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Arcane in der Kritik: Die beste Animationsserie auf Netflix?

06.12.2021 | 09:30 Uhr |

Arcane: League of Legends hat uns umgehauen! Die erste Staffel hat so viel Wucht, sieht so gut aus, ist so liebevoll animiert, smart geschrieben und erstaunlich gut geschauspielert. Eine Serie, die auch Netflix-Abonnenten ohne Faible für dieses Universum nicht verpassen sollten. Arcane: League of Legends – die Review.

Arcane: League of Legends ist ein Meisterwerk. Nie zuvor hat Animation so gut ausgesehen, so lebendig, so liebevoll, so detailgetreu. Eine Serie, bei der man beliebig den Pauseknopf streicheln und das Bild einfrieren kann, alles fühlt sich an wie ein Gemälde. Diese ausbreitende Stadt aus Luftschiffen. Die Kulleraugen eines Kindes, das Klirren zweier Weinkelche, ein Zigarettentablett, das mit kindlicher Kunst verziert ist. Die Figuren von Arcane sind die Pinselstriche auf der großen und großzügigen Leinwand, die immer noch intensive emotionale Nahaufnahmen zulässt, denn diese sind so wichtig. Zu oft greift in Spielen und Animationsserien dieses Uncanny Valley, dieses Tal zwischen virtuellem Realismus und echter Realität, da ist es besser, dass Riot hier seinen ganz eigenen Stil fährt mit seinem Animationsstudio Fortiche aus Paris, die schon in legendären Musikvideos ihr Handwerk gezeigt haben. 

Riot Games versteht gutes Character-Writing: Zu oft gibt es in Hollywood nur strahlend gut und verteufelt böse. Arcane reitet auf dieser Welle im Graubereich, das ist oft seine Stärke.
Vergrößern Riot Games versteht gutes Character-Writing: Zu oft gibt es in Hollywood nur strahlend gut und verteufelt böse. Arcane reitet auf dieser Welle im Graubereich, das ist oft seine Stärke.
© Netflix

In Videos, die ihr alle kennt – in Legends Never Die, in Rise, in Warriors, in Chrissy Constanzas Phoenix, die wir damals zum Recording in Los Angeles getroffen haben. Indem sie sich für eine malerische Ästhetik entscheiden, die wie aus der Luft gegriffen wirkt. Tränen aus den Augen eines kleinen Mädchens, die violetten Bläschen in einem Drogenserum, das rauchige Zischen eines Steampunk-Handschuhs, fliegender Staub von einem Boxsack, Feuer, das aus Feuerstellen hervorquillt, Waffen und Bomben sind von Hand gezeichnet, um der Textur mehr Präsenz zu verleihen. Das Resultat ist einfach…atemberaubend. Nie zuvor hat eine Animationsserie so gut ausgesehen. „Every Frame a Painting“, sagt dazu Film-Experte Marco Risch, der diesen Stil wundervoll in seinem Essay auf Nerdkultur erklärt – sollte man reingucken: 

Aber Arcane sieht nicht nur gut aus, es fühlt sich großartig an und die Story, seine Figuren und seine Welt hauen uns immer wieder aus den Socken. Nur um mal einen Benchmark rauszuhauen: 98 Prozent Audience-Score auf Rotten Tomatoes, eine der wichtigsten Film-Websites der Welt, die die Meinungen von professionellen Kritikern und Journalisten mit Fans zusammenfließen lässt. 

Das hat Netflix lange nicht mehr erlebt, so viel Liebe gab es nicht mehr seit Stranger Things, wobei selbst Stranger Things “nur“ auf 93 Prozent auf Rotten Tomatoes kommt, was schon irre hoch ist. Doch warum? Warum liebt die Welt eine Serie zu League of Legends, das eine komplexe Welt mit absurd vielen Helden auffährt. Weil Riot Games nicht mit dem klassischen Muster arbeitet, das wir aus Star Wars sowie Der Herr der Ringe kennen und das deshalb halb Hollywood kopiert hat. Es gibt hier kein Gut und Böse, sondern nur Figuren und Fraktionen, die andere Ziele haben. Ja, wir haben Antagonisten, aber diese haben nachvollziehbare Argumente, verständliche Ziele – sie sind nicht einfach nur böse und wollen die Welt vernichten oder beherrschen wie ein James-Bond-Schurkenmilliardär.

