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Panther KF51: Leopard-2-Nachfolger mit gefährlicher Schwachstelle – Analyse

04.07.2022 | 08:57 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Rheinmetall hat mit dem "Panther KF51" den möglichen Nachfolger des Leopard 2 vorgestellt. Der Hightech-Kampfpanzer hat aber eine ernste Schwäche, die zur Todesfalle für die Besatzung werden könnte: einen bemannten Panzerturm. Wir erklären dessen Stärken und Schwächen. Update: Video stellt den KF51 ausführlich vor.

Vor wenigen Tagen hat der deutsche Rüstungskonzern Rheinmetall den Prototyp eines neuen Kampfpanzers vorgestellt . Dieses als "Panther KF51" bezeichnete Ungetüm könnte der Nachfolger des Leopard 2 werden, sofern sich nicht ein anderer Hersteller mit seinem Modell bei der Ausschreibung für die Leopard-2-Nachfolge durchsetzt. Denn beispielsweise entwickelt auch KNDS, das aus der deutschen Panzerschmiede Krauss-Maffei-Wegmann (KMW) und dem französischen Konkurrenten Nexter hervorging, einen Nachfolger für den Leopard 2. Doch jetzt hat erstmal Rheinmetall vorgelegt und damit den bisherigen Kooperationspartner KMW düpiert.


Hightech-Panzer mit starker Kanone: Durchsetzungsfähig

Der "Panther KF51" steckt voller modernster Technik. Als Bewaffnung besitzt er eine 130-mm-Kanone ("130 mm Future Gun System FGS") mit modernster Zielerfassungstechnik. Beim Leopard 2 ist noch eine 120-mm-Kanone verbaut und bei dessen Vorgänger Leopard 1 war es eine britische 105-mm-Kanone. Rheinmetall verspricht eine um 50 Prozent höhere Reichweite gegenüber der 120-mm-Kanone. Ein 12,7-mm Koaxial-Maschinengewehr ergänzt das Hauptwaffensystem. Der neue Panzer kann auch "HERO 120 Loitering-Munition" steuern, die sich mehr oder weniger selbstständig ihre Ziele außerhalb der direkten Sichtlinie sucht.

Die Bordkanone wird zudem erstmals bei einem deutschen Panzer von einer Ladeautomatik beladen. Damit entfällt der Ladeschütze, der bisher immer zur 4-Mann-Besatzung deutscher Panzer gehörte. Der dadurch frei werdende Platz kann aber durch einen weiteren Soldaten eingenommen werden, der als Waffen- oder Subsystemexperte den Kommandanten entlasten soll. Das Panzermuseum Munster lobt diese Entscheidung, weil sie zu mehr Übersicht im Kampfeinsatz führen dürfte.


Software und Vernetzung: Auf dem modernsten Stand

Zudem packt Rheinmetall den KF51 mit Elektronik nach dem NGVA-Standard voll und der Panzer ist vollständig vernetzt. Die vollständig digitalisierte Architektur mit den Zieloptiken und dem Feuerleitrechner soll nahtlose Zielbekämpfung und künftige KI-Entscheidungsunterstützung ermöglichen. Rheinmetall schreibt weiter: " Der Panther ist ein wirklich softwaredefinierter Panzer, der vollständig in der Lage ist, Informationen auf dem Multidomain Gefechtsfeld zu sammeln, zu verarbeiten und zu verteilen. Die Integration moderner BMS- und softwaredefinierter Kommunikationssysteme ermöglicht es den Streitkräften, in kollaborativen Kampfumgebungen zu operieren, z. B. in plattformübergreifenden Sensor-Shooter Netzwerken.

Der Panther ist so ausgelegt, dass er zugewiesene unbemannte Luftfahrzeuge wie Onboard- oder Offboard-Drohnen, Loitering Munition und eine Reihe von unbemannten Bodenfahrzeugen steuern kann.

Das vollständig digitalisierte System und die gemeinsamen Bedienerstationen ermöglichen ein echtes Mensch-Maschine-Teaming und die Steuerung von unbemannten Systemen, die Fähigkeiten wie Flugabwehr- und Drohnenabwehr auf Zugebene abdecken.

