2659494

150 Millionen US-Dollar im Jahr: Sind Gaming-CEOs überbezahlt?

23.05.2022 | 09:00 Uhr |

Activision CEO Bobby Kotick verdiente letztes Jahr 150 Millionen US-Dollar. Sein Kollege Andrew Wilson, CEO von EA, 35 Millionen. Bleibt die Frage: Sind diese Menschen so viel Geld wert und wie schaffen sie es von einem Basisgehalt von 1,7 Millionen das 30- bis 80-fache zu verdienen? Und wieviel verdient eigentlich ein Entwickler von Call of Duty: Modern Warfare 2?

Die Gamesbranche ist kerngesund, gerade in Corona-Jahren wurde sehr satt Geld verdient und die Gewinne explodierten. Activision Blizzard verzeichnete 2,7 Milliarden US-Dollar Netto-Gewinn. Das resultierte in den höchsten Boni, die sich Top-Manager je genehmigt haben: Activision CEO Bobby Kotick ließ sich mit 150 Millionen US-Dollar Jahresgehalt, inklusive Boni als einer der bestbezahltesten CEOs der USA feiern und auch sein Kollege Andrew Wilson, CEO von EA ließ bei 35M US-Dollar die Champagnerkorken knallen. Sein Bonus errechnete sich ob eines Netto-Gewinns von 837 Millionen US-Dollar – gerade FIFA mit Ultimate Team und Apex Legends haben sehr stark performt. Das ist ein sehr spannendes Thema, denn die Gamesbranche schafft es, mit relativ zum Umsatz gesehenen niedrigen finanziellen Einsatz, enorm hohe Gewinne zu fahren, wofür sie immer schon von Hollywood bewundert wurde.  

Activision Blizzard druckt Geld. Das Problem ist nicht, dass das Top-Management in Geld gebadet wird, sondern dass die Menschen, die eigentlich die Spiele entwickeln, mitunter nur 20 Dollar in der Stunde verdienen. Das muss sich ändern.
Vergrößern Activision Blizzard druckt Geld. Das Problem ist nicht, dass das Top-Management in Geld gebadet wird, sondern dass die Menschen, die eigentlich die Spiele entwickeln, mitunter nur 20 Dollar in der Stunde verdienen. Das muss sich ändern.
© Call of Duty: MW2

Die Filmbranche leidet vor allem unter den enorm hohen Kosten für ihre Mega-Stars, wo eine Scarlett Johansson 20 Millionen US-Dollar für Black Widow kassiert und generell die großen Stars enorm hohe Rechnungen schicken – Dwayne The Rock Johnson nimmt auch seine 15 Millionen pro Film, Netflix etwa zahlte The Rock, Ryan Reynolds und Gal Godot jeweils 15 Millionen für Red Notice. Und damit sind sie günstig gegenüber den Top-Verdienern – Robert Downey Jr hatte eigentlich keine Lust auf seine Rolle als Tony Stark, entsprechend mussten ihn Disney und Marvel mit dem größten Angebot locken, das je in Hollywood gemacht wurde: 30 Millionen Cash auf die Hand plus Beteiligung an den Filmeinnahmen. Satte 75 Millionen hat RDJ so mit The Avengers Endgame verdient. Das ist schon spannend, denn Uncharted 4 z. B. hatte ein Budget von 50 Millionen. Ganz Naughty Dog kostete in drei Jahren also weniger als ein Robert Downey Jr für drei Monate Arbeit berechnet. Call of Duty ist schon nochmal teurer, 100 bis 150 Millionen US-Dollar Entwicklungbudget muss man kalkulieren.

