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James Bond "Keine Zeit zu Sterben" in der Kritik: Ein epochales Finale für Daniel Craig

03.10.2021 | 14:02 Uhr |

James Bond: Keine Zeit zu Sterben ist ein großer Film. Eine romantische Tragödie, mit richtig harter Action und fetten Stunts. Ein emotionales Werk, mitunter erzählt und inszeniert wie eine Oper. Wir lernen Figuren in einer Tiefe kennen, wie zuvor nur in Skyfall. Mit Schießereien und Grandes, zwischen Brosnan und Connery. Mit einem Daniel Craig in seiner vielleicht besten Rolle. James Bond: Keine Zeit zu Sterben - die Filmkritik.

James Bond: Keine Zeit zu Sterben ist ein großer Film, ein epochales Finale. Gefühlvoll erzählt, wuchtig inszeniert. Wir schmunzeln ob der vielen One-Liner in der einen Szene, die “Classic British“ sind. Fiebern mit in der nächsten und sind geschockt zehn Minuten später. Daniel Craigs letzter Bond-Film spielt kunstvoll mit unserer Erwartungen und macht nicht alles, aber sehr viel anders als wir das kennen. Er beginnt sehr langsam, nimmt sich enorm viel Zeit für Character-Building, gerade um Madeleine Swann in einer Tiefe kennenzulernen, wie James selbst in Skyfall. Langsam heißt dabei nicht monoton oder gar langweilig, oh nein - bereits nach drei Minuten entfährt allen im Kinosaal das erste „Holy Shit, das hat sie nicht gerade getan“. Das ganze Universum von James Bond ist ein Universum der Extreme - kaum jemand hatte hier ein normales Leben, jeder mehr als nur ein Päckchen zu tragen. Und immer auch ein paar Leichen im Keller. 

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Erstaunlich gut: Léa Seydoux war ja eher schwach in Spectre, zeigt aber hier, was sie im französischen Drama ((Belle épin, Leb wohl, meine Königin) gelernt hat.
Vergrößern Erstaunlich gut: Léa Seydoux war ja eher schwach in Spectre, zeigt aber hier, was sie im französischen Drama ((Belle épin, Leb wohl, meine Königin) gelernt hat.
© Nicola Dove. 2021 DANJAQ, LLC und MGM

James Bond: Keine Zeit zu Sterben ist ein Liebesfilm in seiner Essenz. Nur eben auf die Bond-Art. Immer wieder werden wir überrascht, immer wieder sitzen wir mit weit aufgerissenen Augen und hellwach im Kino-Saal. Es ist eine schöne, aber auch eine komplizierte Geschichte, wie sie nur bei Bond funktionieren kann. Craig ist ein Charakter-Darsteller, ein großer Schauspieler - den Schmerz in seinen Augen, den spüren wir. Den sehen wir, in den vielen Close-Ups. Das ist der große Unterschied zu allen anderen Bonds: Sean Connery, Roger Moore, Pierce Brosnan - sie alle spielten eine eindimensionale Figur. Männer, die ihr Herz an der Tür abgegeben und emotional kalt sind. Bond-Girls sind für sie nur One-Night-Stands, schöne, flüchtige Momente. Eine Phase, die jeder Mann in seinem Leben durchmacht. 

Unsere Video-Kritik zu James Bond: Keine Zeit zu Sterben 

Für Craigs Rolle ist Madeleine die große Liebe. Nur ein Mann, der sein ganzes Leben lang für sein Land durch die Hölle gegangen ist, könnte mit einer Frau wie ihr zusammen sein, die sagen wir mal, auch ihre Vergangenheit hat. Ihre Reise, die im Urlaub schwer verliebt beginnt, ist eine Tour de Force, bei der wir die ganze Zeit mitfiebern. Wenn Madeleine kurz vor dem malerischen Küstenstädtchen Matera sagt „Du kannst ruhig schneller fahren, Liebling.“ Und er antwortet „Wir haben alle Zeit der Welt“, dann freut man sich für Bond. Und ist umso erschütterter, wie schnell diese Wolke 7 wieder herabstürzt. Alles beeindruckend eingefangen mit der IMAX-Kamera, die prädestiniert ist für diese weiten Panorama-Shots und intensiven Close-Ups. In der IMAX wirkt alles viel größer, jede Szene bekommt diese Grandes. Und Fukunaga hält den Shot oft sehr lange, er lässt sich Zeit - weil Blicke Geschichten transportieren können. Und Charakterwandlungen. 

