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Andy „Reginald“ Dinh: Wie der eSports-Journalist das $400M-TSM-Imperium baute

25.02.2020 | 13:04 Uhr |

Die unglaubliche Geschichte von Andy “Reginald“ Dinh: Wie der eSports-Journalist TSM baute und Business über Freundschaften stellen musste, um letztlich einen NBA-Star wie Stephen Curry als Investor zu gewinnen. Heute ist TSM $400 Millionen wert.

In dieser Porträt-Reihe beleuchten wir die Großen des eSports, die herausstechen, einen speziellen Hintergrund und besonders viel geleistet haben. Die angehende Lehrerin Eefje „Sjokz“ Deporteere , die zur First Lady des eSports aufstieg und zur Moderatorin der Worlds, der Weltmeisterschaft von League of Legends. Der Burgerbrater aus Illinois, der als NadeShot weltberühmt wurde in der Call-of-Duty-Szene und heute zusammen mit Drake und Justin Biebers Entdecker Scooter Braun das Team 100 Thieves führt. Und auch Andy “Reginald“ Dinh darf in dieser Reihe nicht fehlen: Ein Mann, der vom eSports-Journalisten und Chefredakteur einer der ersten großen Websites zu League of Legends zum Besitzer eines der reichsten und wertvollsten eSports-Teams der gesamten Welt aufgestiegen ist – von TSM, Team SoloMid. 2011 gegründet, ist die kalifornische Organisation heute laut Forbes 400 Millionen US-Dollar wert und hat gerade erst Fotos von ihrem neuen 15 Millionen US-Dollar teurem Hauptquartier in Los Angeles veröffentlicht.

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Doch wer ist dieser Andy Dinh, den wir nur als Reggie kennen? 

Andy kommt aus einer neunköpfigen Familie in Campbell, Kalifornien und wie fast jeder in seinem Alter, liebt er mit 15 Jahren Videospiele. Er hört von League of Legends, saugt jede Information auf, die es darüber gibt und gehört zu den ersten 100 Menschen, die überhaupt LoL spielen – ein Werk, welches zum größten Spiel unserer Zeit werden sollte. Das könnte Andy damals noch nicht ahnen, aber fasziniert ist er. Er schreibt Guides, analysiert Patches. Skurril: „Ich kam von Dota, LoL hatte nicht die Tiefe von Dota, ich fand es eigentlich recht langweilig zu Beginn, aber je mehr ich spielte, desto mehr erkannte ich die Qualität und wusste - das wird richtig groß.“

Ursprünglich ist es nur ein Blog, daraus wächst eine der ersten eSports-Websites überhaupt zu LoL. Er lernt, eine große Community zu bauen, und wie man Marken skaliert – lange, lange bevor die Fangemeinde des Spiels seine Heimat auf Twitch findet, bietet Andy ihnen einen Hafen. solomid.net heißt diese Seite, die in erster Linie aus Guides besteht. „Ich fragte meine Mama, ob sie mir 5000 US-Dollar leihen würde. Sie lachte“, erinnert sich Andy. „Ich zeigte ihr dann unsere Zugriffszahlen, wir hatten Millionen von Klicks jeden Monat, und sie sagte „Wenn das Dein Traum ist, dann unterstützen wir Dich.“ Eine gute Investition: Ob der schmalen Kostenstruktur verdient Andy mit einem sehr kleinen Team gut 60.000 US-Dollar pro Monat, in erster Linie über Google Ads, klassische Sponsoren hat man noch nicht. Andy leistet Pionierarbeit, legt jeden Monat 20 bis 30.000 US-Dollar auf ein separates Konto, auf dem er spart – für sein eigenes Team. Für Team SoloMid.

