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Watch Dogs Legion: Next-Gen-KI im Cyberpunk-London

26.07.2020 | 14:02 Uhr |

John Wick, James Bond oder Hacker-Omi? Das ist die Frage in Watch Dogs 3. Eines der ersten Spiele für Xbox Series X, PS5 und PC, das sich so richtig Next-Gen anfühlt, weil es KI auf das nächste Level bringt und Cyberpunk-London mit jeder Menge smarter Gameplay-Ideen kombiniert. Watch Dogs Legion in der E3-Preview.

Watch Dogs Legion ist smart. Verdammt smart. Würde man die Welten von Cyberpunk 2077 mit GTA 6 in einen Mixer werfen und die Intelligenz von Elon Musk dazumischen, käme ein Cocktail heraus, der genau so schmecken würde. Selten haben wir ein Spiel erlebt, welches so kreativ seine Gameplay-Systeme nutzt. Ja klar, wir könnten die Reifen des Aston Martin durchdrehen lassen und wie James Bond in No Times to Die Raketen aus unserem Dienstwagen abschießen, um uns den Weg freizuschießen. Oder Drohnen hacken, die eine Albion-Basis in ein Flammenmeer verwandeln. Aber das sorgt für eine entsprechend heftige Gegenreaktion des Feindes. Warum nicht mit Köpfchen vorgehen, einen Sanitäter überreden bei unserer Hackergruppe DedSec einzusteigen. Alles was wir jetzt tun müssen, ist einen Wachposten per Präzisionsschuss betäuben, den Polizeifunk hacken und wenn Albion Security einen Krankenwagen anfordert, dann fahren wir einfach durchs Tor dieses Hochsicherheitstrakts. 

Watch Dogs 3 ist eines dieser Spiele, die einfach mal sagen: Geht nicht, gibt’s nicht. Wo GTA 5 eine großartige, aber lineare Story erzählt und uns relativ wenig Freiheit lässt, wie wir Missionen angehen, lässt sich hier jeder Charakter in diesem London der Zukunft rekrutieren. Also nicht zwei, drei, sondern jeden, der in der Stadt rumläuft. Sie können einen britischen Bobby von Scotland Yard für die Revolution gewinnen; der kommt in viele Regierungsgebäude einfach so rein. Oder gar einen Albion-Officer, Sie müssen bei ihm nur die richtigen Knöpfe drücken, doch auch das macht Spaß und ist fordernd, weil diese Sidequests in der Regel mehrere Ebenen haben. London droht eine brutale Militärdiktatur, in der Nigel Cass in einer Szene sogar den Polizeichef ermordet, es DedSec in die Schuhe schiebt und mit seiner Konzern-Armee ein Regime errichtet, welches Journalisten verfolgt und jeden mundtot macht, der sich für Freiheit und Gerechtigkeit einsetzt. Es ist ein mutiges Spiel, denn Ubisoft konnte nicht wissen, dass wir gerade jetzt viele der zentralen Probleme von Watch Dogs Legion in der realen Welt erleben. 

Vielleicht die größte Überraschung: Während Assassin’s Creed Valhalla noch sehr nach Alpha aussieht, wirkt Watch Dogs Legion gerade von der Qualität seiner Charaktermodelle sehr viel fertiger.
Vergrößern Vielleicht die größte Überraschung: Während Assassin’s Creed Valhalla noch sehr nach Alpha aussieht, wirkt Watch Dogs Legion gerade von der Qualität seiner Charaktermodelle sehr viel fertiger.

