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Wie sich der verurteilte Kartellsünder Microsoft durchmogelt

01.07.2021 | 09:01 Uhr | Stephan Wiesend

Während Google, Apple, Facebook und Amazon immer stärker in Kritik geraten, bleibt Microsoft auffallend unbehelligt – und kündigt eine Waffenruhe mit Google.

Nicht nur in der EU stehen die IT-Giganten Google, Apple, Facebook und Amazon immer stärker unter Beschuss. Auch in den USA gibt es verstärkt Maßnahmen gegen die Marktmacht der Firmen, so hat der Justizausschuss dem Kongress letzte Woche gleich sechs Antimonopol-Gesetze vorgestellt. Der „American Innovation and Choice Online Act“ will etwa verhindern, dass Amazon, Apple und Google ihre eigenen Produkte unter Einsatz ihrer Marktmacht bevorteilen, ein weiteres Ziel ist es, den Aufkauf von Konkurrenten zu beschränken.

Vier im Visier, einer spielt Schach

Wie Jon Swartz von "Marketwatch" berichtet , fragt sich aber mancher, warum das 2-Bilionen-Unternehmen Microsoft von den Gesetzen so wenig betroffen ist. Einige vermuten, dies könne kein Zufall ein. So wunderte sich der Abgeordnete Thomas Massie, warum aus einer früheren Fassung eines Gesetzes aus dem allgemeinen Begriff „Betriebssysteme“ der spezifischer „Mobile Betriebssysteme“ wurde – und nach dieser kleinen Änderung Windows nicht mehr betroffen ist. Auch die Zahl der Nutzer, bis zu denen eine Plattform unter die Beschränkungen fällt, wurde auf 50 Millionen erhöht – wodurch die Konsole-Plattform Xbox nicht mehr belangt wird. Eine Bevorzugung von Microsoft haben die Verfasser bereits dementiert und auch Microsoft hat jede Einflussnahme bestritten. Gegenüber "Marketwatch" sollen Vertreter der vier Konzerne sich aber bereits beschwert haben, Microsoft würde sich in der öffentlichen Diskussion als eine Art „White Knight of Tech“ präsentieren, frei vom wettbewerbsfeindlichen Verhalten seiner Konkurrenten. Andere vermuten, Microsoft habe einfach die bessere Strategie. Wohl nicht zuletzt unter Eindruck der Verfahren in den letzten Jahrzehnten, habe sich Microsoft eine „master chess strategy“ zugelegt, für die Microsofts Präsident Brad Smith steht.

Microsoft würde von neuen Gesetzen profitieren

Microsoft unterstützt etwa den europäischen Digital Markets Act – aber nicht ganz uneigennützig, da Redmond davon profitieren würde. So könnte der Software- und Spieleanbieter Microsoft von der Öffnung des Apple-Stores und Erlaubnis von „Sideloading“ von Apps profitieren, ebenso von Einschränkungen von Google. Auffallend war aber auch, dass Microsoft beim bekannten Verfahren von Epic gegen Apple die Firma Epic stark unterstützte, sich aber im Hintergrund hielt und etwa nicht selbst Apple verklagte.

Dass sich aber die Fronten verhärten, bestätigt ein Bericht von "Bloomberg" : Einen fünfjährigen „Waffenstillstand“ mit Google hat Microsoft gerade nicht mehr verlängert. Vor fünf Jahren hatten Google und Microsoft anscheinend eine Vereinbarung getroffen, nicht gegeneinander zu lobbyieren – was nun auf beiderseitigen Wunsche nicht mehr gilt. Ein Grund dafür waren Differenzen über Googles Werbetechnologie, vor allem im profitablen Cloud-Bereich stehen die Konzerne aber ebenfalls in starker Konkurrenz. Microsoft Azure konkurriert dabei nicht nur mit Google, sondern auch mit Amazon. So führt Amazon gerade mit Microsoft einen Prozess um einem Regierungsauftrag im Wert von 20 Milliarden Dollar, der Microsoft erteilt wurde. Dass der Ton rauer geworden ist, zeigte schon im März ein kritischer Blog-Beitrag von Kent Walker (SVP Global Affairs Google), in dem er Microsoft stark kritisierte und Vorwurf zu seinen alten Praktiken zurückzukehren. Als eine Art Kampfansage wird außerdem gewertet, dass Microsoft gerade angekündigt hat, die Größe seiner Rechtsabteilung um 20 Prozent zu erhöhen – wohl auch um für kommende Kartellprobleme gewappnet zu sein.

 Unsere Meinung

Etwas überraschend ist es schon, dass Microsoft bisher so unbeschadet wegkommt, obwohl es eigentlich immer wieder die gleichen Methoden nutzt:  Slack etwa warf Mitte 2020 Microsoft vor, die Bündelung von Teams mit Office wäre ein Missbrauch von Marktmacht, was an alte Navigator-Vorwürfe erinnert. So sollen die Verkaufszahlen von Slack stark gelitten haben, nachdem Microsoft Teams zu einem Teil von Office 365 machte. Vielleicht mit ein Grund, dass Slack mittlerweile von Salesforce übernommen wurde. Und auch die gerade angekündigte Integration von Teams in Windows 11 zielt wohl auf Video-Chat-Anbieter wie Zoom.

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