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Empire of Sin im Hands-On: The Irishman als Strategiespiel

20.01.2020 | 10:05 Uhr |

BAFTA-Preisträgerin Brenda Romero schafft ein Strategie-Epos im Kosmos von Al Capone im Chicago der 1920er-Jahre. Mit reichlich Spieltiefe, Figuren mit menschlichen Schwächen, der Brutalität eines The Irishman, verpackt in ein „Mafia-XCOM trifft auf Wirtschaftssimulation“. Empire of Sin im Hands-On-Test.

Es ist die erste Stunde von Empire of Sin, wir haben gerade ein Restaurant zerlegt, dessen Security mit Schrot vollgepumpt und den Chef davon – einen berüchtigten Mafiosi und Consiglerie – erschossen. Scheint, als würde der Laden damit uns gehören, nach den eher willkürlichen Gesetzen des Chicagos der 1920er-Jahre. Empire of Sin ist ein Herzensprojekt der BAFTA-Preisträgerin Brenda Romero, deren Mann John Romero einst Doom schuf, sie selbst wurde durch Jagged Alliance und Wizardry bekannt. Es ist auch fast schon ein Biopic, denn Romeros Kindheit spielte sich in Ogdensburg ab, einer Stadt an der Grenze zu Kanada:

Hier blühte der Schmuggel zu Zeiten der Prohibition – die Herstellung von Alkohol in den USA wurde verboten, ergo behalf man sich durch die kanadische Grenze. Ogdensburg und Kanada trennt nur der Sankt-Lorenz-Strom. Es gab wenig Polizei, keine Grenzkontrollen – mein Opa fuhr jeden Tag nach Kanada, weil er dort Arbeit gefunden hatte, in einer Fabrik für Handschuhe. Es war das Paradies für Geschäftsleute wie Al Capone und seine Hintermänner, die durch die Prohibition unendlich reich wurden.“ 

Seit 20 Jahren möchte BAFTA-Preisträgerin Brenda Romero dieses Spiel entwickeln.
Vergrößern Seit 20 Jahren möchte BAFTA-Preisträgerin Brenda Romero dieses Spiel entwickeln.
© Paradox Interactive

Sie muss lachen, wenn sie erzählt, dass sogar der spätere US-Präsident Kennedy in den 1950ern in der einzigen Bar der Stadt namens The Place gesichtet wurde – selbst die höchste politische Ebene nahm das Verbot der Herstellung, des Transports und Verkaufs von Alkohol offenbar nicht allzu ernst, obwohl es als 18. Zusatzartikel in die Verfassung aufgenommen wurde.

Das faszinierte mich, dazu musste ich ein Spiel entwickeln. Es ist klingt unvorstellbar, dass damals niemand dieses Gesetz wirklich ernst nahm: Die Polizei hätte den Schmuggel leicht unterbinden können mit Booten, die auf dem Fluss patrouillieren und stärkeren Kontrollen. Aber sie wollten es nicht, weil die Cops dem Whiskey genauso zugeneigt waren, wie der Rest der Bevölkerung von Ogdensburg.“ 

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Als Al Capone Chicago aufmischen 

All right, los geht’s – nicht in Ogdensburg, sondern Chicago – Al Capones Chicago. Ein Imperium will entstehen, und wir spielen Alphonso Capone, der zum größten Mafia-Boss aller Zeiten aufsteigen sollte. Doch vorerst gilt es, Little Italy unter unsere Kontrolle zu bringen und das wirtschaftliche Fundament für La Famiglia zu schaffen: Weder stellen wir hier Barkeeper oder Croupiers für unsere Kasinos und Bars ein noch steuern wir sie: Es handelt sich um echte Gangster. Harte Typen, eiskalte Ladies. Der Erste ist ein Muskelprotz, ein virtueller Dwayne “The Rock“ Johnson. Er heißt Boby und es scheint, als sei er dem Whiskey ein bisschen zu sehr zugeneigt. Genau hier kommen wir zu einem der skurrilsten, aber auch interessanten Features von Empire of Sin: Gangmitglieder entwickeln Stärken und Schwächen. Es kann passieren, dass sich Crew-Mitglieder eine Geschlechtskrankheit einfangen, wenn wir sie zulange in Bordellen stationieren, weil mit den Ladies und dem Alkohol in Chicago das größte Geld verdient wird.

