754824

Apple totalitär: Alles muss genehmigt werden

29.11.2010 | 12:05 Uhr |

Apple ersetzte die grauen PCs durch Designobjekte.
Vergrößern Apple ersetzte die grauen PCs durch Designobjekte.
© 2014

Mit diesem gigantischen Erfolg im Hintergrund erlaubt sich Apple, unliebsame Anwendungen und Inhalte nach Lust und Laune vom Vertrieb über den iTunes- und App-Store auszuschließen. Schon seit Jahren weigert sich Steve Jobs beispielsweise, die Flash-Technologie zuzulassen. „Das ist eine sterbende Technologie“, lässt er sich zitieren. Die Folge: Viele Internetseiten funktionieren auf iPhone und iPad nicht, weil im weltweiten Datennetz vor allem Flash zur Darstellung von Videos und bewegter Seitenelemente verwendet wird.

Inhalte, die nicht zur bunten Apple-Philosophie passen, werden ebenfalls knallhart ausgeschlossen. Hier ein paar Beispiele:
• Die App des Karikaturisten Mark Fiore für das iPhone wurde von Apple abgelehnt, weil sie öffentliche Persönlichkeiten lächerlich macht.
• Im September 2009 verschwindet die Stern.de-App aus dem App-Store. Grund laut Apple: eine Fotogalerie mit erotischen Fotos. Auch das leicht bekleidete „BILD-Girl“ darf in der Bild-App nur in einer entschärften Version abgebildet werden.
• Mit der Netshare-App sollen iPhone-Besitzer das Smartphone als Modem benutzen. Abgelehnt von Apple.
• Auch ein Spass-Programm mit Geräuschen verschiedener Darmwinde bekam keine Apple-Zulassung.
• Anfang dieses Jahres löschte Apple 5000 Apps mit angeblich anstößigen Inhalten aus dem App-Store.
• Als die Empfangsprobleme beim iPhone 4 bekannt wurden und kritische Beiträge in den Apple-eigenen Internetforen auftauchten, wurden sie kurzerhand gelöscht.

Auch bei der neuen Werbeplattform iAd für Anzeigen und Spots in iPhone- und iPad-Apps herrschen strenge Regeln: Unternehmen, die Werbung schalten wollen, müssen mindestens eine Million Dollar auf den Tisch legen, um dabei zu sein. Sie dürfen die Anzeigenformate auch nicht selbst programmieren. Das macht Apple lieber selbst. Laut Wallstreet Journal stöhnen die ersten willigen Werbekunden bereits über die lange Bearbeitungszeit von acht bis zehn Wochen. Demnach soll der Modekonzern Chanel bereits entnervt aufgegeben haben.

Widerstand gegen Apple formiert sich
Die Fesseln, die Apple seinen Kunden anlegt, sorgen für Unmut. Auch eingefleischte Apfel-Fans sind verschnupft: zu viele Nachrichten um Ausspähskandale, ausgesperrte Technologien und Inhalte. Viele Apple-Nutzer wollen daher aus dem goldenen Käfig ausbrechen. Das sehr bildliche Motto: „Jailbreak“, also „Gefängnisausbruch“. Überall im Internet kursieren Methoden, das iPhone zu knacken und von Beschränkungen zu befreien.

Absolution für die iPhone-Hacker gibt’s auch noch von höchster Stelle. So entschied der für das US-Urheberrecht zuständige Leiter der Kongressbibliothek, dass der bis dahin als illegal geltende Jailbreak legal sei. Die Nutzer würden allenfalls die Garantie verlieren, wenn sie ihr iPhone knackten. Doch darum schert sich offenbar kaum jemand.

Und was macht Apple? Reagiert mit neuer Härte und einer irrwitzigen Idee. Ein frisch eingereichter Patentantrag des Konzerns lässt nicht nur Datenschützern den Atem stocken: Die iPhones sollen künftig derart überwacht werden, dass Veränderungen am Gerät mit der Abschaltung bestraft werden können.

Im Antrag „Systeme und Methoden zur Identifizierung unautorisierter Nutzer eines elektronischen Gerätes“ geht es erst einmal darum, dass sich Nutzer mit ihrem Foto, einer Stimmerkennung oder gar ihrem Herzschlag identifizieren sollen. Im Falle eines Diebstahles könne sich das Telefon selbst abschalten oder seinen Standort an Apple funken, so die Idee. Später dann kommt Apple aber auf den Punkt: Auch das Jailbreaken könnte eine nicht autorisierte Benutzung sein. Im Klartest: Wer sein iPhone knackt, kann es danach entsorgen.

Die Zensurdebatte spielt der Konkurrenz in die Hände. So hat Google das iPhone mit dem Handy-Betriebssystem Android und dazu kompatiblen Smartphones bereits überholt. Laut den Marktforschern der Gartner Group haben Android-Smartphones inzwischen 17,2 Prozent Marktanteil. Apples iPhone kommt nur noch auf 14,2 Prozent.

Ist Apple über den Zenit seines Erfolges hinaus? Abwarten, für einen Abgesang ist es definitiv zu früh. Denn das Unternehmen hat jedem Menge Geld in der Kriegskasse: Rund 46 Milliarden Dollar stehen kurzfristig zur Verfügung. Viel Luft für befreiende neue Technik-Innovationen …

PC-WELT Marktplatz

754824