2499992

Mount & Blade 2: Bannerlord im Test - Ein Koloss für die Corona-Zeit

08.04.2020 | 15:39 Uhr |

Mount & Blade 2: Bannerlord ist ein Kingdom Come: Deliverance meets Total War, in dem atmosphärisch Game of Thrones auf die Kreuzzüge trifft. Es beeindruckt mit riesigen Schlachten mit 1000 Einheiten, tiefgehenden Rollenspielsystemen und lässt Sie vom Knappen zum König aufsteigen. Mount & Blade 2: Bannerlord im Early-Access-Test.

Mount & Blade 2: Bannerlord ist das Star Citizen der Mittelalter-Spiele: Vor gefühlter Ewigkeit, genau gesagt, 2012 angekündigt, acht Jahre in Entwicklung, legt es jetzt mal eben in Zeiten von Corona den besten Steam-Start des Jahres hin: Als PC WELT in den Early-Access startet, spielen 170.000 andere mit. Warum? Weil es anders ist. Es ist ein Koloss von einem RPG. Es kombiniert ohnehin schon große Werke wie Kingdom Come: Deliverance mit den XXL-Schlachten eines Total War, liefert eine riesige Kampagne, wirklich viel spielerische Freiheit – Generäle führen Armeen, Kaufleute heuern Söldner an, um Kamelkarawanen zu schützen und nutzen die Krise des Kriegs, um reich zu werden. 

Es ist auch unfassbar detailverliebt, was seine Mechaniken angeht: Irre, wie viele Möglichkeiten es gibt, Burgen zu verteidigen. Wie chaotisch sich das alles anfühlt – so muss das früher gewesen sein: Denn das Zielen mit Katapulten ist eine Wissenschaft für sich, und nur weil das Burgtor gefallen ist, heißt es nicht, dass von oben kein Hinkelstein herabgerollt werden kann. Oder auch einfach nur ein Stückchen Mauer, welches uns kurzerhand erschlägt. Oder mit dem wir ein paar arme Soldaten erschlagen, die gerade via Leiter unsere Mauer hochkraxeln, wie dieser Clip hier in wundervollem 4K zeigt:

Bannerlord beeindruckt uns schon alleine durch seine schiere Größe: Wir reden hier von einem kleinen Entwicklerteam, was ohne die Millionen eines Publishers auskommen musste, aber alles liefert, was das Mittelalter-Herz begehren könnte: Von Orient in den Okzident, von palastartigen Städten des Khans bis zu Festungen, die eigentlich mehr Forts sind – mit weniger Mauerwerk, dürftig zusammen geklöppelt, mit hölzernen Türmen. Es gibt Wikinger-Völker, es gibt wilde Reiterstämme. Und es hat die ökonomische und diplomatische Tiefe, die wir normalerweise nur von einem Total War Saga: Troy erwarten würden. Wir können in Familien einheiraten, können unsere Kinder strategisch verheiraten, weil so hat man das früher gemacht – die Ehe war eher eine Art Bündnis zwischen zwei mächtigen Familien denn ein Bund fürs Leben. Und genau wie in Total War verändert sich die sehr große Karte häufig, wechseln Territorien ihren Besitzer, kämpfen Königreiche gegeneinander. Nicht selten werden wir einfach in Kriege hineingezogen, obwohl wir noch gar nicht so weit sind. 

Das macht dieses Spiel gerne – es knallt uns einfach eine Situation an den Kopf, werd‘ damit fertig, Soldat! Es nimmt uns nicht an die Hand und erklärt, sondern wirft uns ins kalte Wasser. Aber genau das ist etwas, was wir an Mount & Blade 2: Bannerlord lieben: Es gibt hier nichts, was es nicht gibt. Es ist regelrecht irre, wie viele Mechaniken Taleworlds in diesem einen Spiel verheiraten muss. 

Grafikkarten-Vergleich 2020: Die besten Gamer-GPUs im Test - mit Rangliste

Schlachtensimulator trifft tiefgehendes Rollenspiel

Bannerlord liefert Schlachten von der taktischen Tiefe und Größe eines Total War, aber gespielt aus der Third-Person-Perspektive.
Vergrößern Bannerlord liefert Schlachten von der taktischen Tiefe und Größe eines Total War, aber gespielt aus der Third-Person-Perspektive.

