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Skull & Bones: Kein Assassin’s Creed Black Flag 2

24.07.2022 | 08:56 Uhr |

Skull & Bones segelt in schwierige Gewässer: Auf der einen Seite punktet Ubisoft Singapur mit stark inszenierten Seeschlachten und Brigantinen, die von Orkanen regelrecht zerfetzt werden. Und killt dann die Atmosphäre, weil es keine Dialoge hat und keine Geschichte erzählt. Warum Ubisoft? Das ist so schade.

London, schwerer Regen setzt ein. Ein Mann irrt durch die Gassen, seine Kleidung ist zerfetzt. Sehnsüchtig blickt er in den ersten Sekunden von Skull & Bones in die feinen Lokale der Stadt, wo sich die Tische biegen voller Obst und Wein und sich der Adel mit den Damen vergnügt. „Unsere Gesellschaft hat ihren Weg uns zu sagen, was wir sind, und was wir wert sind“, erzählt er traurig. Er entschließt sich, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, schnappt sich eine Kiste am Hafen, schmuggelt sich an Bord eines Schiffes. Doch dieses gerät in einen schweren Sturm, ein Orkan verschlingt es, unser Protagonist kann sich gerade noch so auf Teile des Wracks retten. 

Skull & Bones startet extrem stark: Mit viel Atmosphäre, toll gesetzten Szenen, wir freuen uns auf eine epische Geschichte, und dann stehen wir plötzlich auf einer Pirateninsel, in der niemand etwas zu erzählen hat und es nur Händler gibt.
Vergrößern Skull & Bones startet extrem stark: Mit viel Atmosphäre, toll gesetzten Szenen, wir freuen uns auf eine epische Geschichte, und dann stehen wir plötzlich auf einer Pirateninsel, in der niemand etwas zu erzählen hat und es nur Händler gibt.
© Ubisoft

Aus der Takelage baut er ein Segel für seine Jolle, mit einem Speer schützt er sich vor immer wieder angreifenden Haien, die sein kleines Boot mit knurrendem Magen verfolgen. Einige Monate später schließen sich ihm andere Seeleute an, andere Gestrandete, auf dem Weg nach Ruhm und Reichtum. Er wird Pirat, gründet eine Crew und liefert sich diese brutalen, aber taktischen Seegefechte, die zumindest im Ansatz an das legendäre Assassin’s Creed: Black Flag erinnern. Ja, natürlich war es töricht, nicht einfach ein Black Flag 2 zu entwickeln – wer seinem Studio 120 Millionen US-Dollar und fünf Jahre Zeit gibt, der kann eigentlich das beste Spiel des Jahres erwarten und ein Assassin’s Creed verdient immer sehr viel Geld - Black Flag hat 15 Millionen Einheiten verkauft, also gut sein 800-900 Millionen US-Dollar verdient.

Nun ist Skull & Bones also eine eigene Marke, die sich beweisen muss, aber sie kommt von Ubisoft Singapur, also jenen Mannen, die einst die ikonischen Schiffsschlachten von Black Flag schufen. Und das fühlt man direkt: Im Sturm wird das Schiff hin- und her geworfen, unsere Crew klettert in die Takelage, als Kapitän stehen wir am Steuerrad und trotzen der Laune der Natur, während unsere Mannen Büchsen stopfen und Neun-Pfünder laden. Geschosse zerreißen die Takelage, zerfetzen das Deck, wirbeln Menschen durch die Luft und in die tosenden Wellen des Meeres. 