Riot Games und sein Animationsstudio Fortiche lernen viel von Animationshits wie Into the Spider-Verse, geben dem Ganzen aber eine sehr eigene Note.
Vergrößern Riot Games und sein Animationsstudio Fortiche lernen viel von Animationshits wie Into the Spider-Verse, geben dem Ganzen aber eine sehr eigene Note.
© Netflix

Wir lernen diese Charaktere kennen wie unsere Protagonisten, es ist Riot Games offensichtlich wichtig, all seine Helden mehr oder minder gleich zu behandeln, was eine interessante Herangehensweise ist. Der große Antagonist unternimmt verachtenswerte Dinge, aber auch solche, für die er verehrt wird von seinen Sympathisanten. Es gibt auch viele Figuren, die sich wandeln, die vielleicht mal zum Bösen tendierten, dann aber anders denken. Oder doch nicht? Viel spielt sich im Graubereich ab. Das ist eine enorme Stärke, gutes Character-Writing ist gefühlt selten geworden. Zu leicht ist es für Filmstudios, mit einem strahlend guten Charakter zu arbeiten und einem teuflisch Bösen, der am besten irgendetwas macht, das wir verachten. Eine Figur, die sogar Hundebabies treten würde. In Spielen wird besonders gerne die „Shoot-the-subordinate“-Trope verwendet – Antón Castillo, der Bösewicht aus Far Cry 6 wird etwa ganz klassisch eingeführt, indem er zuerst einen seiner eigenen Soldaten mit einem Kopfschuss hinrichtet, weil dieser schlechte Nachrichten hat. Und später ganze Familien auf einem Boot umbringen lässt. Riot Games arbeitet hier viel feinfühliger, so gutes Storytelling würde man einem MOBA-Studio gar nicht zutrauen. 

Arcane kann man genießen, ohne League of Legends zu kennen 

Smarter Ansatz: Während Marvel für seine neue Serie Hawkeye mit Jeremy Renner enorm viel Wissen voraussetzt, behandelt Arcane eigentlich alle gleich – Kenner der Figuren wie Menschen, die einfach nur eine gute Serie genießen möchten.
Vergrößern Smarter Ansatz: Während Marvel für seine neue Serie Hawkeye mit Jeremy Renner enorm viel Wissen voraussetzt, behandelt Arcane eigentlich alle gleich – Kenner der Figuren wie Menschen, die einfach nur eine gute Serie genießen möchten.
© Netflix

Es gibt hier nicht die strahlenden Protagonisten, die immer smarter sind als ihre Gegner – wie in Star Wars. Sondern sich gegenüberstehende Parteien. Die beiden Leading-Ladies bauen auch ganz schön viel Mist – großartig gespielt von Newcomer-Shootingstar Hailee Stainfeld, die gerade einen richtigen Lauf hat. Dieses Wochenende läuft ihre eigene Marvel-Serie an: Hawkeye mit Jeremy Renner könnte die beste Weihnachtsserie des Jahres werden, Review folgt! Marvel-Fans haben sie noch nicht gesehen, aber gehört – als Gwen Stacey in Spider-Man: Into the Spider-Verse. Und Ella Purnell, die in Army of the Dead gerade in einem teuren, aber keinem gutem Netflix-Action-Flick gespielt hat, schon aber schon in Churchill durchblicken ließ, dass sie mehr kann und auch hier richtig, richtig gut schauspielert – ohne zu viel zu verraten, sie hat so einen leichten „Mein-Schatz“-Charakter von Golum, also dezent schizophren, wenn man das so sagen darf. Arcane ist aber vor allem aber auch mutig: Es stellt uns Figuren vor in all ihrer emotionalen Brandbreite, ihre Freunde, wie sie leben, was sie durchmachen, was sie tun müssen, um zu überleben in einer Art Armenviertel einer Stadt, die doch irgendwie an Coruscant erinnert oder Los Angeles aus Blade Runner 2049. Und entreißt sie uns wieder. 