Das hat erhebliche Auswirkungen, da unsere Schläger und Schützen auch einfach mal ausfallen können. Geschäfte, Restaurants, Bars, Nachtclubs und andere Locations übernehmen wir nicht, indem wir Geld auf den Tisch legen, sondern die Läden zusammenschießen und so zum neuen legitimen Eigentümer werden. Das funktioniert, weil sich selbst Polizeichefs schmieren lassen und der einfache Straßen-Cop im Streifenwagen begnügt sich mit einem Schäferstündchen mit unseren Damen. Gehört der Laden uns, können wir in ihn investieren Security, schönere Stühle, besser gekleidete Kellner, exotischere Speisen, luxuriösere Kasinotische wollen angeschafft werden, damit der Rubel noch ein bisschen schneller rollt. Was uns sehr gut gefällt: Wir können viele Parameter en detail steuern, etwa die Qualität des Alkohols, den wir anbieten. Billiger Fusel macht mehr Marge, hochwertiger Whiskey wiederum ist attraktiver für die Chicagoer Oberschicht, die entsprechend mehr Geld pro Person ausgibt.

Cops schmieren ist leichter, als ein Imperium zu schaffen

Empire of Sin spielt virtuos mit den menschlichen Schwächen seiner Figuren: Liebe, Machtgelüste, Gewaltfantasien, Alkohol-Probleme. Alles Dinge, mit denen wir als Boss umgehen müssen.
Vergrößern Empire of Sin spielt virtuos mit den menschlichen Schwächen seiner Figuren: Liebe, Machtgelüste, Gewaltfantasien, Alkohol-Probleme. Alles Dinge, mit denen wir als Boss umgehen müssen.
© Paradox Interactive

Das ist vielleicht die interessante Innovation von Romeros Werk: Die Polizei und vor allem das FBI können sich schon zum Problem entwickeln, aber vielmehr zu kämpfen haben wir mit unseren Crews. „Das sind eben nicht einfach nur Pixelfiguren ohne Gefühle. Sondern sie haben ihre Schwächen, performen nicht immer zu 100 Prozent, können auch Fehler machen“, erklärt Branda Romero. Das heißt, es kann kompliziert werden. Einer Ihrer Handlanger könnte sich in jemanden aus einer anderen Gang verlieben – in unserem Fall eine brünette Lady eines anderen Clans. Als Boby auf sie trifft, verliebt er sich und weigert sich, auf sie zu schießen. Das kann man ja verstehen. Auch Interessant: Die 1920er sind die Zeit, in der sich das FBI überall in den USA positionierte und damit die völlig machtlose, viel zu schlecht ausgerüsteten Polizeien der Städte unterstützte. Sie müssen sich das so vorstellen: Al Capones Jungs hatten Tommy-Guns, die Polizisten reagierten mit Pistolen und Shotguns.

Vor allem aber hatten sie keinerlei Abhör-Technologie, die erst vom FBI entwickelt respektive vom Militär adaptiert wurde. FBI-Agenten beobachten unsere Teammitglieder, finden heraus, wenn einer Gewissensbisse, Alkohol- oder Medikamentenprobleme hat und drehen ihn um. Die Mafia nennt Verräter Snitches oder Ratten. Das wiederum führt zu neuen Problemen: Die Mafia ist wie das Militär, man darf keine Schwäche zeigen, ist ergo gezwungen, solche Verräter zu exekutieren. Schwierig daran: Mitunter streuen andere Team-Mitglieder Gerüchte, weil sie selbst gerne die Position haben wollen. Da gilt es dann entsprechend für Ordnung zu sorgen und einen kühlen Kopf zu bewahren. 

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Ein XCOM für Fans von Netflix The Irishman?

