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Cyberpunk 2077 im Test: Ein bahnbrechendes Spiel, das Open-World neu definiert

18.12.2020 | 08:55 Uhr |

Cyberpunk 2077 hat uns umgehauen: Es fühlt sich stellenweise an, als würde man die geschliffenen Dialoge und Entscheidungsfreiheit von The Witcher 3 mit der Open-World eines GTA sowie der extremen Rollenspieltiefe von Deus Ex verheiraten. Ein unfassbares Spiel, gerade weil es offene Welten in seiner Komplexität und Inszenierung einer völlig kaputten Gesellschaft auf ein komplett neues Level hebt. Cyberpunk 2077 im Mega-Test.

Cyberpunk 2077 fasziniert uns, weil es nicht nur eine Facette seines Designs nach vorne pusht, sondern alle. Wie effektiv es seine Ego-Perspektive nutzt, um uns Charaktere näher zu bringen – wir können förmlich ihren Atem spüren, ihre Angst sehen. Wie komplex es seine offene Welt gestaltet: Wer das erste Mal durch die Gassen dieses dampfenden, fiebrigen urbanen Ungetüms schlendert, mit all seinen Hinterhöfen, Drogenproblemen, Bandenkriegen und Morden auf offener Straße, der erstarrt in Ehrfurcht angesichts dieses Weltwunders digitaler Spielekunst. 

Es ist die erste Open-World in einem Spiel, bei der wir das Gefühl haben, dass hier wirklich Menschen wohnen. Anders als in GTA 5 gibt es hier nicht nur eine Straße, sondern eine Hauptstraße, eine Unterführung, Treppen, die in eine Gasse führen, die unter der Straße verläuft. Treppen, die zu Brücken führen, in denen sich Gäste in Restaurants tummeln. Und wie die Umwelt auf uns reagiert: Zielen wir mit der Waffe auf einen Passanten, lässt der Typ daneben seinen Buritto fallen, die Besitzerin eines Friseursalons rennt panisch raus und alarmiert die Cops, die eine Etage weiter unten gerade einen Mord untersuchen. 

CD Projekt RED ist auch unglaublich gut darin, in dieser Grau-Schattierung zu arbeiten, wie es selbst Hollywood nur selten vermag. Night City ist eine völlig kaputte Gesellschaft, in der sich Menschen Computer-Chips in den Kopf schieben lassen, die auch mal überhitzen können. Oder Implantate, die eigentlich ihre Arme und Beine stärker machen sollen, aber bei diesen Implantat-Herstellern gibt es Apple und Billig-Marken. Wer die Billig-Marke trägt, dem kann schnell mal der Arm schwer werden, weshalb viele Leute in ärmeren Bezirken gebückt durch die Gegend ziehen. 

Nicht selten erinnert Night City an San Francisco, eine US-Metropole so nah am Kollaps wie kaum eine andere, wo das Straßenbild von Obdachlosen mit psychischen Erkrankungen geprägt wird – Menschen, um die sich keiner kümmert, Ausgestoßene der Gesellschaft. Überhaupt ist Cyberpunk 2077 eines dieser Spiele, die einen viel nachdenken lassen: Wo steuern wir hin als Zivilisation? Wie viel Technologie ist gut? Wir alle feiern Elon Musk, aber sollten wir auch sein neurales Interface benutzen, was er gerade entwickelt? Man genießt die exzellent geschriebenen Dialoge, die Tiefe der Charaktere, die Emotionalität, wo auch gestandene Muskelprotze weinen und ihr Herz ausschütten können. 

Wen spielt Keanu Reeves in Cyberpunk 2077, will die Welt wissen. Ein egozentrisches, manipulatisches Arschloch, was sich in unserem Cyber-Kopf eingenistet hat, könnte die Antwort lauten.
Vergrößern Wen spielt Keanu Reeves in Cyberpunk 2077, will die Welt wissen. Ein egozentrisches, manipulatisches Arschloch, was sich in unserem Cyber-Kopf eingenistet hat, könnte die Antwort lauten.

