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Apple entpuppt sich als Datenkrake

29.11.2010 | 12:05 Uhr |

Steve Jobs Apple Firmenchef
Vergrößern Steve Jobs Apple Firmenchef
© 2014

Auch von Datenschützern hagelt es herbe Kritik. Denn im Juni 2010 kam heraus, dass Apple über Jahre iPhone-Benutzer heimlich ausspioniert hat. Demnach erfasst der Konzern seit 2008 die Standortdaten von fast allen iPhones. Die lapidare Begründung: Werbung und Apps sollen „verbessert“ werden.

Genauso heimlich, still und fast unbemerkt hat Apple die Daten der Nutzer des Musikshops „iTunes-Store“ und des „App-Stores“ ausgeforscht. Mit Hilfe der Kreditkartennummern wurde so das Kaufverhalten von 150 Millionen Kunden ausgespäht. Vorlieben für Programminhalte, Musiktitel, Filme und Standortinformationen wurden genauso gespeichert wie Hinweise auf Kinderzahl und Beruf. Laut einem Apple-Marketing-Manager kann man so die Zielgruppe „chirurgisch präzise“ bestimmen.

Zwar hatte Apple-Chef Steve Jobs versprochen: „Lass den Nutzer wissen, was Du mit seinen Daten machst.“ Für deutsche Datenschützer ist das jedoch allenfalls ein Lippenbekenntnis. Schleswig-Holsteins Landesbeauftragter für den Datenschutz Dr. Thilo Weichert im PC-WELT-Interview: „Dieses Versprechen von Jobs ist meines Erachtens nach nicht ansatzweise umgesetzt. Der Apple-Benutzer muss vertrauen, dass mit seinen Daten vertrauenswürdig umgegangen wird. Ob das wirklich so ist, kann der Einzelne nicht nachvollziehen oder gar kontrollieren.“ Er klagt über das mangelnde Unrechtbewusstsein, Daten von Internetnutzern auszuwerten.

Die Erfolgsgeschichte des Steve Jobs
Ist Apple eine üble Datenkrake, ein „Big Brother“ wie aus George Orwells Roman „1984“? Eine verrückte Entwicklung, wenn man sich die Geschichte von Steve Jobs anschaut. Denn in den Gründerjahren von Apple drückte er dem Konkurrenten IBM den bösen „1984“-Stempel auf und wollte die Welt von der „IBM-Herrschaft“ befreien.

Ein Blick in die Geschichte: Der erste Apple-Computer wurde 1976 in einer Garage in Kalifornien konstruiert – ein Stück Hardware mit einem Holzrahmen, den der Käufer selbst zusammensetzen musste. Gebaut von Steve Jobs und seinem Freund Steve Wozniak.

Im April 1977 kam mit dem Apple II der erste PC des Unternehmens auf den Markt und eroberte die Welt. Alles dran und drin, mit acht Steckplätzen und dem angebissenen Apfel als Emblem. Schnell gab es die erste Tabellenkalkulation für den Apple und auch das erste Office-Programm namens AppleWorks. Steve Jobs und sein Kompagnon Steve Wozniak brachten eine bezahlbare Farbgrafik und die „Floppy Disk“ als Datenträger auf den Markt, wurden so zu Stars des aufstrebenden kalifornischen Silicon Valleys.

Macintosh und Apple IIc – die Kult-Computer
Die tolle Kiste stand erst am Anfang des Erfolges. Die Revolution kam 1984: der Macintosh mit Mausbedienung und Software mit Fenstern. Macintosh-Mitentwickler Andy Hertzfeld: „In den siebziger Jahren waren Computer Instrument der Autorität gewesen. Wir wollten daraus ein Instrument der Befreiung machen.“

Ein Werbespot für den „Mac“ begründete den Apple-Kult: Star-Regisseur Ridley Scott („Alien“) ließ eine Sklavenarmee von Arbeitern in eine dunkle Halle marschieren, um dem großen Boss auf der Videoleinwand zu lauschen, dem düsteren Symbol für IBM. Die Befreiung: Eine blonde Frau lief in den Saal und warf einen Vorschlaghammer in den gigantischen Bildschirm. Dann der Werbespruch: „Am 24. Januar wird Apple den Macintosh einführen. Und Sie werden sehen, warum 1984 nicht wie ,1984‘ sein wird.“