Die Geburt von TSM: den Erfolg über Freundschaften stellen 

Als Team-Besitzer muss Reggie nicht nur harte Niederlagen einstecken, sondern auch Freunde aus dem Squad werfen, die nicht die richtige Moral mitbringen.
Vergrößern Als Team-Besitzer muss Reggie nicht nur harte Niederlagen einstecken, sondern auch Freunde aus dem Squad werfen, die nicht die richtige Moral mitbringen.
© TSM

Andy spielt zwischendurch kurzzeitig für CGL, Counter Logic Gaming, dem Team von George “HotshotGG“ Georgallidis. „Aber ich hatte das Gefühl, dass wir sehr viel mehr reißen können, wenn ich mein eigenes Squad baue.“ Die Anfänge sind von vielen Experimenten und Roster-Changes geprägt – er sucht das perfekte LoL-Team und entscheidet sich letztlich mit The RainMan, Chaox, Xpecial, TheOddOne in die Worlds 1 zu gehen, die ersten World Championships in League of Legends. Sie werden Dritter, kein schlechter Start, doch Reggie, wie ihn fortan alle nur noch nennen, erkennt das Potential seines Teams, er muss es nur richtig nutzen. „Wir hatten das Potential, richtig groß zu werden in LoL, aber dafür musste ich alles auf eine Karte setzen und ein Team-Haus mieten. Nur wenn ein Squad jeden Tag im gleichen Raum trainiert, kann es mit den Besten mithalten, weil es lernen muss sich blind zu verstehen und Calls zu akzeptieren und darauf zu reagieren.“ Calls sind eine Ansage durch einen Mitspieler, die in der Regel die strategische Richtung vorgeben und über welche Lane man den Angriff startet. Reggie ist ein knallharter Profi, der von seinem Squad viel erwartet. Er möchte, dass sie acht Stunden am Tag trainieren, vor Turnieren auch mehr - was nicht allen gefällt. Top-Laner RainMan beschwert sich öffentlich über die langen Arbeitszeiten und erklärt, dass sich seine Skills eher negativ entwickeln würde, wenn er zu viel spielt.

„Wir waren beste Freunde, aber er war nicht bereit, diese Trainingszeiten einzuhalten, deshalb mussten wir uns trennen. Das war enorm schwierig für mich, aber ich wusste, dass ich nicht für einen Freund eine Ausnahme machen konnte. Es hätte die Moral im Team geschwächt und mein Ziel war es, bei den Worlds 2 richtig anzugreifen.“ Glücklicher Zufall: Marcus“Dyrus“ Hill wohnt im Haus nebenan, er liebt League of Legends, konnte bereits in kleineren Teams Squad-Erfahrung sammeln, spielt ab und zu mit und Reggie erkennt: Dyrus hat richtig viel Talent, er bindet ihn immer öfter als Top-Laner ein. Dyrus sollte einer von TSMs größten Stars und ihr Team-Leader werden. „Ich weiß noch, dass sein Dad ziemlich sauer war, weil Dyrus eigentlich in seinem Business für Rohrreinigungen arbeiten sollte. Aber ich schätze, letztlich war er happy, dass sein Sohn einen Beruf bei uns gefunden hat, der ihn um die Welt reisen und sehr gutes Geld verdienen ließ.“ Dyrus ist mittlerweile als Spieler in “Rente“ gegangen, aber sehr aktiv auf Twitch, wo er 1,5 Millionen Follower hat. Sein Vermögen wird auf 1,8 Millionen US-Dollar geschätzt, und er ist gerade mal 27.

TSMs Erfolgskonzept: ein Team-Besitzer, der selbst Athlet ist 

2019 war das erste Jahr, in dem es TSM nicht ins Halbfinale der Worlds geschafft hat.
Vergrößern 2019 war das erste Jahr, in dem es TSM nicht ins Halbfinale der Worlds geschafft hat.

Was TSM besonders macht, ist, dass Reggie der Besitzer ist, aber gleichzeitig auch aktiver Athlet als Midlaner. Und nicht nur irgendeiner, er avanciert zu einem der besten Midlaner der gesamten NA, der North American League in League of Legends. Alles, was er von seinem Team verlangt, leistet er auch selbst, was die Moral hochhält. Reggies Philosophie basiert auf 100 Prozent Teamplay: „Ich glaube bis heute, dass es besser ist, wenn fünf Jungs im Team eine Strategie verfolgen und damit scheitern. Als wenn fünf Jungs irgendetwas machen, was nicht harmoniert und sich damit durchmogeln, weil das nicht lange gut geht.“ Eine Philosophie, die sich durch den gesamten eSports zieht – egal, ob Counter-Strike, Rainbow Six Siege, Dota 2 oder LoL: Alleingänge enden selten gut und ein Team muss an einem Strang ziehen, eine Strategie verfolgen.