Aber denkt auch ständig: Holy Shit, wir müssen als Gesellschaft wirklich höllisch aufpassen, dass wir nicht einmal so enden. Night City ist in Distrikte unterteilt, die gesellschaftliche Schichten repräsentieren und CD Projekt RED schreckt nicht davor zurück, das wirklich krass zu inszenieren – in den Armenvierteln können Sie jemanden überfahren, da ruft keiner die Cops, weil die sich selbst nur noch im futuristischen Helikopter mit durchgeladener Gatling-Gun reintrauen. 

Es gab eine Szene, in der wir unabsichtlich eine Person mit dem Motorrad überrollen – ein grummeliger alter Mann am Straßenrand schrie nur: „An den wird sich eh keiner erinnern“. Und zog von dannen. Narrativ gesehen ist Cyberpunk 2077 ein mutiges Experiment, mit dem nicht wenige hadern werden: Denn als V ist es nicht unsere Aufgabe, diese Gesellschaft umzukrempeln oder die Konzerne zu stürzen, die auch mal unliebsamen Politikern das Hirn wegschmelzen lassen. Schließlich kontrolliert man diese über ihre Implantate. Sondern sich selbst zu retten, seine Seele. Vielleicht kannst du noch den ein oder anderen um dich herum retten, aber nicht die Welt als Ganzes. Wir sind hier nicht James Bond, wir können nur versuchen, ein bisschen besser zu sein als die anderen. Oder auch nicht, ist ja ein Rollenspiel und wir schreiben unser eigenes Drehbuch. Für einen Roboter kann man zahlen oder dem Verkäufer eine Kugel in die Schläfen drücken. Und diesen Kampf-Robo dann weiter an Militech verschachern, die damit ihre Machtposition ausbauen. Oder selbst behalten, benutzen oder auch nicht. Hier sind wir keine Heldin, wir wollen einfach nur überleben. 

Stark geschriebene Geschichten in einer völlig kaputten Gesellschaft

Nicht nur sind die Charaktere durch die Bank gut bis sehr gut geschrieben, sie haben auch alle exzellente deutsche Snychronsprecher, was wirklich selten ist.
Vergrößern Nicht nur sind die Charaktere durch die Bank gut bis sehr gut geschrieben, sie haben auch alle exzellente deutsche Snychronsprecher, was wirklich selten ist.

Cyberpunk lebt viel mehr von seiner Geschichte als ein GTA 5 und nutzt dafür auf smarte Art seine Ego-Perspektive, weil es uns viel näher ran lässt an seine Figuren. Wir blicken ihnen direkt in die Augen, erkennen Narben, Einstiche für Implantate – CDPRs Engine-Team leistet tolle Arbeit mit Sub-Surface-Scattering und anderen Techniken, um Gesichter so echt wie möglich wirken zu lassen.

Die Geschichte fühlt sich persönlich an, obwohl es so viele unterschiedliche Charaktere gibt, so viele Konzerne, so viele Perspektiven. Wo GTA sehr seicht geschrieben und auf Slapstick-Humor gemünzt ist, zeigt sich Cyberpunk 2077 viel düsterer, viel emotionaler. 

Es stellt fundamentale Fragen: Was bedeutet es, menschlich zu sein und wie viel ist uns das wert? In dieser Welt führt man anscheinend keine intimen Beziehungen mehr, sondern geht in den Braindance-Club, um sich dort zudröhnen zu lassen. Die ganze Welt in ihrer völligen Absurdität ist fantastisch umgesetzt und das auf jedem Meter. Werbe-LED-TVs preisen diese überzogene Selbstoptimierung an: Lernen ist ja eher so 2020, man kann sich ja auch einen Chip ins Hirn reinballern. Medizinische Versorgung ist eher etwas für Reiche. Mit einer Platinum-Karte wird man sogar von einer Art medizinischer Spezialeinheit gerettet, die mit MP5 im Anschlag aus ihrem Raumschiff stürmen und den Landeplatz sichern.

Genau wie in The Witcher 3 gibt’s viele Möglichkeiten Sex mit schönen Menschen zu haben. Sind aber alles eher One-Night-Stands, unsere V ist eine beschäftigte Frau.
Vergrößern Genau wie in The Witcher 3 gibt’s viele Möglichkeiten Sex mit schönen Menschen zu haben. Sind aber alles eher One-Night-Stands, unsere V ist eine beschäftigte Frau.