Und wie funktionieren jetzt die Schießereien? Im Kern ist das hier Mafia-XCOM, das Spiel wechselt ergo in ein rundenbasiertes System und das Level verwandelt sich in ein Schachbrett, auf dem Einheiten sich auf einem Gitter bewegen. Brenda Romeros Vergangenheit mit Jagged Alliance zeigt sich gleich, da Charaktere nicht nur verschiedene Fähigkeiten und Waffen einsetzen, sondern auch Beziehungen untereinander eingehen können, die sich auf ihre Effektivität im Kampf auswirken. Romero warnt uns vor dem Hands-On davor, dass Liebende, die aufeinandertreffen, sehr wahrscheinlich ihre Waffen schweigen lassen und den Kampf verlassen. Schwächen zeigen sich aktuell noch in der KI: Die Kämpfe sind schlicht zu einfach, weil Gegner oft nicht erkennen, wenn wir sie umzingeln. 

Die Anleihen an XCOM sind da, Empire of Sin spielt sich aber aktuell noch etwas zu leicht. Es ist eher ein Titel für Fans von Wirtschaftssimulationen im Setting eines Mafia 2, weniger Hardcore-Rundenstrategie.
Vergrößern Die Anleihen an XCOM sind da, Empire of Sin spielt sich aber aktuell noch etwas zu leicht. Es ist eher ein Titel für Fans von Wirtschaftssimulationen im Setting eines Mafia 2, weniger Hardcore-Rundenstrategie.
© Paradox Interactive

Gefühlt kämpfen wir mit Präzisionsschützen und Spezialeinheiten gegen blutige Anfänger, hier muss sich noch etwas tun. Was uns hingegen sehr gut gefällt: Je aggressiver wir spielen und desto mehr Straßenschlachten wir uns liefern, desto stärker wird die Polizei involviert. Und das ist ziemlich realistisch gemacht – verzichten wir darauf, Polizisten zu töten, können wir die Cops schmieren, was allerdings sehr teuer ist. Wir müssen uns also gut überlegen, welche Strategie wir fahren wollen - die Strategie der harten Hand wäre die Alternative, die die Polizei auseinandernimmt, schließlich haben wir signifikant bessere Waffen. In den 1920ern gab es noch keine SWAT-Teams in den USA, wir werfen ergo mit Granaten und schießen mit Sniper-Gewehren, das Chicago Police Department hat uns nicht so wahnsinnig viel entgegenzusetzen. Später im Spiel ändert sich das, spätestens, wenn das FBI uns ins Visier nimmt.

„Die Crew sind keine Pixelfiguren ohne Emotionen, sondern Menschen mit Schwächen und Bedürfnissen, die auch Fehler machen.“ 

Empire of Sin macht uns alleine ob seines gelungenen, unverbrauchten Szenarios viel Spaß. Auch werden Wettereffekte wie Regen atmosphärisch schön eingebunden.
Vergrößern Empire of Sin macht uns alleine ob seines gelungenen, unverbrauchten Szenarios viel Spaß. Auch werden Wettereffekte wie Regen atmosphärisch schön eingebunden.
© Paradox Interactive

Romeros Team hat wirklich die Epoche verstanden, denn wer heute Bücher liest von ehemaligen Mafiosi, der versteht schnell: Diese Familien, die Stadtgebiete kontrollierten, wurden oft von Freunden zu Feinden. „Das waren ja fast alles italienische Familien. Nicht selten mussten Menschen gegeneinander kämpfen, die eigentlich familiär oder zumindest freundschaftlich verbunden waren“, erörtert Romero im Gespräch. Aus 60 Charakteren können wir rekrutieren und jeder von ihnen, hat seine eigene Hintergrundgeschichte und eine Reihe persönlicher Ziele, wie zum Beispiel die Ermordung eines Menschen, mit dem man eine persönliche Fehde hegt. Diese Dynamik ändert sich im Laufe des Spiels, je nachdem, wie Sie mit Charakteren umgehen. Spannendes Beispiel aus unserer Demo-Session: Ein Scharfschütze schießt auf Bobys Freundin und verwundet sie, aus irgendwelchen dummen Gründen. Er versucht ihn umzubringen, wir müssen jetzt entscheiden: Wollen wir unseren The-Rock-Muskelprotz aus der Gang schmeißen oder den Scharfschützen, der quasi der wichtigste Teil unseres Backup-Plans bei feindlichen Übernahmen ist. Zudem müssen wir entscheiden: Einfach nur entlassen, was bedeutet, das diese beim Feind anheuern könnten. Oder liquidieren, was die Loyalität innerhalb der eigenen Familie schwächt.

