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Gangster-Rechenzentrum im Ex-Bundeswehrbunker: Anklage erhoben

08.04.2020 | 10:12 Uhr | Hans-Christian Dirscherl

Die Generalstaatsanwaltschaft Koblenz hat Anklage gegen die acht mutmaßlichen Betreiber des Cyberbunkers in Rheinland-Pfalz erhoben. Die Anklagten betrieben in einem ehemaligen Bundeswehr-Bunker ein beispielloses Rechenzentrum für Verbrechen unterschiedlichster Art.

Die Landeszentralstelle Cybercrime (LZC) der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz hat vor dem Landgericht Trier Anklage gegen die acht vermutlichen Betreiber des Cyberbunkers in Traben-Trarbach erhoben. In dem ehemaligen Nato-/Bundeswehr-Bunker hatten die acht angeklagten Tatverdächtigen die Server für ein riesiges Darknet-Rechenzentrum betrieben.

Bei den Angeklagten handelt es sich um vier Niederländer im Alter von 25, 33, 50 und 60 Jahren und um drei Deutsche im Alter von 20, 24 und 52 Jahren sowie um einen 39 Jahre alten Bulgaren. Sieben der Angeschuldigten wurden am 26.09.2019 festgenommen. Sie befinden sich seitdem in Untersuchungshaft. Der 20-jährige deutsche Angeschuldigte ist auf freiem Fuß.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Folgendes vor: „Der 60-jährige Niederländer erwarb im Jahr 2013 über eine von ihm gegründete niederländische Stiftung einen von der Bundeswehr genutzten erdversenkten Bunker nebst ausgedehnten überirdischen Gebäuden in Traben-Trarbach. In dem Bunker betrieb er ab dem 25.06.2013 gemeinsam mit der 52-jährigen Deutschen und den zwei 25 und 33 Jahre alten Niederländern ein Rechenzentrum für illegale Zwecke, einen sogenannten Bulletproof-Host. Gegenstand des Geschäftsbetriebs war, den Kunden des ‚Cyberbunkers‘ gegen Entgelt für deren illegale Internetaktivitäten (z.B. Drogenmärkte im Darknet oder Botnetze) ein vor dem Zugriff von Strafverfolgungsbehörden sicheres Datenzentrum zur Verfügung zu stellen. Die weiteren Angeschuldigten stießen im Frühjahr 2014 bzw. Anfang 2018 zu der Tätergruppe.“

Die Zuständigkeiten unter den Angeklagten waren demnach klar verteilt, wie die Staatsanwaltschaft ausführt: “Der 60-jährige Niederländer war der Kopf der Gruppe, der alle geschäftlichen Entscheidungen traf. Der 50-jährige Niederländer fungierte als eine Art Manager, der für die Verteilung der Arbeitsaufgaben unter den übrigen Mitarbeitern zuständig war. Der 52-jährigen Deutschen oblag die Buchhaltung und die Kontrolle des Zahlungsverkehrs mit den Kunden. Die übrigen Angeschuldigten waren als Administratoren tätig, sorgten für die Abwicklung der Kundenaufträge in technischer Hinsicht und hielten die IT-Infrastruktur aufrecht.“

Die Anklage lautet auf „Gründung und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung“ sowie auf Beihilfe zu Straftaten wie Drogenhandel und dem Verkauf von „Betäubungsmitteln, gefälschten Dokumenten, Malware, illegal erlangten Zugangsdaten zu Packstationen, Paypal-Konten sowie illegal erlangten Kreditkarten.“ Zu den gehosteten Darknet-Marktplätzen gehörten „Cannabis Road“, „Flugsvamp“ und „Wall Street Market“ sowie das Underground-Economy-Forum „Fraudsters“, über das unter anderem Falschgeld, gefälschte Dokumente und gestohlene Daten vertrieben wurden.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Cyberbunker-Betreibern zudem vor, die Ausgangsbasis für einen großangelegten Angriff auf Router der Deutschen Telekom AG bereitgestellt zu haben, wodurch der Telekom ein Schaden in Höhe von über 2 Millionen Euro entstanden sei.

Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren aus Gründen der Beschleunigung auf sieben Taten beschränkt, „weil die Auswertung der in der Bunkeranlage sichergestellten 403 Server, 57 Mobiltelefone, 412 einzelnen Festplatten, 61 Computer bzw. Laptops, 65 USB-Speichermedien, 16 SD-Karten und diversen CDs und Disketten mit einem Gesamtdatenbestand von mehr als 2 Petabyte (über 2 Millionen Gigabyte)“ noch andauert. Den Ermittlern des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz gelang es auch, die verschlüsselten und passwortgeschützten Server zu entschlüsseln und zu sichern. „Da die meisten der 403 Server virtualisiert waren, mussten aus einem physischen Server bis zu 100 virtuelle Server extrahiert werden. Als Folge sind 886 digitale Server zu sichern und auszuwerten“, wie die Staatsanwaltschaft erklärt. Deren Auswertung dauert noch an.

„Bisher haben die Ermittler bei der Auswertung der Server keine einzige legale Webseite oder legale Services gefunden. Wegen des Hostings der zahlreichen weiteren kriminellen Seiten wird ggf. zu einem späteren Zeitpunkt eine weitere Anklage gegen die Angeschuldigten erhoben. Es ist auch damit zu rechnen, dass gegen die Betreiber der Seiten Verfahren eingeleitet werden“, führt die Anklage weiter aus.

Die Anklage sei vor der Jugendkammer des Landgerichts Trier erhoben worden, weil das Gericht für den Tatort Traben-Trarbach örtlich zuständig sei und zwei der Angeschuldigten zur Tatzeit noch Heranwachsende waren, wie die Staatsanwaltschaft erklärt. Das Landgericht Trier habe über die Eröffnung des Verfahrens noch nicht entschieden. Ein Termin für die Hauptverhandlung stehe daher noch nicht fest.

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