2484003

Escape from Tarkov: Das Dark Souls 4 des Shooter-Genres

31.01.2020 | 13:02 Uhr |

Escape from Tarkov ist gerade der Hit auf Twitch, aber warum? Weil es ein Inventar-Tetris ist, eingebettet in eine Hardcore-Militär-Simulation Marke Arma3? PC-WELT wagt sich aufs Schlachtfeld und braucht einige Zeit, um zu verstehen, was den Reiz ausmacht an diesem Komplexitätsmonster, das uns so viel Geduld abverlangt wie Dark Souls.

Ihre Waffe macht Klick, Klick. Nicht auf die gute, vielversprechende „John Wick“-Art, die große Siege verspricht. Sondern auf die fiese „Du hast keine Munition mehr und bist gleich tot“-Tour, die Escape from Tarkov so hart zelebriert wie kaum ein anderes Spiel. Der Typ vor uns feuert mit seiner AK-47, wir versuchen, im Zick-Zack-Kurs zu rennen, halten die Axt in den Händen, sind bereit zum Angrif…und tot. Herzlich Willkommen in Escape from Tarkov. Herzlich Willkommen im Dark Souls des Shooter-Genres. 

Bis wir so gut ausgerüstet im Squad vorgehen, vergehen schon ein paar Stündchen. Der Anfang von Escape from Tarkov ist eher zäh, weil das Spiel wenig erklärt und viel fordert.
Vergrößern Bis wir so gut ausgerüstet im Squad vorgehen, vergehen schon ein paar Stündchen. Der Anfang von Escape from Tarkov ist eher zäh, weil das Spiel wenig erklärt und viel fordert.

Es ist gut möglich, dass Sie Escape From Tarkov bereits kennen. Obwohl es seit über einem halben Jahrzehnt in der Entwicklung ist, explodierte der komplexe Shooter, der in einer fiktiven, vom Krieg zerrissenen russischen Stadt spielt, erst jetzt auf Twitch. Von Shroud bis Dr. Disrespect ist die halbe Welt gerade im Escape-from-Tarkov-Fieber. Doch warum? Was macht dieses Spiel so besonders? Was ist das magische Salz in der Suppe? Nun, wir mussten einige Zeit mit diesem Werk verbringen, um zu verstehen, warum so viele Lust haben auf den Frust namens Escape from Tarkov. Denn der Name ist hier Programm.

Die n ä chste Generation PUBG? 

Ganz schön schick: Mit einer Palit Geforce RTX 2080 Ti unter dem Hintern, zeigt Russland seine schöne Seite, hochwertiges Lichtspiel und Texturen inklusive.
Vergrößern Ganz schön schick: Mit einer Palit Geforce RTX 2080 Ti unter dem Hintern, zeigt Russland seine schöne Seite, hochwertiges Lichtspiel und Texturen inklusive.

Online-Shooter mutieren mit schöner Regelmäßigkeit in krude, neue Genres. Zuerst waren da Survival-Shooter - DayZ und H1Z1, dann die Battle Royales dieser Welt, die das Genre um eine Art virtuelle Schnitzeljagd erweiterten - wer zuerst die besten Waffen findet, kann sich erhebliche Vorteile sichern. Ein smarter Zug, denn dadurch fühlt sich jede Karte anders an - wo wir in Call of Duty Muster auswendig lernen und Headshot-Skill gefragt ist, leben PUBG und noch mehr Fortnite vom Ressourcen-Management. Ein Ninja kann durchaus mit der Waffe umgehen, unschlagbar macht ihn aber sein Skill beim Bauen. Man könnte Escape from Tarkov als nächsten Evolutionsschritt bezeichnen, die nächste Generation Battle Royale. Grafisch, weil das hier mit einer Palit Geforce RTX 2080 Ti unter dem Hintern wirklich feine Kost ist - mit aufwendigem Lichtspiel, Global Illumination, Physical Based Rendering mit sehr vielen Umgebungsdetails und Schatten, die toll aussehen, uns aber auch verraten können. Und spielerisch: Escape from Tarkov rekontextualisiert das Chaos eines PUBG durch die Linse eines MMOs im Stil eines EVE Online, bei dem schlechte Entscheidungen (oder einfach nur gutes, altes Pech) bedeuten können, dass wir stundenlang umsonst an unser Ausrüstung gearbeitet haben. Darin besteht der eigentliche Reiz, so erzählt man es uns auf Discord.

Ein Spieler vergleicht den Titel mit Poker: „Die meisten Battle Royales sind wie Poker, eine schnelle Serie von Wetten und Bluffs, ob du die besseren Karten hast, aber Tarkov spiegelt alle Höhen und Tiefen eines kompletten Pokerturniers wider. Hast du Pech, kannst du auch alles verlieren, wofür du vorher viele Stunden gearbeitet hast.“ Und das verschiebt die Spielstruktur: Normalerweise geht es in Battle-Royale darum, der letzte zu sein, der überlebt. Und dann ein Chicken Dinner serviert zu bekommen. In Escape from Tarkov sind wir auch nach etlichen Stunden eher froh überhaupt zu überleben, unsere Ansprüche an den Sieg beschränken sich darauf unsere Ausrüstung nicht zu verlieren. Statt eines Deathmatch-Formats mit 100 Spielern fühlen sich die sechs riesigen Karten von Escape from Tarkov regelrecht intim an, weil sich trotz des Volumens nur wenige Spieler duellieren. Nicht selten schleichen wir Minuten lang durch russische Fabriken, in schales Licht getauchte Bunker, Parkhäuser, Bürokomplexe und Labore, ehe wir wieder auf einen Gegner treffen. Und dann einige der intensivsten Schusswechsel überhaupt erleben, ein Katz-und-Maus-Versteckspiel. 

