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Smartwatch von Facebook: Was haben die denn geraucht?

10.06.2021 | 16:05 Uhr | Halyna Kubiv

Facebook will angeblich im nächsten Jahr eine eigene Smartwatch verkaufen. Der Schritt ist verständlich, das Konzept jedoch fraglich.

Als ich den Bericht von "The Verge" gelesen hatte, spielte kontinuierlich bei mir "Skyfall" von Adele in den Ohren. Ok, dieser konkrete Bond-Song passt nicht zu den älteren Filmen mit Sean Connery und Pierce Brosnan, aber "Skyfall" ist der Bond-Song überhaupt. Denn wenn man von den gemunkelten Funktionen der kommenden Facebook-Watch liest, kann man nicht umhin, an eine der berühmten Multi-Funktionsuhren des britischen Geheimagenten zu denken. Und obendrein könnte man sich die Frage stellen: Was haben die im Silicon Valley eigentlich geraucht?  

"The Verge" behauptet, die Facebook-Uhr wird mit zwei Kameras ausgestattet, die eine davon könne sich noch dazu abnehmen lassen. Eine Kamera auf der Vorderseite sollte primär für Video-Kommunikation dienen, die andere abnehmbare auf der Rückseite mit Autofokus und 1080p-Auflösung – für Video- und Foto-Aufnahmen, die dann auf Instagram & Co. geteilt werden können. Wer jetzt an Motorsäge, Fax und abnehmbare Kampfringe an einer Uhr denkt, der bin ich.

Verstehen Sie mich nicht falsch, der Schritt von Facebook in Richtung Smartwatches ist durchaus nachvollziehbar. Das Unternehmen konnte auf dem Smartphone-Markt nie wirklich Fuß fassen, hängt aber erheblich davon ab, weil alle seinen Apps und die Daten, die Facebook sammelt und daraus Geschäft macht, auf die Smartphones und deren Hersteller angewiesen sind. Der letzte Streit mit Apple hat gezeigt, wie eine kleine Änderung in iOS einen US-Behemoth wie Facebook ins Schwanken bringen kann. Doch irgendwann mal entwickelt sich die Technologie weiter, bereits jetzt ist es absehbar, dass die smarten Uhren richtig viele Smartphone-Funktionen selbstständig erledigen können. Wenn die Zeit reif ist, möchte also Facebook mit einem eigenen Produkt aufwarten.

Dies hat noch einen weiteren Vorteil, dass Facebook die eigene Smartwatch nach Belieben gestalten und kontrollieren kann. Das Unternehmen wird sich keine Sorgen mehr über die nächsten Datenschutz-Initiativen von Apple, Google & Co. machen müssen.

Während Facebooks Wunsch, auf dem Smartwatch-Markt mitzumischen, verständlich ist, erweckt die Form und Vermarktung dieser Uhr nur noch Verwunderung. Ok, die aktuellen Smartwatches haben das Kamera-Problem noch nicht gelöst. Und das müssen sie, wenn die Produktkategorie ernsthaft den Smartphones ihren Platz abstreiten will. Aber eine abnehmbare Kamera am Gehäuse klingt, als ob man neue Probleme mit den Mitteln aus den 70ern lösen will, wo wir schon wieder bei James Bond wären. Wie praktikabel eine solche Lösung ist, wird sich noch zeigen müssen, doch erfahrungsgemäß sind die meisten Nutzer tief im Inneren recht faul und bequem: Je mehr Schritte zu einem Foto benötigt werden, desto seltener wird fotografiert. Smartphones haben nicht zuletzt alles andere vom Foto-Markt weggefegt, weil der nächste immer besser werdende Schnappschuss regelrecht nach einen Wisch auf dem Smartphone-Display zugänglich ist. Die Tendenz hat sich schon lange davor abgezeichnet, als die Smartphone-Fotos noch alle grottig schlecht waren.

Das nächste Problem mit der Facebook-Smartwatch, wenn die denn tatsächlich erscheinen soll, ist deren Vermarktung. Kennen Sie jemanden beim gesunden Verstand, der sich freiwillig eine Smartwatch vom größten Datenkraken überhaupt um das Handgelenk schnallt und seine intimen Daten wie Herzschlag etc. damit teilt? Ich auch nicht. Seit fünf Jahren jagt der eine Datenskandal bei Facebook den anderen. Das ist kein Zufall, sondern die Einstellung der Verantwortlichen: Mit dem Totschlagargument der Meinungsfreiheit redet sich Facebook seit Jahren aus eigener Verantwortung heraus, sodass die Nutzer (oder auch Bots) uneingeschränkt Lügen und Hass verbreiten konnten.

Kurz um, die Nachricht um eine modulare Smartwatch von Facebook ist auf jeden Fall spannend, wird die doch zu denen von Apple und Google im Wettbewerb stehen. Ob sich das Produkt tatsächlich durchsetzen wird, muss man abwarten. Zu abenteuerlich ist das Konzept und zu zweifelhaft die Reputation des Herstellers, als dass man ihm seine Gesundheitsdaten vertrauen kann.

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