Die vollständig digitalisierte NGVA-Architektur ermöglicht eine nahtlose Integration von Sensoren und Effektoren sowohl innerhalb der Plattform als auch plattformübergreifend. Sensor- und Waffenkontrollaufgaben können sofort zwischen Besatzungsmitgliedern weitergegeben werden. Jeder Bedienerplatz kann Aufgaben und Rollen von anderen übernehmen, ohne dass die Funktionalität eingeschränkt wird ." Wichtig ist dann aber dieser Satz, der wirklich nach Zukunft klingt: " Da die Steuerung des Turms und der Waffen auch an den fahrgestellbasierten Bedienerplätzen erfolgen kann, sind für die Zukunft auch unbemannte Türme und ferngesteuerte Panther geplant. "

Update 4.7.2022: Das folgende Video stellt den KF51 ausführlicher vor. Zwar verwenden die Videomacher das werbige Bildmaterial von Rheinmetall, doch der Begleitext im Video ist neutral-kritisch. Auf die Problematik des bemannten Turms geht das Video zwar nicht ein, doch davon abgesehen bietet das Video tatsächlich eine brauchbare Einschätzung im Rahmen des derzeit Bekannten:


Schutzkonzept: Alles dran und drin, was es gibt

Zum Schutz gegen Panzerabwehrwaffen soll der KF51 "ein integriertes Überlebenskonzept mit Sensoren an und außerhalb der Plattform sowie mit aktiven, reaktiven und passiven Schutztechnologien sowie mit einem speziellen Schutzsystem gegen Angriffe von oben (Top Attack)“ besitzen. Darunter sind Softkill- und Hardkillsystem sowie Reaktivpanzerung zu verstehen. Außerdem ist das Schnellnebelschutzsystem ROSY vorhanden. Mehrere Optionen für die Integration einer ferngesteuerten Waffenstation (RCWS) sorgen für Flexibilität bei der Nahverteidigung und Drohnenabwehr, wie Rheinmetall meint.

Panther KF51: Rheinmetall zeigt Nachfolger des Leopard 2 - mit grotesker Schwachstelle?
Vergrößern Panther KF51: Rheinmetall zeigt Nachfolger des Leopard 2 - mit grotesker Schwachstelle?
© Rheinmetall

Soweit die Beschreibung von Rheinmetall. Diese wurde von vielen Medien aufgenommen und dementsprechend ist vielfach davon zu lesen, dass der Panther KF 51 Putins T-14 Armata auf Abstand halten soll. Auch auf Facebook und Twitter jubelt die mit Testosteron aufgeladene Fangemeinde über den neuen Panzer. Doch auf einen wesentlichen Schwachpunkt des KF51 geht niemand ein.


Todesfalle: klassisch bemannter Turm

Denn von den drei Mann Besatzung befinden sich zwei Soldaten klassisch im Turm: Kommandant und Richtschütze, wie Rheinmetall hier erklärt. Nur der Fahrer und der optionale vierte Soldat – der Waffenexperte, vielleicht aber auch ein Kompaniechef oder ein Drohnenbediener etc. – befinden sich in der Wanne. Der KF51 hat in der aktuellen Version also immer zwei Mann im Turm und einen Mann in der Wanne.

Dieses Konzept eines bemannten Turmes gilt mittlerweile als durchaus umstritten, so hat der renommierte Panzerexperte Rolf Hilmes die Schwächen des bemannten Turmpanzers schon vor Jahren erklärt . Denn wie soll das Überleben der Besatzung im Turm gewährleistet werden – zuverlässig auch dann, wenn die oben erwähnten Hardkill-Systeme ausfallen/versagen/überfordert sind?  

Es ist extrem aufwändig einen Turm so zu konstruieren, dass er seine Insassen einigermaßen gegen Volltreffer schützen kann. Ein solcher Turm muss massiv gepanzert werden, dadurch wird der Panzer sehr schwer und sehr hoch – und lässt sich dann leichter im Gelände aufklären und bekämpfen. Zudem macht ein so hohes Gewicht den Panzer weniger agil, gerade beim wichtigen Sprint aus einer gedeckten Stellung. Der neue KF51 wiegt mit 59 Tonnen dann auch nur wenige Tonnen weniger als der aktuelle Leopard 2 A7V mit knapp 64 Tonnen.

