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Chivalry 2 gespielt: Ein guter Tag. Ein Bluttag

28.04.2021 | 09:02 Uhr |

Holy Shit, hier geht die Post ab: Chivalry 2 inszeniert martialische, extrem blutige Massenschlachten, die zwar nuancierte Schwertschläge und viel Taktik im Duell erlauben, aber meist einfach nur im spaßigen Chaos enden und sich ein bisschen anfühlen, als würde Der Herr der Ringe auf Game of Thrones prallen. Chivalry 2 im Hands-On-Test.

Pfeile schnellen durch die Luft, durchschlagen Kettenhemden, lassen Soldaten stürzen. Männer schreien, Blut spritzt – es ist ein guter Tag. Ein Bluttag, würde König Theoden sagen, als er sich mit 3000 Reitern Rohans in die Schlacht um Minas Tirith wirft. Gut, 3000 sind wir nicht auf den Schlachtfeldern von Chivalry 2 s Closed Beta, aber eines darf man glauben: 64 Spieler sind mehr als genug, um für Chaos, Anarchie und das Gefühl einer wuchtigen Belagerung zu sorgen, die sich anfühlt wie Battlefield 6 im Mittelalter. Unter schwerem Beschuss müssen wir einen im Matsch feststeckenden Belagerungsturm an die Festung der Mason Order, der Freimaurer, heranschieben. Keine leichte Aufgabe, denn von allen Seiten strömen Ritter und Infanterie in roter Rüstung heran, schlagen mit ihren Äxten auf uns ein, schneiden Köpfe ab.

Das ist richtig Adrenalin-geladen inszeniert, etwa weil unser Herz lauter pocht, wenn wir verwundet wurden. Auch tropft Blut an unserer Rüstung hinunter, je nachdem, wo wir getroffen wurden. Ist das alles so koordiniert und in Formation, wie man sich das vorstellen würde? Nein, es ist eher Game of Thrones Battle of the Bastards. Ein heilloses Durcheinander, Männer versuchen sich, in Eins-gegen-Eins-Duell zu besiegen, während ein Dritter von hinten zusticht – nicht die feine englische Art, aber nun, es ist eben Krieg.

Damit sich das alles nach martialischer Schlacht anfühlt, ist Chivalry 2 in mehrere Abschnitte eingeteilt: Wir müssen etwa im ersten Missionsabschnitt einen feindlichen Vorposten überrennen, in dem die Armee des Gegners in ihren Zelten vor der Festung nächtigt. Gelingt es uns, die Armee zurückzuwerfen, werden Belagerungsmaschinen nahe an die Burgmauern herangerollt, die bemannt werden wollen – Türme, Katapulte, mobile Schießscharten, die Armbrustschützen dienen und uns Deckung geben vor Beschuss.

Chivalry 2 ist großartig inszeniert, mit Geschossen, die Belagerungstürme vor uns zertrümmern, Kriegsgeschrei und brennenden Festungen.
Vergrößern Chivalry 2 ist großartig inszeniert, mit Geschossen, die Belagerungstürme vor uns zertrümmern, Kriegsgeschrei und brennenden Festungen.

Den Belagerungsturm müssen wir aktiv anschieben, wofür es Bonuspunkte gibt. Ist der Turm an der Mauer angekommen, wieseln wir alle nach oben und versuchen, den Feind im Sturm zu ersticken, wobei sich unser Morgenstern als besonders nützlich erweist. Mit dem können wir den Feind auf Distanz die Rübe einschlagen. Nächstes Missions-Ziel ist es, das Torhaus einzunehmen. Die Verteidiger setzen dabei einige fiese Fallen ein, etwa siedendes Pech, was unsere Truppen in Flammen setzt. Haben wir Burgtor und Stadt genommen, ist das aber noch immer nicht der Sieg: Der Bergfried ist besonders stark befestigt und der Herrscher der Freimaurer hat sich mit seinen Truppen dort verschanzt, wir müssen ergo kleinere Belagerungsrampen durch die Straßen schieben und an seine Mauern bringen.

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Das Gameplay: Brutale, harte Kämpfe mit der richtigen Nuance an Balance und Taktik

Der Morgenstern hat enorm viel Durchschlagskraft und macht extrem viel Schaden, wir brauchen allerdings auch sehr lange, um zum Schwung auszuholen.
Vergrößern Der Morgenstern hat enorm viel Durchschlagskraft und macht extrem viel Schaden, wir brauchen allerdings auch sehr lange, um zum Schwung auszuholen.