Die Serie beginnt mit der Dynamik zwischen zwei verwaisten Schwestern, Vi und Powder sowie ihrem Adoptivvater Vander. Sie leben in Zaun, einer unterirdischen Stadt, abseits der Reichen und Eliten, wo alle möglichen Menschen und Kreaturen in Armut vor sich hinvegetieren. Ihr Leben steht in direktem Gegensatz zu dem der oberen Schichten in Piltover, wo der Adel residiert. Die Schwestern und ihre Freunde machen "Jobs", stehlen und versuchen auf jede erdenkliche Weise, in ihrer Situation zu überleben. Doch als sie das Labor eines Wissenschaftlers ausrauben, geraten sie durch eine Explosion in Piltover ins Visier derer, die oben leben. In diesem Moment wird klar, wie zerbrechlich das Gleichgewicht zwischen Zaun und Piltover ist. Irgendjemand muss für den Schaden an Eigentum und Leben aufkommen. Das ist der Auslöser für den Plot, der sich anfangs vielleicht ein bisschen zu lange Zeit lässt, um in Fahrt zu kommen. Dann aber doch recht flott auf richtig krass, erschütternd und ja, eben mitreißend umschaltet. Nun kann eine Geschichte immer nur so gut sein, wie ihre Figuren und die Welt, die sie bewohnen. Riot und Fortiche leisten hier Großes, weil sich diese Fantasy-Welt zum Anfassen anfühlt und wir jederzeit mit seinen Charakteren mitfiebern. Wir können auf diese Geschichte einlassen, uns fallen lassen und bekommen etwas präsentiert, was auf gewisse Art vertraut, aber auch neu und frisch ist. Die Unterdrückten leben unten, die herrschende Klasse oben – diesen Sci-Fi-Trope kennen wir aus Alita: Battle Angel oder auch Netflix hauseigenem Altered Carbon, wo der Erschaffer der Stadt in einer Art schwebendem Glaspalast hoch in den Wolken residiert. 

Nicht nur wunderschön animiert, sondern auch stark geschauspielert 

Die Hauptfigur hat schizophrene Tendenzen, was Riot mit einer Art Filter umsetzt – die Emotionen, die sie gegenüber Personen verspürt, zeigt die Serie auf deren Gesichtern, was eine interessante visuelle Komponente fürs Storytelling erzeugt.
Vergrößern Die Hauptfigur hat schizophrene Tendenzen, was Riot mit einer Art Filter umsetzt – die Emotionen, die sie gegenüber Personen verspürt, zeigt die Serie auf deren Gesichtern, was eine interessante visuelle Komponente fürs Storytelling erzeugt.
© Netflix

Es ist von Anfang an klar, dass Piltovers Vorstellung von "Fortschritt", der mit Steampunk-Technologie angeheizt wird, dem Adel und ihren Handelsrouten vorbehalten ist, während die Armen von Zaun in den kranken und gewalttätigen Slums sich selbst überlassen bleiben. Sie sind besonders von den Machenschaften des Drogenbarons Silco (Jason Spisak, kennt man aus Sonys Spider-Man-Spiel) betroffen, der die Straßen mit der violetten, kraftverstärkenden Droge Shimmer verseucht. Akt 1 stellt die düstere Stimmung ein, indem er mit der Notlage der beiden verwaisten Schwestern Vi (Hailee Steinfeld) und Jinx beginnt, die durch den Dunst einer apokalyptischen Höllenlandschaft irren und ihre erwachsene Form mit manischem Geschick vortragen. Als Powder bei einer Rettungsaktion eingreift, werden sie und Vi erst emotional und dann buchstäblich getrennt. Die emotional geschädigte Powder findet sich in den väterlichen Armen von Silco wieder, dessen, sagen wir mal wundersamer, Ausbruch von Empathie für ihre Notlage den eigentlich skrupellosen Killer dazu bringt, sie als Tochter zu adoptieren. 