Genau deshalb war es so smart, mit diesem langen Prolog zu arbeiten. Denn nur wenn uns Figuren ans Herz wachsen, fiebern wir mit ihnen mit. Schöne Bilder allein können keinen Film erzählen. Das ist der große Unterschied zwischen Madeleine Swann und einem Bond-Girl, wie etwa Monica Belluci. In Spectre zieht sie Bond nur einmal aus, die zwei haben nur zwei Szenen miteinander, ein bisschen Spaß, wechseln drei, vier Worte und sie wird erschossen. Emotional macht das wenig mit uns, weil sie zu wenig Screentime hat, um eine Bindung aufzubauen. Spectre war hier zu kurz, wirkte mitunter gehetzt. Ganz anders ist das in Keine Zeit zu Sterben: Dieser Film hat seine The-Avengers-Endgame-Momente, um mal lieber nicht zu viel zu verraten. Und er arbeitet auf diese Momente lange hin, sie passieren nicht einfach so nebenbei. Wir reden hier durchaus von diesen „Oh-Shit,-das-haut-mich-gerade-aus-der-Bahn“-Minuten. James Bond würde jetzt einen Martini trinken, den hätten wir im Kino auch gebraucht. Wow, wirklich wow. James Bond: Keine Zeit zu Sterben nimmt sich viel Zeit für seine Charaktere, deshalb ist der Film so lang - 164 Minuten, über drei Stunden. Er lässt es richtig saftig krachen, es gibt harte, kompromisslose Feuergefechte, deren Kugeln mit Dolby Atmos so laut in die Wände neben uns einschlagen, so wuchtig war kein Action-Film seit Christopher Nolans Tenet. 

Daniel Craig hat entscheidend am Drehbuch mitgeschrieben und das spürt man in jeder Minute: Er hängt sich nochmal so richtig rein, spielt aber auch einen Mann, der keine Lust mehr hat, die Welt zu retten, der müde ist und eigentlich nur noch leben will.
Vergrößern Daniel Craig hat entscheidend am Drehbuch mitgeschrieben und das spürt man in jeder Minute: Er hängt sich nochmal so richtig rein, spielt aber auch einen Mann, der keine Lust mehr hat, die Welt zu retten, der müde ist und eigentlich nur noch leben will.
© Nicola Dove. 2021 DANJAQ, LLC und MGM

Aber er ist auch ein Ensemble-Film, einer der sich Zeit nehmen will für seine Figuren. Für Lashana Lynch, die Agent Nomi als die Nachfolgerin von Bond spielt - anfangs überheblich, später begreift sie, was dieser Mann für sein Land geleistet hat. Fans müssen sich übrigens keine Sorge machen: Sie bereichert James, weil sich die beiden herrlich reiben. Leider wurden dafür Moneypenny und Paloma in ihrer Screentime hart beschnitten, obwohl Naomie Harris und Ana de Armas die deutlich besseren Schauspielerinnen sind. Und eben für Madeleine, die blieb in Spectre ambivalent - man konnte gewisse Dinge erahnen, aber es wurde nie ausgesprochen. Es ist eine Auszeichnung für einen Action-Blockbuster mit 250 Millionen US-Dollar Budget, wenn wir die ruhigen Momente so genießen wie die bleihaltigen. Léa Seydoux kommt aus dem französischen Drama (Belle épin, Leb wohl, meine Königin) und dieses Talent kostet sie in Keine Zeit zu Sterben so richtig aus. Ihre Geschichte zu erzählen ist wichtig, denn sie und James Bond sind die großen Stars des Films. Es ist ihr Film. 