Nicht in London natürlich, in der Stadt mit den harmlosesten Polizisten der Welt. Britische Polizisten tragen nicht einmal Waffen. Aber wer dieser Tage mal nach Washington schaute, wo Präsident Trump für einen Wahlkampf-Auftritt brutal die Straßen räumen ließ, der muss schluckend konstatieren: So weit entfernt von einem Polizei-Staat sind einige Nationen nicht. Interessant ist es dann auch, wie Sie einen Offizier von Albion Security überreden können, für Ihre Untergrundorganisation zu arbeiten. Ein Konzern hält das Patent für die meisten überlebenswichtigen Medikamente, die Preise sind enorm gestiegen – besorgen Sie dem Bruder dieses Soldaten seine Medizin, lässt er sich als DedSec-Agent auswählen. 2018 sorgte in den realen USA der Pharma-Manager Martin Shkreli mit seiner ekelhaften Gier dafür, dass ein Aids-Medikament 50x mal teurer wurde. Brechen wir im Spiel in das Hauptquartier des Pharma-Giganten ein, kriegen heraus, wo die Konvois lang fahren und überfallen diesen, machen wir uns den Albion-Offizier zum Freund, er lässt sich aus dem Roster fortan auswählen, und wir können mit ihm sogar durch die Pforten eines der meistbewachten Gebäude der Welt schreiten: The Tower of London, dem Hauptquartier des selbst ernannten Herrschers Nigel Cass.

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Ist KI die nächste Revolution, die uns für Next-Gen erwartet? 

In Watch Dogs Legion lässt sich jeder und jede rekrutieren, egal ob Polizisten, Anwälte, Politiker oder Hacker. Und jeder Charakter bringt unterschiedliche Kontakte und Spezialfähigkeiten mit sich.
Vergrößern In Watch Dogs Legion lässt sich jeder und jede rekrutieren, egal ob Polizisten, Anwälte, Politiker oder Hacker. Und jeder Charakter bringt unterschiedliche Kontakte und Spezialfähigkeiten mit sich.

Vielleicht ist es gar nicht die Schärfe der nativen 4K-Texturen, sondern eine starke Evolution von Künstlicher Intelligenz, die uns mit Einzug von Playstation 5 und Xbox Series X bevorsteht. Denn beide Konsolen verfügen über sehr schnelle nVME-SSDs sowie rasend schnelle Prozessoren. Davon profitieren auch wir PC-Spieler, denn Spielestudios mussten in den letzten Jahren vor allem deshalb viele Abstriche machen, weil Games künstlich auf Konsolenniveau “runter gedummt“ werden mussten. 

In Watch Dogs Legion hingegen werden sehr viele KI-Parameter für signifikant mehr Personen berechnet, als wir das sonst so aus den meisten Spielen kennen. Es ist schlicht beeindruckend, wie gut all diese Systeme ineinandergreifen. Sie können etwa die Anführerin eines Protests überreden, bei DedSec einzusteigen. Ihre Spezialfähigkei ist das Mobilisieren der Massen. Sie kann ihren Protestmarsch vor die Tore von Albions Gefängnis führen – stürmen die Wachen raus, können wir rein. Wir können sogar für einen kleinen Angriff sorgen, mit fliegenden Bierflaschen, was noch deutlich mehr Kräfte des Feindes bündelt. 

Insgesamt können Sie immer 20 Operatives im Roster halten, und diese spielen sich völlig unterschiedlich: Eine Ingenieurin reitet auf einer Drohne und haut mit einem Schraubenschlüssel im Nahkampf mächtig zu und schießt mit einer Nagelpistole. 

Einmal James Bond sein: Sie können Geheimagenten rekrutieren, die ganz stilecht einen Aston Martin als Dienstwagen mitbringen, der Raketen verschießt.
Vergrößern Einmal James Bond sein: Sie können Geheimagenten rekrutieren, die ganz stilecht einen Aston Martin als Dienstwagen mitbringen, der Raketen verschießt.

