2488685

”Dunkelste Zeiten”: Machtergreifung 1933 hautnah erleben

20.02.2020 | 11:35 Uhr | Thomas Hartmann

Im Januar 1933 wurde Hitler Kanzler. Das historische Strategiespiel "Through the Darkest of Times" lässt diese düstere Epoche auf bedrückende Weise nacherleben.

Hakenkreuze in einem deutschen Computerspiel, das hat es noch nicht gegeben. Hier sind sie nun erstmals offiziell erlaubt, und sie dienen der Vertiefung des Schreckens, der von der Nazizeit ausging. Gerade, weil man sehr viele ohnmächtige Momente aus einer Widerstandsgruppe spielerisch erlebt. ”Through the Darkest of Times” (”durch die dunkelste aller Zeiten”) sieht sich selbst als ein historisches Widerstands-Strategiespiel, das den Fokus auf die Vermittlung der düsteren Stimmung der damaligen Zeit legt.

Überzeugend bedrückend …

Und das gelingt ihm ausgezeichnet, wenn man das in diesem Kontext mal so sagen darf. Die Präsentation ist sehr überzeugend, durch die Optik, die Bilder, die zeitgenössische Musik und auch die diversen Aufgaben in der Widerstandsgruppe fühlt man sich schneller als Teil der damaligen Zeit ab dem 1. Februar 1933 (Auflösung des Reichstags durchs Hindenburg, Hitler kurz zuvor zum Reichskanzler ernannt), als einem lieb ist. Dass man zur Hebung der Moral der Gruppe auch mal kollektiv tanzen gehen darf, ist eher die Ausnahme.

Das Gameplay ist relativ schlicht gehalten. Man wählt sich zunächst seine eigene Figur, männlich oder weiblich, auch das Aussehen lässt sich zu Beginn variieren. Dann geht es mit einer kleinen Gruppe los, die man in den nächsten Runden ausbauen kann. Jeder Zug im Cartoonstil, der die bedrückende Stimmung aber eher noch unterstreicht, beginnt mit Zeitungsschlagzeilen und Kurzberichten des entsprechenden Tages.

Passender Spielort Berlin

Dann sieht man auf einer Stadtkarte von Berlin diverse Aufgaben mit den erforderlichen Fähigkeiten wie Propaganda, Empathie oder Bildung, die von den jeweiligen Personen erforderlich ist, um die Erfolgswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Für diese wiederum ist auf einer Rollenkarte vermerkt, was sie besonders gut können. Rundenbasiert nimmt man sich dieser Herausforderungen an, so sind etwa neue Mitwirkende zu gewinnen, es ist Geld zu beschaffen, Papier für Flugblätter, man spricht mit unterschiedlichen Personen aus den Bereichen Gewerkschaft oder Kirche und Politik. Ab und zu wird es auch gefährlicher, wenn wir einen Gefangenen befreien, bei einem Sabotageakt oder wenn man einer flüchtigen Jüdin helfen möchte. Dies kann dazu führen, dass eigene Leute von der Gestapo verhaftet werden. Dieses kann, vor allem beim höchsten Schwierigkeitsgrad, sehr schnell zum Ende der Gruppe führen. Wir haben den Erzählmodus gewählt, aber selbst hier war die Moral der Gruppe dann irgendwann so im Keller, dass das Spiel vorläufig beendet war, weil die Widerstandsgruppe sich aufgelöst hatte.

Interaktive Zwischensequenzen

Zwischendurch erzählen Sequenzen im Rahmen der insgesamt vier Kapitel von Ereignissen wie der Bücherverbrennung oder einem Auftritt Hitlers und anderes mehr. Oft können wir im Rahmen der Dialoge Einfluss nehmen und uns entscheiden. Ausdrücklich gibt es in der bisherigen Spielvariante nicht wie etwa in der Serie ”The Man from the High Castle” (basierend auf einem Roman von Philip K. Dick) eine alternative Geschichtswahrheit, mit der man etwa den Aufstieg der Nazis noch verhindern könnte. Dies ist laut Entwickler erst für ein späteres Update vorgesehen. Doch so, wie das Spiel sich nun präsentiert, ist es ausgesprochen lehrreich, weil es nicht nur wichtige Stationen der ”Machtergreifung” und des brutalen Wirkens der Nazis in Erinnerung ruft, sondern auch emotional in diesen Prozess verwickelt. Was wirklich nicht angenehm ist – aber das kann und soll es in diesem Rahmen auch nicht sein.

Rasch wiederholen sich manche Aufgaben, trotz aller Bedrückung kann es auch mal langweilig werden, wenn man die interessanteren Herausforderungen noch nicht freischalten kann. Doch der Reiz dieses Spiels liegt nicht so sehr im eigentlichen Gameplay wie bei einem gewöhnlichen Computerspiel – sondern in der bewussten Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit der dunkelsten Zeit Deutschlands.

Systemvoraussetzungen und Verfügbarkeit

Auf unserem schon etwas betagteren Mac Mini von 2014 (mit immerhin 16 GB RAM Arbeitsspeicher und macOS 10.15) lief das Spiel zwar insgesamt flüssig, aber bei der Zuweisung der Personen zu den Aufgaben quer mit Maus oder Trackpad über den Bildschirm stockte und ruckelte es doch spürbar. Zum Teil haben wir daher auf einem aktuelleren Windows-PC weiter gespielt. Inhaltlich macht das keinen Unterschied.

Entwickelt wurde "Through the Darkest of Times" von Paintbucket Games , veröffentlicht durch HandyGames . Erhältlich ist das Spiel auf Steam , dort freigegeben ab OS X 10.9 respektive Windows 7 und aufwärts. Es kostet 15 Euro.

Fazit und Empfehlung

Wer die düstere und bisweilen deprimierende Atmosphäre nicht scheut und aufgeschlossen ist für spielerischen Geschichtsunterricht über diese bisher schlimmste Phase deutscher Historie, dem sei dieses Spiel empfohlen. Es taugt durchaus auch für die Sensibilisierung über heutige Gefährdungen in der politischen Landschaft. Wer weiß, was blühen kann, dürfte sehr viel vorsichtiger sein mit manchen Parolen oder vorschnell geäußerten Vorurteilen und fragwürdigen Empfehlungen. Doch der Schwerpunkt des Games liegt ganz klar auf der Zeit ab 1933. Pädagogisch verantwortungsvoll begleitet könnte man sich "Through the Darkest of Times" als auch emotional aufrüttelnde Unterrichtseinheit auch im Oberstufenunterricht an deutschen Gymnasien und berufsbildenden Schulen mit erwachsenen oder älteren Schülern vorstellen. Übrigens auch im Englischunterricht – denn das Spiel liegt zweisprachig vor.

PC-WELT Marktplatz

2488685