Hinzu addieren sich 200 Millionen US-Dollar globales Marketing-Budget. Die Rechnung: 300 Millionen Investment für das neue CoD spielen in der Regel historisch gesehen immer so ihre 1 bis 1,5 Milliarden US-Dollar ein. Also Minimum das 3x seines Investments, läuft’s gut, können es auch mal 5x sein. Damit kann man arbeiten, und hier reden wir nur über den reinen Umsatz, den das Spiel an sich durch den Verkauf generiert. Das große Geld wird on top mit Mikrotransaktionen verdient. Bobby Kotick bezeichnete Call of Duty in einem Investor-Call als „3 Billion a Year Brand“. Sprich, das jährliche neue CoD plus CoD Mobile plus CoD Warzone generieren rund 3 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Wie sich das genau aufteilt, wissen wir nicht. Laut der Analytics-Plattform Sensortower hat CoD Mobile seit Launch am 01. Oktober 2019 1,5 Milliarden US-Dollar Umsatz generiert, sprich rund 750M pro Jahr. Gerade Mobile lässt also den CoD-Kuchen wachsen, denn Mobile Games produzieren hohe Profite, weil hier relativ zu Triple A gesehen sehr viel geringere Kosten anfallen. Doch reden wir über Gehälter, denn es ist schon faszinierend, wie gut etwa Activision sein Top-Management bezahlt, wo der neue CFO auch einfach mal einen Willkommens-Bonus von 15 Millionen US-Dollar erhält. 

Gehälter in der Spielebranche: Wie Gaming-Manager zu den bestbezahlten Führungskräften der Welt wurden 

Das Stichwort lautet „Recurring Revenue“ wiederkehrende Umsätze. Die ganze Branche ist gerade heiß auf Games as a Service als Gelddruckmaschine. CoD: Warzone verdiente in seiner Hochzeit bis zu 5 Millionen US-Dollar pro Tag.
Vergrößern Das Stichwort lautet „Recurring Revenue“ wiederkehrende Umsätze. Die ganze Branche ist gerade heiß auf Games as a Service als Gelddruckmaschine. CoD: Warzone verdiente in seiner Hochzeit bis zu 5 Millionen US-Dollar pro Tag.
© Activision

Überrascht hat uns die Diskrepanz zwischen Top-Management im Vorstand direkt beim Publisher und Studiochefs, also denen, die z. B. Blizzard leiten. Jen Oneal, die als President bei Blizzard nur drei Monate war, verklagte Activision ob ihres Basis-Gehalts von 300.000 US-Dollar (plus einer nicht näher genannten Menge an Aktien und Boni), welches geringer sei als das ihres männlichen Kollegen Mike Ybarra. Heute dürfte sie sich ärgern, denn der Kauf durch Microsoft wird alle Activision Blizzard-Manager sehr, sehr reich machen. Gerade in Führungspositionen ist es üblich, sein Gehalt nicht nur bar ausgezahlt zu bekommen, sondern in Aktienoptionen und Microsoft bezahlt 90 US-Dollar pro Aktie. Bobby Kotick lässt entsprechend schon mal die Moet-Champagnerflaschen ankarren, denn der Microsoft-Deal bringt ihm 390 Millionen US-Dollar ein. Firmenübernahmen sich ja immer eine feine Sache. 

Jen Oneal kam von Vicarious Visions (Tony Hawk) nach einer Missbrauchsanklage durch den Staat Kalifornien, um Blizzards Kultur zu reformieren. Sie verließ das Unternehmen bereits nach drei Monaten ob eines Gehaltsdisputs.
Vergrößern Jen Oneal kam von Vicarious Visions (Tony Hawk) nach einer Missbrauchsanklage durch den Staat Kalifornien, um Blizzards Kultur zu reformieren. Sie verließ das Unternehmen bereits nach drei Monaten ob eines Gehaltsdisputs.
© Blizzard