Die Art, wie CD Projekt RED seine Geschichten erzählt, ist auch häufig erstaunlich kontemplativ. Es gibt viele persönliche Momente der Stille – lange Zeiträume, in denen Sie keine einzige Kugel abfeuern, sondern nur mit Leuten sprechen, die Entscheidungen treffen und Dialoge auswählen, und alles hat so einen schönen Flow und treibt die Story voran oder gibt uns neue Einblicke. 

Wie The Witcher 3 ist auch dieses Spiel mit diesen Pest-oder-Cholera-Entscheidungen gespickt, die sich nicht sofort auswirken müssen, aber später. Es gibt selten richtig oder falsch, gut oder böse und damit spielt CD Projekt RED wunderbar. Denn auch wenn man die Konzerne für ihre Praktiken nicht gerade schätzt, zeigt das Spiel auch, wie Anarchie aussieht. In Night City kann man sich quasi entscheiden, ob man lieber von einem der Großkonzerne regiert wird oder den Gangs. Brutale Warlords, die auch einfach mal Bewohner über die Veranda werfen, wenn diese ihre Miete nicht bezahlen können. Anarchie und Brutalität wie in einem Judge Dredd, über die sich unten stehende Bewohner schon wundern und flüchten, aber man hat auch resigniert – jeder für sich selbst, bloß irgendwie überleben. 

Die Open-World ist die komplexeste und aufwändigste, die je erschaffen wurde

Jedes Viertel ist von anderer Architektur geprägt, anderer Beleuchtung, komplett anderer Fashion und das ist schlicht beeindruckend. Es gab selten eine Open-World, die sich echter angefühlt hat.
Vergrößern Jedes Viertel ist von anderer Architektur geprägt, anderer Beleuchtung, komplett anderer Fashion und das ist schlicht beeindruckend. Es gab selten eine Open-World, die sich echter angefühlt hat.

Die größte Errungenschaft ist dabei, wie echt sich alles anfühlt. Jedes Viertel folgt seinen Design-Richtlinien, fühlt sich an wie eine komplett andere Stadt innerhalb dieser Mega-Metropole. Jede hat individuelle Architektur, ein anderes Feeling, eine andere Atmosphäre, einen anderen Umgangston der Menschen miteinander. Und in jedem Viertel wird auch andere Fashion getragen – mal sehen die Bewohner eher so aus, als kämen sie gerade aus der Salsa-Bar in Brasilien. Mal als würden sie gerade von der Tokio Fashion Show kommen. 

Und dann gibt’s die Cyber-Zombies – meist Gang-Mitglieder, die mehr aussehen wie der Terminator als ein Mensch, mit rot glühenden LED-Augen und mechanischen Armen, deren Stahl im Licht glänzt. Alles hier fühlt sich akribisch ausgearbeitet an. Nach ein paar Crashes etwa fliegt bei den unterschiedlichen Autos die Motorhaube ab und ein Corvette-Verschnitt hat einen anderen Motor als eine Limousine. 

Es ist fast schon irre, wie viel Arbeit CD Projekt RED in diese unzähligen Details investiert. Wir spielen Missionen in Apartments, in Hightech-Büros und Industrieanlagen, in die die Monate an Arbeit geflossen sein müssen – schauen Sie sich hier um, genießen die Atmosphäre, rushen nicht einfach durch. Spielerisch gibt es auch manchmal Ungereimtheiten, die komisch sind: Die Cops verfolgen uns etwa häufig nicht, es gibt keine klassische Verfolgungs-KI. Sie schießen auf uns, wenn wir vorbeifahren, aber steigen nicht in ihre Autos ein, was direkt neben ihnen steht.

Schauen Sie sich an, wie detailverliebt selbst eine einfache Türsteherin mit ihren irren Stahl-Protesen designt ist und Sie wissen auf welchem Niveau CD Projekt RED arbeitet.
Vergrößern Schauen Sie sich an, wie detailverliebt selbst eine einfache Türsteherin mit ihren irren Stahl-Protesen designt ist und Sie wissen auf welchem Niveau CD Projekt RED arbeitet.

