das Erscheinungsbild und die Startseite. Über das Opera-Icon links oben lässt sich das Hauptmenü öffnen, über das man zu den „Einstellungen“ gelangt.

Sicherheit: In den „Einstellungen“ lassen sich unter „Schutz der Privatsphäre“ ein Werbeblocker und der Trackingschutz aktivieren. Zum Einsatz kommen Listen mit Werbeadressen, wie sie auch das bekannte Add-on Addblock Plus verwendet.

Ein Alleinstellungsmerkmal von Opera ist der VPN-Zugang, der sich unter „Erweitert –› Funktionen“ aktivieren lässt. Damit surfen Sie über einen Proxyserver, und Ihre öffentliche IP-Adresse bleibt den Webservern verborgen. Die Nutzung ist allerdings Vertrauenssache, denn die Daten werden dann über einen Ihnen unbekannten Server geleitet. Die Synchronisierung der Browserdaten gibt es ebenfalls: Sie lässt sich unter „Grundeinstellungen“ aktivieren und erfordert die Anmeldung über ein Opera-Konto. Die Daten lassen sich über ein eigenes Passwort verschlüsseln.

Erweiterungen: Opera bietet unter https://addons.opera.com einen eigenen Downloadbereich für Erweiterungen an. Die Auswahl ist aber nur klein. Chrome-Erweiterungen lassen sich über https://chrome.google.com/webstore aber auch installieren.

Vivaldi: Bunt und anpassungsfähig

Wo es Ihnen gefällt: Vivaldi erlaubt die detaillierte Konfiguration der Browseroberfläche. Sie können beispielsweise festlegen, wo sich die Tableiste befinden soll.
Vergrößern Wo es Ihnen gefällt: Vivaldi erlaubt die detaillierte Konfiguration der Browseroberfläche. Sie können beispielsweise festlegen, wo sich die Tableiste befinden soll.

Vivaldi ist ebenfalls ein Chrome-Abkömmling, setzt aber eigene Akzente bei Bedienung und Gestaltung. Beim ersten Start begrüßt den Nutzer ein Assistent, über den sich Lesezeichen importieren und der Schutz vor Trackern und Werbung aktivieren. Mehrere geöffnete Tabs können in Tabgruppen gestapelt werden, indem man einen Tab auf einen anderen Tab zieht. Fährt man mit der Maus über die Tabgruppe, kann man zwischen den gestapelten Tabs wählen. Die Farbe des Fensterrahmens ändert sich passend, wenn Vivaldi eine dominierende Farbe auf einer Website entdeckt. Das Icon für die Einstellungen findet man links unten, das Hauptmenü hinter dem Vivaldi-Symbol links oben. Die Menge der Einstellungen ist etwas verwirrend und wird am ehesten Individualisten ansprechen.

Sicherheit: Die Optionen befinden sich in den Einstellungen unter „Privatsphäre“. Standardmäßig ist Googles Safe Browsing API aktiv („Schutz vor Phishing und Malware“). Unter „Sync“ lässt sich die Sicherung der Browserdaten konfigurieren, wofür ein Konto bei https://vivaldi.net erforderlich ist. Die Daten lassen sich mit einem lokalen Extra-Kennwort verschlüsseln.

Erweiterungen: Über https://chrome.google.com/webstore kann man die gleichen Erweiterungen installieren, die auch für Google Chrome zur Verfügung stehen. 

Webbrowser im Vergleich.
Vergrößern Webbrowser im Vergleich.

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