Activision Blizzard bezahlt seine Manager aber generell extrem gut: CFO Spencer Neumann etwa erhielt 6,7M US-Dollar, Collistor Johnson als COO 8,3M US-Dollar. Activision Blizzard schüttet dabei vor allem enorm hohe Boni-Zahlungen aus basierend auf dem Netto-Gewinn des Konzerns. Der CFO hatte nämlich ein Basisgehalt von „nur“ 900.000 US-Dollar, erhielt aber einen hübschen Bonus von 600 Prozent. Selbes Spiel beim COO, der ebenfalls 600 Prozent Bonus erhielt. Auch die Willkommens-Boni für neue Manager spielen in einer Liga für sich: Spencer Neumann erhielt etwa 2019 als neuer CFO 15 Millionen US-Dollar als Welcome-Bonus.  Den größten Bonus der Gamesbranche gönnte sich 2021 CEO Bobby Kotick natürlich selbst, denn sein Basisgehalt liegt bei 1,7 Millionen US-Dollar – er verdiente letztes Jahr aber satte 150 Millionen US-Dollar. Der Mann ist Activision 77.000 US-Dollar pro Stunde wert.

Generell gelten CEOs von Gaming-Publisher als die bestbezahlten der Welt, schließlich sind ihre Boni meist an die Gewinne des Unternehmens gekoppelt. Noch mehr Geld wird nur in der Banken-, Öl-, Pharma- und Rüstungsindustrie verdient. Hier mal ein paar Zahlen, warum sich der MBA noch lohnen könnte für Sie: 

CEO

Unternehmen

Gehalt und Boni

Robert Antokol

CEO Playtika

370 Millionen US-Dollar

Bobby Kotick

CEO Activision Blizzard

154 Millionen US-Dollar

Andrew Paradise

CEO Skillz

103 Millionen US-Dollar

Tim Cook

CEO Apple

100 Millionen US-Dollar

Andrew Wilson

CEO Electronic Arts

35 Millionen US-Dollar

Frank Gibeau

CEO Zynga

32 Millionen US-Dollar

John Riccitiello

CEO Unity

22 Millionen US-Dollar

Strauss Zelnick

CEO Take-Two Interactive

18 Millionen US-Dollar

Min-Liang Tan

CEO Razer

10 Millionen US-Dollar

Yosuke Matsuda

CEO Square Enix

4,2 Millionen US-Dollar

Shuntaro Furukawa

President Nintendo

2,8 Millionen US-Dollar

Yves Guillemot

CEO Ubisoft

1 Million US-Dollar

Sind CEOs und Top-Manager ihr Geld wert? Das ist gar nicht so einfach zu sagen 

Ist Bobby Kotick 77.000 US-Dollar pro Stunde wert? Deutlich schwieriger zu sagen als man denkt. Denn Kotick ist seit 2008 CEO von Activision, vorher war die Firma unter dem Namen Vivendi nur einen Bruchteil wert.
Vergrößern Ist Bobby Kotick 77.000 US-Dollar pro Stunde wert? Deutlich schwieriger zu sagen als man denkt. Denn Kotick ist seit 2008 CEO von Activision, vorher war die Firma unter dem Namen Vivendi nur einen Bruchteil wert.
© Activision

Natürlich stellt sich die Frage: Sind diese Menschen wirklich so produktiv für das Unternehmen, dass sie diese enormen Gehälter wert sind? Das ist enorm schwierig einzuschätzen, weil etwa Bobby Kotick die neue Call-of-Duty-Strategie mit seinem Team ausgearbeitet hat. Damit hat er Call of Duty als Marke von 1 Milliarde US-Dollar Umsatz pro Jahr auf gut 3 Milliarden US-Dollar gehoben, weil jetzt parallel die Umsätze von CoD Warzone, CoD Mobile sowie dem jährlichen neuen CoD zusammenlaufen. Er bringt seinem Konzern definitiv sehr viel Geld, das kann man nicht bestreiten. Auf der anderen Seite sind er und sein C-Level-Management nur diejenigen, die die Strategie absegnen – sprich, die Budgets bewilligen, umsetzen müssen es die eigentlichen Teams in den Studios. Vielmehr müsste man also die Frage stellen, ob eigentlich die Menschen, die unsere Spiele entwickeln fair bezahlt werden? Denn ein CEO eines großen Konzerns mit über 10.000 Mitarbeitern ist in die Entwicklung von Spielen nur noch sehr „high level“ involviert – Kotick ist durchaus in den Meetings, wo entschieden wird, wie das nächste Call of Duty 2023 aussehen wird, in welcher Ära es spielt und wie es strategisch in den Konzern eingebettet wird.“ 