Es gibt viele unterschiedliche Schiffstypen: Kleinere Korvetten, riesige Brigaden, aber auch kleine wendige Navigationsschiffe. Diese haben Vorteile bei leichtem Wellengang, aber Probleme bei Stürmen.
Vergrößern Es gibt viele unterschiedliche Schiffstypen: Kleinere Korvetten, riesige Brigaden, aber auch kleine wendige Navigationsschiffe. Diese haben Vorteile bei leichtem Wellengang, aber Probleme bei Stürmen.
© Ubisoft

Feuer brechen aus im Dunkel der Nacht, alles ist unglaublich atmosphärisch, sehr Master & Commander. Die Schlacht ist nochmal ein bisschen schmutziger und brutaler als in Assassin’s Creed: Black Flag. Holz und Nägel Holz sausen durch die Gegend, das Munitionslager der britischen Galeone explodiert. Es ist ein guter Tag für Piraten, hier im Indischen Ozean. Doch nicht zu früh freuen, Ihr Landratten. Der Sturm lichtet sich, die feindliche Armada hat sich taktisch zurückgezogen und steuert auf eine Insel zu, die… da zerschlagen Kanonenkugeln Achtern, die komplette Mauerreihe der Festung der Briten feuert jetzt auf uns. Es ist ein langer Weg von der Jolle zu Captain Jack Sparrow. 

Von der kleinen Jolle zum mächtigen Piratenschiff. Vom Speerwerfer zum Dreimaster 

Anders als in Black Flag können wir in Skull. & Bones nicht von der Reling ins Meer tauchen und schnell mal an Land gehen, Inseln erkunden und uns Schwertkämpfer liefern. Der komplette Fokus liegt auf dem Schiffskampf.
Vergrößern Anders als in Black Flag können wir in Skull. & Bones nicht von der Reling ins Meer tauchen und schnell mal an Land gehen, Inseln erkunden und uns Schwertkämpfer liefern. Der komplette Fokus liegt auf dem Schiffskampf.
© Ubisoft

Anbrechende Wellen bringen das Schiff ins Schleudern, schräger Wind beeinflusst den gesetzten Kurs. Wird unser Prachtstück über den Spielverlauf mit zusätzlichen Kanonen, Mörsern und Minenwerfern ausgerüstet, macht dies das Schiff schwerer und langsamer. Über das Fernrohr können wir erspähen, welche wertvolle Fracht, unsere Ziele gelagert haben, etwa spanische oder britische Handelsgaleonen, die Öl in die Heimat bringen.  Diese segeln in der Regel in einem Begleitverband, einer gewaltigen Eskorte von gerne mal 7 bis 10 Schiffen. Entsprechend gut überlegt will auch der Geschosstyp sein: Kettenkugeln zerfetzen Masten und Takelage, Schrot tötet die Mannschaft an Deck. Setzen wir schwere Kanonenkugeln, ist die Gefahr groß, die Fregatte mit all ihren Schätzen zu versenken.

Erstes 4K-Gameplay zu Skull & Bones

Das System ist deutlich stärker auf Zielgenauigkeit ausgelegt, so blenden wir mit dem Trigger die ungefähre Flugbahn ein und stellen anschließend mit dem Analogstick die exakte Flugbahn der Kugeln ein. Für besonders präzise Treffer können wir vorher auch die Schwachstellen des feindlichen Schiffes via Fernrohr ausspähen. Faszinierend auch wie das Wetter hier als unberechenbare Komponente eingreift: Regnet es, wird die Sicht schlechter, und das Zielen ist schwieriger. Zieht gar ein Sturm auf, wird das Schiff von den Wellen hin und her geworfen, schwankt auf und ab. Wir müssen dann antizipieren und ein gutes Zeitgefühl beweisen. Gesehen haben wir bereits auch viele, viele Kanonentypen: Bombarden etwa, die ihre Kugeln im hohen Bogen abfeuern, nicht direkt auf den Gegner wie eine klassische Kanone. Oder auch Raketenbatterien, die uns chinesische Händler verkaufen, wo das Schießpulver ungefähr zu der Zeit erfunden wurde.

