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20 Jahre Gnome-Desktop

29.04.2019 | 15:00 Uhr | Hermann Apfelböck

Zwei Jahrzehnte sind in der IT eine Ewigkeit. Hardware von 1999 ist Elektronikschrott, Software aus dem letzten Jahrtausend eine Zeitreise. Aber Software ist dynamisch, kann sich entwickeln und neu erfinden. Der Gnome-Desktop ist ein Paradebeispiel.

Der „alte“ Gnome ist quicklebendig: 20 Jahre nach Erscheinen der Version 1.0 am 3. März 1999 ist er immer noch oder inzwischen wieder die bestimmende Benutzeroberfläche neben KDE. Aktuell in Version 3.30 nutzen ihn Linux-Distributionen wie Ubuntu, Fedora oder Zorin-OS als Standarddesktop.

Kaum eine namhafte Distribution verzichtet auf eine Gnome-Edition als optionales „Flavour“. Und Distributionen wie Linux Mint oder Elementary OS haben nur deshalb keine Gnome-Edition, weil sie sozusagen ihren „eigenen Gnome“ pflegen: Der Cinnamon-Desktop von Linux Mint steht ebenso auf einer Gnome-Basis wie Pantheon von Elementary OS. Nicht genug:

Der allererste Gnome 1.0: Das sieht nicht viel anders aus als Windows 95/98.
Vergrößern Der allererste Gnome 1.0: Das sieht nicht viel anders aus als Windows 95/98.

Die mittlerweile hochgeschätzte Mate-Oberfläche ist ein weiterer Sonderweg ausgehend von Gnome (Version 2) und die langjährige Ubuntu-Oberfläche Unity ihrerseits eine Eigenentwicklung, die von Gnome abstammt (Version 3). Kein anderer Linux-Desktop ist selbst und in Abwandlungen so produktiv wie Gnome. Es folgt ein Porträt im Zeitraffer …

Gnome 1 und 2 und der frühe Linux-Desktop

Das Gnome-Projekt wurde 1997 gegründet. Die Version 1.0 erschien am 3. März 1999. Damit ist Gnome zwar einer der dienstältesten Linux-Desktops, aber keineswegs der älteste. Das nach wie vor präsente, sparsame XFCE entstand bereits 1996, ebenso der Exot Enligthenment („E“ und Fork „Moksha“ heute in Bodhi Linux). Anlass und Triebfeder des Gnome-Projekts aber war der Desktop KDE, der 1996 ins Leben gerufen wurde und am 12. Juli 1998 seine Premiere als Version 1.0 erlebte. Stein des Anstoßes waren nicht konzeptionelle Mängel von KDE, sondern lizenzrechtliche Bedenken: Das grafische Toolkit QT, das KDE nutzte, war nicht Open Source, sondern zum Teil proprietäre Software der Firma Trolltech. KDE konnte im Laufe der Jahre 1998 bis 2000 eine freie QT-Variante verhandeln (GPL) und damit das Problem ausräumen. In der Zwischenzeit war aber bereits Gnome auf Basis des freien Gimp-Toolkits (GTK) entstanden.

Lesetipp Gsconnect: Verbindung von Gnome zu Android herstellen  

Screenshots vom ersten Gnome 1.0 sind heute ein Flashback in das Computermittelalter. Weitgehend dem Bedienkonzept eines Windows 95/98 folgend, zeigte Gnome 1.0 Menü, Taskleiste, Arbeitsflächenwechsler und einen Desktop, der als Dateiablage diente. Der optische Charme der allerersten Gnome-Versionen hält sich in Grenzen und ist noch nicht auf der Höhe zeitgleicher Windows-Versionen. Mit der Gründung der Gnome Foundation Mitte 2000, der sich namhafte Firmen wie IBM, Sun Microsystems und Hewlett Packard anschließen, geht es jedoch mit Gnome steil bergauf. Mit einem regelmäßigen Erscheinungszyklus, der es bis dato auf stattliche 33 Gnome-Versionen bringt, wird der Desktop bald zum Quasi-Standard unter Linux. Maßgebliche Meilensteine sind

  • die 2002 veröffentlichte Gnome-Version 2.0

  • das 2004 erscheinende Desktop-Linux Ubuntu 4.10

Gnome 2.6: Einfaches Erfolgskonzept: 2 getrennte Symbolleisten und ein Desktop als Dateiablage.
Vergrößern Gnome 2.6: Einfaches Erfolgskonzept: 2 getrennte Symbolleisten und ein Desktop als Dateiablage.

Das erste Ubuntu 4.10 entscheidet sich für Gnome als Desktop und wird im Laufe der folgenden Jahre zum beliebtesten Linux-System auf PCs und Notebooks. Die Zusammenarbeit von Canonical und der Gnome Foundation ist für viele Jahre ein Erfolgsmodell und endet erst 2010 zur Ubuntu-Version 10.10 nach Unstimmigkeiten zwischen Gnome-und Canonical-Entwicklern. Ab dann geht Canonical mit Unity eigene Wege, die allerdings weiter auf Gnome (3) gründen.