Eine Agentin im 007-Stil fährt einen Aston Martin, der Raketen verschießt und hat einen Schalldämpfer auf ihrer Walther PPK. Eine Oma hat einen Spinnen-Roboter in der Handtasche, der überall hinkrabbelt und alles hackt, was nicht bei drei hinter der Firewall ist. Und sich an Gesichter anschmiegt, um diesen eine Elektro-Massage zu verpassen. Es gibt Politiker, die Anrufe machen können – etwa, um andere Mitglieder des Teams früher aus dem Gefängnis rauszuholen. Es gibt den Bobby. Wenn ein britischer Polizist sich an Albions Truppen anschleicht, dann fällt er nicht direkt auf. Dieser schießt mit einem Taser, Sie müssen also nicht direkt töten, was Vorteile hat, wenn Sie später noch einen Albion-Soldaten rekrutieren wollen. Oder schaltet Gegner per Schlagstock gezielt und schnell aus, sogar Festnahmen via Handschellen sind möglich, wenn der Gegner uns noch nicht bemerkt hat.

Besonders beeindruckend dabei ist, dass jeder Charakter seinen eigenen Synchronsprecher/in hat und diese in den Szenen bislang ziemlich gut klingen – fast alle haben einen harten Cockney-Akzent und verhalten sich very British. Spannend auch, dass Ubisoft seit der E3 letztes Jahr seine RPG-Mechaniken überarbeitet hat: Es gibt jetzt keine Level mehr und auch kein Level-Gate, Sie können also mit jedem Charakter jede Mission angehen. Natürlich ernten diese aber trotzdem Erfahrung, die sich in neue Skills und Equipment investieren lässt. Hier gibt’s eine Menge coolen Kram zum Freischalten: Waffen, Outfits, Sonnenbrillen, Hüte, aber auch Killer-Robots und Drohnen, die sich mit Torpedos ausstatten lassen.

Die Open-World: Cyberpunk-London mit beeindruckendem Raytracing 

London ist fantastisch umgesetzt – die Tower Bridge, die einzelnen Viertel der Mega-Metropole. Das wirkt alles sehr authentisch, nur eben im Korsett eines Polizei-Staates.
Vergrößern London ist fantastisch umgesetzt – die Tower Bridge, die einzelnen Viertel der Mega-Metropole. Das wirkt alles sehr authentisch, nur eben im Korsett eines Polizei-Staates.

Was sofort auffällt: Watch Dogs Legion sieht sehr viel mehr nach Next-Gen aus als Assassin’s Creed Valhalla. Während Valhalla grafisch noch ziemlich unfertig wirkt, mit schwach texturierten NPCs vor allem, sieht jeder Mensch in Legion fantastisch aus – mit nativen 4K-Texturen und zumindest rudimentärer Mimik, die in Valhalla oft fehlte. Großartig umgesetzt ist auch London selbst und seine Stadtteile, die Fans der Metropole gleich wiedererkennen werden: Camden, City of Westminister, Lambeth, Southwark, Tower Hamlets, Islington & Hackney und andere. Die einzelnen Stadtteile sind jeweils authentisch umgesetzt, nur eben mit dem richtigen Spritzer Cyberpunk – etwa über Hologramme, die ikonische Gebäude umrahmen. 

Das Entwicklerteam hat viel Arbeit in seine Fahrzeugdesigns investiert, die in der Regel wie Showcars der Großen aussehen: Range Rover, Rolls Royce, McLaren oder auch Tesla.
Vergrößern Das Entwicklerteam hat viel Arbeit in seine Fahrzeugdesigns investiert, die in der Regel wie Showcars der Großen aussehen: Range Rover, Rolls Royce, McLaren oder auch Tesla.

Die berühmten Black Cabs gibt’s ebenfalls, nur eben mit LED-Werbung auf ihnen, schließlich arbeiten wir in Watch Dogs Legion in einer voll durchmonetarisierten Welt. Wir fahren im London Eye, Parcours-Klettern über die berühmten Hafen-Docks an der St. Katherina Marina und fahren mit der Tube. Und was ist das Britischste überhaupt? Genau, sich hemmungslos zu besaufen in einem guten, alten Pub. Auch wenn wir im The Earl’s Fortune nicht nur Pines kippen und Fish & Chips essen, sondern auch arbeiten müssen – hier befindet sich der geheime Eingang zu DedSecs Hauptquartier. 