Mehr Geschütze und Kanonenkugeln machen das Schiff schwerer, ergo weniger wendig, was wir in unserer Strategie bedenken sollten. Zudem müssen wir entscheiden, ob wir mehr Waffen oder Fracht laden wollen.
Vergrößern Mehr Geschütze und Kanonenkugeln machen das Schiff schwerer, ergo weniger wendig, was wir in unserer Strategie bedenken sollten. Zudem müssen wir entscheiden, ob wir mehr Waffen oder Fracht laden wollen.
© Ubisoft

Kurz bevor das eigene Schiff wieder aus den Wellen schießt, gilt es zu feuern, denn da trifft der Winkel am ehesten. Wobei das natürlich auch vom Schiffstyp abhängig ist: Navigations-Schiffe etwa sind besonders wendig, liegen aber nicht so sicher in rauer See – sprich, sie können ihre Vorteile nur bei entsprechendem Wetter ausspielen. Schlachtschiffe sind sehr viel schwerer, haben also ihre Vorteile im Orkan und können deutlich mehr Kanonen mitnehmen, brauchen aber lange, um ihren Kurs zu ändern, wenn der Wind dreht. Ganz spannend ist, wie wir unser Schiff aufrüsten können: Wir können etwa in Piratenhäfen gehärteten Ton über unsere Schiffshaut spannen, was die Kähne robuster macht. Oder mit besonders dicken Holzplanken unsere Seiten panzern. Generell gibt es sehr viele Schiffe, was durchaus interessant klingt, etwa die Sambuk als kleine Korvette, eine große Brig mit mehreren Reihen an Kanonen übereinander. Eine Brigantine, die besonders viel Fracht transportieren kann. 

Anders als in Sea of Thieves steuern wir im Koop nicht gemeinsam ein Schiff, sondern jeder seines. Das ermöglicht es etwa, schwere Brigantinen mit mehreren Kanonendecks mit leichten und schnellen Navigationsschiffen zu kombinieren.
Vergrößern Anders als in Sea of Thieves steuern wir im Koop nicht gemeinsam ein Schiff, sondern jeder seines. Das ermöglicht es etwa, schwere Brigantinen mit mehreren Kanonendecks mit leichten und schnellen Navigationsschiffen zu kombinieren.
© Ubisoft

Besonders spaßig soll das Ganze im Koop werden, denn dann können wir regelrechte Massenschlachten schlagen und die Schiffstypen taktisch im Verband einsetzen. Ressourcen wie Öl sind endlich, werden aber gebraucht, um besonders mächtige Waffen wie das Griechische Feuer, quasi ein Flammenwerfer, der ganze Schiffe grillt, zu benutzen. Klingt alles durchaus interessant, leider macht Ubisoft aber viele Anfängerfehler, die völlig unnötig sind. In Assassin’s Creed: Black Flag zählten die Entermanöver zu den Highlights, hier sind sie nur eine Videosequenz. Generell stellt sich die Frage, wie lange das Ganze denn Freude macht, denn Ubisoft Singapur begeht die größte Sünde, die ein Entwicklerstudio begehen kann: Es erzählt trotz gewaltiger Budgets keine Geschichte…

Ubisoft macht einen gewaltigen Fehler: Skull & Bones erzählt keine Geschichte 

Was für eine verschenkte Chance: Steven Longarm hier sieht aus, als hätte er große Piratengeschichten zu erzählen. Bislang haben die Leute auf der Pirateninsel aber nur einen Standardsatz drauf.
Vergrößern Was für eine verschenkte Chance: Steven Longarm hier sieht aus, als hätte er große Piratengeschichten zu erzählen. Bislang haben die Leute auf der Pirateninsel aber nur einen Standardsatz drauf.
© Ubisoft