Lobenswert: Im Gegensatz zu einem DayZ etwa, ist die Community sehr hilfsbereit. Klar, einsame Wölfe fallen eingespielten Teams öfter mal zum Opfer, gefühlt sind aber viele bemüht anderen den Einstieg etwas zu erleichtern.
Vergrößern Lobenswert: Im Gegensatz zu einem DayZ etwa, ist die Community sehr hilfsbereit. Klar, einsame Wölfe fallen eingespielten Teams öfter mal zum Opfer, gefühlt sind aber viele bemüht anderen den Einstieg etwas zu erleichtern.

Die Matches sind in der Regel lang, nicht selten bis zu 40 Minuten und alle wollen diesen einen Exfiltrationspunkt erreichen. Während das Hauptziel darin besteht, am Leben zu bleiben und zu entkommen – was schwierig ist, weil auch die NPCs in diesem Spiel teuflisch gut zielen – verschwinden Items und Waffen, wenn das Match vorbei ist. Alles, was wir besitzen, kann jedoch mit einer Art Versicherungspolice ins nächste Match gerettet, gegen Bargeld an NPC-Händler verkauft oder über einen In-Game-Markt gehandelt werden.

Lesetipp:   Doom Eternal Hands-On-Preview

Get rich or Die Insuring . Werde reich oder sterbe beim Versuch, eine Versicherung abzuschließ en

Viele Spieler schätzen gerade die enorme Komplexität, die sich im Ressourcen-Management von Waffen, Munition, Verbänden und anderen Verbrauchsgegenständen zeigt.
Vergrößern Viele Spieler schätzen gerade die enorme Komplexität, die sich im Ressourcen-Management von Waffen, Munition, Verbänden und anderen Verbrauchsgegenständen zeigt.

Klingt grotesk, aber im Grunde ist Escape from Tarkov eine Art Versicherungs-Simulator für Hardware-Militär-Simulationsfans. Jeder Gegenstand kann versichert werden, was natürlich teuer ist. Ergo müssen wir dafür arbeiten: Ein bisschen wie in DayZ müssen wir alles durchsuchen, weil selbst so eine Dose Milch gutes Geld bringt. Damit kaufen wir ein Arsenal an Waffen-Modifikationen, was selbst Arma3-Fans staunen lässt. Haben aber auch immer Schiss, das alles wieder zu verlieren, weil wir genug Kohle brauchen, um unsere Errungenschaften zu versichern, sollte uns mal wieder einer in den Rücken schießen. 

Besonders nervig oder besonders fordernd, je nachdem wie man es sehen mag ist der Fakt, dass es keine Balance gibt. Teams können aus bis zu fünf Soldaten bestehen. Es passiert also schon mal, dass wir alleine oder in einem kleinen Team mit einem Buddy auf ein komplettes Squad treffen. Machen wir die kalt, können wir Kasse machen. Wer nicht gerade Stroud-ähnliche Skills hat, dem dürfte das ob der notorischen Munitionsknappheit aber schwerfallen. Genauer gesagt müssen wir Munition sogar selbst zählen, weil es dafür keine Anzeige gibt - mit ein bisschen Pech, ist plötzlich im Gefecht die Knarre leer. Wie gesagt, dieses Spiel stellt Realismus über alles: Echte Soldaten haben auch keine Digitalanzeige für ihren Munitionsverbrauch.

Von Arma3 inspiriert: ein Hardcore-Milit ä r-Shooter, in dem alles lange dauert

Taktik-Shooter-Veteranen fühlen sich bei solchen Menüs an etwa ein SWAT 4 erinnert, wo es auch sehr viele Möglichkeiten gab, Türen zu öffnen und Stealth zu nutzen.
Vergrößern Taktik-Shooter-Veteranen fühlen sich bei solchen Menüs an etwa ein SWAT 4 erinnert, wo es auch sehr viele Möglichkeiten gab, Türen zu öffnen und Stealth zu nutzen.

Wir haben zu wenig Armee-Erfahrung um einzuschätzen, ob im Militär immer alles auf Warten basiert, aber Escape from Tarkov spielt sich so. Der Kampf basiert auf Hardcore-Militärsimulationen wie Arma, wobei der Schwerpunkt auf der Simulation der Verwaltung Ihrer Ausrüstung liegt. Anstatt einfach zu einem toten Spieler zu rennen und Gegenstände schnell in den Rucksack zu ziehen und in Deckung zu jumpen, wie in einem Apex Legends, müssen Sie zuerst wertvolle Sekunden damit verbringen, den Inhalt zu durchsuchen und die Gegenstände darin einzeln identifizieren, weil diese nur durch Silhouetten dargestellt werden. Die Entwickler verwandeln gefühlt jede Gelegenheit, etwas zu plündern, in eine quälend langsame Reihe harter Entscheidungen und darin liegt für viele, viele Spieler der eigentliche Reiz und Nervenkitzel.

