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Mercedes-Fahrer darf Mails lesen und Film anschauen während der Fahrt

09.12.2021 | 15:45 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Mercedes-Benz verkauft ab 2022 Fahrzeuge, in denen der Fahrer Mails checken, online einkaufen oder einen Film anschauen darf, während das Auto über die Autobahn fährt. Die Details und Grenzen des Systems für das hochautomatisierte Fahren.

Das Kraftfahrt-Bundesamt hat am 2. Dezember 2021 die laut eigenen Angaben „weltweit erste Typgenehmigung im Bereich des automatisierten Fahrens für ein automatisches Spurhaltesystem (Automated Lane Keeping System – ALKS) für ein Modell des Herstellers Mercedes-Benz erteilt“. Grundlage dafür sei die UN-Regelung Nr. 157, die international harmonisierte Sicherheitsanforderungen an automatisierte Spurhaltesysteme definiere. „Diese vom KBA erteilte Typgenehmigung zum automatisierten Fahren ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zur Automatisierung", wie Richard Damm, Präsident des KBA anlässlich der Erteilung sagt.

Hochautomatisiertes Fahren nach Level 3

Das automatische Spurhaltesystem - ALKS - ist dem Automatisierungsgrad „Level 3“ zuzuordnen. Der SAE-Level 3 ist folgendermaßen definiert: „Die automatisierte Fahrfunktion übernimmt bestimmte Fahraufgaben. Dennoch ist weiterhin ein Fahrer notwendig. Der Fahrer muss jederzeit bereit sein, die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen, wenn er durch das Fahrzeug zum Eingriff aufgefordert wird.“

Wie man sich dieses hochautomatisierte Fahren vorstellen muss, zeigt dieses PC-WELT-Video: BMW demonstriert hochautomatisiertes Fahren.

Hände weg vom Lenkrad und sich auf der Autobahn entspannt zurücklehnen. An genau dieser Technologie, dem sogenannten hochautomatisierten Fahren, forscht derzeit BMW. Wie weit diese Forschung bereits ist, haben wir uns auf einer Testfahrt über die A9 und die A92 zum Münchner Flughafen angeschaut. Die Technik übernahm auf dieser Strecke komplett das Ruder, fuhr eigenständig geradeaus, überholte und brachte uns sicher ans Ziel. Einen genauen Einblick in die Technik des hochautomatisierten Fahrens bekommen Sie in diesem Video.

Es handelt sich dabei also um einen automatisierten Modus, bei dem der Fahrer das System nicht dauernd überwachen muss - mit einem komplett autonomen Fahrzeug hat das also noch nichts zu tun, es ist aber ein Schritt in diese Richtung.

Die UN-Regelung Nr. 157 begrenzt die Nutzung von ALKS in ihrer derzeitigen Form noch auf Autobahn ähnlichen Straßen bis zu einer Geschwindigkeit von 60 km/h, wie das Kraftfahrt-Bundesamt erläutert. Unter dieser Voraussetzung kann der Fahrer laut Kraftfahrt-Bundesamt bei eingeschalteter ALKS-Funktion fahrfremde Tätigkeiten ausüben. Der Fahrer muss jedoch jederzeit bereit sein, die Fahrzeugführung nach einer entsprechenden Übernahmeaufforderung wieder zu übernehmen.

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So funktioniert Drive Pilot

Auf geeigneten Autobahnabschnitten und bei hohem Verkehrsaufkommen übernimmt der Drive Pilot die Fahraufgabe zunächst bis zu den gesetzlich erlaubten 60 km/h. Die Bedien­elemente dafür sitzen im Lenkradkranz oberhalb der Daumenmulden rechts und links. Aktiviert der Fahrer den Drive Pilot, dann regelt das System Geschwindigkeit und Abstand und führt das Fahrzeug innerhalb der Spur. Streckenverlauf, auftretende Streckenereignisse und Verkehrszeichen soll das System auswerten und berücksichtigen. Das System soll auch auf unerwartet auftretende Verkehrssituationen reagieren und diese eigenständig bewältigen, z.B. durch Ausweichmanöver innerhalb der Spur oder durch Bremsmanöver, wie Daimler verspricht.

