2498376

Apps barrierefrei entwickeln - darauf kommt es an

02.04.2020 | 13:31 Uhr | Markus Lemcke

Captchas, deren Bilder man nicht erkennen kann, zu kleine Bedienelemente, falsche Farben und schlechter Kontrast machen es Menschen mit Behinderungen schwer, Apps zu nutzen. Was bei der Entwicklung barrierefreier Apps wichtig ist, lesen Sie in diesem Beitrag.

Laut Webseite des statistischen Bundesamts gibt es in Deutschland 10,2 Millionen Menschen mit Behinderungen. Davon sind 7,8 Millionen Menschen schwerbehindert. Das bedeutet, sie haben einen Grad der Behinderung von 50 oder mehr.

Menschen mit Behinderungen können aufgrund ihrer körperlichen Einschränkungen Probleme haben beim Bedienen von Webseiten, Programmen, Betriebssystemen und Apps. Auf der Webseite Statista ist zu lesen, dass es in Deutschland 17,5 Millionen Senioren gibt. Senioren können aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters körperlich eingeschränkt sein und deswegen ebenso Probleme beim Bedienen von Apps haben. Somit gibt es in Deutschland 25,3 Millionen Menschen, die an barrierefreien Apps interessiert sind.

Rechtliches und gesellschaftliche Entwicklungen

Seit 1. Mai 2002 gibt es ein Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderungen. In § 12a Barrierefreie Informationstechnik Absatz 7 werden Unternehmen dazu aufgefordert, ihre Webseiten, Programme und Apps barrierefrei zu machen. Das bedeutet, Unternehmen sind nicht gesetzlich dazu verpflichtet und können somit auch nicht rechtlich belangt werden, wenn sie es nicht tun. Inzwischen gibt es sogar einen europäischen Standard für Barrierefreiheit bei Webseiten und Programmen.

Richtlinien zur barrierefreien App-Entwicklung

Apple , Google und Microsoft haben Richtlinien zur barrierefreien App-Entwicklung. Wenn drei Weltunternehmen Richtlinien veröffentlichen, ist klar, dass das Thema barrierefreie App-Entwicklung wichtig ist. Leider sind die Richtlinien dieser drei Unternehmen sehr unterschiedlich. Für die barrierefreie App-Entwicklung ist ein weltweiter oder europäischer Standard wünschenswert.

Inzwischen gibt es eine weitere Möglichkeit, barrierefreie Apps zu entwickeln: als progressive Web-Apps. Progressive Web-Apps wurden von Google erfunden. In einem Youtube-Video erklärt Rob Dodson von Google, dass es wichtig ist, die Richtlinie WCAG umzusetzen, damit eine progressiv Web-App barrierefrei ist.

Da eine progressive Web-App eine mobile Internetseite ist, mit App-Eigenschaften, gibt es bei den WCAG-Richtlinien noch extra Richtlinien für mobile Webseiten gibt.

Programmiersprachen für die Entwicklung barrierefreier Apps 

Apps werden mit Programmiersprachen und Entwicklungsumgebungen entwickelt. Eine integrierte Entwicklungsumgebung ist eine Sammlung von Computerprogrammen, mit denen die Aufgaben der Software-Entwicklung und App-Entwicklung bearbeitet werden können.

Android-Apps werden mit der Programmiersprache Java und der Entwicklungsumgebung Android Studio entwickelt.

iOS-Apps werden mit der Programmiersprache Swift und der Entwicklungsumgebung Xcode entwickelt.

Windows-Apps werden mit dem Microsoft Dotnet-Framework und der Entwicklungsumgebung Visual Studio programmiert.

Progressive Web-Apps werden mit HTML, CSS und Javascript und der Entwicklungsumgebung Visual Studio Code oder Notepad++ entwickelt.

Kriterien zur barrierefreien App-Entwicklung

In diesem Abschnitt geht es um Kriterien, die eine App erfüllen muß, damit sie barrierefrei ist. Die Kriterien sind unabhängig von der Programmiersprache.

Eine App muß screenreadertauglich sein

Ein Screenreader ist eine Software, die den Bildschirminhalt vorliest. Der Screenreader des Google-Betriebssystems Android heißt „Talkback“. Der Screenreader des Apple-Betriebssystems iOS heißt „Voice Over“.

Screenreader werden von blinden und einigen sehbehinderten Menschen genutzt. Ein Screenreader kann nur Text lesen, keine Bilder und keine Grafiken. Wenn in der App-Oberfläche Bilder und Grafiken sind, dann benötigen diese Alternativtexte, die den Inhalt der Grafik oder des Bildes beschreiben. Blinde Menschen können eine App nur bedienen, wenn die Screenreader-Software die App-Oberfläche lesen kann. Ob der Screenreader die App-Oberfläche vorliest oder an eine Braillezeile überträgt, entscheidet der Screenreader-Nutzer.