Als Boss müssen Sie entscheiden, ob Sie Ihre Crew mit Samthandschuhen anfassen oder aber entschieden durchgreifen. Entscheiden Sie sich, einen Feind, der bereits am Boden liegt und unbewaffnet ist, brutal hinzurichten, dann werden Ihre Kapos diesen Befehl ausführen. Aber auch selbst sadistische Tendenzen entwickeln, weil wir Menschen nun mal dazu neigen, Eigenschaften unserer Chefs zu kopieren, um diesen zu gefallen. Genial ist auch, dass wir nicht nur auf Brutalität setzen können. Al Capone etwa ist bekannt dafür, dass er die ersten Suppenküchen der USA gründete und tausende Obdachlose speiste. Aus einer sozialen Ader heraus, aber auch Kalkül. Er wollte politisches Kapital aufbauen und sich etwa Vertreter der Arbeiter, Gewerkschaften, Bürgermeister und Politiker zum Freund machen. Vieles haben wir noch gar nicht erlebt und ausprobiert: Wir können Alkohol panschen, dann wird den Kunden konkurrierender Lokale übel, und wir können sie abwerben. Wir müssen unsere Geschichte also gar nicht mit Blut schreiben…

Empire of Sin setzt bisher die Fantasie, ein Mafia-Imperium aufzubauen, faszinierend um. Besonders imponiert uns, dass wir nicht nur mit Gewalt, sondern auch Intelligenz arbeiten müssen.
Vergrößern Empire of Sin setzt bisher die Fantasie, ein Mafia-Imperium aufzubauen, faszinierend um. Besonders imponiert uns, dass wir nicht nur mit Gewalt, sondern auch Intelligenz arbeiten müssen.
© Paradox Interactive

Fazit

Empire of Sins könnte ein Überraschungshit werden. Gar nicht so sehr, weil es in Richtung XCOM linst, sondern weil es unglaublich viele Ideen in eine Art The Irishman oder auch schlicht Goodfellas verpackt und das wirklich ernst nimmt: Mit starken Figuren, gutem Storytelling und einer sehr menschlichen Komponente. Uns imponiert, dass unsere Schläger und Scharfschützen nicht einfach Söldner sind, die funktionieren. Sondern sich verletzen können, verlieben, ausfallen oder sich schlicht weigern zu kämpfen, weil das Gegenüber der eigene Bruder oder Schwager ist. Brenda Romeros Spiel zeigt schön, warum die Mafia heute in seiner Ursprungsform nicht mehr existiert, weil es letztlich eine Art Bürgerkrieg war, in dem Familien derselben Herkunft sich brutal ermordeten. Es ist im Grunde wie The Irishman, wo Robert De Niro einsam und allein in einem Altersheim sitzt, weil all seine Freunde erschossen, erdrosselt oder mit Beton an den Füßen im Fluß entsorgt wurden.

Immer wenn man denkt, es ist schon alles erfunden, kommt die Technik-Messe CES und die PC-Hersteller überraschen aufs Neue mit coolen Innovationen. Die Highlights dieses Jahr waren unter anderem ein vollwertiger Windows-PC im Design einer Nintendo Switch (Dell Concept UFO), falt-/biegbare Notebook-Displays, der 360-Hz-Monitor ASUS ROG Swift 360Hz, die Grafikkarte AMD Radeon RX 5600 XT, die mobile 4000er-Ryzen-Serie, der Threadripper 3990X mit 64 Kernen und 128 Threads, ein PC mit eingebauter Konsole (PS4 Pro oder Xbox One S), das Razer Kishi, das Intel NUC 9 Extreme Compute Element zum Selbstbau eines Mini-Gaming-PCs und ein Notebook mit sieben Displays (Codename "Aura 7") von Expanscape.

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