Die Bedienelemente für den Drive Pilot sitzen im Lenkradkranz oberhalb der Daumenmulden rechts und links. Aktiviert der Fahrer den Drive Pilot, regelt das System Geschwindigkeit und Abstand und führt das Fahrzeug innerhalb der Spur.
Vergrößern Die Bedienelemente für den Drive Pilot sitzen im Lenkradkranz oberhalb der Daumenmulden rechts und links. Aktiviert der Fahrer den Drive Pilot, regelt das System Geschwindigkeit und Abstand und führt das Fahrzeug innerhalb der Spur.
© Daimler

Mercedes-Benz nennt als konkrete Tätigkeiten, die der Fahrer bei aktivem Drive Pilot machen kann:

  • Onlineshopping

  • im In‑Car-Office E-Mails bearbeiten

  • Im Internet surfen

  • einen Film anschauen.

Welche Nebentätigkeiten des Fahrers gesetzlich zulässig sind, hängt von den jeweiligen nationalen Straßenverkehrsvorschriften ab. Im Drive-Pilot-Modus können auf dem im Fahrzeug integrierten Zentraldisplay Anwendungen freigegeben werden, die sonst während der Fahrt gesperrt sind.

Falls der Fahrer ausfällt

Falls der Fahrer ausfällt, während der Drive Pilot aktiv ist, passiert laut Daimler folgendes: "Übernimmt der Fahrer, z.B. wegen eines akuten gesundheitlichen Problems, die Fahrzeugsteuerung auch nach eskalierter Übernahmeaufforderung und Ablauf der Übernahmezeit nicht, so bremst das System das Fahrzeug im Rahmen eines Sicherheitsstopps kontrolliert und mit angemessener Verzögerung bis in den Stillstand ab. Zugleich werden das Warnblinklicht und im Stand das Mercedes-Benz Notrufsystem aktiviert und die Türen und Fenster entriegelt, um Ersthelfern den Weg in das Fahrzeug zu erleichtern."

Technische Ausstattung

Der Drive Pilot baut auf der Umfeldsensorik des Fahrassistenz-Pakets auf und umfasst zusätzliche Sensoren, die Mercedes-Benz unerlässlich für sicheres hochautomatisiertes Fahren hält. Dazu gehören LiDAR sowie eine Kamera in der Heckscheibe und Mikrofone, insbesondere zum Erkennen von Blaulicht und anderen Sondersignalen von Einsatzfahrzeugen, sowie ein Nässesensor im Radkasten. Ergänzend zu den Sensordaten erhält Drive Pilot Informationen zu Straßengeometrie, Streckeneigenschaften, Verkehrszeichen sowie besonderen Verkehrsereignissen (z.B. Unfällen oder Baustellen) von einer HD-Karte. Diese wird über eine Backend-Anbindung zur Verfügung gestellt und aktualisiert. Weiterhin verfügt die S-Klasse mit der Sonderausstattung Drive Pilot über redundante Lenk- und Bremssysteme sowie ein redundantes Bordnetz, um auch beim Ausfall eines dieser Systeme manövrierfähig zu bleiben und eine sichere Übergabe an den Fahrer zu gewährleisten.

Drive Pilot in der S-Klasse: Sensor Technologie und Redundanz.
Vergrößern Drive Pilot in der S-Klasse: Sensor Technologie und Redundanz.
© Daimler

Ein leistungsstarkes Zentralsteuergerät berechnet alles. Wichtige Algorithmen werden redundant gerechnet, so Daimler.

Verfügbarkeit und Preis

Mercedes-Benz will diesen Drive Pilot noch in der ersten Jahreshälfte 2022 für die S-Klasse anbieten. Die Fahrer können dann zum Beispiel „bei hohem Verkehrsaufkommen oder in Stausituationen auf geeigneten Autobahnabschnitten in Deutschland bis 60 km/h hochautomatisiert fahren“. In Deutschland ist das zum Start auf 13.191 Autobahnkilometern möglich. In den USA und in China laufen noch die Tests, dort steht der Drive Pilot also noch nicht zur Verfügung.

Für den elektrischen EQS gilt die Zulassung ebenfalls, Daimler sagt aber nicht, wann der Drive Pilot dafür erhältlich sei wird. Zum Preis schweigt Daimler ebenfalls.

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