Wer erstmal dieses Werk über mehrere Tage spielt, der versteht, warum es so lange in der Entwicklung war: Gibt es irgendetwas, was dieses Spiel nicht abdecken will? Wir starten als Niemand, der sich zum Händler hocharbeiten kann. Dann stellen wir Bedienstete ein, Söldner als Schutzeinheiten für unsere Karawanen. Wir können uns mit dem Adel gutstellen, militärische Anführer bestechen, damit diese unsere Waren durchlassen, andere aber nicht. Wir können eine Frau finden, Kinder zeugen, Erben einsetzen, ja eine regelrechte Dynastie erwachsen lassen. Wir können uns also voll aus dem Militär raushalten, wenn wir das möchten. 

In Bannerlord gilt wie in der echten Welt: Wer smart oder reich genug ist, der muss nicht auf dem Schlachtfeld bluten. Aber auch das ist natürlich ein sehr interessanter Karrierepfad, weil militärische Anführer mit Ländereien und Titeln belohnt werden. Wir können im offiziellen Auftrag für sechs Fraktionen in den Krieg ziehen oder auf eigene Faust. Wir können sogar der Königin den Krieg erklären, sollte es uns gelingen, eine Armee aufzustellen, die es mit ihrer aufnehmen kann. Wir können mit einer Hand voll Halunken Dörfer um Schutzgeld erpressen oder tausend Mann gegen riesige Festungen führen, deren Mauern wir mit Triboken zermalmen, die natürlich gecraftet werden wollen und jede Menge Geld und Ressourcen verbrauchen.

Das Gameplay ist auf Realismus getrimmt, Sie müssen etwa mit einem Hammer weit ausholen, hauen aber auch einen Reiter samt Pferd damit um.
Vergrößern Das Gameplay ist auf Realismus getrimmt, Sie müssen etwa mit einem Hammer weit ausholen, hauen aber auch einen Reiter samt Pferd damit um.

Sie entschuldigen, wenn wir uns wiederholen, aber es ist schlicht beeindruckend, wie in diesem Spiel jede Mechanik brutal in die Tiefe geht. Es gibt nichts, was man einfach reinkippt, alles hat mehrere Ebenen. So gibt es Formationen für jeden Truppentyp, lassen sich Mauern mit Leitern erstürmen und müssen wir sehr stark auf die Physik achten, denn Mount & Blade 2: Bannerlord überträgt die Wucht und Geschwindigkeit eines Pferdes realistisch auf das Gameplay. 

Realismus ist generell ein gutes Stichwort: Wenn Kavallerie auf die feindliche Armee trifft, dann ist das zunächst eine feine Linie, die dann in völligem Chaos endet, schließlich trifft Pferd auf Mann – Schreie von Gefallenen inklusive. Die Geschwindigkeit des eigenen Rosses zu balancieren, ist gar nicht so einfach – je schneller unser Tier ist, mit desto mehr Wucht stoßen wir mit der Lanze zu. Aber desto größer ist auch die Chance zu verfehlen, weil wir diesen Stoß sehr gut timen müssen. 

Bannerlord verzichtet weitestgehend auf Automatismen, egal ob beim Stechen mit der Lanze, Hiebe mit dem Schwert oder Feuern mit dem Bogen, wir müssen sehr stark auf reale Physik achten. Wir müssen Pfeile im hohen Bogen abfeuern, sollen diese Truppen auf Mauern treffen bei einer Belagerung, was sehr viel schwieriger ist, als es sich anhört. Besonders wenn wir diesen vom Pferd aus abfeuern. Das ist generell etwas, was Ihnen bewusst sein muss: Bannerlord ist eines dieser Spiele, in die man sich reinfuchsen muss, weil sich Systeme nicht gleich erschließen und es zum Beispiel sehr schwer ist, mit einer Langaxt aus dem Galopp auch wirklich jemanden zu treffen – aber nun, das war ja auch in der Realität kein Kinderspiel.