Hier bricht das Spiel etwas mit seiner Liebe und Sorgfalt, die man an jeder Ecke spürt. Und das auf einem Qualitätslevel, wie es selten ist in Videospielen. Weil alles handgefertigt wirkt, CDPR scheint wenige Pre-Sets zu verwenden. Egal, ob es Tag oder Nacht ist, ob Sie zu Fuß mit von Ihnen gekauften oder gestohlenen/geliehenen Fahrzeugen vorbeirasen oder ob Sie während einiger der geskripteten Sequenzen in luxuriösen Shuttlen in der Luft sind, alles strotzt förmlich vor Details. 

Auf dem PC können Sie wählen, wie bevölkert Night City sein soll, denn die enormen Massen an Menschen, die in ihrer Detailverliebtheit gerendert werden wollen, haben einen großen Einfluss auf die Performance. Cyberpunk 2077 ist jetzt endlich das nächste Crysis – die Grafikkarte, die dieses Spiel in Ultra-Details mit 4K Raytracing bei über 60 FPS wirklich handeln kann, die muss erst noch geschmiedet werden, wobei die RTX 3080 schon sehr nah dran ist. Das zeigt sich auch an den vielen unterschiedlichen Slidern für Raytracing. Wer hier alles aufdreht, der erlebt, wie verbeultes Blech eines Autos das Neon-Licht einer LED-Werbung anders reflektiert als eine frisch polierte Karosserie. Auch spielt Cyberpunk 2077 stark mit der Verdingung aus Licht, Rauch und Nebel. Eine detaillierte technische Analyse mit Fokus auf Raytracing folgt in einem Technik-Special. 

Das Gameplay: Ein Hardcore-Rollenspiel im Stil von Deus Ex

Mit kybernetischen Implantaten können wir etwa unsere Beine für einen Doppelsprung optimieren, was dem Spielstil als Nahkampf-Killer gleich eine neue Ebene hinzufügt.
Vergrößern Mit kybernetischen Implantaten können wir etwa unsere Beine für einen Doppelsprung optimieren, was dem Spielstil als Nahkampf-Killer gleich eine neue Ebene hinzufügt.

Cyberpunk 2077 verdient sich das Prädikat “Epos“, weil es neben seinen großen Geschichte, viele, viele kleine erzählt in seinen Nebenmissionen, die oft einfach unglaublich gut geschrieben oder einfach smart strukturiert sind. Es gibt da einen Typen, der will, dass wir ihm ein paar Autos klauen, was letztlich in einer Odyssee endet. Wir wollen hier auf Spoiler verzichten, spielen Sie es und Sie werden verstehen, warum das einfach großartig gemacht ist. Es ist das perfekte Spiel für den Winter und nicht selten werden Sie sich um drei Uhr nachts erwischen, immer noch zu spielen, weil es zu verführerisch ist, noch diese eine Sidequest abzuschließen, die eine erstaunlich lange Storyline entfaltet und komplett neue Charaktere einführt. 

Reden wir über Gameplay: Hier ist Cyberpunk ganz Deus Ex und setzt uns fast keine Grenzen: Wir können die Gehirne von Gegnern hacken, damit sie aufeinander losgehen. Damit sie sich selbst eine Kugel verpassen. Wir können ihre Waffen blockieren, in der Umgebung Industrieanlagen hacken und so Ablenkmanöver starten. Wir können mit allem ballern, was man so kennt: MP5s, Maschinenpistolen, AKs, diversen Sturmgewehrtypen und Scharfschützenwaffen. Waffen mit Energiegeschossen, bei denen wir Perks nutzen, die den Rückstoß verringern. 

Das Schadensmodell könnte eventuell etwas mehr Zerstörung vertragen, Watch Dogs Legion ist hier etwas stärker. Dafür werden Luxus-Limousinen sind Echtzeit verschrammt.
Vergrößern Das Schadensmodell könnte eventuell etwas mehr Zerstörung vertragen, Watch Dogs Legion ist hier etwas stärker. Dafür werden Luxus-Limousinen sind Echtzeit verschrammt.