Reggie ist ein harter Boss, wie er auch selbst zugibt:

In dem Moment, wo du Sponsoren hinter Dir hast und Vollzeit Pro gehst, musst Du lernen, Freundschaften und Business zu trennen. Du kannst nicht einfach nur Buddies sein, sondern musst als Chef, wenn man das so sagen will, akzeptiert werden. Es gab Situationen in meiner Karriere, in der ich Menschen feuern musste, obwohl ich mit ihnen freundschaftlich verbunden war, einfach weil sie permanent zu spät zum Training kamen. Du willst bis 3 Uhr nachts Party machen? Easy, einfach machen. Aber trotzdem pünktlich zum Training erscheinen, nicht erst 12 Uhr mittags – Hangover, unkonzentriert. Das ist ein absolutes No-Go. Du willst bezahlt werden wie ein eSports-Athlet, dann verhalte Dich auch wie einer.“

Reggie hat mit derselben Herausforderung wie alle Manager im eSports zu kämpfen, wo die Athleten sehr schnell sehr viel Geld verdienen und dann auch mal leicht abheben können.

Reggie holt mit Bjergsen den besten europäischen Spieler, damit er sich um den Aufbau des TSM-Imperiums kümmern kann 

Ein Glücksgriff: Als sich Reggie entscheidet, sich stärker auf seine Augen als Manager und CEO zu konzentrieren, holt er Europas Superstar Bjergsen.
Vergrößern Ein Glücksgriff: Als sich Reggie entscheidet, sich stärker auf seine Augen als Manager und CEO zu konzentrieren, holt er Europas Superstar Bjergsen.

2013 entscheidet Reggie, seine aktive Spielerkarriere zu beenden und sich mehr auf seine Management-Rolle zu konzentrieren, zum einen, weil er das Gefühl hat, rein mechanisch und vom Skill Größen wie Faker nicht mehr gewachsen zu sein und zum anderen, weil TSM Geld braucht, um zu wachsen. „Es war die richtige Entscheidung“, sagt er heute: „Ich konnte damals nicht 150 Prozent als Spieler geben, weil ich das Business managen musste. Und hatte zu wenig Zeit für das Geschäft, weil ich trainieren musste.“ Mit Bjergsen kauft er den besten Midlaner Europas ein, der noch heute der Star von TSM ist.

In nur zwei Jahren baut er aus dem LoL-Team ein Imperium, welches Counter-Strike, Hearthstone, Smite, VainGlory und Call of Duty umfasst. Es ist auch Reggie, der mit seinem berühmten Interview Riot Games herausforderte, ein Franchise-System zu bauen, durch das Teams ihre Finanzen stabilisieren konnten. Weil Franchise-Spots als lukrativ gelten und im Wert jedes Jahr steigen, gelingt es ihm, große Investments einzusammeln, die den eSports für immer veränderten. TSM war eines der ersten Teams, welches eine Serie-A-Finanzierung über 37 Millionen US-Dollar abschloss, denen die A-List-Risikokapitalgesellschaft Bessemer Ventures Partners, der NFL-Quarterback Steve Young und der dreifache NBA-Champion Steph Curry angehören. Curry ist ein TSM-Mega-Fan, oft wird er auf Turnieren gesichtet und nutzt sein Social-Media-Profil, um das Team anzufeuern.

Franchising hat die Branche erst wirklich professionalisiert. Früher wurde alle sechs Monate die Uhr zurückgestellt – Du konntest Millionen investieren und alles verlieren nach diesen sechs Monaten. League of Legends als Franchise erlaubt es uns, nicht in Jahres-Zyklen zu denken, sondern in 5,10,20,30 Jahren. Schließlich sind wir alle auf dem Weg zum ersten eSports-Team, welches eine Milliarde wert ist.“

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