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Moonfall in der Filmkritik: 2012 trifft Independence Day

26.02.2022 | 09:03 Uhr |

Der König der Zerstörung ist wieder da: Roland Emmerich lässt den Mond auf die Erde stürzen und das ist so bildgewaltig, so cineastisch und extrem wie in 2012. Die Story ist aber viel mehr Independence Day und hat so richtig schönen 90iger Charme mit Oscar-Preisträgerin Halle Berry, Aquaman-Star Patrick Wilson und Game-of-Thrones-Liebling John Bradley. Moonfall in der Filmkritik.

Roland Emmerich ist der König der Zerstörung: Unvergessen, wie in Independence Day das Weiße Haus von nur einem Laserstrahl förmlich zerrissen wird und die Druckwelle die Andrews Airforce Base zerstört – die Air Force One mit dem Präsidenten an Bord kann dabei nur in letzter Sekunde entkommen. Und auch in White House Down nimmt er den Sitz des Präsidenten auseinander, wie das nur Emmerich kann. Der deutsche Regisseur hat Hollywood-Epik neu definiert. Auch Moonfall ist so ein Blockbuster, der uns immer und immer wieder in den Kinosessel presst: Wenn das Space Shuttle gerade noch vorbereitet wird und eine gefühlt 100 Meter hohe Flutwelle auf die Abschussrampe zuschießt, das ist großes CGI-Kino. Natürlich nutzt Emmerich in Moonfall auch viel, was er in Katastropen-Blockbustern wie 2012 gelernt hat. Das ist hier alles komplett over-the-top, also wirklich Kino zum Hinsetzen, Kopf ausschalten, Spaß haben.

Wer mit 2012 seine Freude hatte, der wird auch hier richtig Spaß haben, denn letztlich ist die Prämisse eine ähnliche und die Action so irre, das muss man mal erlebt haben. Sie erinnern sich an die völlig durchgeknallte Fahrt mit einer Stretch-Limousine durch ein Los Angeles, welches gerade auseinanderfällt? Das liefert Moonfall auch. Wer hier mit astrophysischen Ansprüchen rangeht, der wird weniger Freude haben, denn Moonfall ist kein Don’t Look Up von Leonardo Di Caprio. Der Film versucht gar nicht, mit Klimaerwärmung oder anderen realen Begebenheiten zu arbeiten, sondern Roland Emmerich ist fasziniert von der Idee, dass der Mond von einer fremden Rasse aus dem All konstruiert wurde, seit er das Buch „Who built the Moon“ von Christopher Knight und Alan Butler gelesen hat. Das ist die eigentliche Idee des Films, die erstaunlich intelligent und aufwändig im Storytelling aufgelöst wird gegen Ende und sich schön aufbaut. Denn Patrick Wilson und Halle Berry spielen die NASA-Astronauten Brian und Jocinda Harper. 

Wo Roland Emmerich drauf steht, steckt Vollgas-Action drin, wobei sich Moonfall tatsächlich deutlich langsamer aufbaut als sein letzter Blockbuster White House Down.
Vergrößern Wo Roland Emmerich drauf steht, steckt Vollgas-Action drin, wobei sich Moonfall tatsächlich deutlich langsamer aufbaut als sein letzter Blockbuster White House Down.
© Leonine Studios

Sie sind verheiratet und glücklich, arbeiten auf der ISS, der internationalen Raumstation, und plötzlich werden sie von etwas Mechanischem angegriffen und ihr Shuttle halb zerstört. Wie das aber nun mal immer so ist, wenn man etwas gesehen hat, was man nicht hätte sehen sollen, kehrt die US-Regierung den Vorfall unter den Tisch, Brian wird von der NASA entlassen und seine Frau hat nicht den Mut, sich gegen ihre Vorgesetzten zu stellen, schließlich möchte sie Karriere machen. Die macht sie dann auch im Blitz-Tempo, denn als der Mond droht auf die Erde zu stürzen, schmeißt der NASA-Chef hin, sie übernimmt den Job und damit die Aufgabe der Weltrettung und hier zeigt Emmerich, was er kann: Der Mond kehrt die Gravitation auf der Erde um und der halbe Planet wird zerstört, da wandert dann die Eisdecke Alaskas auch mal nach New York. Der deutsche Wahlamerikaner hat einfach richtig Lust auf Zerstörung und zelebriert das auch, wann immer er kann. Da darf dann auch gerne noch ein Wolkenkratzer einmal auf den Kopf gedreht werden. Viel mehr wollen wir auch gar nicht spoilern, nur so viel: Moonfall macht richtig Laune. 