Wir können Katanas nutzen, schließlich sind wir ein Samurai – „Wake Up Samurai, We have a City to Burn“, sagte Keanu Reeves immer so schön in den Werbetrailern. Das Kampfsystem ist auch erstaunlich strategisch ausgelegt, weil immer wieder Gegner uns hacken und dann zum Überhitzten bringen. Die Platine in unserem Gehirn fängt dann an zu rauchen, wir verlieren rapide an Leben und müssen über unsere eigene Hacking-Fähigkeit herausfinden, woher der Cyber-Angriff kam und diese Person ausschalten. 

Generell bemüht sich CD Projekt RED sehr stark, die Mechanismen des Tabletop, die die Wurzeln des Spiels darstellen, in die virtuelle Welt zu übertragen. Das Inventar könnte besser sein, es ist recht frickelig – einen Schalldämpfer von einer Waffe abzuschrauben, sollte via Tastendruck machbar sein, ohne sich durchs Inventar zu klicken. Generell wäre es schön, wenn man Rollenspiel-Standards via Patch einfügt: Etwa würden wir gerne Items auf die Zahlentasten der Tastatur mappen. 

Auch würden wir uns wünschen, dass man das Fashion-System ändert: Kleidungsstücke haben Rüstungswerte, mitunter rennen wir daher nicht mit den Pieces herum, die am besten und schärfsten aussehen, sondern was den meisten Schaden aushält. Aber das hat alles Zeit. Aktuell gibt es auch auf dem PC noch ein paar Bugs hier und da, aber nichts, was so extrem ist wie auf den Konsolen – Besitzer der Last-Gen, also von PS4 und Xbox One sollten dringend mit dem Kauf warten. 

Night City ist eine kaputte Welt im Hyper-Kapitalismus, wo arme Menschen auf der Straße sterben und Reiche von Medical Special Forces mit vorgehaltener MP5 gerettet werden.
Vergrößern Night City ist eine kaputte Welt im Hyper-Kapitalismus, wo arme Menschen auf der Straße sterben und Reiche von Medical Special Forces mit vorgehaltener MP5 gerettet werden.

Es gibt Loot in rauen Massen: Jeder Gegner droppt irgendwas, man hat also schon sehr früh spannende Waffen, die über den Standard hinausgehen, die sich über das tiefgehende Mod-System stark umrüsten und upgraden lassen. Es gibt immer mehrere Layer an RPG-Mechaniken, die sich nach und nach freischalten lassen. Das fühlt sich authentisch an, als würden man GTA in einer sehr viel komplexeren, sehr viel dicht besiedelteren Open-World spielen, aber mit der Rollenspieltiefe eines Deus Ex – also sehr viel mehr Freiheit noch, als sie ein The Witcher 3 erlaubt. Und mit einem Writing, vor dem Hollywood vor Neid erblasst, einfach weil es CD Projekt RED gelingt, diesen vielen Figuren ihren eigenen Stil zu geben, ihre eigene Mission. Diese Menschen stehen für etwas, das muss nicht gut sein, aber sie glauben daran. 

Keanu Reeves ist auch nicht nur ein Sidekick und schon gar nicht unser Mentor, wie wir vorher dachten. Sondern eigentlich ein Anarcho-Psychopath, der am liebsten die ganze Stadt abfackeln und einen kompletten Reset will, weil er nicht daran glaubt, dass diese Gesellschaft zu retten ist. Aber auch seine Geschichte steht für die Vielschichtigkeit dieses Spiels, weil er zu Beginn für uns wie ein manipulativer, egozentrischer Arsch rüberkommt, wir aber nach und nach entziffern, wie der Krieg und andere Umstände ihn zu diesem verbitterten Typ haben werden lassen, der auf seine ganz eigene Art in diese völlig kaputte Gesellschaft wunderbar reinpasst. Und wie großartig CDPR hier Facetten von Matrix durchblicken lässt, auch das dürfte Fans zum Staunen bringen. 

Fazit: 9/10 -  Cyberpunk 2077 ist das PC-Spiel des Jahres 

Sie haben vermutlich in den letzten Tagen viel über Bugs und Glitches gelesen – PC-Spieler müssen sich hier wenige Sorgen machen, Cyberpunk 2077 wurde in erster Linie für den PC entwickelt, nur die Last-Gen-Konsolen haben diese extremen Probleme. Lassen Sie sich davon nicht den Spaß oder die Vorfreude verderben, denn selbst mit einer RTX 2070 oder einer anderen Karte aus dem mittleren Highend-Bereich läuft dieses Wunder von einer Open-World flüssig in 1080p mit Ultra-Details und wundervollen Raytracing-Effekten. 