Er verbringt - so wurde es uns zumindest von Entwicklern erzählt, verifizieren können wir das nicht - relativ wenig Zeit in den einzelnen Studios. Das ist für Top-Manager allerdings nicht unüblich. Ein Mercedes-CEO beschäftigt sich auch viel mehr damit, wie sich die Absätze in Kernmärkten wie China, den USA oder Deutschland entwickeln als die Frage zu klären, welches Touchdisplay jetzt in den neuen EQS bis EQC verbaut wird. Elon Musk gilt hier als Tesla-CEO schon eher als kleiner Exot, denn die meisten Manager verbringen eher wenig Zeit in ihren Entwicklungsabteilungen oder gar der Fabrikhalle. So viel wie in der Gamesbranche verdient aber kein CEO von den Großen der Automobilbranche –  Zetsche etwa hatte ein Jahresgehalt von 8,6 Millionen Euro, für seinen Nachfolger Ola Källenius hat man das Gehalt zwar an den Markt angepasst, aber auf maximal 12 Millionen Euro gedeckelt. 

Was verdient ein Call-of-Duty-Entwickler? Zwischen 200.000 US-Dollar im Jahr und 24.000. 

Skandalös: Ausgerechnet Raven Software, die für Call of Duty Warzone verantwortlich zeichnen, sollen Q&A-Tester miserabel bezahlt haben. Mittlerweile hat man auf Druck von US-Medien das Gehalt von 15 auf 20 US-Dollar pro Stunde angehoben.
Vergrößern Skandalös: Ausgerechnet Raven Software, die für Call of Duty Warzone verantwortlich zeichnen, sollen Q&A-Tester miserabel bezahlt haben. Mittlerweile hat man auf Druck von US-Medien das Gehalt von 15 auf 20 US-Dollar pro Stunde angehoben.
© Activision

Zurück nach Los Angeles: Was verdient eigentlich ein Spieleentwickler, der an Call of Duty z. B. arbeitet? Laut Glassdoor, wo Entwickler ihrer Gehälter einstellen können, verdient man etwa bei Infinity Ward, die das neue Call of Duty: MW2 verantworten, zwischen 150 und 200.000 US-Dollar im Jahr als Lead Designer, also Teamleiter für eines der Departments wie Art Design, Level Design etc. Sprich zwischen 12.500 und 17.000 US-Dollar im Monat. Das ist selbst für teure Städte wie Los Angeles ein ordentliches Gehalt, wobei wir allerdings eine extreme Diskrepanz zu anderen Departments. Activision scheint ausgerechnet seine Q&A-Tester extrem schlecht zu bezahlen. Angeblich soll Raven Software, die das Testing für Call of Duty Warzone verantworten, seine Q&A mit 12 US-Dollar die Stunde abgespeist haben. 

Das wären nicht mal 2000 US-Dollar im Monat, also wirklich ein grotesk niedriges Gehalt, wovon man auch im Wisconsin nicht vernünftig leben kann. Woher dieses niedrige Gehalt kommt, scheint keinen Sinn zu ergeben – Q&A-Tester sind quasi mit die wichtigsten Mitarbeiter, da sie Spiele auf Fehler unter hohem Zeitdruck auf Fehler überprüfen und die Qualitätssicherung überwachen. Auf Druck von Medien, die darüber berichteten, wurde das Gehalt für Q&A minimal angehoben auf 20 US-Dollar die Stunde. Vielleicht sollte Bobby Kotick „nur“ 50.000 die Stunde verdienen, damit diejenigen, die die Qualität der Spiele sicherstellen, zumindest ein bisschen Geld verdienen? Nur so eine Idee. 

Weitere spannende Business-Stories:

Microsoft kauft Activision-Blizzard: Der Deal im Check

Sony kauft Bungie: Könnten sie sich auch Square Enix oder EA leisten?

PC-WELT Marktplatz

2659494