Halle Berry spielt leider nur solide, von einer Oscar-Preisträgerin würden wir mehr erwarten. Super stark hingegen: Patrick Wilson ist der geborene Actionheld.
Vergrößern Halle Berry spielt leider nur solide, von einer Oscar-Preisträgerin würden wir mehr erwarten. Super stark hingegen: Patrick Wilson ist der geborene Actionheld.
© Leonine Studios

Halle Berry spielt ihre Rolle solide, liefert aber leider nicht so richtige Highlights. Berühmt geworden ist sie in einer Action-Rolle als CIA-Agentin in dem fantastischen James Bond: Stirb an einem anderen Tag. Sie hat sicherlich das Bond-Girl auf eine ganz neue Ebene gehoben. Zwischendurch wechselte sie immer wieder das Genre, von Vollgas in Password Swordfish (unbedingt nachholen, großartig mit John Travolta) über X-Men, der so in der Lala-Kategorie rumschwirrt zu sehr anspruchsvollen Charakterrollen. Für Monster’s Ball bekam sie völlig verdient den Oscar und spielte auch in John Wick 3 super stark auf. So richtig harte Action ist scheinbar eher ihr Ding, die bekommt sie in Moonfall aber nicht. Als Chefin der NASA besteht ihr Job eher im schnellen Organisieren von Atomsprengköpfen und Space Shuttles, wobei sie zum Schluss hin nochmal als Pilotin Gas geben darf. 

Game-of-Thrones-Liebling John Bradley als Superheld wider Willen 

John Bradley gibt sein Hollywood-Debüt im Kino: Der Game-of-Thrones-Star spielt einen Wissenschaftler, dem keiner glaubt. Ganz ähnlich wie einst Jeff Goldblum in Independence Day.
Vergrößern John Bradley gibt sein Hollywood-Debüt im Kino: Der Game-of-Thrones-Star spielt einen Wissenschaftler, dem keiner glaubt. Ganz ähnlich wie einst Jeff Goldblum in Independence Day.
© Leonine Studios

Es ist überraschend, dass Halle Berry hier gefühlt die ganze Zeit mit angezogener Handbremse fährt, eine Frau mit mehr Feuer und Leinwandpräsenz wäre besser gewesen. Vielleicht liegt es daran, dass Filme von Emmerich immer auf sehr glücklichen Zufällen basieren. In Independence Day rettet Jeff Goldblum 5 Minuten vor Angriff der Aliens den US-Präsidenten und dessen gesamten Stab, weil er Glück hat und just seine Ex-Frau erreicht, die praktischerweise die Staatschefin des Weißen Hauses ist. Und in Moonfall ist Halle Berrys neuer Ehemann so hoch in der Kommandokette des Pentagon, dass er ihr auch mal schnell ein paar Nuklearsprengköpfe schicken kann. Wir lernen: Zu Ex-Frauen und Ex-Männer sollte man immer ein gutes Verhältnis wahren, sollte mal das Ende der Welt drohen. Deutlich stärker spielen ihre Co-Stars Patrick Wilson (Aquaman, Ant-Man, Passengers) und John Bradley (Game of Thrones). Wilson spielt überzeugend als ein gefallener Held, der mal ganz oben war – viel höher als NASA-Astronaut auf der ISS kann man als Wissenschaftler schließlich kaum kommen – und dann von seinem Land verraten wird, seinen Job verliert, seine Familie und sein Leben wieder in den Griff kriegen will. Er ist auch der geborene Action-Held, richtig gut in einigen Szenen. Und John Bradley spielt so eine Art Überraschungs-Ei, der ganz viele Genres kombiniert – der mal der Mann für die Oneliner ist, mal der Übernerd, mal der sozialunfähige Trottel, mal der brillante Wissenschaftler. 

