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Münchens Ex-OB: Ballmer sprang durchs Büro wegen Wechsel zu Linux

12.11.2019 | 15:22 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Münchens Ex-OB Christian Ude plaudert aus dem Nähkästchen: Als München von Windows zu Linux wechselte, sprang Steve Ballmer durch Udes Büro. Bill Gates saß fassungslos im Auto mit Ude. Und ausgerechnet eine Grüne war dann plötzlich für die Rückkehr zum Monopolisten.

München war einmal IT-Pionier: Als die Bayerische Landeshauptstadt ab 2003 mit dem Projekt Limux ihre Rechner von Windows auf Linux umstellte und damit Microsoft die Rote Karte zeigte. Doch das ist lange her, München wechselt(e) zurück zu Windows und Microsoft hat bereits vor einigen Jahren seine deutsche Unternehmenszentrale nach München verlegt. Jetzt erzählt Christian Ude, damals Oberbürgermeister von München, in einem Interview mit dem Linux-Magazin, wie Microsoft mit aller Macht versuchte den Umstieg auf Linux zu verhindern.

Mindestens 14.000 PCs in der Münchner Verwaltung mussten ab 2003 von Windows auf Linux umgezogen werden. Denn Microsoft hatte den Support für Windows NT eingestellt und München wäre damit gezwungen gewesen auf eine neue kostenpflichtige Lizenz für eine modernere Windows-Version zu wechseln, um weiterhin Support und Sicherheits-Updates zu bekommen. Ude ärgerte sich darüber, dass Microsoft München faktisch zu kostenpflichtigen Upgrade zwingen wollte. Obwohl München gar nicht wechseln wollte. Ude sah in der Vorgehensweise des Quasi-Monopolisten einen „skandalösen Umgang mit der Kundschaft“ – das würden seinen Worten zufolge mit einigem zeitlichen Abstand sogar Microsoft-Repräsentanten mittlerweile zugeben. Ude wirft Microsoft zudem „Machtmissbrauch“ und eine „Friss oder stirb“-Politik vor. Das wollte der resolute OB, der in München damals überaus beliebt war, nicht akzeptieren. Ude zog also die Box-Handschuhe an und die Münchner Verwaltung machte sich an den Umstieg auf Limux. Um unabhängig von einem Monopolisten zu werden und die Datensicherheit zu gewährleisten. Finanzielle Überlegungen spielten laut Ude dagegen weniger eine Rolle.

Das rief den damaligen Microsoft-CEO Steve Ballmer auf den Plan. Er unterbrach seinen Ski-Urlaub in der Schweiz und flog eigens nach München, um Ude umzustimmen. Ballmer sprang Ude zufolge in dessen Amtszimmer herum, pries die Schönheit Münchens – und senkte mehrmals die Kosten für den Umstieg. Um 35 Prozent war das letzte Angebot Ballmers schließlich günstiger geworden – doch Ude blieb hart.

Daran konnte auch Bill Gates nichts ändern, der ebenfalls mit Ude während einer Autofahrt zum Flughafen sprach. Gates verstand Udes Wunsch nach Unabhängigkeit offensichtlich überhaupt nicht und war fassungslos.

Zur Rückwärtsrolle, die ausgerechnet Udes Parteigenosse und Nachfolger als OB Dieter Reiter durchführte, äußert sich Ude ebenfalls. Demnach war es überraschenderweise die damalige OB-Kandidatin der Grünen, die zurück zum Monopolisten wollte. Die Grünen folgte ihrer OB-Kandidatin allerdings nicht und hielten Limux die Treue. Nicht so Reiter: Er trieb als neuer Oberbürgermeister von München zusammen mit seinem Koalitionspartner CSU (die bereits 2003 gegen Linux und für Windows war) die Rückkehr zu Windows voran. Datensicherheit und Unabhängigkeit spielten plötzlich keine Rolle mehr, so Ude. Von den Kosten ganz zu schweigen.

Ude bringt am Schluss des Interviews noch einen wichtigen Hinweis dazu, wieso einige Nutzer in der Münchner Verwaltung mit ihren Arbeitsplatzrechnern unzufrieden waren: München hatte nämlich zunächst einmal nur die Software ersetzt, aber viele Mitarbeiter mussten nach wie vor mit alter Hardware arbeiten. Vielleicht wäre der Unmut vieler Mitarbeiter viel geringer gewesen oder sogar ganz verschwunden, wenn diese vor schnelleren, nagelneuen Linux-Rechnern gesessen wären und nicht vor uralten PCs, auf denen nun Linux statt Windows lief. Denn das führte dazu, dass Unzulänglichkeiten der Hardware dem Linux-Betriebssystem angelastet wurden…

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