Die Braillezeile ist ein Computerausgabegerät, das Zeichen in Blindenschrift übersetzt. Die Zeichen der Brailleschrift werden mit Stößel dargestellt, die der Nutzer einer Braillezeile mit den Fingern ertasten kann. Sechs Punkte, drei in der Höhe mal zwei Punkte in der Breite, bilden das Raster für die Punkte-Kombinationen, mit denen die Zeichen (Buchstaben, Ziffern, Leerzeichen, …) dargestellt werden.

Tastaturbedienbarkeit

Dieses Kriterium gilt nur für Apps, die auf einem Laptop oder Computer ausgeführt werden. Blinde Menschen können keine Computermaus bedienen. Um eine Computermaus bedienen zu können, muss der Nutzer sehen können, wohin sich der Mauszeiger bewegt. Da blinde Menschen das nicht können, muss eine App per Tastatur bedienbar sein. Das bedeutet, dass jedes Bedienelement per Tabulatortaste erreichbar sein muss. Außerdem sollten die wichtigsten Appfunktionen per Tastaturkürzel ausführbar sein.

Tastaturfokus

Dieses Kriterium gilt ebenfalls nur für Apps, die auf einem Laptop oder Computer ausgeführt werden. Menschen mit einer Sehbehinderung können Probleme haben zu erkennen, welches Bedienelement gerade aktiv ist. Wenn ein aktives Bedienelement nur eine dünne Umrandung hat, ist dies für viele sehbehinderte Menschen nicht wahrnehmbar. Es empfiehlt sich daher, für die Hintergrundfarbe des aktiven Bedienelements Gelb zu nehmen. Sehbehinderte Menschen können das aktive Bedienelement gut erkennen, wenn die Hintergrundfarbe Gelb ist.

Zoomfähigkeit der App-Oberfläche

Menschen mit einer Sehbehinderung und Senioren haben Probleme mit dem Lesen von kleiner Schrift auf der App-Oberfläche, etwa die Beschriftung von Eingabefeldern oder von Schaltflächen. Eine App muß so entwickelt sein, dass mit der bekannten Fingergeste die App-Oberfläche gezoomt, sprich vergrößert werden kann. Nach dem Vergrößern der App-Oberfläche sind Beschriftungen für Menschen mit Sehbehinderung und Senioren gut lesbar.

Mindestgröße für Bedienelemente

Die Oberfläche Ihrer App ist einfacher zu verwenden, wenn sie Bedienelemente enthält, die leichter zu sehen und zu tippen sind. Google empfiehlt, dass jedes interaktive Bedienelement einen fokussierbaren Bereich oder eine Touch-Zielgröße von mindestens 48 dp x 48 dp hat. Größer ist noch besser. Eine Mindestgröße der Bedienelemente ist für Menschen mit einer motorischen Einschränkung wichtig. Diese Menschen haben oft Probleme, mit ihren Händen gezielt ein Bedienelement, zum Beispiel einen Schalter, anzuvisieren.

Farbe und Kontrast

Ein guter Farbkontrast ist bei Apps wichtig. Menschen mit einer Farb-Sehschwäche haben Probleme, wenn eine App eine dunkle Hintergrundfarbe und eine dunkle Schriftfarbe hat oder umgekehrt. Laut Statistik hat jeder 5. Mann eine Farbsehschwäche. Deswegen sollte darauf geachtet werden, dass der Farbkontrast zwischen Text und Hintergrundfarbe ausreichend ist. Der Farbkontrast kann mit der kostenlosen Software Colour Contrast Analyzer überprüft werden .

Übernahme von Betriebssystem-Einstellungen

Menschen mit einer Sehbehinderung legen in Betriebssystemen wie Windows, Android oder iOS eine größere Schrift des Betriebssystems fest. Damit diese Einstellung wirklich hilft, muss eine App in der Lage sein, diese große Schrift des Betriebssystems zu übernehmen. Außerdem muß die App nach der Übernahme der großen Schrift die Bedienelemente so darstellen, dass diese sich nicht überlappen.

Menschen mit einer starken Sehbehinderung oder einer Farb-Sehschwäche wählen im Betriebssystem einen hohen Farbkontrast. Eine barrierefreie App muß in der Lage sein, diesen hohen Farbkontrast zu übernehmen.

Das inklusive Netz: Wie machen wir das Internet barrierefrei?

Digitale Barrierefreiheit: Warum sich Unternehmen darum kümmern sollten

PC-WELT Marktplatz

2498376