Gnome 2.0 wiederum ist ein rundum gelungener Wurf, der den Willen der Gnome Foundation zur Reduktion und zum klaren Konzept belegt: Die Gnome-Versionen 2.x setzen (wie später Gnome 3) verbindliche Einstellungsstandards, werfen dafür allerhand Einstellungsoptionen über Bord und bieten zwei logisch unterschiedene Systemleisten oben und unten: Während oben Menüs und Indikatoren dem Nutzer das anbieten, „was er machen kann“, gibt es unten mit Taskliste und Arbeitsflächenumschalter das, „was er gerade macht“. Mit diesem an sich simplen, aber einleuchtenden Konzept wird Gnome 2 zum Quasi-Standard auf dem Linux-Desktop.

Die weitere Gnome-2-Entwicklung von 2.0 bis 2.32 (2002 bis 2010) verläuft unspektakulär: Von den zahlreichen Detailverbesserungen profitiert auch die enthaltene Standardsoftware wie das Kontrollzentrum, der Totem-Player oder der Evince-PDF-Betrachter, vor allem aber der Dateimanager Nautilus, der im Laufe der Jahre Automount, Mehrfensterdarstellung und erweiterte Suchfunktionen dazulernt.

Gnome 2.x prägt ab 2002 den Linux-Desktop und wird unter und mit Ubuntu zum Quasi-Standard.
Vergrößern Gnome 2.x prägt ab 2002 den Linux-Desktop und wird unter und mit Ubuntu zum Quasi-Standard.

Während die Nutzer die gemächliche Entwicklung der bewährten Oberfläche durchaus schätzen, vermissen Entwickler und Kritiker nach langen Jahren Gnome 2 die Vision: Der Vorwurf lautet auf „Stagnation“ oder „Dekadenz“, wobei dann auch handfeste technische Argumente ins Spiel kommen: Die Fensterflut immer leistungsstärkerer Multitasking-PCs fordert neue Antworten auf dem Desktop.

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Der moderne Gnome 3

Am 6. April 2011 wird 12 Jahre nach dem allerersten Gnome-Desktop und neun Jahre nach der erfolgreichen Version 2.x die Gnome-Version 3.0 veröffentlicht. Dies bedeutet eine historische Bruchstelle für die Gnome-Oberfläche. Das Ergebnis des radikalen Neuanfangs, das Linux-Nutzer wie Linux-Entwickler seither polarisiert, besteht als grundsätzliches Bedienkonzept bis heute: Gnome 3 verzichtet auf klassische Elemente wie das Startmenü, ist aber so simpel, dass sich jeder Einsteiger sofort zurechtfindet. Als Umschalter und Programmstarter dient die Übersichtsseite „Aktivitäten“, die über die Super-(Windows-)Taste oder über die linke obere Ecke erreichbar ist. Dann erscheint links eine Schnellstartleiste mit Favoriten-Apps und das wichtige Suchfeld oben. Super-A (oder der Klick auf „Anwendungen anzeigen“ in der Schnellstartleiste) zeigt großflächig alle installierten Programme.

Die dynamischen Arbeitsflächen können in der Aktivitäten-Ansicht am rechten Bildschirmrand bequem gewechselt werden, außerdem lassen sich hier Programmfenster mit der Maus zwischen den Arbeitsflächen verschieben. Die „Einstellungen“ (Gnome-Control-Center) liefern ein aufgeräumtes Menü für allgemeine Optionen wie Sprache, Hintergrundbild und Hardwarekonfiguration.

Das Gnome-3-Konzept ist modern, schick, konsequent, funktional, auf der anderen Seite allerdings auch puristisch bis hermetisch. Es gibt in Gnome 3 so skurrile Einsparungen von Kontrollelementen wie im Sitzungsmenü, wo man das Control für den stromsparenden Bereitschaftsmodus nur durch Drücken der Alt-Taste erreicht. Am häufigsten kritisiert wird das fehlende Anwendungsmenü und die Desktopoberfläche, die standardmäßig nicht als Dateiablage arbeitet.

Linus Torvalds, der sich gerne mal mit provozierend undiplomatischer Kritik äußert, sah im neuen Gnome-Konzept eine Verdummung des Anwenders und beschimpfte die Gnome-Entwickler gar als „Interface-Nazis“.