Scheitellafettenpanzer.
Vergrößern Scheitellafettenpanzer.
© Panzermuseum Munster/Rolf Hilmes

Deshalb geht die Entwicklung immer mehr in Richtung unbemannte Türme, die samt Ladeautomat und Munition von der Besatzung im Mannschaftsraum vollständig getrennt sind. Solche unbemannten Türme sind kleiner, wiegen weniger und sie gefährden nicht mehr die Insassen. Der Schützenpanzer Puma, der bei der Bundeswehr den Marder ersetzen soll, hat bereits einen Turm ohne Besatzung; die Erfahrung für eine solche Entwicklung ist also da, wenn auch in kleineren Dimensionen.

Wird bei so einem unbemannten Turm die Panzerung durchschlagen, dann kann die Wucht der explodierenden Munition über "Sollbruchstellen" (Blow-Out-Panels, siehe unten) nach außen abgeleitet werden. Die gesamte Besatzung – gerne mit einem zusätzlichen Mann zur Entlastung des Kommandanten – findet dagegen tief in der Wanne hinter dicken Wänden aus gehärtetem Stahl geschützt Platz; also grob gesagt so wie beim russischen T-14 Armata.

Angesichts moderner Panzervernichtungssystems – wie Javelin, NLAW und den immer leistungsfähigeren Drohnen – dürfte ein bemannter Turm dagegen oft eine tödliche Falle für die Besatzung werden. Der aktuelle Krieg in der Ukraine liefert reihenweise Bilder von russischen oder ukrainischen Panzer, deren Turm abgesprengt wurde, weil die für den Ladeautomaten im Ladekarussell unterhalb des Turms gelagerte Munition durch einen Treffer zur Explosion gebracht wurde. Und wie lange muss die Besatzung des KF51 kurbeln, um den riesigen Turm bei kaputter Elektronik von Hand zu drehen?


Blow-Out-Panels: Keine Garantie zum Überleben

Verfechter des bemannten Turms verweisen darauf, dass bei modernen westlichen Kampfpanzern wie dem Leopard 2 (nicht aber in dessen Vorgänger Leopard 1) oder dem US-amerikanischen M1 Abrams so genannte Blow-Out-Panels sowie Schutzwände zwischen Turminnenraum und Munitionsvorrat dafür sorgen sollen, dass bei einem Treffer in den Munitionsvorrat (im Munitionsbunker im hinteren Teil des Turms bei Leopard 2 und M1 Abrams) die Explosion nach außen gehen soll und nicht in den Turm hinein. Das soll das Überleben der Turmbesatzung ermöglichen.

Doch diese Blow-Out-Panels und die Trennwände garantieren keineswegs das Überleben , sondern versuchen eben nur das Risiko zu reduzieren, dass die Wucht der explodierenden Munition ins Innere des Turms geht.

In dem Moment, in dem die Tür zum Munitionsbunker offen ist ( sehr schön in diesem Video zu sehen ), weil der Ladeschütze gerade ein Geschoss aus dem Munitionsbunker holt, sind diese Trennwände sowie die Blow-Out-Panels ohnehin wirkungslos.

Doch selbst wenn die Tür zum Munitionsbunker geschlossen ist, bietet sie weniger Schutz als eine durchgehende feste Wand aus gehärtetem Stahl. Die Blow-Out-Panels und die Trennwand zum Munitionsbunker beim Leo 2 sind sicherlich eine Verbesserung gegenüber dem Leo 1 (wo die Munition noch munter rund um den Ladeschützen gelagert wurde) und der älteren Kampfpanzer-Generation, aber eben keine grundsätzliche Lösung des Problems, dass die Besatzung in einem Turm in unmittelbarer Nähe zur Munition relativ stark gefährdet ist.

In jedem Fall ist es für die Besatzung sicherer einige Meter entfernt von der Munition tief unten in der Wanne und durch dicke Stahlwände getrennt von der Munition zu sitzen.