Was bei einem Film für 150 Millionen US-Dollar allerdings nicht sein sollte, ist dieses harte Exposition-Dumping. Generell gilt auch bei Moonfall, weniger wäre vielleicht mehr gewesen, weil der Film zu viele Figuren hat, die irgendwie noch eine Rolle spielen sollen, die aber gar nicht reinpassen – Michael Peña etwa als Daddy, der quasi noch mal für ein paar krasse Auto-Stunts mit Produktpartner Lexus rangezogen wird, aber das geht eben viel charmanter. Denn die Geschichte macht eine Menge her und hat ihre Momente. Das ist zwar kein Game of Thrones, aber deutlich smarter als Independence Day und insgesamt ziemlich nachvollziehbar aufgeschlüsselt mit vielen Wendungen, die man so nicht erwarten würde. Es macht immer Laune, wenn ein Film auch dann noch zu überraschen weiß, obwohl man denkt – all right, hier kommt jetzt noch der finale Bosskampf. Und dann geht es aber weiter, und es wird ein komplett neues Kapitel eröffnet, welches fast schon Star Wars ist und auf ein mögliches Moonfall 2 hinweisen könnte. Summa Summarum: Wer Emmerich-Filme mag, wer das Zerstörungskino goutiert und Lust auf den ersten Blockbuster des Jahres hat, der es richtig satt krachen lässt, der wird hier viel Spaß haben. 

Viele Kritiker bezeichnen Moonfall als dumm, eigentlich hat er aber eine interessante Message und viele Ideen, die man ihm gegen Ende nicht zugetraut hätte.
Vergrößern Viele Kritiker bezeichnen Moonfall als dumm, eigentlich hat er aber eine interessante Message und viele Ideen, die man ihm gegen Ende nicht zugetraut hätte.
© Leonine Studios

Fazit

Moonfall macht Laune. Die Setpieces sind gut gesetzt und stark gemacht, die Story funktioniert und überrascht. Und Roland Emmerich lässt es krachen, dass sich die Balken biegen. Mitunter gibt es einige Stellen, da hätte es bessere Autoren gebraucht, etwa weil der Film uns emotional an eine Familie binden will, die aber nur so bedingt in den Film reinpasst. Es gibt auch einiges an Exposition-Dumping, die in einem Film für 150 Millionen US-Dollar eleganter gelöst werden sollten. Aber was uns wirklich gut gefällt, ist wie variantenreich einige Figuren aufgebaut sind und dass die Charaktere hier sehr viel mehr im Zentrum der Geschichte stehen als etwa in 2012. Besonders ist hier John Bradley hervorzuheben, der im Duo mit Patrick Wilson wirklich sehr gut funktioniert. Halle Berry fanden wir insgesamt erstaunlich schwach, sie haben wir als heiße Agentin Jinx in James Bond oder auch zuletzt in John Wick 3 sehr viel aufgeweckter und schlagfertiger erlebt. Funktioniert also nicht alles, aber wer Lust auf einen Katastrophen-Blockbuster hat, der 2012 mit Independence Day verknüpft, der wird hier mit einem Grinsen aus dem Kino gehen. 

Pro:

  • Emmerich lässt die Welt untergehen, wie nur er das kann 

  • Patrick Wilson ist der geborene Actionheld 

  • John Bradley zeigt viel mehr Facetten als in Game of Thrones 

  • Überraschendes Storytelling bis zum Schluss 

Contra:

  • Etwas zu starker Fokus auf die Figuren, die von der Action mitunter ablenken 

  • Nicht ganz so polished und durchgestyled wie ein White House Down 

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