So weit muss man in der Gnome-3-Kritik nicht gehen: Die genannten und viele weitere Mankos kann Gnome 3 durch zahlreiche externe Erweiterungen ( https://extensions.gnome.org ) kompensieren – mittlerweile sind es mehr als tausend Stück. Die Einrichtung solcher Erweiterungen erfolgt bequem im Browser, sobald die Extensions-Seite ihrerseits als Browsererweiterung etwa in Firefox aktviert ist. Selbst viele Gnome-Fans sind der Meinung, dass Gnome 3 erst mit einer gezielten Auswahl an Erweiterungen komfortabel wird. Neben diesen Erweiterungen gibt es noch das meist unverzichtbare Zusatztool Gnome-Tweaks („Optimierungen“), das weitere Einstellungen freischaltet.

Trotz solcher Flexibilität über die Gnome-Erweiterungen bleibt unterm Strich ein eklatanter Widerspruch: Gnome 3 hat den Anspruch, möglichst einfach und möglichst intuitiv zu arbeiten. Das ist aber nur so lange der Fall, als ein Nutzer mit dem Oberflächenkonzept uneingeschränkt zufrieden ist. Sobald ein Benutzer Defizite erfährt und diese Mankos auszugleichen sucht, verkehrt sich der einfache Gnome zum komplizierten Gnome: Die Auswahl der gewünschten Erweiterungen und Tweak-Einstellungen fordert Anwenderkompetenz und etliche Zeitinvestitionen.

Ungeachtet der Kritik von vielen Seiten und dem Absprung vieler Nutzer Richtung KDE, Cinnamon oder Mate erfolgte die Weiterentwicklung von Gnome 3 seit 2011 prinzipientreu: Das Konzept blieb, jedoch gab es viele Neuerungen unter der Haube wie die Einbindung von Google Drive, Wayland-Unterstützung oder jüngst Gsconnect zur Android-Anbindung.

Aktueller Gnome 3.30: Das Bild zeigt Fedora 29 mit Gnome-Anwendungsübersicht und Suchfeld.
Vergrößern Aktueller Gnome 3.30: Das Bild zeigt Fedora 29 mit Gnome-Anwendungsübersicht und Suchfeld.

Gnome 3 und die Folgen

Seit 2011 hat die Polarisierung auf der Seite der Gegner zu diversen Gegenreaktionen geführt, wie schon in der Einleitung angedeutet: Cinnamon (Linux Mint) als klassizistischer Fork von Gnome 3, Mate als Weiterentwicklung des älteren Gnome 2, Unity (Ubuntu) und Pantheon (Elementary OS) als Modifikationen von Gnome 3 sind allesamt Gegenentwürfe oder jedenfalls Kompromisse, die allesamt auf Gnome basieren. Die Gnome-unabhängigen Desktops Deepin (seit 2013) und Budgie (seit 2013) wären ohne die Irritationen um die Zukunft des Linux-Desktops seit 2011 ebenfalls schwer vorstellbar.

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Den „reinen“ Gnome-Desktop trifft man aktuell nur in wenigen Distributionen wie etwa in Fedora Workstation. Andere Distributionen wie Zorin-OS verwenden zwar Gnome, garnieren ihn aber von vornherein mit Gnome-Erweiterungen und Konfigurationstools. Aktuelles Ubuntu 18.04/18.10 präsentiert (nach seiner Abkehr vom Unity-Desktop) einen angepassten Gnome 3, der als Menüersatz die Favoritenleiste „Dash to Dock“ (eine Gnome-Erweiterung) ins Zentrum stellt. Die Unterschiede zum langjährigen Unity sind dadurch minimiert, zumal Unity ja auch ein Gnome-3-Ableger war.

Aktuelles Ubuntu nutzt als Standarddesktop Gnome 3.30 plus angepasstes Starterdock aus den Gnome-Erweiterungen.
Vergrößern Aktuelles Ubuntu nutzt als Standarddesktop Gnome 3.30 plus angepasstes Starterdock aus den Gnome-Erweiterungen.

So wie sich an Gnome 3 selbst die Geister scheiden, so auch an der generellen Entwicklung des Linux-Desktops nach Gnome 3: Pessimisten bewerten Gnome 3 als verpasste Chance für eine Einheit stiftende Linux-Oberfläche oder wenigstens für den Fortbestand der historischen Konkurrenz zwischen Gnome und KDE; sie beklagen die Inflation der nachgeborenen Desktops als Orientierungsproblem für Linux-Nutzer und als Ressourcenverschwendung bei der Desktopentwicklung. Optimisten sehen hingegen die neue Vielfalt als Chance und als erweiterte Wahlfreiheit.

In der Tat hat ja etwa der Gnome-basierte Anti-Gnome Cinnamon einen neuen Desktop-Platzhirsch befördert (Linux Mint). Eine abschließende Bewertung der „Gnome-Krise“ ist nicht möglich – und auch nicht sinnvoll: Denn Gnome lebt und kann mit einer künftigen Version 4 wieder völlig neue Verhältnisse schaffen.

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