Der Nahkampf von Chivalry 2 fühlt sich durchaus nuanciert an. Mit einer der vielen Schwerter, Äxte, Hämmer und anderen Totschlägern setzen wir auf drei Hauptschwünge: ein horizontaler Hieb, ein Stich und ein Überkopfschlag, jeweils mit leichten und schweren Varianten. Zudem gibt es zahlreiche Spezialangriffe, einen Angriff, den wir aus vollem Sprint ausführen. Einen Tritt zum Brechen von Schildblocks, was erstaunlich effektiv ist. Wir können Angriffe vortäuschen, sprich eine Finte schlagen, blocken, mit dem richtigen Timing kontern und, was einigermaßen überraschend ist, unsere Waffe schleudern. Okay, allzu realistisch mag es nicht sein, dass wir ein Breitschwert mit voller Wucht werfen und damit einen Armbrustschützen an die nächste Wand nageln können.

Aber bei Gott, der hatte es verdient. Schützen sind nämlich verdammt nervig in Chivalry 2, weil wir gerade als Ritter nicht sonderlich schnell und agil sind, ergo wunderbare Ziele für diese Einheitengattung darstellen. Nun klingt das alles nach Kingdom Come: Deliverance und ja, all diese nuancierten Möglichkeiten gibt es. Eigentlich ist Chivalry 2 aber mehr ein völlig chaotisches Schlachtfest, bei dem wir anfangs noch überlegen, wie wir jetzt gekonnt den einen Schlag blocken und in einer Pirouette dem Feind unseren Schaft in die Rippen drängen können. Da kommt irgend so ein Depp daher und zieht uns seine Streitaxt über den Schädel. Wobei auch das in unterschiedlichen Stufen passiert – trifft uns etwa eine Axt mit voller Gesundheit am Kopf, zertrümmert sie nur unseren Helm und lässt uns am Kopf bluten.

Rein technisch gefällt uns Chivalry 2 bereits sehr gut in der Beta, insbesondere die Schärfe der Texturen und der spiegelnde Stahl von Waffen und Rüstungen begeistern.
Vergrößern Rein technisch gefällt uns Chivalry 2 bereits sehr gut in der Beta, insbesondere die Schärfe der Texturen und der spiegelnde Stahl von Waffen und Rüstungen begeistern.

Sind wir bereits angeschlagen, killt sie uns jedoch direkt. Ähnlich verhält es sich auch bei Schwertangriffen – Gegner, die bereits viel Gesundheit verloren haben, können nicht mehr blocken und wir schneiden ihnen die Arme ab, was enorm brutal inszeniert ist. Überhaupt ist Chivalry 2 ein Spiel für Gamer, die Blut und Splatter mögen: Alles hier ist super brutal – Köpfe fliegen, Arme und Beine werden abgehackt. Soldaten mit Feuerpfeilen und Pech in Brand gesteckt, rennen in ihren Tod. Auf diesen 64-Spieler-Karten gibt es zwar Verteidigungstruppen, etwa Bogen- und Armbrustschützen auf Wällen. Aber der Großteil der Armee rennt aufeinander zu und kracht immer wieder zusammen, so wie wir das aus Hollywood kennen.

Chivalry 2 ist eines der chaotischsten Spiele des Jahres, welches trotzdem Skill braucht

Spannend: Wir müssen Belagerungstürme und Sturmrammen aktiv nach vorne schieben, während wir permanent angegriffen werden.
Vergrößern Spannend: Wir müssen Belagerungstürme und Sturmrammen aktiv nach vorne schieben, während wir permanent angegriffen werden.

Jeder Kampf erfordert jedoch Geschicklichkeit, um zu gewinnen, besonders gilt das für Breitschwerter etwa mit denen wir weit ausholen müssen. Tritte und Stöße sind erstaunlich effektiv, gerade gegen Ritter, die in schweren Rüstungen stecken und gerne mal hintenüber kippen. Es ist auch wichtig zu lernen die Maus richtig einzusetzen: Wir können mit der Maus in Schlagrichtung wischen, um einen schnelleren Angriff auszuspielen. Oder einen größeren Bogen zeichnen, um weiter auszuholen. Für Kopftreffer zielen wir hoch, für Brusttreffer tiefer. Obwohl Chivalry 2 sicherlich eines der anarchischsten Mittelalter-Spiele ist, braucht es erstaunlich viel Skill, um diesen Tanz auf der Klinge, zwischen Angriff und Verteidigung, zwischen dem richtigen Momentum im Schwung und dem perfekt getimten Block, in sein Rhythmusgefühl und unser Muskelgedächtnis übergehen zu lassen. Das erinnert uns an Warcraft 3: The Frozen Throne – einen Strategiehit von Blizzard, den auch jeder relativ schnell spielen kann.

