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Der Herr der Ringe Gollum: Mein Schatz, oh mein Schatz

03.04.2021 | 13:02 Uhr |

Der Herr der Ringe Gollum macht alles anders als man erwarten würde: Wir spielen keinen strahlenden Helden, keinen Legolas, Aragorn oder zumindest den grummeligen “Aber-erzähl’s-nicht-dem-Elb“-Gimli. Sondern eine hässliche, glupschäugige Kreatur, die mal ein Hobbit war und zu Gollum wurde. Mit dieser schleichen und streifen, klettern und rätseln wir uns durch Saurons riesige Festung Barad-dûr. Der Herr der Ringe Gollum – die Mega-Preview.

In die Höhe schießen die schwarzen Türme von Barad-dûr, mit seinen endlosen Folterkammern und Sklavengruben, aus denen elende Hilfeschreie gellen. Errichtet auf dem Aschengebirge, ziehen sich tausende Waffenschmieden, Heeresunterkünfte und Zuchtanstalten durch die gigantische Festung aus Eisen und Adamant. 500 Jahre hat Gollum hier verbracht und sich von rohem Fisch ernährt. In Daeadalics Blockbuster Der Herr der Ringe: Gollum wird es Zeit für dieses kleine Wesen mit den strubbeligen Haaren, großen Glupsch-Augen und zwei Persönlichkeiten, den Ausbruch zu wagen. Wir treffen ihn gerade, als er aus den Sklavengruben krabbelt. Liebhaber der Bücher erinnern sich, dass ihn Sauron im Tolkienschen Original absichtlich freilässt, Gollum aber glaubt, er sei aus eigenem Antrieb geflohen – “hinterhältigster Sauron“, denken wir.

Alleine wie Gollum redet, wie verwirrt er ständig ist zwischen seinem bösen und guten Ich, ist einfach ein Genuss. Er ist sicherlich einer der unterschätztesten Charaktere dieses Universums.
Vergrößern Alleine wie Gollum redet, wie verwirrt er ständig ist zwischen seinem bösen und guten Ich, ist einfach ein Genuss. Er ist sicherlich einer der unterschätztesten Charaktere dieses Universums.
© Daedalic

Natürlich ist Gollum ein agiler kleiner Kerl, der sich perfekt eignet für dieses Stealth-Abenteuer. Er kann von Wänden springen, an Oberflächen hinunterrutschen, sich von Stangen schwingen oder von oben auf einen Ork stürzen, und ihn mit einem Stein in das Reich der Träume schicken. Oder etwas weiter. Spannend: Eine Ausdaueranzeige diktiert, wie lange Gollum anstrengendere Aktionen wie Sprinten oder Hängen durchhalten kann. Die Entwickler haben sich ganz bewusst für diese schwache Kreatur entschieden, die seinen Gegnern, den großen, breitschultrigen Uruk-Hai oder riesigen Mutanten-Spinnen weit unterlegen ist. Schließlich möchte man Parcours mit Stealth verbinden in einer Geschichte, die sich so richtig schön nach Tolkien anfühlen soll. Auch harmoniert das Gebäudedesign gut mit Tolkiens Vision. Wie Isengards Orthanc ist auch Barad-dûr voller dämonischer Maschinen – denken Sie daran, dass Tolkien die beiden Türme größtenteils als Kritik an der Industriellen Revolution entworfen hat.

Seine Bücher sollten nicht nur unterhalten, sondern auch ermahnen. Er verbrachte sein Leben in den grausamen Schützengräben des Ersten Weltkriegs, das inspirierte ihn zu den brutalen Schlachten aus Der Herr der Ringe und den Orks, die für ihren Herrscher ohne zu Fragen in den Tod gehen. So wie all die Soldaten, seine Freunde, die völlig sinnlos ihr Leben gaben in einem Krieg, der nur Verlierer kannte. Stealth ist eine interessante Wahl, weil diese Spiele selten geworden sind – zuletzt gab es Thief, was hier seinen Schwerpunkt legte. Barad-dûr ist mit seinen vielen Höhlen, in denen sich allerlei Ungetüm herumtreibt, perfekt geeignet und nutzt seine dunklen und hellen Umgebungen aktiv als Gameplay-Element. Ist ein Bereich von Fackeln erhellt, müssen wir uns zurückhalten. Gollum kann nur aus dem Hinterhalt angreifen, schließlich ist er sehr klein und bringt nicht sonderlich viel Muskelkraft auf. Auch der Fokus auf völlig freien Parcours mit minimaler UI, wo wir beliebig in der Gigantonomie von Barad-dûr rumkrabbeln können, erinnert an die Freiheit, die etwa das erste Assassin’s Creed verstrahlte. Nur eben mit dem düsteren Charme von Der Herr der Ringe. Und sicherlich einem der interessantesten, weil skurrilsten Charaktere der Roman- und Filmgeschichte.

Gollum oder Sméagol: Böse oder doch ganz artig?