Aller Anfang ist langsam, aber erfüllend -  Vom Räuberfürsten zum König 

Unser Papa dient als Mentor, der uns ein paar Mechaniken beibringt. Sie werden aber auch häufig einfach ins kalte Wasser geschmissen.
Vergrößern Unser Papa dient als Mentor, der uns ein paar Mechaniken beibringt. Sie werden aber auch häufig einfach ins kalte Wasser geschmissen.

Bannerlord ist Arbeit, es ist eben ein richtiges Rollenspiel. Alles dauert seine Zeit: Zu Beginn machen wir Handlanger-Tätigkeiten und wenn wir bei Hofe vorbeilinsen, beachtet uns keiner. Sobald wir im Rang steigen, redet man auch mal mit uns, gibt uns erste Quests. Das Spiel hat eine schöne Belohnungskurve, weil uns immer wieder eine neue Karotte vor die Nase gehalten wird: Endlich können wir uns den Hof leisten. Endlich einen Knappen trainieren, ein paar Leute einstellen. Sie müssen viel mit Leuten reden, viel klicken, viel lesen – daran merkt man dann doch, dass hier keine 100 Mio. dahinter stecken wie bei The Elder Scrolls 6, was ja hoffentlich nach Bethesdas Desaster mit Fallout 76 einmal wieder ein gutes Spiel wird. 

Wobei, auch das sollte Ihnen bewusst sein: Mount & Blade 2 ist aktuell noch im Early-Access, das Team schiebt Patch um Patch hinterher, aber es ist noch lange nicht fertig. Es gibt etwa viele sich wiederholende Quests. Aber gut, das hatte Skyrim ja auch, und wir spielen es noch immer in der hundertsten Version für die drölfte Plattform. Dieses Gefühl der Belohnung ist in Bannerlord immer da, aber es dauert eben. Es dauert, sich eine Karawane leisten zu können, Handelsbeziehungen aufzubauen, sich langsam, aber sicher bei den Herrschenden von Städten wie Poros und Lycaros anzubiedern. Hier hoffen wir sehr, dass die Entwickler die Millionen, die jetzt reinkommen nutzen, um das ganze Potential aus diesem Titel rauszulocken. Taleworlds ist jetzt reich, 170.000 Spieler waren mit uns auf dem Server, jeder hat 50 Euro gezahlt. 

Entwickler Taleworlds hat bereits seine Unterstützung zugesagt für eine Total-Conversion-Mod zu Der Herr der Ringe namens Kingdoms of Arda.
Vergrößern Entwickler Taleworlds hat bereits seine Unterstützung zugesagt für eine Total-Conversion-Mod zu Der Herr der Ringe namens Kingdoms of Arda.

Das türkische Team kann jetzt problemlos mal eben seine Stammmannschaft verdoppeln und richtig in die Vollen gehen, denn die Early-Access-Version soll permanent ausgebaut werden mit Updates im Bereich Grafik, Physik, Sound, Story, Kampagnen-Mechaniken und Kampfsystem. Taleworlds ist generell ein Entwickler, der bereits jetzt fleißig nachbessert, satte sechs Patches in sechs Tagen, was allerdings auch dringend nötig ist – trotz der absurd langen Entwicklungszeit hatten wir auf unserem Testsystem, einem Razer Blade Pro 17 mit RTX 2080 erhebliche Absturzprobleme. Leider liegt dem Autor gerade kein AMD-Testsystem vor, weshalb wir nicht wissen, ob sich die Abstürze und Bugs auf die Nvidia-Grafikkarten beziehen, aber hier sei durchaus eine Warnung ausgesprochen. 