Komplexe Story und Over-the-Top-Action, wie in guten, alten Pierce-Brosnan-Zeiten 

In seiner Action ist der Film viel mehr Pierce Brosnan als Daniel Craig. Also viel, viel mehr lange Schusswechsel, weniger harter Faustkampf.
Vergrößern In seiner Action ist der Film viel mehr Pierce Brosnan als Daniel Craig. Also viel, viel mehr lange Schusswechsel, weniger harter Faustkampf.
© Nicola Dove. 2021 DANJAQ, LLC und MGM

Was Fans der Ära von Pierce Brosnan und Roger Moore freuen dürfte: Keine Zeit zu Sterben lässt es sehr viel mehr krachen als seine Vorgänger. Feuergefechte sind extrem knackig inszeniert, mit Dolby Atmos kracht der Einschlag der Kugeln so hart und laut wie zuletzt in Christopher Nolans Tenet. Auch weil Bond mitunter so richtig “pissed“ ist. Wer sich mit ihm anlegt, seine Freunde und die Frau bedroht, mit der er die längste Beziehung seines Lebens hatte (5 Jahre sind ja ungefähr 50, wenn man James Bond heißt). Der Mann ist mächtig sauer und lässt das auch gerne mal raus, so kommt es dann zu Szenen, die wir sonst eher von seinem Namens-Kompagnon kennen - JB - Jack Bauer aus der US-Serie 24, der ja auch gerne mal außerhalb des Lehrbuchs und eher so im rechtlichen Graubereich unterwegs ist. Spannendes Stilmittel: Während die Action richtig laut kracht, wird die Geschichte oft leise erzählt, auch der Antagonist - Oscar-Preisträger Rami Malek als Safin flüstert gerne mal.

Lashana Lynch funktioniert, weil sie und James sich herrlich reiben. Ist aber einfach keine so gute Schauspielerin wie etwa Naomie Harris, die zu wenig Screentime bekommt.
Vergrößern Lashana Lynch funktioniert, weil sie und James sich herrlich reiben. Ist aber einfach keine so gute Schauspielerin wie etwa Naomie Harris, die zu wenig Screentime bekommt.
© Nicola Dove. 2021 DANJAQ, LLC und MGM

Von seinem eigenen Werk entstellt, haucht er seine Worte mitunter und wirkt mehr wie ein Psychopath. Er ist stärker als Christoph Waltz, der erstaunlich schwach war in Spectre. Kommt aber nicht an die Brillanz von Skyfall ran, Javier Bardem spielte seine Figur des Silvas in Perfektion. Malek war generell keine besonders gute Besetzung - der Mann ist klein und schwach, es ist schwer ihm abzukaufen, dass ihm irgendjemand folgen würde. Er macht uns einfach keine Angst. Nun war aber auch Skyfall der perfekte Bond-Film, der auf smarteste Art viele Storyfäden zusammenlaufen und enden ließ. Das hinterließ ein schweres Erbe für Spectre, denn Skyfall war eigentlich das perfekte Finale für die Craig-Ära. Ein mutiger Film, nie zuvor haben wir James Bond in dieser Tiefe kennengelernt. Wenn wir ehrlich sind, wissen wir über die Bonds, die Connery, Moore oder Brosnan gespielt haben, quasi nichts. Bei Craig hingegen wissen wir genau, wo er herkam, wir lernen sein Elternhaus kennen, seine Geschichte. Wie er zum 007-Agenten wurde, wie er seine Lizenz zum Töten erhielt. Was dem einen missfallen dürfte, den anderen freuen: Keine Zeit zu Sterben ist in seinen vielen zusammenlaufenden Plots ganz schön komplex. 