Es ist spannend, wie Daedalic mit dieser gespaltenen Persönlichkeit spielt. Sméagol ist zurückhaltend, ängstlich, möchte sich lieber verstecken. Gollum der stärkere, aggressivere Part.
Vergrößern Es ist spannend, wie Daedalic mit dieser gespaltenen Persönlichkeit spielt. Sméagol ist zurückhaltend, ängstlich, möchte sich lieber verstecken. Gollum der stärkere, aggressivere Part.
© Daedalic

Die Filme spielten großartig mit Gollums zweigeteilter Persönlichkeit: Wir erinnern uns: Gollum war ursprünglich ein Hobbit namensSméagol. Während er mit seinem besten Freund auf einem Boot unterwegs ist, entdecken die beiden den Einen Ring und kämpfen bis zum Tod um ihn. Sméagol wird schließlich geächtet, weil er zu Recht vermutet, dass er an Deagols Tod beteiligt war, und so zieht er sich in die Berge zurück und überlebt mit einer Diät aus Orkresten und rohem Fisch. Während er technisch gesehen immer noch Sméagol ist, nimmt seine Anpassung an diese fremde Umgebung – sowohl in der Persönlichkeit als auch in der Körperlichkeit – eine eigene Personifizierung an: Gollum. Peter Jackson spielt damit meisterhaft, Sméagol wollte Frodo helfen und beschützen, weil das würde ein Hobbit tun. Gollum hingegen „seinen Schatz“ zurück, den einen Ring. Entsprechend zerrissen ist das Wesen, haut sich gar selbst auf die Finger. Damit spielt auch Daedalic stark und schafft so ein faszinierendes Szenario, in dem unser Protagonist, denn ein Held ist er ja nun wirklich nicht, ständig im Krieg mit sich selbst steht.

Spielerisch gefällt uns das Spiel gut, technisch war die Version der Daedalic Digital Days aber leider 10 Monate alt. Das ist eine sehr merkwürdige Entscheidung.
Vergrößern Spielerisch gefällt uns das Spiel gut, technisch war die Version der Daedalic Digital Days aber leider 10 Monate alt. Das ist eine sehr merkwürdige Entscheidung.
© Daedalic

Während Gollum klettert und sich seinen Weg durch feindliches Gebiet bahnt, schleicht er sich schließlich an eine Wache heran und wir sehen, wie seine zwei Persönlichkeiten ins Spiel kommen. „Töte ihn“, steht auf der einen Seite, unterstrichen von Gollums garstiger Stimme. „Verletzte uns nicht“, flüstert Sméagol verängstigt. Da Gollum zu jeder Zeit die dominante Persönlichkeit ist, taucht Sméagol nicht oft auf, außer in diesen Szenarien, in denen wir die Wahl haben, entweder Sméagols wohlwollendere Natur zu nutzen oder Gollums Hang zur Gewalt nachzugeben. In diesem Fall bedeutet das, uns die Frage zu stellen, ob wir eine vergessliche Wache töten oder verschonen sollen. Doch eines sollte man wissen: Nur weil wir Sméagols Optionen als "gut" empfinden, müssen sie nicht die effizienteste Vorgehensweise sein. Gollum hat nicht so lange überlebt, weil er nett war, und manchmal ist eine rücksichtslosere Art erfolgsversprechender. Entscheidungen sind wichtig, und ob Sie den Charakteren, die Sie treffen, helfen oder sie verraten, hat Auswirkungen auf den weiteren Verlauf. Gollum gewinnt dieses Mal und springt der Wache um den Hals, um ihr einen spitzen Stein in die Halsschlagader zu pressen. Schön auch, wie putzig Gollum sich stets verhält, der ja nicht der Schlaueste ist und sich stets selbst erzählt, was gerade passiert. So als müsste er das erst einmal selbst einordnen. „Da wir bereits die gespaltene Persönlichkeit von Gollum haben, fühlte es sich sehr natürlich an, dass er mit sich selbst spricht und sogar ein paar Hinweise oder einen Überblick über die Situation gibt, da er mit sich selbst ins Reine kommen muss, was vor sich geht", erklärt Project Director Saide Haberstroh. Eine gute Entscheidung, die nicht erzwungen wirkt, wie so häufig in Spielen, wo die Protagonisten ständig mit sich selbst reden, was ja Menschen zum Beispiel eher selten tun.