Der Werbespot schlug vor allem bei Werbern, Kreativen und Technikern ein wie eine Bombe. Dr. Peter Fleissner, Gestaltungsforscher aus Wien, zu PC WELT: „Dieses Bild entsprach der Sehnsucht vieler Menschen, dass die Arbeit generell von Zwängen befreit und zur emanzipierten Arbeit wird. Wer einen Apple hatte, gehörte zu den Vorreitern. Die Apple-Kultur des Kreativ-Seins wurde damit zur Werbebotschaft.“

Doch es war nicht nur schick, einen Apple zu haben. Denn das Hardware-Konzept und das Betriebssystem waren in den 80ern der Windows-Welt weit voraus. Forscher Fleissner erklärt: „Apple hat die grafisch orientierte Oberfläche von Xerox übernommen. Dazu wurden in den intenen Speicher Routinen eingebaut, die von Anwendungsprogrammen in der Programmiersprache Pascal abgerufen werden konnten. Das machte die Software-Entwicklung einfacher und den Macintosh-Rechner schneller. “

Die Folge: Gerade für Werber und Kreative wichtige Anwendungen wie digitale Grafik- und Gestaltungsprogramme wurden ausschließlich für den „Mac“ entwickelt. Gestaltungsforscher Dr. Peter Fleissner erinnert sich zum Beispiel an eine Anwendung wie Hypercard, die es Apple-Benutzern damals erlaubte, Powerpoint-artige Präsentationen ohne Mühe zu programmieren.

Ein gefälliges Äußeres, die leichte Bedienung und Programme, mit denen man Anzeigen gestalten, Fotos bearbeiten oder Illustrationen erstellen kann: Dieses Erfolgsrezept begründet den Apple-Kult bis heute. Buchautor Dr. Joachim Gartz: „Das Look and Feel sowie die Qualität der Produkte sind besser als bei der grauen PC-Konkurrenz. Apple hat immer auf die mystische Einheit von Hardware und Software bestanden.“

Steve Jobs wurde mit dem Macintosh zum smarten Guru der Computer-Zukunft, des „Digital Lifestyle“. Eifrig befeuert von der Apple-Marketing-Abteilung, die auch die eigene Unternehmenskultur in den 80er Jahren als „Zukunft der Arbeit“ verkauft. Dr. Fleissner: „Nach außen hin wurden die Mitarbeiter von Apple als lockerer Haufen von Kreativen dargestellt. Die Unternehmenskultur sei liberal und schöpferisch, es gäbe keine Disziplinierungen, man könne nach Herzenslust schöpferisch tätig sein, ohne Urlaubsantrag frei machen. Oder 16 Stunden durcharbeiten. Einfach kreativ sein und nicht mehr abhängig arbeiten.“

Ein schöner Schein, mehr aber nicht: Steve Jobs ging laut Ex-Mitarbeitern mit harter Hand vor, gilt als herrsch- und rachsüchtig. Er kontrolliert angeblich alles, die Angestellten hatten demnach sogar Angst vor ihm.

Am 24. April 1984 der nächste Paukenschlag: der Apple IIc – ganz in Weiß, schmal und flach. Gestaltet vom deutschen Designer Hartmut Esslinger, der sich schon immer fragte, warum Computer so hässlich sein müssen. Esslinger hatte in den 70er Jahren Wega-Fernseher entworfen, das Fenster für Microsofts Windows, Sony-TV-Geräte. Bis eines Tages der Anruf von Steve Jobs kam. Esslinger hatte die Idee, die bis heute das Apple-Design prägt: „Baut doch die Computer in Weiß, kalifornisch Weiß.“

Jobs war zunächst skeptisch, aber die Nachfrage gab Designer Esslinger recht. Am ersten Tag wurden vom Apple IIc 50 000 Stück verkauft – der zweite Apple-Knaller. In diesen Tagen muss Jobs die „heilige Dreieinigkeit“ begriffen haben, die Apple bei den Anhängern zum Mythos und auch heute noch so erfolgreich macht: hochwertige Hardware mit einem leicht begreifbaren Betriebssystem, verpackt in eine ästhetische Hülle.

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