Um mal ein Beispiel zu nennen: Wir finden einen wirklich wertvollen Schalldämpfer, haben aber keinen Inventarplatz mehr frei. Uns fällt dann auf, dass zwei unserer Magazine jeweils nur Halb voll sind. Ergo nehmen wir die Kugeln aus dem einen raus, stecken sie in das andere und werfen das leere Magazin weg, damit wir Platz für den Schalldämpfer finden. Wohlgemerkt können wir natürlich nicht pausieren, das hier ist ja ein Multiplayer-Shooter. Die Wahrscheinlichkeit, bei dieser Aktion, die quälende Sekunden dauert, erschossen zu werden, ist extrem hoch.

Und als ob Escape from Tarkov nicht schon komplex genug wäre, ist sein Gesundheitssystem genauso modular wie seine Waffen. Wie Fallout 4 hat jede Gliedmaße seine eigenen Gesundheitspunkte. Wenn Sie Schaden erleiden, können Sie sich ein Bein brechen oder Blut verlieren. Dazu sind Verbände oder eine Schiene erforderlich. Wenn die Gesundheit einer Gliedmaße auf null reduziert wird (bei den meisten Waffen braucht das nur einen direkten Treffer) , werden alle möglichen fiesen Effekte Ihre Kampfeffektivität beeinträchtigen. Wenn Sie ein Bein verlieren, müssen Sie bis zum Extraktionspunkt humpeln. Nun, wir wünschen viel Spaß :O)

Raytracing: Wie Cyberpunk 2077 und Battlefield 5 die Technik nutzen

Escape from Tarkov verlangt viel, liefert aber auch eine Menge Spieltiefe. Und anders als ein DayZ ist es grafisch kein hässliches Entlein, sondern muss sich dank Global Illumination nicht vor den Großen des Triple-A-Genres verstecken.
Vergrößern Escape from Tarkov verlangt viel, liefert aber auch eine Menge Spieltiefe. Und anders als ein DayZ ist es grafisch kein hässliches Entlein, sondern muss sich dank Global Illumination nicht vor den Großen des Triple-A-Genres verstecken.

Fazit: Inventar-Tetris trifft Wirtschaftssimulation im Shooter-Gewand

Okay, das ist also dieses gehypte Escape from Tarkov. Das war definitiv die skurrilste Spielerfahrung, die ich in einer guten Dekade als Spielejournalist erleben durfte. Das hier ist eigentlich kein Shooter, es ist mehr Inventar-Tetris: Ich verwende grotesk viel Zeit darauf, Gegenstände, Waffen, Optiken und Munition durch die Gegend zu schieben, zu versichern oder zu verkaufen. Nur macht das auch Spaß? Puh, es ist schon eher anstrengend, aber ich kann den Reiz nachvollziehen, weil Escape from Tarkov ein elitäres Spiel ist. Kaum einer versteht es gänzlich, es kristallisieren sich erst langsam Veteranen heraus und genau wie in Dark Souls, braucht es viel, viel Trial & Error, um überhaupt mal voran zu kommen.

Also gerne mal ausprobieren, nur vorher am besten mal ein paar Videos gucken – Sie werden absurd viel Zeit damit verbringen zu studieren, welche Items gutes Geld wert sind und müssen ständig entscheiden – lieber die Kevlar-Weste mitnehmen oder die Grafikkarte, die so viel Kohle abwirft, dass Sie damit ihr ganzes Equipment versichern können. Das hier ist auch ein Spiel für Militär-Fans, die Ahnung von Waffen haben. Hier besteht eine AK-47 aus Gasdrucksystemen und Verschlusshülsen, Trigger-Kits und zig anderen Komponenten mehr, die sich alle optimieren lassen.

Die Themen in Tech-up Weekly #173:

► NSA meldet gefährliche Sicherheitslücke in Windows:
www.pcwelt.de/2480723

► Intel XE-GPUs ab Mitte 2020:
www.pcwelt.de/2460461

► Windows 10 weiter gratis für Windows-7-Nutzer:
www.pcwelt.de/2480436

► Intel i9-10990XE mit 22 Kernen und 5GHz Boost:
www.pcwelt.de/2480530

► Neue Xbox angeblich mit Steam- und Epic-Anbindung:
www.pcwelt.de/2480520

► Über 20 Oscar-Nominierungen für Netflix:
www.pcwelt.de/2480406

► One Plus 8 soll Display mit 120Hz bekommen:
www.pcwelt.de/2480345

► Samsung Galaxy Note 10+ mit 24GB-Tarif quasi geschenkt:
www.pcwelt.de/2480295

Fail der Woche:

► McDonald´s-App gehackt: 15 Burger für 0 Euro:
www.pcwelt.de/2480415


PC-WELT Marktplatz

2484003