Die Sie aber nicht vom Spielen abhalten sollte, weil Mount & Blade 2: Bannerlord ist ein Erlebnis. Es ist ein Koloss von einem Spiel, in dem wir schon jetzt viel Zeit versengt, aber sicherlich noch Wochen darin übernachten werden. Zudem gilt Taleworlds als sehr modderfreundlich, und die Community ist heiß auf diesen Titel: Ein Team hat bereits angekündigt, das komplette Universum von Der Herr der Ringe mit Kingdoms of Arda in Bannerlord nachzubauen, was irre cool klingt:

Auf, auf, ihr Reiter Théodens. Speer wird zerschellen, Schild zersplittern, ein Schwerttag, ein Bluttag, ehe die Sonne steigt. Reitet, reitet nun, reitet zur Vernichtung und zum Ende der Welt.“ 

Die Magie von Bannerlord liegt darin, dass wir aktiv selbst kämpfen, aber auch als Feldherr Kavallerie, Infanterie und ganze Belagerungsmannschaften anführen müssen.
Vergrößern Die Magie von Bannerlord liegt darin, dass wir aktiv selbst kämpfen, aber auch als Feldherr Kavallerie, Infanterie und ganze Belagerungsmannschaften anführen müssen.

Fazit

Mount & Blade 2: Bannerlord ist ein Mega-Paket geworden. Es ist ein Rollenspiel mit erstaunlicher Tiefe, wo wir als Kaufmann durch die Lande ziehen, auf Karawanen upgraden und ein Wirtschaftsimperium errichten können. Welches unzählige Städte bietet mit Tempeln, Palästen, aber auch normalen Marktplätzen. Vielleicht nicht zwingend in Triple-A-Qualität, das hier ist kein Assassin’s Creed, aber in 4K doch sehr anschaulich. 

Bugs und Abstürze gab es zunächst, wurden aber mit den letzten Patches weitestgehend ausgemerzt, und es ist beeindruckend, wie viel hier noch drin schlummert. Wie wir von der kleinen Banditenbande oder Security-Entourage zum Heer aufsteigen, Königen dienen, als Lehnsherren Steuern eintreiben und wie Bannerlords diese hunderten von Mechaniken vereint, aber trotzdem jeder einzelnen sehr viel Tiefe verleiht. Die Belagerungen etwa sind komplex, erfordern viel Planung und haben diesen Total-War-Vibe, nur eben erlebt aus Third-Person-Perspektive. Das richtige Spiel für Corona-Zeiten, in denen wir mehr zu Hause sind. Denn hierin können Sie hunderte Stunden versenken. 

Pro:

Contra:

Riesige, epische Schlachten mit 1000 Soldaten

Sich wiederholende Quests

Strategisch komplexe Belagerungen

NPCs nicht auf Triple-A-Niveau, nicht vergleichbar mit einem The Witcher

Viel Rollenspieltiefe

Layouts von Städten und Dörfern wiederholen sich

Viele Karriere-Pfade: Händler, Bandit, Security bis zum

Mitunter Performance-Einbrüche und Abstürze

Feldherr, General und König

Stellenweise Balance-Probleme,

Auf Realismus getrimmtes Kampfsystem

etwa wenn ganze Königreiche überrannt werden

Gigantisches Paket im Total-War-Stil,

Noch im Early-Access, aber bereits für Vollpreis verkauft

spielbar aus der Schulterperspektive

Lesetipp: Die besten Gaming-Tools für minimale Ruckler, maximalen Spaß

Die Themen in Tech-up Weekly #184:

► Leistungssprung bei Notebook-CPU - endlich über 5 GHz (0:21):
www.pcwelt.de/news/2498437

► Youtube Shorts: Youtube entwickelt angeblich TikTok-Konkurrenten (2:19):
www.pcwelt.de/2498371

► Minecraft: Die Erde im 1:1-Maßstab in Klötzchen (4:25):
www.pcwelt.de/2497794

► Gamescom 2020 könnte rein digital stattfinden (6:17):
www.pcwelt.de/2498234

► Epic Games verschenkt Spiel (8:00):
www.pcwelt.de/2498439
► 975-Euro-Spielepaket für nur 28 Euro von Humble Bundle:
www.pcwelt.de/2498066

► Vodafone dementiert energisch bundesweite Internet-Störung (9:47):
www.pcwelt.de/2498129

Kommentar der Woche (11:12)

Fail der Woche (12:22):

► Coronavirus Challenge: Klobrillen ablecken - die dümmste Internet-Challenge:
www.pcwelt.de/2497448

PC-WELT Marktplatz

2499992