Skull & Bones blutet Potential, schließlich ist das Piratenthema erstaunlich unverbraucht. Nur warum macht Ubisoft daraus nicht mehr? Wir können nicht über die Reling ins Wasser springen und die Meere ertauchen. Wir dürfen nicht auf fremde Inseln, sondern selbst der Abbau von Holz geschieht vollautomatisch vom Schiff. Es gibt keinerlei Säbel-Duelle, keinen Nahkampf - entern wir eine britische Brigantine, wird nur eine Zwischensequenz abgespielt. Ursprünglich sollte, so zumindest die Gerüchte, Skull & Bones der Free2Play-Hammer treffen - davor konnte sich das Studio in Singapur aber gerade noch so retten, schließlich hat Ubisoft in den letzten Jahren Unmengen an Geld in Free2Play-Projekten verbrannt, die alle gegen die Wand gefahren sind: HyperScape wurde direkt wieder eingestellt, XDefiant der Tom-Clancy-Name genommen, weil man hier auch mit keinem Erfolg rechnen kann und statt The Division 3 anzukündigen, enttäuschte man seine Fanbase gerade mit The Division Heartland, was eher bunt und so gar nicht nach Tom Clancy aussieht. 

Laut Kotaku war Skull & Bones 2017 noch mit sehr viel mehr Anspruch geplant und sollte eine neue Piratenserie werden, im Stil eines Assassin’s Creed. Mittlerweile ist es nicht viel mehr als ein düsteres, erwachseneres Sea of Thieves.
Vergrößern Laut Kotaku war Skull & Bones 2017 noch mit sehr viel mehr Anspruch geplant und sollte eine neue Piratenserie werden, im Stil eines Assassin’s Creed. Mittlerweile ist es nicht viel mehr als ein düsteres, erwachseneres Sea of Thieves.
© Ubisoft

Und leider wirkt auch Skull & Bones so generisch, wie Free2Play-Spiele nun mal fast immer sind: Es gibt keine Dialoge, keine atmosphärischen Zwischensequenzen, keine epische Story. Wir lernen nichts über die Menschen dort – die stehen da einfach und verkaufen uns Zeug. Was Ubisoft immer gut konnte, war die Inszenierung über wunderschöne CGI-Cutscenes, die letztlich jedes Spiel tragen. Sie hatten immer stark geschriebene Charaktere. Hier gibt’s 0815-Quatsch – man begrüßt etwa andere Spieler mit Tänzen, wie ein Fortnite-Hipster. Und wir treffen zwar auf interessant wirkende Charaktere - etwa Captain Longarm, der eine Augenklappe und einen Papagei auf der Schulter hat, aber der hat uns nichts zu erzählen. Dieses Upgraden von Schiffen ist sicherlich ganz nett und spaßig, aber es wirkt alles sehr zusammengewürfelt und nicht so episch wie Assassin’s Creed: Black Flag. Ganz ehrlich: Wenn man einem Studio schon ein riesiges Budget und absurd viel Zeit Entwicklungszeit gibt, dann sollte dabei auch eine Marke rauskommen, die sich neben Asssassin’s Creed setzen kann. Das darf gerne eine eigenständige Open-World-Piraten-Marke sein.

Sagt uns gerne Eure Meinung: Habt Ihr Lust auf diese „Erzähle-Deine-eigene-Geschichte“-Nummern? Gefühlt machen das Studios immer dann, wenn sie selbst zu faul sind, eine epische Story zu erzählen, und es führt fast immer zu schlechteren Spielen.
Vergrößern Sagt uns gerne Eure Meinung: Habt Ihr Lust auf diese „Erzähle-Deine-eigene-Geschichte“-Nummern? Gefühlt machen das Studios immer dann, wenn sie selbst zu faul sind, eine epische Story zu erzählen, und es führt fast immer zu schlechteren Spielen.
© Ubisoft

Hach, Ubisoft, wir hoffen wirklich das Ihr euch Eurer Werte bewusst werdet und wieder auf der Erfolgswelle schippert. Versenkt allen Free2Play-Nonsense und generische Ideen, die daraus resultieren, setzt die Segel wieder auf starke Geschichten in wundervollen Triple-A-Welten und Euch sind Ruhm und Reichtum wieder gewiss. Wir lieben Eure Abenteuer, Eure toll geschriebenen Protagonisten. Ihr könnt doch so viel mehr…

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