Aber die ganzen Build-Orders zu verinnerlichen, die Taktiken, die Dynamik, das Spielfeld und die Schlacht zu lesen, braucht Zeit und das trifft eben auch auf Chivalry 2 zu. Wir finden das gut, weil es dem Titel Langzeitspielspaß verleihen dürfte. Wobei es natürlich noch viel mehr Schlachten-Szenarien geben wird, etwa den Sturm auf Lionspire. Hier greifen die Freimaurer nicht vom Land aus an, sondern vom Meer. Die Truppen des Königs müssen den Strand halten, wobei auch der Bergfried deutlich stärker geschützt wird. Von vier Katapulttürmen, höherer Mauer und deutlich mehr Verteidigungspositionen, die erst geknackt werden müssen. Das ist insbesondere deshalb interessant, weil der Bergfried an sich eigene Türme hat mit Schießscharten, aus denen Armbrustschützen ihre Pfeile des Todes feuern. Zudem lassen sich die Katapulte sicherlich nutzen, um direkt zu Beginn auf die einfahrenden Schiffe des Feindes zu feuern und eventuell auch sein Belagerungsgerät. Das könnte eine spannende spielerische Nuance reinbringen, denn die erste Karte der Beta ist sehr Infanterie-fokussiert, sprich, es gibt für die Verteidiger keine Möglichkeit, unseren Belagerungsturm mit Katapulten oder Triboken zu zermalmen…

Gerade in 4K zeigt sich Chivalry 2 sehr schick und lässt auch trotz der hohen Spieleranzahl keine Wünsche übrig, was die Schärfe von Texturen und den Bombast von Effekten angeht. Man sollte allerdings ein großer Splatter-Freund sein.
Vergrößern Gerade in 4K zeigt sich Chivalry 2 sehr schick und lässt auch trotz der hohen Spieleranzahl keine Wünsche übrig, was die Schärfe von Texturen und den Bombast von Effekten angeht. Man sollte allerdings ein großer Splatter-Freund sein.

Fazit der Beta: Blutig-brutale Massenschlachten mit dem gewissen Kick

Splatter-Multiplayer-Games können schnell im maximalen Chaos enden und so ruck zuck ihren Reiz verlieren. Chivalry 2 macht das aber deutlich smarter, weil nicht nur der Kampf sehr nuanciert ist und sich Schwert, Keule, Streitaxt oder Hellebarde komplett unterschiedlich spielen und jeweils eine ordentliche Lernkurve mit sich bringen, sondern auch die Karten sehr dynamisch gestaltet sind. Ähnlich wie in Battlefield 1 ist die Map in unterschiedliche Abschnitte unterteilt, die andere Schwerpunkte legen – mal müssen wir einen Warentransport zur Front im Wald beschützen und geraten in einen Hinterhalt. Dann liefern wir uns eine Feldschlacht vor der Festung, bevor wir anfangen, unsere Katapulte zu bemannen und die Burg unter Beschuss zu nehmen, während an anderer Stelle Belagerungstürme an die Mauer geschoben werden müssen. Was durchaus lange dauert und der Feind mit Sturmangriffen versucht zu unterbinden. Gerade weil wir mit 64 Spielern auf der Karte sind, hat jedes Team mehr als genug Ressourcen, um sich jeweils gegen die Offensive zu legen oder Überraschungsangriffe zu starten und damit eine neue Front zu eröffnen, was oft das einzige Mittel ist, um die eigenen Truppen zu entlasten, die versuchen, blutend und erschöpft den Rammbock ans Burgtor zu schieben. Wer mal eine etwas andere Multiplayer-Erfahrung haben möchte und auf Mittelalter steht, sollte sich die Closed Beta auf jeden Fall geben.

Chivalry 2 erscheint am 08. Juni 2021 für PC, Xbox Series X, PS5 sowie die Old-Gen-Konsolen.

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