Die Rolle ist zu groß für Rami Malek, so weit ist er noch nicht. Er kommt in keiner Sekunde an die Brillanz von Javier Bardem in Skyfall dran. Aber das galt ja auch für Christoph Waltz in Spectre.
Vergrößern Die Rolle ist zu groß für Rami Malek, so weit ist er noch nicht. Er kommt in keiner Sekunde an die Brillanz von Javier Bardem in Skyfall dran. Aber das galt ja auch für Christoph Waltz in Spectre.
© 2021 DANJAQ, LLC und MGM

Wach und aufmerksam muss man hier sein, denn das hier ist einer jener Kinofilme, die nicht drei Mal erzählen, was gerade passiert. Er beginnt zwar sehr langsam, nimmt dann aber extrem an Fahrt auf und verlangt von uns, selbst zu denken. Regisseur Fukanaga hat vorher True Detective gemacht, er ist einer, der seinen Zuschauer gerne mitdenken lässt. Es passiert enorm viel und man kann Plot-Points leicht verpassen, wenn man mal eine Sekunde nicht aufpasst - in der Regel werden diese zwar visuell nochmal erklärt, also mit einem Zoom auf das jeweilige Objekt etwa. Aber nicht verbal. Interessanterweise wird übrigens auch hier gerne mal die Brosnan-Ära zitiert, speziell das Intro zu Die Welt ist nicht genug. Gibt es dann auch etwas, was wirklich stört? Sagen wir es so: Es ist ein klassischer Bond-Film in seiner Action und seinem Antagonisten. Darauf muss man sich einlassen können: Der Bösewicht verfügt über eine Militärbasis mit Raketensilos und keiner der Geheimdienste hat je davon gehört? Auch ist mitunter doch etwas skurril, wie sich Bond mit Agent Nomi fast schon im Sprint durch Hundertschaften von Soldaten schießt und der Film in seiner Action mehr Brosnan-Ära als Craig ist. Also weniger harter Nahkampf, viel mehr Stunts, Verfolgungsjagden, Explosionen und lange Feuergefechte. Wen das nicht stört, der wird James Bond: Keine Zeit zu Sterben genießen. Ein großer Film für einen großen Bond-Darsteller. Ein episches, emotionales Grand Final. Danke für 16 Jahre, Daniel Craig.  

Ein großer Bond, ein extremer Film. Die Pressevorführung ging von 21 bis 0 Uhr. Danach mussten wir uns erstmal einen Martini genehmigen und hatten viel Redebedarf. Über diesen Film wird Deutschland reden.
Vergrößern Ein großer Bond, ein extremer Film. Die Pressevorführung ging von 21 bis 0 Uhr. Danach mussten wir uns erstmal einen Martini genehmigen und hatten viel Redebedarf. Über diesen Film wird Deutschland reden.
© 2021 DANJAQ, LLC und MGM

Fazit

James Bond: Keine Zeit zu Sterben ist ein mutiger Film. Einer der unglaublich viele Handlungsstränge zusammenzieht, den größten Cast der Bond-Geschichte heranzieht und wie ein Ensemble-Stück funktioniert, das eine Hauptfigur erklärt: James Bond. Schon in Skyfall lernten wir ihn kennen, auf die persönliche Art. Hier wieder, auf die persönliche - er hat eigentlich keine Lust mehr die Welt zu retten, er ist des Tötens überdrüssig. Das ist eine völlig andere Prämisse als früher: James ist nicht mehr der Jäger, der ins Flugzeug steigt, um einen Bösewicht zur Strecke zu bringen. Er ist der Gejagte, ein wildes Tier das seine letzte Kraft einsetzen muss, um sich aus der Schlinge zu befreien. Mitunter stark geschauspielert, schön eingefangen mit vielen Panorama-Shots in der IMAX-Kamera und dann auch wieder sehr nah dran. Sehr physisch. Die Action knallt aus den Atmos-Boxen, man fährt regelrecht im Kinosessel hoch. Generell wird viel mehr geschossen, gekämpft und die Schlachten sind viel gewaltiger als vorher in den Craig-Filmen. Wohl auch, weil es dieses Mal um alles für ihn geht - alles, was ihm noch bleibt. 

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