Turmbesatzung kann Mängel und Ladehemmung zwar leichter beheben, aber…

Ein Leser verteidigte das Prinzip des bemannten Turms mit einem durchaus plausiblen Argument: Akute Mängel im Turm können natürlich leichter behoben werden können, wenn sich darin eine Besatzung befindet. Oder wie es der Leser formulierte: "Militärisches Gerät wird im Einsatz beschädigt. Bei einem unbemannten Turm bedeutet der Ausfall vom Strom oder auch nur eine beschädigte Komponente wie z.b. das Schützensichtgerät eine völlige Wehrlosigkeit. Beim Spz Puma wurde extrem aufwändig, sperrig und teuer ein optischer Kanal vom Turm bis zum Schützenplatz eingesetzt, um im Zweifelsfall darüber zielen zu können. Das ist bei einem Kampfpanzer aufgrund der mittig platzierten Kanone noch aufwändiger…. Ein weiteren Punkt ist das Nachladen, z.b. des Coax Mgs, oder das beheben von Störungen an den Turmwaffen. Bei einem umbemannten Turm erfordert dies in der Regel einen unerwünschten Ausseneinsatz". Hat also beispielsweise das Koaxial-MG (also das im Turm parallel zur Bordkanone vorhandene Maschinengewehr) des Leopard Ladehemmung, dann ist es natürlich gut, wenn der Ladeschütze direkt dahinter steht.

Aber die Technik wird ja auch immer robuster und sollte selbst unter Feindbeschuss immer länger halten. Die deutlich gesteigerte Lebensdauer von Motor und Seitenvorlege beim Panzer in der Zeit vom zweiten Weltkrieg bis heute ist ein gutes Beispiel dafür. Und der erwähnte Puma ist ein – hoffentlich – gutes Beispiel, wie man aus Fehlern lernt. Das sollte sich also technisch lösen lassen. Zur Not muss der Panzer halt in eine Deckung zurück fahren und dort jemand von außen das Problem an der Turmtechnik beheben. Das mag aus taktischer Sicht ärgerlich sein, ist aber immer noch besser als eine tote Besatzung. Alles ist besser als der Tod.


Besserer Überblick vs. höhere Überlebens-Chancen

Befürworter des Konzepts eines bemannten Turms argumentieren, dass die Panzerbesatzung vom Turm aus einen besseren Überblick über das Kampfgeschehen habe. Das ist grundsätzlich zwar richtig. Doch im Zeitalter leistungsfähiger Kameras (inklusive Wärmebildgeräten) und Displays sollten sich der bisher übliche direkte Blick durch Winkelspiegel, Sehschlitze oder direkt aus der Luke heraus, wohl problemlos durch den indirekten Blick durch viele Rundumkameras ersetzen lassen. Denn die Erfahrung aus dem zweiten Weltkrieg und nachfolgenden Konflikten mit großen Panzerschlachten, wie dem Jom-Kippur-Krieg, zeigt eben auch, wie verletzbar Panzersoldaten im Turm sind, insbesondere wenn sie aus dem Turm heraus beobachten. Mit einer oder mehreren zerschossenen Kameras dürfte jede Besatzung leben können, nicht aber mit Kameraden, denen der Kopf oder die Augen weggeschossen wurden.


Moral der Panzerbesatzung steigt durch unbemannten Turm

Ein Schutzkonzept, das das Überleben der Panzerbesatzung in den Fokus rückt, hebt zudem die Moral und Kampfbereitschaft der Panzerbesatzung. Wenn die Besatzung eines Kampfpanzers davon ausgehen kann, dass sie mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sogar einen Turmvolltreffer überleben kann, steigert das die Aggressivität und Einsatzbereitschaft des Panzers.


Rheinmetall denkt bereits weiter

Rheinmetall scheint sich derr Schwäche des bemannten Turms durchaus bewusst zu sein und weist ausdrücklich darauf hin, dass der Turm auch einmal unbemannt bedient werden könnte: "Da die Steuerung des Turms und der Waffen auch an den fahrgestellbasierten Bedienerplätzen erfolgen kann, sind für die Zukunft auch unbemannte Türme und ferngesteuerte Panther geplant."

Immerhin positiv: Deutschland kann anscheinend auch ohne Frankreich noch Panzer entwickeln. Jetzt muss der KF51 nur noch ein wirklich zukunftsfähiges Schutzkonzept für den Turm bekommen.

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