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Kommentar: Nein, Rezo hat nicht die Presse zerstört

02.06.2020 | 16:57 Uhr | Panagiotis Kolokythas

Rezos „Die Zerstörung der Presse“ ist mehr als nur eine Medienschelte. Deshalb empfehle ich Ihnen das Ansehen des Clips.

Ein Kommentar von Panagiotis Kolokythas, PC-WELT

Rezo hat wieder zugeschlagen, auf „Die Zerstörung der CDU“ vor knapp einem Jahr folgt nun sein Video „Die Zerstörung der Presse“. Doch wer das Video allein auf den Titel des Videos reduziert, der tut nicht nur Rezo unrecht, sondern auch der deutschen, vielfältigen Medienlandschaft. Und er hat wohl nicht verstanden, was Rezo mit seinem neuen Video bezwecken wollte.

Über 1,36 Millionen Abonnenten hat Rezo und über 1,5 Millionen Youtube-Nutzer haben sich seinen Clip „Die Zerstörung der Presse“ bisher angesehen (das Video sehen Sie oben in diesem Beitrag). In knapp 60 Minuten übt Rezo Medienkritik der feinsten Art: Hervorragend recherchiert, minutiös belegt und unterhaltsam präsentiert. Ganz so wie man es von einem Youtube-Star erwartet, der abseits von eher seichten Inhalten auch immer mal wieder den Finger in die Wunde bohrt, wenn er das Gefühl hat, das etwas gewaltig falsch läuft. Dann will er sein jugendliches Publikum anregen, über unsere Gesellschaft nachzudenken und vielleicht auch ihr Verhalten und vor allem ihre Haltung ins Positive zu verändern. 

Die Kritik an der Presse kann weh tun, wie auch die fühlbar angefressene Reaktion des Bild-Chefs auf Twitter beweist. Dabei muss ich nicht Bildblog.de und Uebermedien lesen, um der Bild-"Zeitung" Hetz- und Kampagnen-Journalismus vorwerfen zu können.

Kritik tut vor allem dann weh, wenn sie sogar noch berechtigt ist, wie Rezo ja in dem Clip in den vielen seiner genannten Beispiele belegt. Wie etwa das Millionengeschäft, dass hinter den erfundenen Lügengeschichten der Klatschpresse steckt. Aber die Kritik bezieht sich nun mal nicht nur gegen "Bild" & Co. Und daher fordert Rezo zu Recht, dass die Medienbranche sich selbst einmal kritisch im Spiegel betrachten sollte. Aber ebenso schlimm ist es, aufgrund des Videos die gesamte Presse und deren Funktion über einen Kamm zu scheren. Die Presse ist so vielfältig wie die Themenvielfalt von Youtube-Videos. 

Ja - auch die Medien in Deutschland machen Fehler, was ja auch Rezo in dem Clip eingesteht. Menschen machen Fehler und in Medien arbeiten nun mal Menschen. Aber Rezo kritisiert nicht die menschlichen Fehler, sondern zurecht die auffällige Häufung eher handwerklicher Fehler wie mangelnde Recherche sowie Behauptungen und Zitate ohne Quellenangabe. Jede Information, die egal über welches Medium verbreitet wird, ist der Wahrheit verpflichtet. Natürlich haben auch Journalisten ihre Meinung zu ihren Spezialgebieten und dürfen und müssen sie sogar teilen dürfen. Auch das gilt der Bildung einer Meinungsvielfalt.

Keine Generalabrechnung, sondern eine Chance

Aber das Rezo-Video ist keine Generalabrechnung mit den Medien. Ganz im Gegenteil, es bietet die Chance, den Erstellern und Konsumenten von Medienerzeugnissen kurz inne zuhalten und ihr Verhalten zu reflektieren.

Meine Bitte daher: Ja, schauen Sie sich das Video „Die Zerstörung der Presse“ von Rezo an. Schließen Sie daraus aber bitte nicht die falschen Schlüsse. Die deutsche Medienlandschaft genießt zurecht einen hervorragenden Ruf und hat mehrfach in der demokratischen Geschichte der Bundesrepublik ihre Eignung als systemrelevante vierte Gewalt in Deutschland unter Beweis gestellt. Hier und da wird das Bild natürlich von schwarzen Flecken getrübt. Aber es gibt in Deutschland eine ganze Schar an Journalisten, die ihre Arbeit ernst nehmen und die von ihren Verlagen auch entsprechend unterstützt und gefördert werden.

Sehen wir das Video von Rezo dagegen als Anstoß, um mal verstärkt über unseren Medienkonsum nachzudenken. Für mich komme ich beispielsweise zu diesen Schlussfolgerungen nach dem Rezo-Video:

* Welche und wie viele Quellen muss man nutzen, um sich tagtäglich mit guten Informationen zu versorgen, damit man sich schließlich eine fundierte Meinung bilden kann?

* Setzen wir uns stark genug gegen alle Verbreiter von Falschmeldungen, Sensationsmeldungen und Verschwörungsideologen ein?

* Belohnen wir die Medien ausreichend, die mit harter, ehrlicher und solider Arbeit, immer schlussendlich unter Einhaltung der wichtigsten journalistischen Grundprinzipien ihrer Leserschaft treu bleiben?

* Geben die Medien ihren Mitarbeitern genügend Zeit und letztendlich auch Geld, um ihre Geschichten richtig durch recherchiert zu schreiben?

Nein, Rezo will nicht die Presse zerstören. Er will sie (wieder) besser machen. Und wir alle können dafür einen Beitrag leisten.

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