Grashneg: Wer hilfreich ist, kann sich Freunde machen

Eine der größten Stärken der Marke Der Herr der Ringe ist natürlich die Atmosphäre, die Daedalic mit Barad-dur bereits beeindruckend ausspielen.
Vergrößern Eine der größten Stärken der Marke Der Herr der Ringe ist natürlich die Atmosphäre, die Daedalic mit Barad-dur bereits beeindruckend ausspielen.
© Daedalic

Das nächste Gebiet, das Gollum betritt, ist mit Orks übersät. Die Beleuchtung spielt eine große Rolle bei der Tarnung, da Gollum im Schatten bleibt und so nicht gesehen werden kann. Auffällig hierbei ist, in welch frühem Stadium sich das Spiel befindet – alles wirkt sehr grob aufgelöst, es fehlen hochauflösende 4K-Texturen. Aus irgendeinem skurrilen Grund entschied sich Daeadalic, eine zehn Monate alte Version auf seinen Digital Press Days zu präsentieren, was man nur als Fehler bezeichnen kann. Das Spiel hat super viel Potential, dem seine völlig veraltete Grafikengine aber aktuell noch im Weg steht. Die Entwickler müssen hier ihren Fokus legen. Ein Der-Herr-der-Ringe-Spiel lebt voll und ganz von seiner Atmosphäre, es muss fantastisch aussehen auf Xbox Series X, PS5 und PC. Doch zurück zum Gameplay: Wenn Gollum entdeckt wird, muss er fliehen; eine direkte Konfrontation mit den enorm starken Uruk-hai würde er kaum überleben. Geräusche sind ebenfalls wichtig. Feinde haben einen ausgeprägten Hörsinn, und jede Aktion, die Gollum ausführt, verursacht ein Geräusch. Glücklicherweise besitzt Gollum auch außersinnliche Fähigkeiten, die es ihm erlauben, "Geräusche zu sehen“ – dadurch wissen wir immer, wie viel Lärm wir gerade verursachen. Das ist in etwa so wie die Schattenanzeige in Splinter Cell. Gollum hat auch ein Inventar, in dem er Gegenstände tragen kann, die Charaktere ablenken können, sowie Nahrung, um sich zu heilen.

Gollum ist ein enorm agiler Charakter, der 500 Jahre Höhlenkletterei-Erfahrung mitbringt. Mitunter trifft er auf andere Figuren, die seine Hilfe brauchen, die wiederum etwas einbringen, was er nicht hat – Muskelkraft zum Beispiel.
Vergrößern Gollum ist ein enorm agiler Charakter, der 500 Jahre Höhlenkletterei-Erfahrung mitbringt. Mitunter trifft er auf andere Figuren, die seine Hilfe brauchen, die wiederum etwas einbringen, was er nicht hat – Muskelkraft zum Beispiel.
© Daedalic

Nachdem er sich erfolgreich durch dieses Minenfeld von Orks geschlichen hat, trifft Gollum auf einen Menschen namens Grashneg, dem er schon früher im Spiel begegnet ist. Für einen Charakter, der für seine Sprunghaftigkeit bekannt ist, ist Gollum überraschend angetan von Grashneg, und die beiden vereinbaren, zusammenzuarbeiten. Die Zusammenarbeit mit anderen Charakteren spielt eine wichtige Rolle in diesem Werk, da Verbündete Fähigkeiten haben, die Gollum fehlen und umgekehrt. In diesem Fall kann Grashneg seine Kraft nutzen, um durch Hindernisse zu pflügen oder diese kurz und klein zu schlagen, aber er kann im Dunkeln nicht so gut sehen wie Gollum – so helfen und ergänzen sich die Freunde. Die beiden arbeiten zusammen und Gollum findet bald ein buchstäbliches Licht am Ende des Tunnels: einen Riss in der Wand, durch den das Tageslicht hereinströmt. Als er sich auf den Weg nach draußen bahnt, endet die Demo.

„Oh Precious“. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen.

Ersteindruck Der Herr der Ringe Golum:

Wie Daedalic Der Herr der Ringe angeht ist spannend, weil sie sich gerade für diese schwache, kümmerliche Figur mit den zwei Persönlichkeiten entschieden haben. Entsprechend war ich neugierig, wie man diese Grundidee spielerisch einbetten würde und das scheint hier gut zu gelingen: Der Herr der Ringe Gollum ist kein Spiel, das uns dazu zwingt, gut oder böse zu sein, wenn es um die übergreifende Geschichte geht. Es ist eine Erfahrung, die darauf ausgelegt ist, zu zeigen, wie Gollum zwischen den beiden hin- und herpendelt, nicht unbedingt aus freien Stücken, sondern aus Notwendigkeit heraus. 

Es gibt Szenen in Der Herr der Ringe, in denen Gollum wirklich so wirkt, als wäre er aufrichtig in seiner Entscheidung, Frodo aus Wohlwollen zu helfen, wobei die Nähe zum Ring ausreicht, um seinen unstillbaren Appetit auf ihn zu wecken. Letztendlich ist der Ring jedoch der Grund, warum sowohl Gollum als auch Sméagol noch am Leben sind, und die beiden sind untrennbar miteinander verbunden, weil sie sich dieser Tatsache bewusst sind. Das ist eine interessante Basis für eine große Geschichte. 

Als problematisch anzusehen ist der aktuelle technische Zustand – ein Der Herr-der-Ringe-Spiel muss vor allem technisch opulent sein, um den Bombast seines Universums auszuspielen. Daeadalic will sich deshalb auch noch viel Zeit lassen, erst 2022 soll der Titel erscheinen und, was ich enorm spannend finde, auch außerhalb Mordors spielen, etwa im Land der Elben.

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