Für seine Action lässt sich Riot Games stark von den späten 1980ern, frühen 1990ern der japanischen Anime-Welt inspirieren. Die Action erinnerte uns an eine der ikonischsten Anime-Serien aller Zeiten – Saber Rider and the Star Sheriffs.
Vergrößern Für seine Action lässt sich Riot Games stark von den späten 1980ern, frühen 1990ern der japanischen Anime-Welt inspirieren. Die Action erinnerte uns an eine der ikonischsten Anime-Serien aller Zeiten – Saber Rider and the Star Sheriffs.
© Netflix

Ja, Arcane hat gewisse The-Last-of-Us-Vibes in seiner Story, überrascht aber auch ständig. Das Tempo ist mitunter atemberaubend in dieser Drei-Akt-Struktur, die wir aus dem klassischen Kino-Film kennen. Die 40-minütigen Episoden sind mit so vielen Handlungssträngen gespickt, dass es kaum einen langsamen Moment gibt, aber Arcane wirkt auch selten überhastet und ist unfassbar liebevoll animiert. Jinx, der chaotische Joker, ist der Liebling der Fans von League of Legends. Sie hat ein Talent dafür, ihre Unsicherheiten und Rationalitäten vor sich selbst auszubreiten, und ihre verzerrte Gedankenwelt ist eine animierte Spielwiese für Storyboarder, die ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Jinx' Gehirn kämpft mit sich selbst, in etwa so, wie wir schon anteaserten, bei Sméagol und Gollum in Der Herr der Ringe, wobei die Visagen ihrer Freunde und Teufelsgesichter auf ihre Gegner gekritzelt werden, was auch wieder so eine frische visuelle Komponente ist, die vorher kaum jemand genutzt hat. Die Charaktere sind nicht nur deshalb so fesselnd, weil jeder Einzelne von ihnen Perspektiven und praktische Erfahrungen hat, die von seiner Klasse und seinen persönlichen Erfahrungen geprägt sind, sondern man kann eine Kombination von ihnen zusammenstellen und beobachten, wie sie sich miteinander verbinden (oder auch nicht), sich gegenseitig herausfordern und verspotten. Gute zum Bösen wechseln oder umgekehrt, sich das aber vielleicht gar nicht immer so anfühlt, weil man auch mit dem eigentlich Bösen durchaus Empathie fühlt, trotz der Brutalität seiner Armeen. 

Fazit: Eine mitreißende, große, irre bildgewaltige Netflix-Serie 

Was für ein Serien-Debüt für Riot Games! Kaum jemand hätte einem MOBA-Studio wohl zugetraut, eine derart runde Serie abzuliefern, die nicht nur gut aussieht, sondern vor allem stark geschrieben ist.
Vergrößern Was für ein Serien-Debüt für Riot Games! Kaum jemand hätte einem MOBA-Studio wohl zugetraut, eine derart runde Serie abzuliefern, die nicht nur gut aussieht, sondern vor allem stark geschrieben ist.
© Netflix

Arcane kam einfach so, ohne große Ankündigung, ohne große Marketing-Offensive und hat mit voller Wucht eingeschlagen: Every Frame a Painting, hier könnt ihr wirklich überall auf die Pausetaste drücken und habt ein Artwork, das man sich an die Wand hängen könnte. Unglaublich schön und bildgewaltig, aber auch mit einer intelligenten, vielschichtigen Geschichte, die anfangs noch etwas vor sich hintröpfelt, aber dann sehr schnell, richtig krass wird. Wo wir uns durchaus auch mal eine Träne aus dem Augenlid wischen müssen, denn die Figuren wachsen uns ans Herz und es nimmt uns emotional mit, wenn sie dann aus der Show gerissen werden. Wie in einem House of Cards, einem Game of Thrones. Ja, wir sind auch überrascht eine Show zu League of Legends in einem Atemzug mit den zwei besten Serien unserer Zeit zu nennen. Das Drehbuch ist einfach großartig – wenn Antagonisten nicht unbedingt Sympathie hervorrufen, aber doch Empathie. Wir verstehen seine Motive, weil er aus seiner Sicht das Richtige tut. Season 2 wurde bereits angekündigt, muss man gesehen haben.

Wertung: 9.0 

Pro: 

  • Wunderschön animiert: Aus jedem Shot könnte man ein Artwork machen 

  • Smart erzählt: Gut bis sehr gut geschriebene Figuren 

  • Starkes World-Building, das sich organisch entwickelt 

  • Riot Games setzt erstaunlicherweise kein LoL-Wissen voraus 

  • Die Action hat richtig Druck 

  • Nicht nur eine tolle Animationsserie, sondern einfach eine gute Netflix-Show

Contra:  

  • Beginnt etwas klischeehaft (macht aber schnell eine 180-Grad-Umkehr und überrascht immer wieder) 

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