Wunder, weil es noch nie eine virtuelle Stadt gab, die so komplex gebaut war, wie Night City. Wo ein Los Santos immer nur eine Fahrbahn hat, vielleicht noch eine Brücke, die darüber geht, gibt es hier fast immer vier, fünf unterschiedliche Ebenen. Sie können überall Treppen runtergehen, entdecken Gassen, die sich an der Fahrbahn unterirdisch entlang schlängeln, wo Shops ihre Waren anbieten – so wie in der echten Welt, die meisten Städte haben ja ihre U-Bahn-Systeme. Es gibt Brücken, die über Brücken verlaufen und zu Restaurants führen, die in Häuserblöcke eingebettet sind oder Wolkenkratzer. Es gibt viel mehr Passanten als üblich – schade ist eigentlich nur, dass diese selten etwas zu sagen haben. 

Es gibt ein paar Kategorien, da ist Cyberpunk schwächer als ein GTA 5 – es gibt etwa keine Verfolgungs-KI bei der Polizei. Aber auch viele Kategorien, da setzt CD Projekt RED immer nochmal einen drauf und nochmal einen. Es gibt hier nicht einfach nur Waffen, sondern jede Waffe wird von einem bestimmten Konzern hergestellt, der seine Präsenz in der Spielwelt hat. Jedes Gadget, jedes Neuroimplantat kommt von diesen Mega-Konzernen, die dafür kräftig werben – im Fernsehen, auf LED-Banden. Nebenquests fühlen sich nicht wie Nebenaktivitäten an, weil CD Projekt RED bei allem, was sie tun, enorm viel Feingefühl für Details beweist. Die deutschen Synchronsprecher sind etwa durch die Bank unfassbar gut.

Es ist schlicht beeindruckend, wie viel Arbeit in das Writing geflossen ist – Open-World-Spiele tendieren dazu, Füller-Charaktere zu haben, einfach weil man so viele braucht, hier ist das nicht so. Generell wirkt es so, als hätte man bei CD Projekt RED die Devise: Gut ist nicht gut genug. Es gibt nicht einfach nur ein Level-System für Waffen, sondern Perks für jede Waffenkategorie – für Katanas, wo wir regelrechte Choreografien freischalten und zig passive Attribute, die uns in eine regelrechte Nahkampf-Killer-Maschine verwandeln. Das ist alles sehr smart gedacht: Nutzern wir oft die Pistole, levelt diese Kategorie. Nutzen wir oft das Katana, levelt die Kategorie für Schwerter. Wer seine Muskelstärke hochlevelt, der reißt Panzertüren aus der Wand, wer sich eher für den Netrunner entscheidet, der hackt das Sicherheitssystem und öffnet so jedes Tor. 

Ist Cyberpunk 2077 ein perfektes Spiel? Ganz sicher nicht, es hat seine Schwächen in Teilen seines Designs. Aber es wird die Open-World als Genre verändern, weil CD Projekt RED zeigt, wie man eine Story von der Qualität eines The Last of Us in einer offenen Welt erzählt, ohne uns die Freiheit zu nehmen, links oder rechts abzubiegen. Weil es all diese Genres zu einem Gesamtkunstwerk vereint.

Pro:

  • Die stimmigste Open-World, die wir je erlebt haben

  • Griffiges Gunplay

  • Enorme Rollenspiel-Tiefe mit zig Möglichkeiten der Spezialisierung

  • Exzellent geschriebene Dialoge

  • Durch die Bank gute bis sehr gute deutsche Synchronsprecher

  • Stark implementiertes Raytracing vertieft die Atmosphäre

  • Intelligente Geschichte, die immer wieder zum Nachdenken anregt

Contra:

  • Einige Bugs und Glitches, die auf dem PC aber sehr viel seltener als auf Konsole vorkommen

  • Keine Verfolgungs-KI bei der Polizei, die generell etwas zu passiv ist

  • Merkwürdige Kolissionsabfrage bei Motorrädern

  • Cyberpunk 2077 entstand unter heftigem Crunch

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