Wollen Sie von dort auf zu Missionen aufbrechen, gibt’s einen Haufen neuer Autos, die man auch in der Realität in der Banker-Metropole finden würde: James Bonds Aston Martin, Ranger Rover, McLaren, Rolls Royce, die klassischen englischen Marken. Aber natürlich auch Elektro-Autos wie Teslas oder eine Art Nissan Leaf. Die Fahrzeuge sind in der Regel nicht lizensiert, tragen also Fantasienamen und weichen etwas von den Originalen ab, aber Ubisoft hat sich sichtlich an vielen Prototypen und Showcars der Großen inspirieren lassen Watch Dogs Legion dürfte das erste Spiel sein, indem wir in den Aston Martin Valhalla einsteigen – wie passend, wo doch die Kollegen im gleichen Haus Assassin’s Creed Valhalla entwickeln. Und das in James Bond: No Time To Die Daniel Craigs Hypercar-Variante zum klassischen Aston Martin wird, den eh jeder 00-Agent als Dienstauto erhält. Und ja, Sie können auch am Hauptquartier des MI7 im mondänen Adastral House an der Victoria Embankment parken und im Prolog spielen Sie sogar einen Agenten seiner Majestät, der…nun, wir könnten es Ihnen verraten, aber dann müssten wir Sie …blitzdingsen.

Fazit:

Watch Dogs Legion fühlt sich nach Next-Gen an, weil es einfach mal etwas Neues wagt. Wo ein Assassin’s Creed Valhalla gewohnt hohe Qualität abliefert, aber wenige Innovationen auffährt, lässt Ubisoft sein Watch-Dogs-Team komplett am Rad drehen und konzeptionell sicherlich das spannendste, aber auch riskanteste Triple-A-Spiel des Jahres abliefern. Denn auch wenn das alles eine Menge Spaß macht, bleibt die große Frage: Funktioniert dieses Konzept ohne zentralen Protagonisten für die Geschichte über 20, 30 Stunden hinweg oder wird das irgendwann ziellos und langweilig?

Watch Dogs Legion erscheint am 29. Oktober 2020 für PC, Xbox Series X, Xbox One, Playstation 5 und PS4.

Die Themen in Tech-up Weekly #195:

► Angebliche Specs der Nvidia RTX 3070 Ti & RTX 3070 aufgetaucht: www.pcwelt.de/news/RTX-3070-Ti-und-RTX-3070-Sind-das-die-Spezifikationen-10842012.html

► Galaxy Unpacked 2020: Samsung zeigt Galaxy Note 20: www.pcwelt.de/news/Galaxy-Unpacked-2020-Samsung-zeigt-Galaxy-Note-20-10842346.html

Quick-News

► Samsung-Smartphones ab 2021 ohne Netzteil? www.pcwelt.de/news/Neue-Samsung-Smartphones-ohne-Netzteil-ab-2021-10843324.html

► Nutzer verklagt Twitch wegen aufreizender Streamerinnen: www.pcwelt.de/news/Nutzer-verklagt-Twitch-wegen-aufreizender-Streamerinnen-10843493.html

► 6000 Mailkonten gehackt: 5 Jahre Hausarrest: www.pcwelt.de/news/6000-Mailkonten-fuer-Pornos-gehackt-5-Jahre-Hausarrest-10841694.html

► Amazon Prime Video erhält Nutzer-Profile: www.pcwelt.de/ratgeber/Amazon-Prime-Video-So-legen-Sie-Nutzerprofile-an-10843505.html

► Ubisoft verschenkt Watch Dogs 2 (PC) für kurze Zeit: www.pcwelt.de/news/Ubisoft-verschenkt-Watch-Dogs-2-PC-fuer-kurze-Zeit-10836834.html

► Sony baut PS4-Konsolen mit Robotern in 30 Sekunden: www.pcwelt.de/news/Sony-baut-PS4-Konsolen-mit-Robotern-in-30-Sekunden-10841313.html

Kommentar der Woche

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